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Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens

Johann Peter Eckerman: Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens - Kapitel 116
Quellenangabe
typereport
booktitleGespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens
authorJohann Peter Eckermann
year1981
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32200-0
titleGespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens
created19990505
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1836
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Donnerstag, den 19. Februar 1829

Mit Goethe in seiner Arbeitsstube allein zu Tisch. – Er war sehr heiter und erzählte mir, daß ihm am Tage manches Gute widerfahren und daß er auch ein Geschäft mit Artaria und dem Hof glücklich beendigt sehe.

Wir sprachen sodann viel über ›Egmont‹, der am Abend vorher nach der Bearbeitung von Schiller gegeben worden, und es kamen die Nachteile zur Erwähnung, die das Stück durch diese Redaktion zu leiden hat.

»Es ist in vielfacher Hinsicht nicht gut,« sagte ich, »daß die Regentin fehlt; sie ist vielmehr dem Stücke durchaus notwendig. Denn nicht allein, daß das Ganze durch diese Fürstin einen höheren, vornehmeren Charakter erhält, sondern es treten auch die politischen Verhältnisse, besonders in bezug auf den spanischen Hof, durch ihre Dialoge mit Machiavell durchaus reiner und entschiedener hervor.«

»Ganz ohne Frage«, sagte Goethe. »Und dann gewinnt auch Egmont an Bedeutung durch den Glanz, den die Neigung der Fürstin auf ihn wirft, so wie auch Klärchen gehoben erscheint, wenn wir sehen, daß sie, selbst über Fürstinnen siegend, Egmonts ganze Liebe allein besitzt. Dieses sind alles sehr delikate Wirkungen, die man freilich ohne Gefahr für das Ganze nicht verletzen darf.«

»Auch will mir scheinen,« sagte ich, »daß bei den vielen bedeutenden Männerrollen eine einzige weibliche Figur wie Klärchen zu schwach und etwas gedrückt erscheint. Durch die Regentin aber erhält das ganze Gemälde mehr Gleichgewicht. Daß von ihr im Stücke gesprochen wird, will nicht viel sagen; das persönliche Auftreten macht den Eindruck.«

»Sie empfinden das Verhältnis sehr richtig«, sagte Goethe. »Als ich das Stück schrieb, habe ich, wie Sie denken können, alles sehr wohl abgewogen, und es ist daher nicht zu verwundern, daß ein Ganzes sehr empfindlich leiden muß, wenn man eine Hauptfigur herausreißt, die ins Ganze gedacht worden und wodurch das Ganze besteht. Aber Schiller hatte in seiner Natur etwas Gewaltsames; er handelte oft zu sehr nach einer vorgefaßten Idee, ohne hinlängliche Achtung vor dem Gegenstande, der zu behandeln war.«

»Man möchte auf Sie schelten,« sagte ich, »daß Sie es gelitten und daß Sie in einem so wichtigen Fall ihm so unbedingte Freiheit gegeben.«

»Man ist oft gleichgültiger als billig«, antwortete Goethe. »Und dann war ich in jener Zeit mit anderen Dingen tief beschäftigt. Ich hatte so wenig ein Interesse für ›Egmont‹ wie für das Theater; ich ließ ihn gewähren. Jetzt ist es wenigstens ein Trost für mich, daß das Stück gedruckt dasteht und daß es Bühnen gibt, die verständig genug sind, es treu und ohne Verkürzung ganz so aufzuführen, wie ich es geschrieben.«

Goethe erkundigte sich sodann nach der Farbenlehre, und ob ich seinem Vorschlage, ein Kompendium zu schreiben, weiter nachgedacht. Ich sagte ihm, wie es damit stehe, und so gerieten wir unvermutet in eine Differenz, die ich bei der Wichtigkeit des Gegenstandes mitteilen will.

