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Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens

Johann Peter Eckerman: Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens - Kapitel 127
Quellenangabe
typereport
booktitleGespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens
authorJohann Peter Eckermann
year1981
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32200-0
titleGespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens
created19990505
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1836
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Sonnabend, den 11. April 1829

Ich fand heute den Tisch im langen Saale gedeckt, und zwar für mehrere Personen. Goethe und Frau von Goethe empfingen mich sehr freundlich. Es traten nach und nach herein: Madame Schopenhauer, der junge Graf Reinhard von der französischen Gesandtschaft, dessen Schwager Herr von D., auf einer Durchreise begriffen, um gegen die Türken in russische Dienste zu gehen; Fräulein Ulrike und zuletzt Hofrat Vogel.

Goethe war in besonders heiterer Stimmung; er unterhielt die Anwesenden, ehe man sich zu Tisch setzte, mit einigen guten Frankfurter Späßen, besonders zwischen Rothschild und Bethmann, wie der eine dem andern die Spekulationen verdorben.

Graf Reinhard ging an Hof, wir andern setzten uns zu Tisch. Die Unterhaltung war anmutig belebt, man sprach von Reisen, von Bädern, und Madame Schopenhauer interessierte besonders für die Einrichtung ihres neuen Besitzes am Rhein, in der Nähe der Insel Nonnenwerth.

Zum Nachtisch erschien Graf Reinhard wieder, der wegen seiner Schnelle gelobt wurde, womit er während der kurzen Zeit nicht allein bei Hofe gespeist, sondern sich auch zweimal umgekleidet hatte.

Er brachte uns die Nachricht, daß der neue Papst gewählet sei, und zwar ein Castiglione, und Goethe erzählte der Gesellschaft die Förmlichkeiten, die man bei der Wahl herkömmlich beobachtet.

Graf Reinhard der den Winter in Paris gelebt, konnte manche erwünschte Auskunft über bekannte Staatsmänner, Literatoren und Poeten geben. Man sprach über Chateaubriand, Guizot, Salvandy, Béranger, Mérimée und andere.

Nach Tisch und als jedermann gegangen war, nahm Goethe mich in seine Arbeitsstube und zeigte mir zwei höchst merkwürdige Skripta, worüber ich große Freude hatte. Es waren zwei Briefe aus Goethes Jugendzeit, im Jahre 1770 aus Straßburg an seinen Freund Dr. Horn in Frankfurt geschrieben, der eine im Juli, der andere im Dezember. In beiden sprach sich ein junger Mensch aus, der von großen Dingen eine Ahndung hat, die ihm bevorstehen. In dem letzteren zeigten sich schon Spuren vom ›Werther‹; das Verhältnis in Sesenheim ist angeknüpft, und der glückliche Jüngling scheint sich in dem Taumel der süßesten Empfindungen zu wiegen und seine Tage halb träumerisch hinzuschlendern. Die Handschrift der Briefe war ruhig, rein und zierlich, und schon zu dem Charakter entschieden, den Goethes Hand später immer behalten hat. Ich konnte nicht aufhören, die liebenswürdigen Briefe wiederholt zu lesen, und verließ Goethe in der glücklichsten, dankbarsten Empfindung.

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