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Geschichten in Grau

Anton Tschechow: Geschichten in Grau - Kapitel 6
Quellenangabe
typenovelette
authorAnton Tschechow
titleGeschichten in Grau
publisherMusarion Verlag / München
year1920
firstpub1920
volume2
printrun1.-5. Tausend
editorAlexander Eliasberg
translatorKorfiz Holm
seriesGesammelte Romane und Novellen
senderwww.gaga.net
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
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Wolodja

Übersetzt von Alexander Eliasberg

Wolodja, ein siebzehnjähriger, unschöner, kränklicher und schüchterner Junge saß an einem Sonntag, gegen fünf Uhr nachmittags in einer Gartenlaube an der Schumichinschen Landwohnung und langweilte sich. Seine wenig lustigen Gedanken bewegten sich in drei Richtungen. Erstens, hatte er morgen, Montag ein Examen in der Mathematik; er wußte, daß ihm, wenn er die schriftliche Aufgabe nicht machen würde, die Relegation bevorstand, da er in der sechsten Klasse schon einmal sitzengeblieben war und dreieinviertel als Jahresnote in der Algebra hatte. Zweitens, bereitete der Aufenthalt bei den Schumichins, der reichen Familie mit Prätentionen auf Aristokratismus, unaufhörliche Schmerzen seinem Ehrgeize. Ihm schien es, daß Frau Schumichin und ihre Nichten ihn und seine Mutter als arme Verwandte und Schmarotzer ansahen, daß sie seine Mama wenig achteten und über sie lachten. Einmal hatte er zufällig gehört, wie Frau Schumichin ihrer Kusine Anna Fjodorowna auf der Veranda sagte, daß seine Mama sich noch immer um jeden Preis jugendlich und schön machen wolle, daß sie ihre Kartenverluste niemals bezahle und eine Vorliebe für fremdes Schuhwerk und fremde Zigaretten habe. Wolodja flehte seine Mutter tagtäglich an, die Schumichins nicht mehr zu besuchen; er schilderte ihr die traurige Rolle, die sie bei diesen Herrschaften spielte, suchte sie zu überreden, wurde zuweilen auch grob, aber die leichtsinnige, verhätschelte Mama, die in ihrem Leben schon zwei Vermögen – ihr eigenes und das ihres Mannes – durchgebracht hatte und stets zu den vornehmsten Kreisen tendierte, wollte ihn nicht verstehen, und Wolodja mußte sie zweimal in der Woche auf die ihm verhaßte Landwohnung begleiten.

Drittens, konnte sich der junge Mann für keinen Augenblick von einem sonderbaren unangenehmen Gefühl befreien, das ihm vollkommen neu war . . . Ihm kam es vor, daß er in die Kusine der Schumichins, Anna Fjodorowna, die bei ihnen als Gast weilte, verliebt sei. Es war eine lebhafte, immer zum Lachen aufgelegte, etwas laute Dame von etwa dreißig Jahren, gesund, kräftig, rosig, mit rundlichen Schultern, rundem, vollem Kinn und ständigem Lächeln auf den feinen Lippen. Sie war weder hübsch, noch jung, – Wolodja wußte das ganz genau, aber er hatte nicht die Kraft, an sie nicht zu denken und sie nicht anzugaffen, wenn sie beim Krocketspiel ihre rundlichen Schultern zuckte, und den glatten Rücken bewegte, oder wenn sie nach dem langen Lachen und Herumrennen sich in einen Sessel fallen ließ, die Augen schloß, schwer atmete und so tat, als ob ihr etwas den Busen beengte und den Atem nähme. Sie war verheiratet. Ihr Mann, ein solider Architekt, kam einmal in der Woche aufs Land, schlief ausgezeichnet aus und kehrte am nächsten Morgen wieder in die Stadt zurück. Das seltsame Gefühl hatte bei Wolodja damit begonnen, daß er plötzlich einen grundlosen Haß gegen diesen Architekten spürte und sich jedesmal freute, wenn er abreiste.

