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Gespršche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens

Johann Peter Eckerman: Gespršche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens - Kapitel 124
Quellenangabe
typereport
booktitleGespršche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens
authorJohann Peter Eckermann
year1981
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32200-0
titleGespršche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens
created19990505
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1836
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Dienstag, den 7. April 1829

Ich fand, als ich hereintrat, Hofrat Meyer, der einige Zeit unpäßlich gewesen, mit Goethe am Tisch sitzen und freute mich, ihn wieder so weit hergestellt zu sehen. Sie sprachen von Kunstsachen, von Peel, der einen Claude Lorrain für viertausend Pfund gekauft, wodurch Peel sich denn besonders in Meyers Gunst gesetzt hatte. Die Zeitungen wurden gebracht, worein wir uns teilten, in Erwartung der Suppe.

Als an der Tagesordnung kam die Emanzipation der Irländer sehr bald zur Erwähnung. »Das Lehrreiche für uns dabei ist,« sagte Goethe, »daß bei dieser Gelegenheit Dinge an den Tag kommen, woran niemand gedacht hat, und die ohne diese Veranlassung nie wären zur Sprache gebracht worden. Recht klar über den irländischen Zustand werden wir aber doch nicht, denn die Sache ist zu verwickelt. So viel aber sieht man, daß dieses Land an Übeln leidet, die durch kein Mittel und also auch nicht durch die Emanzipation gehoben werden können. War es bis jetzt ein Unglück, daß Irland seine Übel alleine trug, so ist es jetzt ein Unglück, daß England mit hineingezogen wird. Das ist die Sache. Und den Katholiken ist gar nicht zu trauen. Man sieht, welchen schlimmen Stand die zwei Millionen Protestanten gegen die Übermacht der fünf Millionen Katholiken bisher in Irland gehabt haben, und wie z. B. arme protestantische Pächter gedrückt, schikaniert und gequält worden, die von katholischen Nachbarn umgeben waren. Die Katholiken vertragen sich unter sich nicht, aber sie halten immer zusammen, wenn es gegen einen Protestanten geht. Sie sind einer Meute Hunden gleich, die sich untereinander beißen, aber, sobald sich ein Hirsch zeigt, sogleich einig sind und in Masse auf ihn losgehen.«

Von den Irländern wendete sich das Gespräch zu den Händeln in der Türkei. Man wunderte sich, wie die Russen, bei ihrer Übermacht, im vorjährigen Feldzuge nicht weiter gekommen. »Die Sache ist die,« sagte Goethe, »die Mittel waren unzulänglich, und deshalb machte man zu große Anforderungen an einzelne, wodurch denn persönliche Großtaten und Aufopferungen geschahen, ohne die Angelegenheit im ganzen zu fördern.«

»Es mag auch ein verwünschtes Lokal sein,« sagte Meyer; »man sieht in den ältesten Zeiten, daß es in dieser Gegend, wenn ein Feind von der Donau her zu dem nördlichen Gebirg eindringen wollte, immer Händel setzte, daß er immer den hartnäckigsten Widerstand gefunden und daß er fast nie hereingekommen ist. Wenn die Russen sich nur die Seeseite offen halten, um sich von dorther mit Proviant versehen zu können!«

»Das ist zu hoffen«, sagte Goethe.

»Ich lese jetzt ›Napoleons Feldzug in Ägypten‹, und zwar was der tägliche Begleiter des Helden, was Bourrienne davon sagt, wo denn das Abenteuerliche von vielen Dingen verschwindet und die Fakta in ihrer nackten erhabenen Wahrheit dastehen. Man sieht, er hatte bloß diesen Zug unternommen, um eine Epoche auszufüllen, wo er in Frankreich nichts tun konnte, um sich zum Herrn zu machen. Er war anfänglich unschlüssig, was zu tun sei; er besuchte alle französischen Häfen an der Küste des Atlantischen Meeres hinunter, um den Zustand der Schiffe zu sehen und sich zu überzeugen, ob eine Expedition nach England möglich oder nicht. Er fand aber, daß es nicht geraten sei, und entschloß sich daher zu dem Zuge nach Ägypten.«

»Ich muß bewundern,« sagte ich, »wie Napoleon bei solcher Jugend mit den großen Angelegenheiten der Welt so leicht und sicher zu spielen wußte, als wäre eine vieljährige Praxis und Erfahrung vorangegangen.«

