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Gespršche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens

Johann Peter Eckerman: Gespršche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens - Kapitel 140
Quellenangabe
typereport
booktitleGespršche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens
authorJohann Peter Eckermann
year1981
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32200-0
titleGespršche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens
created19990505
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1836
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Sonntag, den 24. Januar 1830

»Ich habe dieser Tage einen Brief von unserm berühmten Salzbohrer in Stotternheim erhalten,« sagte Goethe, »der einen merkwürdigen Eingang hat und wovon ich Ihnen erzählen muß.

›Ich habe eine Erfahrung gemacht,‹ schreibt er, ›die mir nicht verloren sein soll.‹ Was aber folgt auf solchen Eingang? Es handelt sich um nichts Geringeres als den Verlust von wenigstens tausend Talern. Den Schacht, wo es durch weicheren Boden und Gestein zwölfhundert Fuß tief zum Steinsalz hinabgeht, hat er unvorsichtigerweise an den Seiten nicht unterstützt; der weichere Boden hat sich abgelöst und die Grube unten so verschlämmt, daß es jetzt einer höchst kostspieligen Operation bedarf, um den Schlamm herauszubringen. Er wird sodann, die zwölfhundert Fuß hinunter, metallene Röhren einsetzen, um für die Folge vor einem ähnlichen Unglück sicher zu sein. Er hätte es gleich tun sollen, und er hätte es auch sicher gleich getan, wenn solche Leute nicht eine Verwegenheit besäßen, wovon man keinen Begriff hat, die aber dazu gehört, um eine solche Unternehmung zu wagen. Er ist aber durchaus ruhig bei dem Unfall und schreibt ganz getrost: ›Ich habe eine Erfahrung gemacht, die mir nicht verloren sein soll.‹ Das nenne ich doch noch einen Menschen, an dem man Freude hat und der, ohne zu klagen, gleich wieder tätig ist und immer auf den Füßen steht. Was sagen Sie dazu, ist es nicht artig?«

»Es erinnert mich an Sterne,« antwortete ich, »welcher beklagt, sein Leiden nicht wie ein vernünftiger Mann benutzt zu haben.«

»Es ist etwas Ähnliches«, sagte Goethe.

»Auch muß ich an Behrisch denken,« fuhr ich fort, »wie er Sie belehrt, was Erfahrung sei, welches Kapitel ich gerade dieser Tage zu abermaliger Erbauung gelesen: ›Erfahrung aber ist, daß man erfahrend erfährt, was erfahren zu haben man nicht gerne erfahren haben möchte‹.«

»Ja,« sagte Goethe lachend, »das sind die alten Späße, womit wir so schändlich unsere Zeit verdarben!«

»Behrisch«, fuhr ich fort, »scheint ein Mensch gewesen zu sein voller Anmut und Zierlichkeit. Wie artig ist der Spaß im Weinkeller, wo er abends den jungen Menschen verhindern will, zu seinem Liebchen zu gehen, und dieses auf die heiterste Weise vollbringt, indem er seinen Degen umschnallet, bald so und bald so, so daß er alle zum Lachen bringt und den jungen Menschen die Stunde des Rendezvous darüber vergessen macht.«

»Ja,« sagte Goethe, »es war artig; es wäre eine der anmutigsten Szenen auf der Bühne, wie denn Behrisch überhaupt für das Theater ein guter Charakter war.«

Wir wiederholten darauf gesprächsweise alle die Wunderlichkeiten, die von Behrisch in Goethes ›Leben‹ erzählt werden. Seine graue Kleidung, wo Seide, Samt und Wolle gegeneinander eine abstechende Schattierung gemacht, und wie er darauf studiert habe, immer noch ein neues Grau auf seinen Körper zu bringen. Dann wie er die Gedichte geschrieben, den Setzer nachgeäfft und den Anstand und die Würde des Schreibenden hervorgehoben. Auch wie es sein Lieblingszeitvertreib gewesen, im Fenster zu liegen, die Vorbeigehenden zu mustern und ihren Anzug in Gedanken so zu verändern, daß es höchst lächerlich gewesen sein würde, wenn die Leute sich so gekleidet hätten.

»Und dann sein gewöhnlicher Spaß mit dem Postboten,« sagte Goethe, »wie gefällt Ihnen der, ist der nicht auch lustig?«

»Der ist mir unbekannt,« sagte ich, »es steht davon nichts in Ihrem ›Leben‹.«

»Wunderlich!« sagte Goethe. »So will ich es Ihnen denn erzählen.