Und auch jetzt, als er in einer Laube saß und an das bevorstehende Examen und an seine Mama, über die sich alle lustig machten, dachte, fühlte er ein mächtiges Verlangen, Njuta (so nannten die Schumichins Anna Fjodorowna) zu sehen, ihr Lachen und das Rascheln ihres Kleides zu hören . . . Dieses Verlangen hatte gar nichts von jener reinen, poetischen Liebe, die er aus Romanen kannte und die er sich jeden Abend beim Schlafengehen ersehnte; das Gefühl war so seltsam und unverständlich, er schämte sich seiner und fürchtete es als etwas Häßliches und Unreines, das er sich selbst nicht gerne eingestehen wollte . . .

»Das ist keine Liebe,« sagte er sich. »In eine dreißigjährige und verheiratete Frau verliebt man sich nicht . . . Es ist einfach eine kleine Liebelei . . . Ja, eine Liebelei . . .«

Beim Gedanken an die Liebelei fielen ihm seine unüberwindliche Schüchternheit, der Mangel eines Schnurrbartes und seine Sommersprossen und Schlitzaugen ein; wenn er sich selbst an Njutas Seite dachte, erschien ihm dieses Paar ganz unmöglich; und er beeilte sich, sich als hübsch, kühn, geistreich und nach der letzten Mode gekleidet vorzustellen . . .

Inmitten dieser Träume, als er zusammengekauert und auf den Boden blickend in der dunkelsten Ecke der Laube saß, ertönten plötzlich leise Schritte. Jemand ging durch die Allee. Die Schritte verstummten, und vor dem Eingange schimmerte etwas Weißes.

»Ist hier jemand?« fragte eine weibliche Stimme.

Wolodja erkannte die Stimme und hob erschrocken den Kopf.

»Wer ist hier?« fragte Njuta, in die Laube tretend. »Ach, Sie sind es, Wolodja! Was machen Sie hier? Grübeln? Wie kann man nur immer grübeln . . . so kann man ja auch verrückt werden!«

Wolodja stand auf und blickte Njuta verlegen an. Sie kam soeben vom Baden. Sie hatte ein Badelaken und ein Frottierhandtuch um die Schultern hängen, und unter dem weißseidenen Kopftuche lugten nasse Haare hervor, die an der Stirne klebten. Ihr entströmte ein feuchter, kühler Geruch von Bad und Mandelseife. Nach dem schnellen Gehen atmete sie schwer. Der oberste Knopf ihrer Bluse war aufgegangen, und der Jüngling konnte ihren Hals und Brustansatz sehen.

»Was schweigen Sie denn?« fragte Njuta, Wolodja musternd. »Es ist unhöflich zu schweigen, wenn eine Dame mit Ihnen spricht. Was sind Sie für ein Tolpatsch, Wolodja! Sie sitzen immer da und schweigen und grübeln wie ein Philosoph. In Ihnen ist gar kein Leben, kein Feuer! Sie sind wirklich ekelhaft . . . In Ihrem Alter muß man leben, springen, plaudern, Damen den Hof machen, sich verlieben.«

Wolodja blickte das Badelaken an, das sie mit ihrer weißen, vollen Hand hielt, und dachte, dachte . . .

»Er schweigt!« wunderte sich Njuta. »Das ist sogar merkwürdig . . . Hören Sie einmal, seien Sie doch ein Mann! Lächeln Sie doch wenigstens! Pfui, ekelhafter Philosoph!« rief sie lachend. »Wissen Sie, Wolodja, warum Sie so ein Tolpatsch sind? Weil Sie niemand den Hof machen. Warum machen Sie niemand den Hof? Es gibt hier freilich keine jungen Mädchen, aber was hindert Sie, Damen den Hof zu machen? Warum machen Sie, zum Beispiel, mir nicht den Hof?«

Wolodja hörte ihr zu und rieb sich, in schwere, gespannte Gedanken versunken, die Schläfe.

»Nur sehr stolze Menschen schweigen und lieben die Einsamkeit,« fuhr Njuta fort, seine Hand von der Schläfe wegziehend. »Sie sind zu stolz, Wolodja . . . Warum blicken Sie so mürrisch drein? Wollen Sie mir doch gerade in die Augen schauen! Nun, Sie, Tolpatsch!«

Wolodja entschloß sich, etwas zu sagen. Er wollte lächeln, zuckte mit der Unterlippe, zwinkerte mit den Augen und führte wieder die Hand an die Schläfe.

