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Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens

Johann Peter Eckerman: Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens - Kapitel 138
Quellenangabe
typereport
booktitleGespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens
authorJohann Peter Eckermann
year1981
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32200-0
titleGespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens
created19990505
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1836
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1830

Sonntag, den 3. Januar 1830

Goethe zeigte mir das englische Taschenbuch ›Keepsake‹ für 1830, mit sehr schönen Kupfern und einigen höchst interessanten Briefen von Lord Byron, die ich zum Nachtische las. Er selbst hatte derweil die neueste französische Übersetzung seines ›Faust‹ von Gérard zur Hand genommen, worin er blätterte und mitunter zu lesen schien.

»Es gehen mir wunderliche Gedanken durch den Kopf,« sagte er, »wenn ich bedenke, daß dieses Buch noch jetzt in einer Sprache gilt, in der vor funfzig Jahren Voltaire geherrscht hat. Sie können sich hiebei nicht denken, was ich mir denke, und haben keinen Begriff von der Bedeutung, die Voltaire und seine großen Zeitgenossen in meiner Jugend hatten, und wie sie die ganze sittliche Welt beherrschten. Es geht aus meiner Biographie nicht deutlich hervor, was diese Männer für einen Einfluß auf meine Jugend gehabt, und was es mich gekostet, mich gegen sie zu wehren und mich auf eigene Füße in ein wahreres Verhältnis zur Natur zu stellen.«

Wir sprachen über Voltaire Ferneres, und Goethe rezitierte mir das Gedicht ›Les Systèmes‹, woraus ich mir abnahm, wie sehr er solche Sachen in seiner Jugend mußte studiert und sich angeeignet haben.

Die erwähnte Übersetzung von Gérard, obgleich größtenteils in Prosa, lobte Goethe als sehr gelungen. »Im Deutschen«, sagte er, »mag ich den ›Faust‹ nicht mehr lesen; aber in dieser französischen Übersetzung wirkt alles wieder durchaus frisch, neu und geistreich.

Der ›Faust‹«, fuhr er fort, »ist doch ganz etwas Inkommensurabeles, und alle Versuche, ihn dem Verstand näher zu bringen, sind vergeblich. Auch muß man bedenken, daß der erste Teil aus einem etwas dunkelen Zustand des Individuums hervorgegangen. Aber eben dieses Dunkel reizt die Menschen, und sie mühen sich daran ab, wie an allen unauflösbaren Problemen.«

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