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Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens

Johann Peter Eckerman: Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens - Kapitel 115
Quellenangabe
typereport
booktitleGespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens
authorJohann Peter Eckermann
year1981
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32200-0
titleGespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens
created19990505
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1836
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Mittwoch, den 18. Februar 1829

Wir sprachen über die Farbenlehre, unter andern über Trinkgläser, deren trübe Figuren gegen das Licht gelb und gegen das Dunkele blau erscheinen, und die also die Betrachtung eines Urphänomens gewähren.

»Das Höchste, wozu der Mensch gelangen kann,« sagte Goethe bei dieser Gelegenheit, »ist das Erstaunen, und wenn ihn das Urphänomen in Erstaunen setzt, so sei er zufrieden; ein Höheres kann es ihm nicht gewähren, und ein Weiteres soll er nicht dahinter suchen; hier ist die Grenze. Aber den Menschen ist der Anblick eines Urphänomens gewöhnlich noch nicht genug, sie denken, es müsse noch weiter gehen, und sie sind den Kindern ähnlich, die, wenn sie in einen Spiegel geguckt, ihn sogleich umwenden, um zu sehen, was auf der anderen Seite ist.«

Das Gespräch lenkte sich auf Merck, und ich fragte, ob Merck sich auch mit Naturstudien befaßt. »O ja,« sagte Goethe, »er besaß sogar bedeutende naturhistorische Sammlungen. Merck war überhaupt ein höchst vielseitiger Mensch. Er liebte auch die Kunst, und zwar ging dieses so weit, daß, wenn er ein gutes Stück in den Händen eines Philisters sah, von dem er glaubte, daß er es nicht zu schätzen wisse, er alles anwendete, um es in seine eigene Sammlung zu bringen. Er hatte in solchen Dingen gar kein Gewissen, jedes Mittel war ihm recht, und selbst eine Art von grandiosem Betrug wurde nicht verschmäht, wenn es nicht anders gehen wollte.« Goethe erzählte dieser Art einige sehr interessante Beispiele.

»Ein Mensch wie Merck«, fuhr er fort, »wird gar nicht mehr geboren, und wenn er geboren würde, so würde die Welt ihn anders ziehen. Es war überhaupt eine gute Zeit, als ich mit Merck jung war. Die deutsche Literatur war noch eine reine Tafel, auf die man mit Lust viel Gutes zu malen hoffte. Jetzt ist sie so beschrieben und besudelt, daß man keine Freude hat sie anzublicken und daß ein gescheiter Mensch nicht weiß, wohin er noch etwas zeichnen soll.«

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