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Gespräch in der Kaffeehausecke

Arthur Schnitzler: Gespräch in der Kaffeehausecke - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSterben
authorArthur Schnitzler
year2000
publisherFischer Taschenbuch Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-596-29401-0
titleGespräch in der Kaffeehausecke
pages112-124
created20011101
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1895
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Arthur Schnitzler

Gespräch in der Kaffeehausecke

»Hier wollen wir bleiben«, sagte Anatol und ließ sich auf dem roten Samtfauteuil nieder. Fred setzte sich ihm gegenüber und zog die gelben Fenstervorhänge fester zu. Es war spät am Abend und das Kaffeehaus wenig besucht. Über den Billardtischen waren die Gasflammen ausgedreht, die Kassierin rechnete weiter, nachdem sie einen flüchtigen Blick auf die Neueingetretenen geworfen.

»Da gefällt es mir«, fuhr Anatol fort, nachdem er sich eine neue Zigarre angezündet. »Kein Lärm, sehr angenehm zu sitzen, der Tisch wackelt nicht – ja, da bleiben wir.«  »Aber kein Kellner zu sehen«, warf Fred ein, obwohl ihn bereits zwei derselben gefragt hatten, was er befehle. In diesem Augenblick standen auch schon die zwei Tassen schwarzen Kaffees, die Anatol bestellt hatte, vor den beiden Freunden.

»Ach so«, sagte Fred und warf zwei Stück Zucker in seine Tasse. »Findest du nicht auch, daß wir hier bleiben könnten?« fragte Anatol. »Das Lokal hat etwas Alt-Wienerisches, was mir sehr sympathisch ist. Die Billards sind viel zu lang, die Kassierin ist viel zu häßlich, die Decke ist viel zu grau, die Beleuchtung viel zu schlecht – lauter Dinge, die ich sehr hübsch finde. Und dabei, wie gesagt, sitzt man sehr angenehm.«

»Ich nicht«, fand Fred, der, eine Zeitung in der Hand, nervös hin und her rückte. Anatol schob den Vorhang von dem Fenster leicht zurück und blickte hinaus. Da war eine dunkle Straße der Innenstadt, nur ein Gewölbewächter schritt auf und ab; es schneite ein wenig, das Pflaster aber war grau und naß. »Stimmungslos«, sagte Anatol und ließ den Vorhang wieder fallen.

Nach geraumer Zeit erst fragte Fred: »Was sagtest du?«  »Nichts. Hast du Paul heute gesehen?«

»Ja, vormittag; ich war bei ihm in der Redaktion. Er hat viel zu tun, er arbeitet wahrscheinlich noch. – Wo warst du im übrigen heute?«

»Heute? – In einem halben Jahr werd' ich dir's erzählen, – bis es vorbei ist.«

»Du weißt also schon, wann es vorbei sein wird?«

»Traurig genug, daß ich überhaupt schon ans Ende denke.«

»Das ist ja selbstverständlich – bei derlei Dingen...«

»Derlei Dinge... du machst schon wieder deine Unterschiede.«

»Es gibt doch welche.«

»Vielleicht... ach, gewiß. Schließlich ist auch, was ich jetzt erlebe, etwas anderes als alles frühere.«

»Natürlich.«

»O, aber nur, weil ich es eben jetzt erlebe; aus keinem andern Grund. Darüber täusche ich mich nicht. Daß ich mich aber nicht darüber täuschen kann, das ist das Unglück; und dabei stehe ich Qualen aus.«

»Qualen... Eifersucht?«

»Ja. Das ist der einzige wirkliche Schmerz.«

»Hast du einen Grund?«

»Den umheimlichsten von allen: die Vergangenheit. Diese tückische unsterbliche Vergangenheit, gegen die man sich nicht auflehnen, die man über sich ergehen lassen muß wie ein Schicksal.«

»Und du kannst es nicht überwinden?«

»Nein, unmöglich. – Im übrigen, eine Frage, die allerdings nur theoretisches Interesse hat.«

»Nun?«

»Gäbe es auch eine Eifersucht auf die Vergangenheit, wenn man ihr Bild völlig aus der Erinnerung der Geliebten reißen könnte?«

»Wie das?«

»Stelle dir vor, wir hätten ein Mittel zur Verfügung – meinetwegen eine chemische Substanz, mittelst der wir einen bestimmten Lebensabschnitt aus dem Gedächtnis eines Wesens vollkommen verwischen könnten.«

