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Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens

Johann Peter Eckerman: Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens - Kapitel 121
Quellenangabe
typereport
booktitleGespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens
authorJohann Peter Eckermann
year1981
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32200-0
titleGespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens
created19990505
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1836
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Freitag, den 3. April 1829

Mit Oberbaudirektor Coudray bei Goethe zu Tisch. Coudray erzählte von einer Treppe im großherzoglichen Schloß zu Belvedere, die man seit Jahren höchst unbequem gefunden, an deren Verbesserung der alte Herrscher immer gezweifelt habe, und die nun unter der Regierung des jungen Fürsten vollkommen gelinge.

Auch von dem Fortgange verschiedener Chausseebauten gab Coudray Nachricht, und daß man den Weg über die Berge nach Blankenhain, wegen zwei Fuß Steigung auf die Rute, ein wenig umleiten müssen, wo man doch an einigen Stellen noch achtzehn Zoll auf die Rute habe.

Ich fragte Coudray, wieviel Zoll die eigentliche Norm sei, welche man beim Chausseebau in hügeligen Gegenden zu erreichen trachte.

»Zehn Zoll auf die Rute,« antwortete er, »das ist bequem.«

»Aber,« sagte ich, »wenn man von Weimar aus irgendeine Straße nach Osten, Süden, Westen oder Norden fährt, so findet man sehr bald Stellen, wo die Chaussee weit mehr als zehn Zoll Steigung auf die Rute haben möchte.«

»Das sind kurze unbedeutende Strecken,« antwortete Coudray, »und dann geht man oft beim Chausseebau über solche Stellen in der Nähe eines Ortes absichtlich hin, um demselben ein kleines Einkommen für Vorspann nicht zu nehmen.« Wir lachten über diese redliche Schelmerei. »Und im Grunde«, fuhr Coudray fort, »ists auch eine Kleinigkeit: die Reisewagen gehen über solche Stellen leicht hinaus, und die Frachtfahrer sind einmal an einige Plackerei gewöhnt. Zudem, da solcher Vorspann gewöhnlich bei Gastwirten genommen wird, so haben die Fuhrleute zugleich Gelegenheit, einmal zu trinken, und sie würden es einem nicht danken, wenn man ihnen den Spaß verdürbe.«

»Ich möchte wissen,« sagte Goethe, »ob es in ganz ebenen flachen Gegenden nicht sogar besser wäre, die grade Straßenlinie dann und wann zu unterbrechen und die Chaussee künstlich hier und dort ein wenig steigen und fallen zu lassen; es würde das bequeme Fahren nicht hindern, und man gewönne, daß die Straße wegen besserem Abfluß des Regenwassers immer trocken wäre.«

»Das ließe sich wohl machen«, antwortete Coudray, »und würde sich höchst wahrscheinlich sehr nützlich erweisen.«

Coudray brachte darauf eine Schrift hervor, den Entwurf einer Instruktion für einen jungen Architekten, den die Oberbaubehörde zu seiner weiteren Ausbildung nach Paris zu schicken im Begriff stand. Er las die Instruktion, sie ward von Goethe gut befunden und gebilligt. Goethe hatte beim Ministerium die nötige Unterstützung ausgewirkt, man freute sich, daß die Sache gelungen, und sprach über die Vorsichtsmaßregeln, die man nehmen wolle, damit dem jungen Manne das Geld gehörig zugute komme und er auch ein Jahr damit ausreiche. Bei seiner Zurückkunft hatte man die Absicht, ihn an der neu zu errichtenden Gewerkschule als Lehrer anzustellen, wodurch denn einem talentreichen jungen Mann alsobald ein angemessener Wirkungskreis eröffnet sei. Es war alles gut, und ich gab dazu meinen Segen im stillen.

Baurisse, Vorlegeblätter für Zimmerleute von Schinkel wurden darauf vorgezeigt und betrachtet. Coudray fand die Blätter bedeutend und zum Gebrauch für die künftige Gewerkschule vollkommen geeignet.

