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Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens

Johann Peter Eckerman: Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens - Kapitel 114
Quellenangabe
typereport
booktitleGespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens
authorJohann Peter Eckermann
year1981
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32200-0
titleGespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens
created19990505
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1836
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Dienstag, den 17. Februar 1829

Viel über den ›Groß-Cophta‹ gesprochen. »Lavater«, sagte Goethe, »glaubte an Cagliostro und dessen Wunder. Als man ihn als einen Betrüger entlarvt hatte, behauptete Lavater, dies sei ein anderer Cagliostro, der Wundertäter Cagliostro sei eine heilige Person.

Lavater war ein herzlich guter Mann, allein er war gewaltigen Täuschungen unterworfen, und die ganz strenge Wahrheit war nicht seine Sache, er belog sich und andere. Es kam zwischen mir und ihm deshalb zum völligen Bruch. Zuletzt habe ich ihn noch in Zürich gesehen, ohne von ihm gesehen zu werden. Verkleidet ging ich in einer Allee, ich sah ihn auf mich zukommen, ich bog außerhalb, er ging an mir vorüber und kannte mich nicht. Sein Gang war wie der eines Kranichs, weswegen er auf dem Blocksberg als Kranich vorkommt.«

Ich fragte Goethe, ob Lavater eine Tendenz zur Natur gehabt, wie man fast wegen seiner ›Physiognomik‹ schließen sollte. »Durchaus nicht,« antwortete Goethe, »seine Richtung ging bloß auf das Sittliche, Religiöse. Was in Lavaters ›Physiognomik‹ über Tierschädel vorkommt, ist von mir.«

Das Gespräch lenkte sich auf die Franzosen, auf die Vorlesungen von Guizot, Villemain und Cousin, und Goethe sprach mit hoher Achtung über den Standpunkt dieser Männer, und wie sie alles von einer freien und neuen Seite betrachteten und überall gerade aufs Ziel losgingen. »Es ist,« sagte Goethe, »als wäre man bis jetzt in einen Garten auf Umwegen und durch Krümmungen gelangt; diese Männer aber sind kühn und frei genug, die Mauer dort einzureißen und eine Tür an derjenigen Stelle zu machen, wo man sogleich auf den breitesten Weg des Gartens tritt.«

Von Cousin kamen wir auf indische Philosophie. »Diese Philosophie«, sagte Goethe, »hat, wenn die Nachrichten des Engländers wahr sind, durchaus nichts Fremdes, vielmehr wiederholen sich in ihr die Epochen, die wir alle selber durchmachen. Mir sind Sensualisten, solange wir Kinder sind; Idealisten, wenn wir lieben und in den geliebten Gegenstand Eigenschaften legen, die nicht eigentlich darin sind; die Liebe wankt, wir zweifeln an der Treue und sind Skeptiker, ehe wir es glaubten. Der Rest des Lebens ist gleichgültig, wir lassen es gehen, wie es will, und endigen mit dem Quietismus, wie die indischen Philosophen auch.

In der deutschen Philosophie wären noch zwei große Dinge zu tun. Kant hat die ›Kritik der reinen Vernunft‹ geschrieben, womit unendlich viel geschehen, aber der Kreis nicht abgeschlossen ist. Jetzt müßte ein Fähiger, ein Bedeutender die Kritik der Sinne und des Menschenverstandes schreiben, und wir würden, wenn dieses gleich vortrefflich geschehen, in der deutschen Philosophie nicht viel mehr zu wünschen haben.

Hegel«, fuhr Goethe fort, »hat in den ›Berliner Jahrbüchern‹ eine Rezension über Hamann geschrieben, die ich in diesen Tagen lese und wieder lese und die ich sehr loben muß. Hegels Urteile als Kritiker sind immer gut gewesen.

Villemain steht in der Kritik gleichfalls sehr hoch. Die Franzosen werden zwar nie ein Talent wieder sehen, das dem von Voltaire gewachsen wäre. Von Villemain aber kann man sagen, daß er in seinem geistigen Standpunkt über Voltairen erhaben ist, so daß er ihn in seinen Tugenden und Fehlern beurteilen kann.«

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