»So daß sie gar nicht mehr weiß, daß überhaupt etwas geschehen ist?«

»Ja. Was vorbei ist, das ist nicht mehr. Es ist in gewissen Fällen so vorbei, als ob es nicht gewesen wäre; nur die Erinnerungsbilder sind da, auf die wir eifersüchtig sind. – Nun will ich dir noch eine andere Möglichkeit vor Augen führen. Ein Weib wird dir zuliebe jemandem untreu. Im Anfang – du magst sie noch so sehr lieben – wirst du auf jenen andern wenig, wahrscheinlich gar keine Eifersucht empfinden. Du hast ihn überwunden, und dieses Gefühl der Obermacht genügt dir. Sie verläßt jenen. Und jetzt erst beginnt sich deine Eifersucht zu regen. Er ist nicht mehr da, sein lebendiges Wesen ist unwirksam geworden, seine Schattenmacht beginnt. Und mit der wirst du nicht fertig – nimmer, nimmer.«

»Ich glaube doch«, erwiderte Fred. »Insbesondere, wenn du dir deinen eigenen Zustand in einem gleichen Fall versinnlichst; wenn du dich fragst: wie wirken ähnliche Erinnerungsbilder auf mich? – Und du wirst dir sagen: mir ist, als hätte es ein anderer erlebt, es hat nichts in mir zurückgelassen.«

»All das, mein lieber Fred, nützt nichts, gar nichts. Was war, ist, – das ist ja der tiefe Sinn des Geschehenen. Ach, und das sind Qualen, Qualen!«

»Du mußt dich von diesen Dingen endlich befreien.«

»Freilich müßt' ich. Denn, in der Tat, ich bin ihrer müde, dieser unsäglichen Leiden, die Abenteuer dieser Art für mich bringen. Vielleicht kommen andere damit zuwege, ich aber schleppe alles mit mir weiter; andere schütteln es von sich ab völlig; ich kann das nicht. Auf mir lastet alles, alles, was ich je erlebt; das nichtigste Erlebnis nistet sich auf die Dauer bei mir ein.«

»Weißt du, was für dich gut wäre?« meinte Fred. »Du solltest einmal lieben, wo es keine Erinnerung, wo es keine Vergangenheit gibt. Ein frisches, junges, unberührtes Mädel, für die du der erste, einzige bist. Das müßte der Frühling für dich sein, so glaub' ich.«

»Der Frühling, mein Lieber, das ist ein Glück für die, die an den Sommer und Herbst und Winter nicht denken, der ja kommen muß. So ein junges Blut in meinen Armen – was würd ich empfinden? Oder, da ich mich noch rechtzeitig entsinne, was hab' ich da empfunden? – Die Eifersucht auf den, der kommen wird. Denn er kommt, und sie wird ihm sagen: ›Du bist der erste, den ich wirklich liebe.‹ Und dann bin ich der, welchen sie verflucht, weil er ihr die Reinheit genommen, der, den sie haßt, weil der andere sie meinetwegen quält. Ich bin der, von dem sie mit jenem andern so sprechen wird: ›Ach, das... Unbesonnenheit – Leidenschaft – was hab' ich damals von der Liebe gewußt!‹ Nein, nein, später ist man für das Weib, das man als erster besessen, nicht mehr der, der sie die Liebe gelehrt, – man ist einfach der, der sie verführt hat.«

»Aber die Gegenwart selbst, ohne Zukunftsgedanken?«

»Wenn es das gäbe, Fred! Für mich existiert der Augenblick nicht, – der große selige Augenblick, das Vorher und das Nachher vernichten ihn.«

»Aber sieh, auch da, glaube ich, könnte man sich durch eine einfache Gedankenfolge retten. Das Mädel in deinen Armen denkt an keine Zukunft; die Zukunft existiert einfach nicht für sie, solange sie dir gehört.«

»Solange sie dir gehört... wie lange? Sie tritt auf die Straße, sieht einen andern, er erinnert sie an mich, denn er ist ein Mann. Gerade wenn man der Geliebte eines völlig reinen Mädchens geworden ist, muß man vor Eifersucht wahnsinnig werden.«

»Du.«

»Nun ja, das ist meine Natur. Ich bin eifersüchtig wie ein Narr. Der erste wie der letzte Atemzug meiner Liebe ist die Eifersucht. Was ich aber jetzt erlebe, ist wohl das schlimmste, das einem Menschen meiner Art passieren kann.«