Man sprach von Bauten, vom Schall und wie er zu vermeiden, und von großer Festigkeit der Gebäude der Jesuiten. »In Messina«, sagte Goethe, »waren alle Gebäude vom Erdbeben zusammengerüttelt, aber die Kirche und das Kloster der Jesuiten standen ungerührt, als wären sie gestern gebaut. Es war nicht die Spur an ihnen zu bemerken, daß die Erderschütterung den geringsten Effekt auf sie gehabt.«

Von Jesuiten und deren Reichtümern lenkte sich das Gespräch auf Katholiken und die Emanzipation der Irländer. »Man sieht,« sagte Coudray, »die Emanzipation wird zugestanden werden, aber das Parlament wird die Sache so verklausulieren, daß dieser Schritt auf keine Weise für England gefährlich werden kann.«

»Bei den Katholiken«, sagte Goethe, »sind alle Vorsichtsmaßregeln unnütz. Der päpstliche Stuhl hat Interessen, woran wir nicht denken, und Mittel, sie im stillen durchzuführen, wovon wir keinen Begriff haben. Säße ich jetzt im Parlament, ich würde auch die Emanzipation nicht hindern, aber ich würde zu Protokoll nehmen lassen, daß, wenn der erste Kopf eines bedeutenden Protestanten durch die Stimme eines Katholiken falle, man an mich denken möge.«

Das Gespräch lenkte sich auf die neueste Literatur der Franzosen, und Goethe sprach abermals mit Bewunderung von den Vorlesungen der Herren Cousin, Villemain und Guizot. »Statt des Voltairischen leichten oberflächlichen Wesens«, sagte er, »ist bei ihnen eine Gelehrsamkeit, wie man sie früher nur bei Deutschen fand. Und nun ein Geist, ein Durchdringen und Auspressen des Gegenstandes, herrlich! es ist als ob sie die Kelter träten. Sie sind alle drei vortrefflich, aber dem Herrn Guizot möchte ich den Vorzug geben, er ist mir der liebste.«

Wir sprachen darauf über Gegenstände der Weltgeschichte, und Goethe äußerte folgendes über Regenten.

»Um popular zu sein,« sagte er, »braucht ein großer Regent weiter keine Mittel als seine Größe. Hat er so gestrebt und gewirkt, daß sein Staat im Innern glücklich und nach außen geachtet ist, so mag er mit allen seinen Orden im Staatswagen, oder er mag im Bärenfelle und die Zigarre im Munde auf einer schlechten Troschke fahren, es ist alles gleich, er hat einmal die Liebe seines Volkes und genießt immer dieselbige Achtung. Fehlt aber einem Fürsten die persönliche Größe und weiß er nicht durch gute Taten bei den Seinen sich in Liebe zu setzen, so muß er auf andere Vereinigungsmittel denken, und da gibt es kein besseres und wirksameres als die Religion und den Mitgenuß und die Mitübung derselbigen Gebräuche. Sonntäglich in der Kirche erscheinen, auf die Gemeinde herabsehen und von ihr ein Stündchen sich anblicken lassen, ist das trefflichste Mittel zur Popularität, das man jedem jungen Regenten anraten möchte, und das, bei aller Größe, selbst Napoleon nicht verschmähet hat.«

Das Gespräch wendete sich nochmals zu den Katholiken, und wie groß der Geistlichen Einfluß und Wirken im stillen sei. Man erzählte von einem jungen Schriftsteller in Hanau, der vor kurzem in einer Zeitschrift, die er herausgegeben, ein wenig heiter über den Rosenkranz gesprochen. Diese Zeitschrift sei sogleich eingegangen, und zwar durch den Einfluß der Geistlichen in ihren verschiedenen Gemeinden. »Von meinem ›Werther‹«, sagte Goethe, »erschien sehr bald eine italienische Übersetzung in Mailand. Aber von der ganzen Auflage war in kurzem auch nicht ein einziges Exemplar mehr zu sehen. Der Bischof war dahinter gekommen und hatte die ganze Edition von den Geistlichen in den Gemeinden aufkaufen lassen. Es verdroß mich nicht, ich freute mich vielmehr über den klugen Herrn, der sogleich einsah, daß der ›Werther‹ für die Katholiken ein schlechtes Buch sei, und ich mußte ihn loben, daß er auf der Stelle die wirksamsten Mittel ergriffen, es ganz im stillen wieder aus der Welt zu schaffen.«

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