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Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens

Johann Peter Eckerman: Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens - Kapitel 133
Quellenangabe
typereport
booktitleGespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens
authorJohann Peter Eckermann
year1981
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32200-0
titleGespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens
created19990505
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1836
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Sonntag, den 6. Dezember 1829

Heute nach Tisch las Goethe mir die erste Szene vom zweiten Akt des ›Faust‹. Der Eindruck war groß und verbreitete in meinem Innern ein hohes Glück. Wir sind wieder in Fausts Studierzimmer versetzt, und Mephistopheles findet noch alles am alten Platze, wie er es verlassen hat. Fausts alten Studierpelz nimmt er vom Haken; tausend Motten und Insekten flattern heraus, und indem Mephistopheles ausspricht, wo diese sich wieder untertun, tritt uns die umgebende Lokalität sehr deutlich vor die Augen. Er zieht den Pelz an, um, während Faust hinter einem Vorhange im paralysierten Zustande liegt, wieder einmal den Herrn zu spielen. Er zieht die Klingel; die Glocke gibt in den einsamen alten Klosterhallen einen so fürchterlichen Ton, daß die Türen aufspringen und die Mauern erbeben. Der Famulus stürzt herbei und findet in Fausts Stuhle den Mephistopheles sitzen, den er nicht kennt, aber vor dem er Respekt hat. Auf Befragen gibt er Nachricht von Wagner, der unterdes ein berühmter Mann geworden und auf die Rückkehr seines Herrn hofft. Er ist, wie wir hören, in diesem Augenblick in seinem Laboratorium tief beschäftigt einen Homunkulus hervorzubringen. Der Famulus wird entlassen, es erscheint der Bakkalaureus, derselbige, den wir vor einigen Jahren als schüchternen jungen Studenten gesehen, wo Mephistopheles, in Fausts Rocke, ihn zum besten hatte. Er ist unterdes ein Mann geworden und so voller Dünkel, daß selbst Mephistopheles nicht mit ihm auskommen kann, der mit seinem Stuhle immer weiter rückt und sich zuletzt ans Parterre wendet.

Goethe las die Szene bis zu Ende. Ich freute mich an der jugendlich produktiven Kraft, und wie alles so knapp beisammen war.

»Da die Konzeption so alt ist«, sagte Goethe, »und ich seit funfzig Jahren darüber nachdenke, so hat sich das innere Material so sehr gehäuft, daß jetzt das Ausscheiden und Ablehnen die schwere Operation ist. Die Erfindung des ganzen zweiten Teiles ist wirklich so alt, wie ich sage. Aber daß ich ihn erst jetzt schreibe, nachdem ich über die weltlichen Dinge so viel klarer geworden, mag der Sache zugute kommen. Es geht mir damit wie einem, der in seiner Jugend sehr viel kleines Silber- und Kupfergeld hat, das er während dem Lauf seines Lebens immer bedeutender einwechselt, so daß er zuletzt seinen Jugendbesitz in reinen Goldstücken vor sich sieht.«

Wir sprachen über die Figur des Bakkalaureus. »Ist in ihm«, sagte ich, »nicht eine gewisse Klasse ideeller Philosophen gemeint?«

»Nein,« sagte Goethe, »es ist die Anmaßlichkeit in ihm personifiziert, die besonders der Jugend eigen ist, wovon wir in den ersten Jahren nach unserm Befreiungskriege so auffallende Beweise hatten. Auch glaubt jeder in seiner Jugend, daß die Welt eigentlich erst mit ihm angefangen und daß alles eigentlich um seinetwillen da sei. Sodann hat es im Orient wirklich einen Mann gegeben, der jeden Morgen seine Leute um sich versammelte und sie nicht eher an die Arbeit gehen ließ, als bis er der Sonne geheißen aufzugehen. Aber hiebei war er so klug, diesen Befehl nicht eher auszusprechen, als bis die Sonne wirklich auf dem Punkt stand, von selber zu erscheinen.«

Wir sprachen noch vieles über den ›Faust‹ und dessen Komposition sowie über verwandte Dinge.

Goethe war eine Weile in stilles Nachdenken versunken; dann begann er folgendermaßen.

»Wenn man alt ist,« sagte er, »denkt man über die weltlichen Dinge anders, als da man jung war. So kann ich mich des Gedankens nicht erwehren, daß die Dämonen, um die Menschheit zu necken und zum besten zu haben, mitunter einzelne Figuren hinstellen, die so anlockend sind, daß jeder nach ihnen strebt, und so groß, daß niemand sie erreicht. So stellten sie den Raffael hin, bei dem Denken und Tun gleich vollkommen war; einzelne treffliche Nachkommen haben sich ihm genähert, aber erreicht hat ihn niemand. So stellten sie den Mozart hin als etwas Unerreichbares in der Musik. Und so in der Poesie Shakespeare. Ich weiß, was Sie mir gegen diesen sagen können, aber ich meine nur das Naturell, das große Angeborene der Natur. So steht Napoleon unerreichbar da. Daß die Russen sich gemäßigt haben und nicht nach Konstantinopel hineingegangen sind, ist zwar sehr groß, aber auch ein solcher Zug findet sich in Napoleon, denn auch er hat sich gemäßigt und ist nicht nach Rom gegangen.«

An dieses reiche Thema knüpfte sich viel Verwandtes; bei mir selbst aber dachte ich im stillen, daß auch mit Goethe die Dämonen so etwas möchten im Sinne haben, indem auch er eine Figur sei, zu anlockend, um ihm nicht nachzustreben, und zu groß, um ihn zu erreichen.

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