»Ich . . . ich liebe Sie!« sagte er.

Njuta hob erstaunt die Brauen und fing zu lachen an.

»Was höre ich?!« sang sie, wie ein Opernsänger zu singen pflegt, wenn ihm etwas Schreckliches berichtet wird. »Wie? Was haben Sie gesagt? Wiederholen Sie es, wiederholen Sie es . . .«

»Ich . . . ich liebe Sie!« sagte Wolodja noch einmal.

Ohne Beteiligung seines Willens und ohne Ueberlegung machte er einen halben Schritt auf Njuta zu und faßte sie am Handgelenk. Er sah fast nichts, Tränen traten ihm in die Augen, und die ganze Welt hatte sich in ein großes Frottierhandtuch verwandelt, das nach Bad roch.

»Bravo, bravo!« hörte er sie lustig lachen. »Was schweigen Sie denn? Ich möchte, daß Sie sprechen! Nun?«

Als Wolodja merkte, daß sie ihre Hand nicht zurückzog, blickte er ihr ins lachende Gesicht und nahm sie ungeschickt mit beiden Händen um die Taille, so daß die Finger beider Hände sich auf ihrem Rücken trafen. So hielt er sie um die Taille, sie aber verschränkte beide Hände im Nacken, so daß er die Grübchen an ihren Ellenbogen sehen konnte, nestelte unter dem Kopftuch an ihren Haaren und sprach mit ruhiger Stimme:

»Man muß gewandt, liebenswürdig und galant sein, Wolodja, und das kann nur unter dem Einflusse weiblicher Gesellschaft werden. Was haben Sie aber für ein unangenehmes . . . böses Gesicht. Man muß sprechen, man muß lachen . . . Ja, Wolodja, seien Sie doch kein Wauwau, Sie sind noch jung und haben genug Zeit zum Philosophieren. Nun, lassen Sie mich, ich muß gehen. Lassen Sie mich doch!«

Sie befreite sich mühelos aus seinen Armen und ging trällernd aus der Laube. Wolodja blieb allein. Er strich sich das Haar zurecht, lächelte und ging dreimal von der einen Ecke in die andere; dann setzte er sich auf die Bank und lächelte noch einmal. Er schämte sich so furchtbar und staunte sogar, daß das menschliche Schamgefühl eine solche Kraft und Schärfe erreichen kann. Vor Scham lächelte er, flüsterte irgendwelche unzusammenhängende Worte und gestikulierte.

Er schämte sich, daß man ihn eben wie einen grünen Jungen behandelt hatte; er schämte sich seiner Schüchternheit; vor allen Dingen schämte er sich aber dessen, daß er sich erkühnt hatte, eine anständige verheiratete Dame um die Taille zu fassen, wozu ihm, wie er glaubte, weder sein Alter, noch seine äußeren Vorzüge, noch seine Stellung in der Gesellschaft auch das geringste Recht gaben.

Er sprang auf, trat aus der Laube und ging, ohne sich umzublicken, in die Tiefe des Gartens, möglichst weit vom Hause weg.

– Ach, wenn ich doch bald von hier fort könnte! – dachte er, sich an den Kopf fassend. – Mein Gott, so schnell als möglich! –

Der Zug, mit dem Wolodja und seine Mama abreisen sollten, ging um acht Uhr vierzig abends. Es blieben also noch an die drei Stunden; aber wie gerne wäre er schon jetzt, ohne auf Mama zu warten, zur Bahnstation gegangen . . .

Gegen halb acht ging er auf das Haus zu. Seine ganze Figur drückte Entschlossenheit aus: komme, was kommen mag! Er hatte sich entschlossen, mutig aufzutreten, gerade vor sich zu blicken und laut zu sprechen, was ihn auch erwarten sollte.