Wer es beobachtet hat, wird sich erinnern, daß bei heiteren Wintertagen und Sonnenschein die Schatten auf dem Schnee häufig blau gesehen werden. Dieses Phänomen bringt Goethe in seiner ›Farbenlehre‹ unter die subjektiven Erscheinungen, indem er als Grundlage annimmt, daß das Sonnenlicht zu uns, die wir nicht auf den Gipfeln hoher Berge wohnen, nicht durchaus weiß, sondern durch eine mehr oder weniger dunstreiche Atmosphäre dringend, in einem gelblichen Schein herabkomme; und daß also der Schnee, von der Sonne beschienen, nicht durchaus weiß, sondern eine gelblich tingierte Fläche sei, die das Auge zum Gegensatz und also zur Hervorbringung der blauen Farbe anreize. Der auf dem Schnee gesehen werdende blaue Schatten sei demnach eine geforderte Farbe, unter welcher Rubrik Goethe denn auch das Phänomen abhandelt und danach die von Saussure auf dem Montblanc gemachten Beobachtungen sehr konsequent zurechtlegt.

Als ich nun in diesen Tagen die ersten Kapitel der ›Farbenlehre‹ abermals betrachtete, um mich zu prüfen, ob es mir gelingen möchte, Goethes freundlicher Aufforderung nachzukommen und ein Kompendium seiner Farbenlehre zu schreiben, war ich, durch Schnee und Sonnenschein begünstigt, in dem Fall, ebengedachtes Phänomen des blauen Schattens abermals näher in Augenschein zu nehmen, wo ich denn zu einiger Überraschung fand, daß Goethes Ableitung auf einem Irrtum beruhe. Wie ich aber zu diesem Aperçu gelangte, will ich sagen.

Aus den Fenstern meines Wohnzimmers sehe ich grade gegen Süden, und zwar auf einen Garten, der durch ein Gebäude begrenzt wird, das bei dem niederen Stande der Sonne im Winter mir entgegen einen so großen Schatten wirft, daß er über die halbe Fläche des Gartens reicht.

Auf diese Schattenfläche im Schnee blickte ich nun vor einigen Tagen bei völlig blauem Himmel und Sonnenscheine und war überrascht, die ganze Masse vollkommen blau zu sehen. Eine geforderte Farbe, sagte ich zu mir selber, kann dieses nicht sein, denn mein Auge wird von keiner von der Sonne beschienenen Schneefläche berührt, wodurch jener Gegensatz hervorgerufen werden könnte; ich sehe nichts als die schattige blaue Masse. Um aber durchaus sicher zu gehen und zu verhindern, daß der blendende Schein der benachbarten Dächer nicht etwa mein Auge berühre, rollte ich einen Bogen Papier zusammen und blickte durch solche Röhre auf die schattige Fläche, wo denn das Blau unverändert zu sehen blieb.

Daß dieser blaue Schatten also nichts Subjektives sein konnte, darüber blieb mir nun weiter kein Zweifel. Die Farbe stand da außer mir, selbständig, mein Subjekt hatte darauf keinen Einfluß. Was aber war es? Und da sie nun einmal da war, wodurch konnte sie entstehen?

Ich blickte noch einmal hin und umher, und siehe, die Auflösung des Rätsels kündigte sich mir an. Was kann es sein, sagte ich zu mir selber, als der Widerschein des blauen Himmels, den der Schatten herablockt und der Neigung hat, im Schatten sich anzusiedeln? Denn es steht geschrieben: die Farbe ist dem Schatten verwandt, sie verbindet sich gerne mit ihm und erscheint uns gerne in ihm und durch ihn, sobald der Anlaß nur gegeben ist.

Die folgenden Tage gewährten Gelegenheit, meine Hypothese wahr zu machen. Ich ging in den Feldern, es war kein blauer Himmel, die Sonne schien durch Dünste, einem Heerrauch ähnlich, und verbreitete über den Schnee einen durchaus gelben Schein; sie wirkte mächtig genug, um entschiedene Schatten zu werfen, und es hätte in diesem Fall nach Goethes Lehre das frischeste Blau entstehen müssen. Es entstand aber nicht, die Schatten blieben grau.

