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Gespršche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens

Johann Peter Eckerman: Gespršche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens - Kapitel 152
Quellenangabe
typereport
booktitleGespršche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens
authorJohann Peter Eckermann
year1981
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32200-0
titleGespršche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens
created19990505
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1836
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Dienstag, den 16. März 1830

Morgens besucht mich Herr von Goethe und eröffnet mir, daß seine lange beabsichtigte Reise nach Italien entschieden, daß von seinem Vater die nötigen Gelder bewilligt worden, und daß er wünsche, daß ich mitgehe. Wir freuen uns gemeinschaftlich über diese Nachricht und bereden viel wegen der Vorbereitung.

Als ich darauf gegen Mittag bei Goethes Hause vorbeigehe, winkt Goethe mir am Fenster, und ich bin schnell zu ihm hinauf. Er ist in den vorderen Zimmern und sehr heiter und frisch. Er fängt sogleich an, von der Reise seines Sohnes zu reden, daß er sie billige, sie vernünftig finde und sich freue, daß ich mitgehe. »Es wird für euch beide gut sein,« sagte er, »und Ihre Kultur insbesondere wird sich nicht schlecht dabei befinden.«

Er zeigt mir sodann einen Christus mit zwölf Aposteln, und wir reden über das Geistlose solcher Figuren als Gegenstände der Darstellung für den Bildhauer. »Der eine Apostel«, sagte Goethe, »ist immer ungefähr wie der andere, und die wenigsten haben Leben und Taten hinter sich, um ihnen Charakter und Bedeutung zu geben. Ich habe mir bei dieser Gelegenheit den Spaß gemacht, einen Zyklus von zwölf biblischen Figuren zu erfinden, wo jede bedeutend, jede anders, und daher jede ein dankbarer Gegenstand für den Künstler ist.

Zuerst Adam, der schönste Mann, so vollkommen, wie man sich ihn nur zu denken fähig ist. Er mag die eine Hand auf einen Spaten legen, als ein Symbol, daß der Mensch berufen sei, die Erde zu bauen.

Nach ihm Noah, womit wieder eine neue Schöpfung angeht. Er kultiviert den Weinstock, und man kann dieser Figur etwas von einem indischen Bacchus geben.

Nächst diesem Moses, als ersten Gesetzgeber.

Sodann David, als Krieger und König.

Auf diesen Jesaias, ein Fürst und Prophet.

Daniel sodann, der auf Christus, den künftigen, hindeutet.

Christus.

Ihm zunächst Johannes, der den gegenwärtigen liebt. Und so wäre denn Christus von zwei jugendlichen Figuren eingeschlossen, von denen der eine (Daniel) sanft und mit langen Haaren zu bilden wäre, der andere (Johannes) leidenschaftlich, mit kurzem Lockenhaar. Nun, auf den Johannes, wer kommt?

Der Hauptmann von Kapernaum, als Repräsentant der Gläubigen, eine unmittelbare Hülfe Erwartenden.

Auf diesen die Magdalena, als Symbol der reuigen, der Vergebung bedürfenden, der Besserung sich zuwendenden Menschheit. In welchen beiden Figuren der Inbegriff des Christentums enthalten wäre.

Dann mag Paulus folgen, welcher die Lehre am kräftigsten verbreitet hat.

Auf diesen Jakobus, der zu den entferntesten Völkern ging und die Missionäre repräsentiert.

Petrus machte den Schluß. Der Künstler müßte ihn in die Nähe der Tür stellen und ihm einen Ausdruck geben, als ob er die Hereintretenden forschend betrachte, ob sie denn auch wert seien, das Heiligtum zu betreten.

Was sagen Sie zu diesem Zyklus? Ich dächte, er wäre reicher als die zwölf Apostel, wo jeder aussieht wie der andere. Den Moses und die Magdalene würde ich sitzend bilden.«

Ich war sehr glücklich, dieses alles zu hören, und bat Goethe, daß er es zu Papier bringen möge, welches er mir versprach. »Ich will es noch alles durchdenken«, sagte er, »und es dann nebst andern neuesten Dingen Ihnen zum neununddreißigsten Band geben.«

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