Er ging durch die Veranda und den großen Saal und blieb im Gastzimmer stehen, um sich zu verschnaufen. Hier konnte er hören, daß man im anstoßenden Eßzimmer beim Tee saß. Frau Schumichina, seine Mama und Njuta unterhielten sich über etwas und lachten.

Wolodja horchte.

»Ich versichere Sie!« sagte Njuta: »Ich traute meinen Augen nicht! Als er mir seine Liebe gestand und mich sogar, denken Sie sich nur, um die Taille nahm, konnte ich ihn kaum wiedererkennen. Wissen Sie, er hat schon so eine gewisse Manier! Als er mir sagte, daß er in mich verliebt sei, blickte er so wild wie ein Tscherkesse.«

»Ist's möglich!« stöhnte die Mama auf und brach in Lachen aus. »Ist's möglich! Wie erinnert er mich doch an seinen Vater!«

Wolodja lief zurück und stürzte ins Freie.

– Wie können sie darüber laut sprechen! – dachte er sich voller Gram, die Hände zusammenschlagend und entsetzt auf den Himmel blickend. – Sie sprechen davon ganz ruhig und laut . . . Und Mama lacht . . . meine Mama! Mein Gott, warum hast du mir eine solche Mutter gegeben? Warum? –

Aber er mußte doch unbedingt zu den Damen. Er ging dreimal durch die Allee, beruhigte sich ein wenig und trat wieder ins Haus.

»Warum kommen Sie so unpünktlich zum Tee?« fragte Frau Schumichina streng.

»Entschuldigen Sie . . . ich muß schon fahren,« stammelte er, ohne die Augen zu heben, »Mama, es ist schon acht!«

»Fahre allein, liebes Kind,« sagte die Mama ganz matt. »Ich bleibe bei der Lilli über Nacht. Leb wohl, mein Freund . . . Komm her, ich will dich bekreuzigen . . .«

Sie bekreuzigte ihn und sagte französisch, sich an Njuta wendend:

»Er sieht doch ein wenig Lermontow ähnlich . . . Nicht wahr?«

Wolodja nahm Abschied, ohne jemand anzublicken, und ging aus dem Eßzimmer. Nach zehn Minuten war er schon auf dem Wege zur Station und freute sich darüber. Jetzt spürte er weder Angst noch Scham und atmete leicht und frei.

Eine halbe Werst vor der Station setzte er sich auf einen Stein am Straßenrande und begann auf die Sonne zu blicken, die schon mehr als zur Hälfte hinter dem Bahndamm untergegangen war. Auf der Station brannten schon Lichter, ein trübes grünes Flämmchen leuchtete auf, aber vom Zuge war noch nichts zu sehen. Wolodja war es angenehm, unbeweglich dazusitzen und zu beobachten, wie der Abend anbrach. Das Halbdunkel in der Laube, die Schritte, der Geruch des Lakens, das Lachen und die Taille – alles stand auf einmal mit erstaunlicher Deutlichkeit vor ihm und erschien ihm nicht mehr so schrecklich und bedeutsam wie früher . . .

– Unsinn . . . Sie zog die Hand nicht fort und lachte, als ich sie um die Taille hielt, – dachte er sich: – also war es ihr angenehm. Wenn es ihr unangenehm wäre, so wäre sie böse geworden . . . –

Jetzt ärgerte sich Wolodja darüber, daß er vorhin, in der Laube, nicht kühn genug gewesen war. Es tat ihm leid, daß er jetzt abreisen mußte, und er war überzeugt, daß, wenn sich ihm wieder die Gelegenheit böte, er viel kühner und einfacher handeln würde.

Die Gelegenheit kann sich aber sehr leicht bieten. Bei den Schumichins pflegt man nach dem Abendessen noch lange herumzuspazieren. Wenn Wolodja mit Njuta durch den dunklen Garten geht, so ist auch schon die Gelegenheit da!