Wenn wir zusammen im Fenster lagen und Behrisch in der Straße den Briefträger kommen sah, wie er von einem Hause ins andere ging, nahm er gewöhnlich einen Groschen aus der Tasche und legte ihn bei sich ins Fenster. ›Siehst du den Briefträger?‹ sagte er dann zu mir gewendet, ›er kommt immer näher und wird gleich hier oben sein, das sehe ich ihm an. Er hat einen Brief an dich, und was für einen Brief, keinen gewöhnlichen Brief, er hat einen Brief mit einem Wechsel, – mit einem Wechsel! ich will nicht sagen, wie stark. – Siehst du, jetzt kommt er herein. Nein! Aber er wird gleich kommen. Da ist er wieder. Jetzt! – Hier, hier herein, mein Freund! hier herein! – Er geht vorbei! Wie dumm! O wie dumm! Wie kann einer nur so dumm sein und so unverantwortlich handeln! So unverantwortlich in doppelter Hinsicht: unverantwortlich gegen dich, indem er dir den Wechsel nicht bringt, den er für dich in Händen hat, und ganz unverantwortlich gegen sich selbst, indem er sich um einen Groschen bringt, den ich schon für ihn zurechtgelegt hatte und den ich nun wieder einstecke.‹ So steckte er denn den Groschen mit höchstem Anstande wieder in die Tasche, und wir hatten etwas zu lachen.«

Ich freute mich dieses Scherzes, der den übrigen vollkommen gleich sah. Ich fragte Goethe, ob er Behrisch später nie wieder gesehen.

»Ich habe ihn wieder gesehen,« sagte Goethe, »und zwar bald nach meiner Ankunft in Weimar, ungefähr im Jahre 1776, wo ich mit dem Herzog eine Reise nach Dessau machte, wohin Behrisch von Leipzig aus als Erzieher des Erbprinzen berufen war. Ich fand ihn noch ganz wie sonst, als feinen Hofmann und vom besten Humor.«

»Was sagte er dazu,« fragte ich, »daß Sie in der Zwischenzeit so berühmt geworden?«

»›Hab ich es dir nicht gesagt?‹ war sein Erstes, ›war es nicht gescheit, daß du damals die Verse nicht drucken ließest und daß du gewartet hast, bis du etwas ganz Gutes machtest? Freilich, schlecht waren damals die Sachen auch nicht, denn sonst hätte ich sie nicht geschrieben. Aber wären wir zusammengeblieben, so hättest du auch die andern nicht sollen drucken lassen; ich hätte sie dir auch geschrieben und es wäre ebensogut gewesen.‹ Sie sehen, er war noch ganz der alte. Er war bei Hof sehr gelitten, ich sah ihn immer an der fürstlichen Tafel.

Zuletzt habe ich ihn im Jahre 1801 gesehen, wo er schon alt war, aber immer noch in der besten Laune. Er bewohnte einige sehr schöne Zimmer im Schloß, deren eines er ganz mit Geranien angefüllt hatte, womit man damals eine besondere Liebhaberei trieb. Nun hatten aber die Botaniker unter den Geranien einige Unterscheidungen und Abteilungen gemacht und einer gewissen Sorte den Namen Pelargonien beigelegt. Darüber konnte sich nun der alte Herr nicht zufrieden geben, und er schimpfte auf die Botaniker. ›Die dummen Kerle!‹ sagte er; ›ich denke, ich habe das ganze Zimmer voll Geranien, und nun kommen sie und sagen, es seien Pelargonien. Was tu ich aber damit, wenn es keine Geranien sind, und was soll ich mit Pelargonien!‹ So ging es nun halbe Stunden lang fort, und Sie sehen, er war sich vollkommen gleich geblieben.«

Wir sprachen sodann über die ›Klassische Walpurgisnacht‹, deren Anfang Goethe mir vor einigen Tagen gelesen. »Der mythologischen Figuren, die sich hiebei zudrängen«, sagte er, »sind eine Unzahl; aber ich hüte mich und nehme bloß solche, die bildlich den gehörigen Eindruck machen. Faust ist jetzt mit dem Chiron zusammen, und ich hoffe, die Szene soll mir gelingen. Wenn ich mich fleißig dazuhalten kann ich in ein paar Monaten mit der ›Walpurgisnacht‹ fertig sein. Es soll mich nun aber auch nichts wieder vom ›Faust‹ abbringen; denn es wäre doch toll genug, wenn ich es erlebte, ihn zu vollenden! Und möglich ist es der fünfte Akt ist so gut wie fertig, und der vierte wird sich sodann wie von selber machen.«

Goethe sprach darauf über seine Gesundheit und pries sich glücklich, sich fortwährend vollkommen wohl zu befinden. »Daß ich mich jetzt so gut halte,« sagte er, »verdanke ich Vogel; ohne ihn wäre ich längst abgefahren. Vogel ist zum Arzt wie geboren und überhaupt einer der genialsten Menschen, die mir je vorgekommen sind. Doch wir wollen nicht sagen, wie gut er ist, damit er uns nicht genommen werde.«

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