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Gespršche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens

Johann Peter Eckerman: Gespršche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens - Kapitel 111
Quellenangabe
typereport
booktitleGespršche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens
authorJohann Peter Eckermann
year1981
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32200-0
titleGespršche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens
created19990505
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1836
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Donnerstag, den 12. Februar 1829

Goethe lieset mir das frisch entstandene, überaus herrliche Gedicht: ›Kein Wesen kann zu nichts zerfallen – ‹. »Ich habe«, sagte er, »dieses Gedicht als Widerspruch der Verse: ›Denn alles muß zu nichts zerfallen, wenn es im Sein beharren will – ‹, geschrieben, welche dumm sind und welche meine Berliner Freunde bei Gelegenheit der Naturforschenden Versammlung zu meinem Ärger in goldenen Buchstaben ausgestellt haben.«

Über den großen Mathematiker Lagrange, an welchem Goethe vorzüglich den trefflichen Charakter hervorhebt. »Er war ein guter Mensch,« sagte er, »und eben deswegen groß. Denn wenn ein guter Mensch mit Talent begabt ist, so wird er immer zum Heil der Welt sittlich wirken, sei es als Künstler, Naturforscher, Dichter oder was alles sonst.

Es ist mir lieb,« fuhr Goethe fort, »daß Sie Coudray gestern näher kennen gelernt haben. Er spricht sich in Gesellschaft selten aus, aber so unter uns haben Sie gesehen, welch ein trefflicher Geist und Charakter in dem Manne wohnt. Er hat anfänglich vielen Widerspruch erlitten, aber jetzt hat er sich durchgekämpft und genießt vollkommene Gunst und Vertrauen des Hofes. Coudray ist einer der geschicktesten Architekten unserer Zeit. Er hat sich zu mir gehalten und ich mich zu ihm, und es ist uns beiden von Nutzen gewesen. Hätte ich den vor funfzig Jahren gehabt!«

Über Goethes eigene architektonische Kenntnisse. Ich bemerke, er müsse viel in Italien gewonnen haben. »Es gab mir einen Begriff vom Ernsten und Großen,« antwortete er, »aber keine Gewandtheit. Der weimarische Schloßbau hat mich vor allem gefördert. Ich mußte mit einwirken und war sogar in dem Fall, Gesimse zeichnen zu müssen. Ich tat es den Leuten von Metier gewissermaßen zuvor, weil ich ihnen in der Intention überlegen war.«

Das Gespräch kam auf Zelter. »Ich habe einen Brief von ihm,« sagte Goethe; »er schreibt unter andern, daß die Aufführung des ›Messias‹ ihm durch eine seiner Schülerinnen verdorben sei, die eine Arie zu weich, zu schwach, zu sentimental gesungen. Das Schwache ist ein Charakterzug unsers Jahrhunderts. Ich habe die Hypothese, daß es in Deutschland eine Folge der Anstrengung ist, die Franzosen loszuwerden. Maler, Naturforscher, Bildhauer, Musiker, Poeten, es ist mit wenigen Ausnahmen alles schwach, und in der Masse steht es nicht besser.«

»Doch«, sagte ich, »gebe ich die Hoffnung nicht auf, zum ›Faust‹ eine passende Musik kommen zu sehen.«

»Es ist ganz unmöglich«, sagte Goethe. »Das Abstoßende, Widerwärtige, Furchtbare, was sie stellenweise enthalten müßte, ist der Zeit zuwider. Die Musik müßte im Charakter des ›Don Juan‹ sein; Mozart hätte den ›Faust‹ komponieren müssen. Meyerbeer wäre vielleicht dazu fähig, allein der wird sich auf so etwas nicht einlassen; er ist zu sehr mit italienischen Theatern verflochten.«

Sodann, ich weiß nicht mehr, in welcher Verbindung und welchem Bezug, sagte Goethe folgendes sehr Bedeutende.

»Alles Große und Gescheite«, sagte er, »existiert in der Minorität. Es hat Minister gegeben, die Volk und König gegen sich hatten und die ihre großen Plane einsam durchführten. Es ist nie daran zu denken, daß die Vernunft popular werde. Leidenschaften und Gefühle mögen popular werden, aber die Vernunft wird immer nur im Besitz einzelner Vorzüglicher sein.«

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