Am nächsten Vormittage bei bewölkter Atmosphäre blickte die Sonne von Zeit zu Zeit herdurch und warf auf dem Schnee entschiedene Schatten. Allein sie waren ebenfalls nicht blau, sondern grau. In beiden Fällen fehlte der Widerschein des blauen Himmels, um dem Schatten seine Färbung zu geben.

Ich hatte demnach eine hinreichende Überzeugung gewonnen, daß Goethes Ableitung des mehrgedachten Phänomens von der Natur nicht als wahr bestätigt werde und daß seine diesen Gegenstand behandelnden Paragraphen der ›Farbenlehre‹ einer Umarbeitung dringend bedurften.

Etwas Ähnliches begegnete mir mit den farbigen Doppelschatten, die mit Hülfe eines Kerzenlichtes morgens früh bei Tagesanbruch sowie abends in der ersten Dämmerung, desgleichen bei hellem Mondschein, besonders schön gesehen werden. Daß hiebei der eine Schatten, nämlich der vom Kerzenlichte erleuchtete, gelbe, objektiver Art sei und in die Lehre von den trüben Mitteln gehöre, hat Goethe nicht ausgesprochen, obgleich es so ist; den andern, vom schwachen Tages- oder Mondlichte erleuchteten, bläulichen oder bläulich-grünen Schatten aber erklärt er für subjektiv, für eine geforderte Farbe, die durch den auf dem weißen Papier verbreiteten gelben Schein des Kerzenlichtes im Auge hervorgerufen werde.

Diese Lehre fand ich nun bei sorgfältigster Beobachtung des Phänomens gleichfalls nicht durchaus bestätigt; es wollte mir vielmehr erscheinen, als ob das von außen hereinwirkende schwache Tages- oder Mondlicht einen bläulich färbenden Ton bereits mit sich bringe, der denn teils durch den Schatten, teils durch den fordernden gelben Schein des Kerzenlichtes verstärkt werde, und daß also auch hiebei eine objektive Grundlage stattfinde und zu beachten sei.

Daß das Licht des anbrechenden Tages wie des Mondes einen bleichen Schein werfe, ist bekannt. Ein bei Tagesanbruch oder im Mondschein angeblicktes Gesicht erscheint blaß, wie genugsame Erfahrungen bestätigen. Auch Shakespeare scheint dieses gekannt zu haben, denn jener merkwürdigen Stelle, wo Romeo bei Tagesanbruch von seiner Geliebten geht und in freier Luft eins dem andern plötzlich so bleich erscheint, liegt diese Wahrnehmung sicher zum Grunde. Die bleich machende Wirkung eines solchen Lichtes aber wäre schon genugsame Andeutung, daß es einen grünlichen oder bläulichen Schein mit sich führen müsse, indem ein solches Licht dieselbige Wirkung tut wie ein Spiegel aus bläulichem oder grünlichem Glase. Doch stehe noch folgendes zu weiterer Bestätigung.

Das Licht, vom Auge des Geistes geschaut, mag als durchaus weiß gedacht werden. Allein das empirische, vom körperlichen Auge wahrgenommene Licht wird selten in solcher Reinheit gesehen; vielmehr hat es, durch Dünste oder sonst modifiziert, die Neigung, sich entweder für die Plus- oder Minusseite zu bestimmen, und entweder mit einem gelblichen oder bläulichen Ton zu erscheinen. Das unmittelbare Sonnenlicht neigt sich in solchem Fall entschieden zur Plusseite, zum gelblichen, das Kerzenlicht gleichfalls; das Licht des Mondes aber sowie das bei der Morgen- und Abenddämmerung wirkende Tageslicht, welches beides keine direkte, sondern reflektierte Lichter sind, die überdies durch Dämmerung und Nacht modifiziert werden, neigen sich auf die passive, auf die Minusseite und kommen zum Auge in einem bläulichen Ton.