– Ich kehre um, – dachte er sich, – und fahre morgen mit dem Frühzug . . . Ich werde ihnen sagen, daß ich den Zug versäumt habe. –

Und er kehrt um . . . Frau Schumichina, seine Mutter, Njuta und eine der Nichten saßen auf der Veranda und spielen Whist. Wolodja log ihnen vor, daß er den Zug versäumt hätte; sie äußerten die Befürchtung, daß er morgen das Examen verpassen könnte, und rieten ihm, recht früh aufzustehen. Solange sie Karten spielten, saß er abseits, betrachtete Njuta mit gierigen Augen und wartete . . . Er hatte schon einen Plan fertig: er wird im Dunkeln auf Njuta zugehen, sie bei der Hand fassen und dann umarmen . . . er braucht dabei nichts zu sagen, denn alles wird ihnen beiden auch ohne Worte klar sein.

Nach dem Abendessen gingen die Damen gar nicht in den Garten, sondern setzten das Kartenspiel fort. Sie spielten bis ein Uhr nachts und gingen dann schlafen.

– Wie dumm! – ärgerte sich Wolodja, als er zu Bette ging. – Macht aber nichts, ich warte bis morgen . . . Morgen wieder in der Laube. Macht nichts . . . –

Er bemühte sich, nicht einzuschlafen, saß im Bett, hielt die Knie mit beiden Händen umschlungen und dachte. Der Gedanke an das Examen war ihm widerlich. Er hatte sich schon damit abgefunden, daß man ihn relegieren würde und daß dies gar nicht so entsetzlich sei. Morgen wird er ganz frei sein, morgen kann er Zivil tragen, öffentlich rauchen, öfters herkommen und Njuta nach Herzenslust den Hof machen; er wird kein Gymnasiast mehr sein, sondern ein »junger Mann«. Das Uebrige aber, was man Karriere und Zukunft nennt, ist ja klar: Wolodja kann Einjähriger werden, oder Telegraphenbeamter, oder Apothekerlehrling und es mit der Zeit zum Provisor bringen . . . gibt es denn wenig Berufe? So verging eine Stunde, noch eine Stunde, und er saß immer im Bett und dachte . . ..

Gegen drei Uhr, als schon der Morgen dämmerte, knarrte leise die Türe, und die Mama kam ins Zimmer.

»Schläfst du nicht?« fragte sie gähnend. »Schlaf, schlaf, ich bin nur für einen Augenblick hergekommen . . . Ich will die Tropfen holen . . .«

»Was brauchen Sie sie?«

»Die arme Lilli hat wieder ihre Kolik. Schlaf, mein Kind, du mußt ja morgen ins Examen . . .«

Sie holte aus dem Schränkchen ein Fläschchen, trat damit ans Fenster, las das Etikett und ging hinaus.

»Marja Leontjewna, es sind nicht die richtigen Tropfen!« hörte Wolodja nach einer Weile. »Das sind Maiglöckchentropfen, und Lilli bittet um Morphin. Schläft Ihr Sohn schon? Bitten Sie ihn, daß er die richtigen heraussucht . . .«

Es war Njutas Stimme. Wolodja überlief es kalt. Er zog schnell die Hose an, warf sich den Mantel über und ging zur Tür.

»Verstehen Sie? Morphin!« erklärte Njuta leise. »Es muß lateinisch auf dem Fläschchen stehen. Wecken Sie Wolodja, er wird es schon finden . . .«

Die Mama öffnete die Türe, und Wolodja erblickte Njuta. Sie hatte die gleiche Bluse an, in der sie gestern aus dem Bade kam. Ihr Haar war offen und fiel auf die Schultern herab, das Gesicht war verschlafen und schien im Dämmerlichte seltsam dunkel.

»Wolodja schläft ja nicht . . .« sagte sie. »Wolodja, suchen Sie doch bitte das Morphin heraus! Es ist eine Plage mit dieser Lilli . . . Immer hat sie etwas.«

Die Mama sagte etwas, gähnte und ging.

»Suchen Sie doch,« sagte Njuta. »Was stehen Sie so da?«

Wolodja ging zum Schränkchen, hockte sich hin und begann unter den Fläschchen und Schächtelchen herumzukramen. Seine Hände zitterten, und in der Brust und im Magen, hatte er ein Gefühl, als ob durch alle seine Eingeweide kalte Wellen liefen. Der Geruch von Aether, Karbolsäure und allerlei Kräutern, nach denen er mit seinen zitternden Händen griff und die er dabei verschüttete, benahm ihm den Atem.