»Liebes Kind,« sagte Goethe, »das ist das Angeborene des großen Talents. Napoleon behandelte die Welt wie Hummel seinen Flügel; beides erscheint uns wunderbar, wir begreifen das eine so wenig wie das andere, und doch ist es so und geschieht vor unsern Augen. Napoleon war darin besonders groß, daß er zu jeder Stunde derselbige war. Vor einer Schlacht, während einer Schlacht, nach einem Siege, nach einer Niederlage, er stand immer auf festen Füßen und war immer klar und entschieden, was zu tun sei. Er war immer in seinem Element und jedem Augenblick und jedem Zustande gewachsen, so wie es Hummeln gleichviel ist, ob er ein Adagio oder ein Allegro, ob er im Baß oder im Diskant spielt. Das ist die Fazilität, die sich überall findet, wo ein wirkliches Talent vorhanden ist, in Künsten des Friedens wie des Krieges, am Klavier wie hinter den Kanonen.«

Man sieht aber an diesem Buch,« fuhr Goethe fort, »wie viele Märchen uns von seinem ägyptischen Feldzuge erzählet worden. Manches bestätiget sich zwar, allein vieles gar nicht, und das meiste ist anders.

Daß er die achthundert türkischen Gefangenen hat erschießen lassen, ist wahr; aber es erscheint als reifer Beschluß eines langen Kriegsrates, indem nach Erwägung aller Umstände kein Mittel gewesen ist, sie zu retten.

Daß er in die Pyramiden soll hinabgestiegen sein, ist ein Märchen. Er ist hübsch außerhalb stehen geblieben und hat sich von den andern erzählen lassen, was sie unten gesehen.

So auch verhält sich die Sage, daß er orientalisches Kostüm angelegt, ein wenig anders. Er hat bloß ein einziges Mal im Hause diese Maskerade gespielt und ist so unter den Seinigen erschienen, zu sehen, wie es ihn kleide. Aber der Turban hat ihm nicht gestanden, wie er denn allen länglichen Köpfen nicht steht, und so hat er dieses Kostüm nie wieder angelegt. Die Pestkranken aber hat er wirklich besucht, und zwar um ein Beispiel zu geben, daß man die Pest überwinden könne, wenn man die Furcht zu überwinden fähig sei. Und er hat recht! Ich kann aus meinem eigenen Leben ein Faktum erzählen, wo ich bei einem Faulfieber der Ansteckung unvermeidlich ausgesetzt war und wo ich bloß durch einen entschiedenen Willen die Krankheit von mir abwehrte. Es ist unglaublich, was in solchen Fällen der moralische Wille vermag. Er durchdringt gleichsam den Körper und setzt ihn in einen aktiven Zustand, der alle schädlichen Einflüsse zurückschlägt. Die Furcht dagegen ist ein Zustand träger Schwäche und Empfänglichkeit, wo es jedem Feinde leicht wird, von uns Besitz zu nehmen. Das kannte Napoleon zu gut, und er wußte, daß er nichts wagte, seiner Armee ein imposantes Beispiel zu geben.

Aber«, fuhr Goethe sehr heiter scherzend fort, »habt Respekt! Napoleon hatte in seiner Feldbibliothek was für ein Buch? – meinen ›Werther‹!«

»Daß er ihn gut studiert gehabt,« sagte ich, »sieht man bei seinem Lever in Erfurt.«

»Er hatte ihn studiert wie ein Kriminalrichter seine Akten,« sagte Goethe, »und in diesem Sinne sprach er auch mit mir darüber.

Es findet sich in dem Werke des Herrn Bourrienne eine Liste der Bücher, die Napoleon in Ägypten bei sich geführt, worunter denn auch der ›Werther‹ steht. Das Merkwürdige an dieser Liste aber ist, wie die Bücher unter verschiedenen Rubriken klassifiziert werden. Unter der Aufschrift ›Politique‹ z. B. finden wir aufgeführt: ›Le vieux testament‹, ›Le nouveau testament‹, ›Le coran‹ woraus man sieht, aus welchem Gesichtspunkt Napoleon die religiösen Dinge angesehen.«

Goethe erzählte uns noch manches Interessante aus dem Buche, das ihn beschäftigte. Unter andern auch kam zur Sprache, wie Napoleon mit der Armee an der Spitze des Roten Meeres zur Zeit der Ebbe durch einen Teil des trockenen Meerbettes gegangen, aber von der Flut eingeholt worden sei, so daß die letzte Mannschaft bis unter die Arme im Wasser habe waten müssen und es also mit diesem Wagestück fast ein pharaonisches Ende genommen hätte. Bei dieser Gelegenheit sagte Goethe manches Neue über das Herankommen der Flut. Er verglich es mit den Wolken, die uns nicht aus weiter Ferne kommen, sondern die an allen Orten zugleich entstehen und sich überall gleichmäßig fortschieben.

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