Man lege in der Dämmerung oder bei Mondenschein einen weißen Bogen Papier so, daß dessen eine Hälfte vom Mond- oder Tageslichte, dessen andere aber vom Kerzenlichte beschienen werde, so wird die eine Hälfte einen bläulichen, die andere einen gelblichen Ton haben, und so werden beide Lichter, ohne hinzugekommenen Schatten und ohne subjektive Steigerung, bereits auf der aktiven oder passiven Seite sich befinden.

Das Resultat meiner Beobachtungen ging demnach dahin, daß auch Goethes Lehre von den farbigen Doppelschatten nicht durchaus richtig sei, daß bei diesem Phänomen mehr Objektives einwirke, als von ihm beobachtet worden, und daß das Gesetz der subjektiven Forderung dabei nur als etwas Sekundäres in Betracht komme.

Wäre das menschliche Auge überall so empfindlich und empfänglich, daß es bei der leisesten Berührung von irgendeiner Farbe sogleich disponiert wäre, die entgegengesetzte hervorzubringen, so würde das Auge stets eine Farbe in die andere übertragen, und es würde das unangenehmste Gemisch entstehen.

Dies ist aber glücklicherweise nicht so, vielmehr ist ein gesundes Auge so organisiert, daß es die geforderten Farben entweder gar nicht bemerkt, oder, darauf aufmerksam gemacht, sie doch nur mit Mühe hervorbringt, ja daß diese Operation sogar einige Übung und Geschicklichkeit verlangt, ehe sie, selbst unter günstigen Bedingungen, gelingen will.

Das eigentlich Charakteristische solcher subjektiven Erscheinungen, daß nämlich das Auge zu ihrer Hervorbringung gewissermaßen einen mächtigen Reiz verlangt, und daß, wenn sie entstanden, sie keine Stetigkeit haben, sondern flüchtige, schnell verschwindende Wesen sind, ist bei den blauen Schatten im Schnee sowie bei den farbigen Doppelschatten von Goethe zu sehr außer acht gelassen; denn in beiden Fällen ist von einer kaum merklich tingierten Fläche die Rede, und in beiden Fällen steht die geforderte Farbe beim ersten Hinblick sogleich entschieden da.

Aber Goethe, bei seinem Festhalten am einmal erkannten Gesetzlichen, und bei seiner Maxime, es selbst in solchen Fällen vorauszusetzen, wo es sich zu verbergen scheine, konnte sehr leicht verführt werden, eine Synthese zu weit greifen zu lassen und ein liebgewonnenes Gesetz auch da zu erblicken, wo ein ganz anderes wirkte.

Als er nun heute seine ›Farbenlehre‹ zur Erwähnung brachte und sich erkundigte, wie es mit dem besprochenen Kompendium stehe, hätte ich die soeben entwickelten Punkte gerne verschweigen mögen, denn ich fühlte mich in einiger Verlegenheit, wie ich ihm die Wahrheit sagen sollte, ohne ihn zu verletzen.

Allein da es mir mit dem Kompendium wirklich ernst war, so mußten, ehe ich in dem Unternehmen sicher vorschreiten konnte, zuvor alle Irrtümer beseitigt und alle Mißverständnisse besprochen und gehoben sein.

Es blieb mir daher nichts übrig, als voll Vertrauen ihm zu bekennen, daß ich nach sorgfältigen Beobachtungen mich in dem Fall befinde, in einigen Punkten von ihm abweichen zu müssen, indem ich sowohl seine Ableitung der blauen Schatten im Schnee als auch seine Lehre von den farbigen Doppelschatten nicht durchaus bestätiget finde.

Ich trug ihm meine Beobachtungen und Gedanken über diese Punkte vor; allein da es mir nicht gegeben ist, Gegenstände im mündlichen Gespräch mit einiger Klarheit umständlich zu entwickeln, so beschränkte ich mich darauf, bloß die Resultate meines Gewahrwerdens hinzustellen, ohne in eine nähere Erörterung des einzelnen einzugehen, die ich mir schriftlich vorbehielt.