– Ich glaube, die Mama ist weg – dachte er sich. – Das ist gut . . . gut . . . –

»Wird's bald?« fragte Njuta gedehnt.

»Sofort . . . Hier ist, glaub ich, das Morphin . . .« sagte Wolodja, der eben auf einem Etikett die Silbe »Morph.« las. »Hier, bitte!«

Njuta stand in der Türe so, daß einer ihrer Füße sich im Korridor und der andere in Wolodjas Zimmer befand. Sie richtete an ihrem Haar, doch ohne jeden Erfolg – so lang und dicht war es! – und blickte zerstreut Wolodja an. In ihrer weiten Bluse, verschlafen, mit aufgelöstem Haar, erschien sie Wolodja im trüben Lichte, das ins Zimmer von dem schon weißen, aber noch nicht von der Sonne beleuchteten Himmel fiel, bezaubernd und herrlich . . . Entzückt, am ganzen Leibe zitternd, mit unsagbarer Wonne daran denkend, wie er diesen herrlichen Körper in der Laube umarmt hatte, reichte er ihr die Tropfen und sagte:

»Wie sind Sie doch . . .«

»Was?«

Sie trat ins Zimmer.

»Was?« fragte sie, lächelnd.

Er schwieg und sah sie an und ergriff wie damals in der Laube ihre Hand . . . Sie aber betrachtete ihn lächelnd und wartete, was wohl noch kommen würde.

»Ich liebe Sie . . .« flüsterte er.

Sie hörte zu lächeln auf, dachte eine Weile nach und sagte:

»Warten Sie, ich glaube, jemand kommt her . . . Ach, diese Gymnasiasten!« sagte sie halblaut, zur Türe gehend und in den Korridor hinausblickend. »Nein, es ist niemand . . .«

Und sie kehrte zurück . . .

Wolodja war es, als ob das Zimmer, Njuta, das Morgengrauen und er selbst, als ob alles im Gefühl eines brennenden, ungewöhnlichen, noch nicht dagewesenen Glückes zusammenflösse, für das man sein Leben opfern und ewige Qualen erdulden könnte; aber nach einer halben Minute war schon alles vorbei. Wolodja sah nur das volle, unschöne, vor Ekel verzerrte Gesicht und fühlte auch selbst Ekel vor dem, was eben geschehen war.

»Ich muß aber gehen,« sagte Njuta, indem sie Wolodja angewidert musterte. »So häßlich, so jämmerlich . . . Pfui, garstiges Entenküken!«

So abstoßend kamen jetzt Wolodja ihre langen Haare, ihre weite Bluse, ihre Schritte und ihre Stimme vor! . . .

– Garstiges Entenküken . . . – sagte er sich, als sie schon fort war. – Ich bin in der Tat garstig . . . Alles ist häßlich. –

Draußen ging die Sonne auf, und die Vögel zwitscherten laut. Man hörte den Gärtner durch den Garten gehen und den Sand unter seinem Karren knirschen . . . Und etwas später erklang das Gebrüll der Kühe und das Spiel der Hirtenflöte. Das Sonnenlicht und alle diese Töne erzählten, daß es irgendwo in der Welt ein reines, schönes, poetisches Leben gibt. Wo ist es aber? Weder Mama, noch die andern Menschen, die ihn umgaben, hatten ihm etwas davon erzählt.

Als der Diener ihn zum Frühzuge weckte, stellte er sich schlafend.

– Zum Teufel damit! – dachte er sich.

Er stand erst nach zehn auf. Als er sich vor dem Spiegel kämmte und sein unschönes, nach der schlaflosen Nacht blasses Gesicht betrachtete, sagte er sich:

– Ganz richtig . . . Ein garstiges Entenküken. –

Als die Mama ihn sah, entsetzte sie sich, daß er nicht im Examen war, Wolodja aber erklärte:

»Ich habe verschlafen, Mama . . . Machen Sie sich aber keine Sorge, ich werde ein ärztliches Attest beibringen.«

Frau Schumichina und Njuta erwachten erst nach zwölf. Wolodja hörte, wie Frau Schumichina ihre Fenster mit Geklirr aufschlug, wie Njuta auf ihre rauhe Stimme mit schallendem Gelächter antwortete. Er sah, wie die Türe aufging und der lange Zug der Nichten und schmarotzenden Tischgäste (unter den letzteren befand sich auch seine Mama) zum Frühstück ging; er sah auch das frischgewaschene, lachende Gesicht Njutas und daneben die schwarzen Brauen und den Vollbart des Architekten, der eben angekommen war.