»Wieso?«

»Vor allem einmal liebe ich, wie ich noch nie geliebt habe.«

»Das ist selbstverständlich.«

»Es ist ein so wunderbares Wesen: leichtsinnig, graziös, süß und tief«

»Hm.«

»Und ich kenne den, der früher ihr Geliebter war. Kenne ihn... Meine ohnehin so leicht erregte Vorstellungsgabe steigert sich dadurch ins Unermeßliche, ins Unerträgliche. Ich weiß, wie jener Mensch spricht, – ich weiß, daß er schön und liebenswürdig ist, – ich sehe es vor mir, wie er küßt, wie er einem Weib zu Füßen sinkt und ihre Kniee umfängt. Sie freilich sagt mir: ›Du liebst mich mehr, ich fühle es, und ach, ich liebe dich tausendmal, unendlich mehr – ganz anders überhaupt.‹«

»Nun, du glaubst es doch.«

»Gewiß glaube ich es mit all der Torheit, die uns zu Betrogenen und zu Glücklichen macht. Aber...«

»Aber?«

»Mit alldem ist's nicht genug. Nicht genug, daß ich jenen Mann kenne – ich war einer seiner besten Freunde zur Zeit, da er dieses Mädchen liebte. Ich kannte sie damals noch nicht. Aber er sprach mir von ihr, Tag für Tag, ich begleitete ihn zu den Rendezvous, ich half ihm ein Armband aussuchen, das er ihr zum Geschenk gab, er erzählte mir getreulich, was sich zwischen ihnen ereignete, ich kannte ihre Koseworte, – all das, ohne daß ich sie je gesehen hatte. Ich hörte zu und lächelte. Auch daß sie sterben müsse, wenn er sie je verließe, sagte sie ihm. Und auch das weiß ich... alles, alles.«

»Das ist allerdings nicht angenehm.«

»O mein Lieber, ich bin noch nicht zu Ende. Ich erlebte es mit, wie seine Schwärmerei zu Ende ging.«

»Nun?«

Anatol aber sprach nicht weiter und drehte seine Zigarre nervös zwischen den Zähnen hin und her.

»Ein andermal«, sagte er nach einigen Minuten, »ich kann heute nicht mehr.«

Sie schwiegen beide eine lange Weile. »Ja, hier wollen wir bleiben«, sagte Anatol endlich. »Ich will es den andern mitteilen, daß wir endlich das richtige gefunden haben. Diese Ecke hier finde ich ganz heimlich. – Und du«, setzte er ganz unvermittelt hinzu, »mein lieber Fred, bist vollkommen glücklich?«

»Ich – ha, ha! – nein, das ist nichts für uns, mein lieber Anatol, das Glück!«

»Nun, du glaubst?«

»Nun hab' ich's aufgegeben. Ja, bis vor wenigen Jahren hatte ich noch den Mut, mir zu sagen: Mein lieber Fred, vielleicht bist du doch nur einer von den dummen Buben, die sich einbilden, unglücklich zu sein, und bist eigentlich außerordentlich glücklich. Auch kamen die gewissen andern und sagten. O, Sie haben's gut! Sie wissen gar nicht, wie gut Sie's haben... Und dergleichen. Mit 28 Jahren aber ist man sicher kein dummer Bub mehr. Eines allerdings hat aufgehört: die Süßigkeit, die Poesie des Schmerzes. Ich bin nicht so tollkühn, ihn Weltschmerz zu nennen. Es ist ein dürres, widerliches Weh geworden, an dem man nicht einmal seine rechte Freude mehr haben kann.«

»Wenn ich dich so reden höre, Fred, fällt es mir wieder schwer aufs Gewissen, wie subjektiv ich bin. Denn höre, ich kann dir deine Trübsal kaum glauben. Für mich gibt es in diesem Augenblick nur einen wahren Schmerz: der, den ich empfinde. Nicht eifersüchtig sein ist alles.«

»Und ich«, warf Fred ein, »beneide dich um dieses Weh. Es ist doch wenigstens etwas. Ich bin jetzt, was meine Seele anbelangt, bettelarm. Man löscht aus. Gehn wir.«

Sie zahlten und gingen. Die Straße war grau, naß, verödet. Fred ging nach Hause und legte sich schlafen. Anatol schlug einen andern Weg ein – vor ihr Fenster. Da blieb er stehen, aber es regte sich nichts. Sie schlief ruhig. Auch er ging nun nach Hause. Er legte sich zu Bett, nahm aber noch Papier und Bleistift und schrieb, lang, lang, bis die Kerze verlöschte.

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