Ich hatte aber kaum zu reden angefangen, als Goethes erhaben-heiteres Wesen sich verfinsterte und ich nur zu deutlich sah, daß er meine Einwendungen nicht billige.

»Freilich,« sagte ich, »wer gegen Euer Exzellenz recht haben will, muß früh aufstehen; allein doch kann es sich fügen, daß der Mündige sich übereilt und der Unmündige es findet.«

»Als ob Ihr es gefunden hättet!« antwortete Goethe etwas ironisch spöttelnd; »mit Eurer Idee des farbigen Lichtes gehört Ihr in das vierzehnte Jahrhundert und im übrigen steckt Ihr in der tiefsten Dialektik. Das einzige, was an Euch Gutes ist, besteht darin, daß Ihr wenigstens ehrlich genug seid, um gerade herauszusagen, wie Ihr denket.

Es geht mir mit meiner Farbenlehre«, fuhr er darauf etwas heiterer und milder fort, »grade wie mit der christlichen Religion. Man glaubt eine Weile, treue Schüler zu haben, und ehe man es sich versieht, weichen sie ab und bilden eine Sekte. Sie sind ein Ketzer wie die anderen auch, denn Sie sind der erste nicht, der von mir abgewichen ist. Mit den trefflichsten Menschen bin ich wegen bestrittener Punkte in der Farbenlehre auseinander gekommen. Mit *** wegen ... und mit *** wegen ...« Er nannte mir hier einige bedeutende Namen.

Wir hatten indes abgespeist, das Gespräch stockte, Goethe stand auf und stellte sich ans Fenster. Ich trat zu ihm und drückte ihm die Hand; denn wie er auch schalt, ich liebte ihn, und dann hatte ich das Gefühl, daß das Recht auf meiner Seite und daß er der leidende Teil sei.

Es währte auch nicht lange, so sprachen und scherzten wir wieder über gleichgültige Dinge; doch als ich ging und ihm sagte, daß er meine Widersprüche zu besserer Prüfung schriftlich haben solle, und daß bloß die Ungeschicklichkeit meines mündlichen Vortrages schuld sei, warum er mir nicht recht gebe, konnte er nicht umhin, einiges von Ketzern und Ketzerei mir noch in der Türe halb lachend, halb spottend zuzuwerfen,

 

Wenn es nun problematisch erscheinen mag, daß Goethe in seiner Farbenlehre nicht gut Widersprüche vertragen konnte, während er bei seinen poetischen Werken sich immer durchaus läßlich erwies und jede gegründete Einwendung mit Dank aufnahm, so löset sich vielleicht das Rätsel, wenn man bedenkt, daß ihm als Poet von außen her die völligste Genugtuung zuteil ward, während er bei der ›Farbenlehre‹, diesem größten und schwierigsten aller seiner Werke, nichts als Tadel und Mißbilligung zu erfahren hatte. Ein halbes Leben hindurch tönte ihm der unverständigste Widerspruch von allen Seiten entgegen, und so war es denn wohl natürlich, daß er sich immer in einer Art von gereiztem kriegerischen Zustand und zu leidenschaftlicher Opposition stets gerüstet befinden mußte.

Es ging ihm in bezug auf seine Farbenlehre wie einer guten Mutter, die ein vortreffliches Kind nur desto mehr liebt, je weniger es von andern erkannt wird,

»Auf alles, was ich als Poet geleistet habe,« pflegte er wiederholt zu sagen, »bilde ich mir gar nichts ein. Es haben treffliche Dichter mit mir gelebt, es lebten noch trefflichere vor mir, und es werden ihrer nach mir sein. Daß ich aber in meinem Jahrhundert in der schwierigen Wissenschaft der Farbenlehre der einzige bin, der das Rechte weiß, darauf tue ich mir etwas zugute, und ich habe daher ein Bewußtsein der Superiorität über viele.«

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