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Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens

Johann Peter Eckerman: Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens - Kapitel 135
Quellenangabe
typereport
booktitleGespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens
authorJohann Peter Eckermann
year1981
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32200-0
titleGespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens
created19990505
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1836
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Sonntag, den 20. Dezember 1829

Bei Goethe zu Tisch. Wir sprachen vom Kanzler, und ich fragte Goethe, ob er ihm bei seiner Zurückkunft aus Italien keine Nachricht von Manzoni mitgebracht. »Er hat mir über ihn geschrieben«, sagte Goethe. »Der Kanzler hat Manzoni besucht, er lebt auf seinem Landgute in der Nähe von Mailand und ist zu meinem Bedauern fortwährend kränklich.«

»Es ist eigen,« sagte ich, »daß man so häufig bei ausgezeichneten Talenten, besonders bei Poeten findet, daß sie eine schwächliche Konstitution haben.«

»Das Außerordentliche, was solche Menschen leisten,« sagte Goethe, »setzt eine sehr zarte Organisation voraus, damit sie seltener Empfindungen fähig sein und die Stimme der Himmlischen vernehmen mögen. Nun ist eine solche Organisation im Konflikt mit der Welt und den Elementen leicht gestört und verletzt, und wer nicht, wie Voltaire, mit großer Sensibilität eine außerordentliche Zäheit verbindet, ist leicht einer fortgesetzten Kränklichkeit unterworfen. Schiller war auch beständig krank. Als ich ihn zuerst kennen lernte, glaubte ich, er lebte keine vier Wochen. Aber auch er hatte eine gewisse Zäheit; er hielt sich noch die vielen Jahre und hätte sich bei gesünderer Lebensweise noch länger halten können.«

Wir sprachen vom Theater und inwiefern eine gewisse Vorstellung gelungen sei.

»Ich habe Unzelmann in dieser Rolle gesehen,« sagte Goethe, »bei dem es einem immer wohl wurde, und zwar durch die große Freiheit seines Geistes, die er uns mitteilte. Denn es ist mit der Schauspielkunst wie mit allen übrigen Künsten. Was der Künstler tut oder getan hat, setzt uns in die Stimmung, in der er selber war, da er es machte. Eine freie Stimmung des Künstlers macht uns frei, dagegen eine beklommene macht uns bänglich. Diese Freiheit im Künstler ist gewöhnlich dort, wo er ganz seiner Sache gewachsen ist, weshalb es uns denn bei niederländischen Gemälden so wohl wird, indem jene Künstler das nächste Leben darstellten, wovon sie vollkommen Herr waren. Sollen wir nun im Schauspieler diese Freiheit des Geistes empfinden, so muß er durch Studium, Phantasie und Naturell vollkommen Herr seiner Rolle sein, alle körperlichen Mittel müssen ihm zu Gebote stehen, und eine gewisse jugendliche Energie muß ihn unterstützen. Das Studium ist indessen nicht genügend ohne Einbildungskraft, und Studium und Einbildungskraft nicht hinreichend ohne Naturell. Die Frauen tun das meiste durch Einbildungskraft und Temperament, wodurch denn die Wolff so vortrefflich war.«

Wir unterhielten uns ferner über diesen Gegenstand, wobei die vorzüglichsten Schauspieler der weimarischen Bühne zur Sprache kamen und mancher einzelnen Rolle mit Anerkennung gedacht wurde.