Njuta hatte ein kleinrussisches Kostüm an, das ihr gar nicht stand und sie plump erscheinen ließ; der Architekt machte dumme und abgeschmackte Witze; in dem Klops, den man zum Frühstück reichte, war, wie es Wolodja schien, viel zu viel Zwiebel. Es schien ihm auch, daß Njuta absichtlich laut lachte und immer zu ihm hinübersah, um ihm zu zeigen, daß die Erinnerung an die Nacht ihr nicht die geringsten Schmerzen mache und daß sie die Anwesenheit des häßlichen Entenkükens am Frühstückstische gar nicht bemerkte.

Gegen vier Uhr fuhr Wolodja mit der Mama zur Station. Die unsauberen Erinnerungen, die schlaflose Nacht, die bevorstehende Relegation, die Gewissensbisse – alles erregte in ihm einen schweren, düsteren Haß. Er betrachtete das magere Profil der Mama, ihr kleines Näschen, den Regenmantel, den ihr Njuta geschenkt hatte, und brummte:

»Warum pudern Sie sich? Das paßt sich doch nicht in Ihrem Alter! Sie schminken sich, bezahlen Ihre Kartenschulden nicht und rauchen fremde Zigaretten . . . das ist ekelhaft! Ich liebe Sie nicht . . . ich liebe Sie nicht!«

Er beschimpfte sie, sie aber bewegte erschrocken die Aeuglein, schlug die Händchen zusammen und flüsterte entsetzt:

»Was hast du, liebes Kind? Mein Gott, der Kutscher hört es ja! Schweig, der Kutscher hört es! Er hört jedes Wort!«

»Ich liebe Sie nicht. . . ich liebe Sie nicht!« fuhr er keuchend fort. »Sie haben keine Moral im Leibe, Sie sind herzlos . . . Unterstehen Sie sich nicht, diesen Regenmantel zu tragen! Hören Sie? Sonst reiße ich ihn in Fetzen . . .«

»Mein Kind, beruhige dich!« jammerte die Mama. »Der Kutscher hört es!«

»Und wo ist das Vermögen meines Vaters? Wo ist Ihr Geld? Sie haben alles durchgebracht! Ich schäme mich nicht meiner Armut, aber ich schäme mich, daß ich so eine Mutter habe! Wenn meine Freunde nach Ihnen fragen, muß ich jedesmal erröten.«

Mit dem Zuge hatten sie bis zur Stadt nur zwei Stationen zu fahren. Während der ganzen Fahrt stand Wolodja auf der Plattform und zitterte. Er wollte nicht in den Wagen gehen, da dort seine Mutter saß, die er haßte. Er haßte auch sich selbst, die Schaffner, den Rauch der Lokomotive und die Kälte, der er sein Zittern zuschrieb . . . Und je schwerer es ihm ums Herz war, um so stärker fühlte er, daß es irgendwo in dieser Welt Menschen gibt, die ein reines, edles, warmes und schönes Leben voller Liebe, Zärtlichkeit, Freude und Freiheit leben . . . Er fühlte es und grämte sich so sehr, daß einer der Fahrgäste ihn aufmerksam ansah und fragte:

»Sie haben wohl Zahnweh?«

In der Stadt lebten Mama und Wolodja bei Marja Petrowna, einer adligen Dame, die eine große Wohnung hatte und Zimmer vermietete. Die Mama hatte zwei Zimmer: in dem einen, dem mit den Fenstern, wo ihr Bett stand und an der Wand zwei Bilder in Goldrahmen hingen, hauste sie selbst, und im anschließenden kleinen und fensterlosen wohnte Wolodja. Hier stand das Sofa, auf dem er schlief, und andere Möbel gab es hier nicht: das ganze Zimmer war voller Kinderkörbe, Hutschachteln und allerlei Gerümpel, das die Mama aus irgendeinem Grunde aufhob. Seine Aufgaben pflegte Wolodja im Zimmer der Mutter, oder im »Gesellschaftszimmer« zu machen; so hieß ein großes Zimmer, in dem sich alle Mieter zum Mittagessen und in den Abendstunden versammelten.

