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Gespršche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens

Johann Peter Eckerman: Gespršche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens - Kapitel 129
Quellenangabe
typereport
booktitleGespršche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens
authorJohann Peter Eckermann
year1981
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32200-0
titleGespršche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens
created19990505
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1836
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Montag, den 13. April 1829

Heute, nachdem Goethe über Tisch mir manches gute Wort gesagt, erquickte ich mich zum Nachtisch noch an einigen Landschaften von Claude Lorrain. »Die Sammlung«, sagte Goethe, »führt den Titel ›Liber veritatis‹, sie könnte ebensogut Liber naturae et artis heißen, denn es findet sich hier die Natur und Kunst auf der höchsten Stufe und im schönsten Bunde.«

Ich fragte Goethe nach dem Herkommen von Claude Lorrain, und in welcher Schule er sich gebildet. »Sein nächster Meister«, sagte Goethe, »war Agostino Tassi; dieser aber war ein Schüler von Paul Bril, so daß also dessen Schule und Maximen sein eigentliches Fundament ausmachten und in ihm gewissermaßen zur Blüte kamen; denn dasjenige, was bei diesen Meistern noch ernst und strenge erscheint, hat sich bei Claude Lorrain zur heitersten Anmut und lieblichsten Freiheit entfaltet. Über ihn konnte man nun weiter nicht hinaus.

Übrigens ist von einem so großen Talent, das in einer so bedeutenden Zeit und Umgebung lebte, kaum zu sagen, von wem es gelernt. Es sieht sich um und eignet sich an, wo es für seine Intentionen Nahrung findet. Claude Lorrain verdankt ohne Frage der Schule der Carraccis ebensoviel wie seinen nächsten namhaften Meistern.

So sagt man gewöhnlich: Julius Roman war ein Schüler von Raffael; aber man könnte ebensogut sagen, er war ein Schüler des Jahrhunderts. Nur Guido Reni hatte einen Schüler, der Geist, Gemüt und Kunst seines Meisters so in sich aufgenommen hatte, daß er fast dasselbige wurde und dasselbige machte, welches indes ein eigener Fall war, der sich kaum wiederholt hat. Die Schule der Carraccis dagegen war befreiender Art, so daß durch sie jedes Talent in seiner angebotenen Richtung entwickelt wurde und Meister hervorgingen, von denen keiner dem andern gleich sah. Die Carracci waren zu Lehrern der Kunst wie geboren, sie fielen in eine Zeit, wo nach allen Seiten hin bereits das Beste getan war und sie daher ihren Schülern das Musterhafteste aus allen Fächern überliefern konnten. Sie waren große Künstler, große Lehrer, aber ich könnte nicht sagen, daß sie eigentlich gewesen, was man geistreich nennt. Es ist ein wenig kühn, daß ich so sage, allein es will mir so vorkommen.«

Nachdem ich noch einige Landschaften von Claude Lorrain betrachtet, schlug ich ein Künstler-Lexikon auf, um zu sehen, was über diesen großen Meister ausgesprochen. Wir fanden gedruckt: ›Sein Hauptverdienst bestand in der Palette‹. Wir sahen uns an und lachten. »Da sehen Sie,« sagte Goethe, »wie viel man lernen kann, wenn man sich an Bücher hält und sich dasjenige aneignet, was geschrieben steht!«

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