Mir trat indes der ›Faust‹ wieder vor die Seele, und ich gedachte des Homunkulus, und wie man diese Figur auf der Bühne deutlich machen wolle. »Wenn man auch das Persönchen selber nicht sähe,« sagte ich, »doch das Leuchtende in der Flasche müßte man sehen, und das Bedeutende, was er zu sagen hat, müßte doch so vorgetragen werden, wie es von einem Kinde nicht geschehen kann.«

»Wagner«, sagte Goethe, »darf die Flasche nicht aus den Händen lassen, und die Stimme müßte so kommen, als wenn sie aus der Flasche käme. Es wäre eine Rolle für einen Bauchredner, wie ich deren gehört habe, und der sich gewiß gut aus der Affäre ziehen würde.«

So auch gedachten wir des großen Karnevals und inwiefern es möglich, es auf der Bühne zur Erscheinung zu bringen. »Es wäre doch noch ein wenig mehr«, sagte ich, »wie der Markt von Neapel.«

»Es würde ein sehr großes Theater erfordern,« sagte Goethe, »und es ist fast nicht denkbar.«

»Ich hoffe es noch zu erleben«, war meine Antwort. »Besonders freue ich mich auf den Elefanten, von der Klugheit gelenkt, die Viktoria oben, und Furcht und Hoffnung in Ketten an den Seiten. Es ist doch eine Allegorie, wie sie nicht leicht besser existieren möchte.«

»Es wäre auf der Bühne nicht der erste Elefant«, sagte Goethe. »In Paris spielt einer eine völlige Rolle; er ist von einer Volkspartei und nimmt dem einen König die Krone ab und setzt sie dem andern auf, welches freilich grandios sein muß. Sodann, wenn am Schlusse des Stücks der Elefant herausgerufen wird, erscheint er ganz alleine, macht seine Verbeugung und geht wieder zurück. Sie sehen also, daß bei unserm Karneval auf den Elefanten zu rechnen wäre. Aber das Ganze ist viel zu groß und erfordert einen Regisseur, wie es deren nicht leicht gibt.«

»Es ist aber so voller Glanz und Wirkung,« sagte ich, »daß eine Bühne es sich nicht leicht wird entgehen lassen. Und wie es sich aufbaut und immer bedeutender wird! Zuerst schöne Gärtnerinnen und Gärtner, die das Theater dekorieren und zugleich eine Masse bilden, so daß es den immer bedeutender werdenden Erscheinungen nicht an Umgebung und Zuschauern mangelt. Dann, nach dem Elefanten, das Drachengespann aus dem Hintergrunde durch die Lüfte kommend, über den Köpfen hervor. Ferner die Erscheinung des großen Pan, und wie zuletzt alles in scheinbarem Feuer steht und schließlich von herbeiziehenden feuchten Nebelwolken gedämpft und gelöscht wird! Wenn das alles so zur Erscheinung käme, wie Sie es gedacht haben, das Publikum müßte vor Erstaunen dasitzen und gestehen, daß es ihm an Geist und Sinnen fehle, den Reichtum solcher Erscheinungen würdig aufzunehmen.«

»Geht nur«, sagte Goethe, »und laßt mir das Publikum, von dem ich nichts hören mag. Die Hauptsache ist, daß es geschrieben steht; mag nun die Welt damit gebaren, so gut sie kann, und es benutzen, soweit sie es fähig ist.«

Wir sprachen darauf über den Knaben Lenker.

»Daß in der Maske des Plutus der Faust steckt, und in der Maske des Geizes der Mephistopheles, werden Sie gemerkt haben. Wer aber ist der Knabe Lenker?«

Ich zauderte und wußte nicht zu antworten. »Es ist der Euphorion!« sagte Goethe.

»Wie kann aber dieser«, fragte ich, »schon hier im Karneval erscheinen, da er doch erst im dritten Akt geboren wird?«

»Der Euphorion«, antwortete Goethe, »ist kein menschliches, sondern nur ein allegorisches Wesen. Es ist in ihm die Poesie personifiziert, die an keine Zeit, an keinen Ort und an keine Person gebunden ist. Derselbige Geist, dem es später beliebt, Euphorion zu sein, erscheint jetzt als Knabe Lenker, und er ist darin den Gespenstern ähnlich, die überall gegenwärtig sein und zu jeder Stunde hervortreten können.«

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