Nach Hause zurückgekehrt, legte er sich aufs Sofa und deckte sich mit dem Mantel zu, um sein Zittern zu bewältigen. Die Hutschachteln, Körbe und das Gerümpel erinnerten ihn daran, daß er kein eigenes Zimmer, keine Zuflucht hatte, wo er sich vor der Mama, vor ihren Gästen und vor den Stimmen, die jetzt aus dem Gesellschaftszimmer drangen, verstecken könnte, und der Ranzen und die Bücher, die in den Ecken herumlagen, – an das Examen, das er versäumt hatte . . . Ohne jeden ersichtlichen Grund kam ihm plötzlich Mentone in den Sinn, wo er einmal als siebenjähriger Junge mit seinem verstorbenen Vater gewesen war; auch an Biarritz und die zwei kleinen Engländerinnen, mit denen er im Sande herumlief, mußte er denken . . . Er wollte sich die Farbe des Himmels und des Ozeans, die Größe der Wellen und seine damalige Stimmung in Erinnerung rufen, aber das gelang ihm nicht; die beiden kleinen Engländerinnen huschten wie lebendig durch seine Erinnerung, alles andere aber vermischte sich und verschwand . . .

– Nein, hier ist es zu kalt, – sagte sich Wolodja. Er stand auf, zog den Mantel an und ging ins Gesellschaftszimmer.

Im Gesellschaftszimmer trank man Tee. Am Samowar saßen dreie: seine Mutter, die alte Musiklehrerin mit dem Zwicker in Schildpattfassung, und Augustin Michailowitsch, ein älterer dicker Franzose, der an einer Parfümeriefabrik angestellt war.

»Ich habe heute nicht zu Mittag gegessen,« sagte Mama. »Ich würde gern das Mädchen nach Brot schicken.«

»Dunjascha!« rief der Franzose.

Es stellte sich heraus, daß die Hausfrau das Mädchen irgendwohin fortgeschickt hatte.

»Oh, das hat nichts zu sagen,« sagte der Franzose mit einem breiten Lächeln. »Ich gehe gleich selbst hin und hole Brot. Oh, das macht nichts!«

Er legte seine starke, stinkende Zigarre an eine sichtbare Stelle, setzte den Hut auf und ging. Als er draußen war, begann die Mama der Musiklehrerin zu erzählen, wie sie bei den Schumichins zu Besuch gewesen war und wie schön man sie dort aufgenommen hatte.

»Lilli Schumichina ist ja meine Verwandte . . .« sagte sie.

»Ihr verstorbener Mann, General Schumichin war ein Cousin meines Mannes. Und sie selbst ist eine geborene Baronin Kolb . . .«

»Mama, es ist ja nicht wahr!« sagte Wolodja gereizt: »Wozu die Lüge?«

Er wußte sehr gut, daß seine Mama die Wahrheit sprach; in ihren Worten über den General Schumichin und die geborene Baronin Kolb war nichts erlogen, und doch hatte er das Gefühl, daß alles Lüge sei. Er fühlte die Lüge in ihrer Manier zu sprechen, in ihrem Gesichtsausdruck, im Blick, in allem.

»Sie lügen!« wiederholte Wolodja und schlug mit der Faust so heftig auf den Tisch, daß das ganze Geschirr klirrte und die Mama ihren Tee verschüttete. »Warum erzählen Sie von den Generälen und Baroninnen? Alles ist Lüge!«

Die Musiklehrerin wurde verlegen und begann ins Taschentuch zu husten, als ob ihr etwas in die unrechte Kehle gekommen wäre, und die Mama brach in Tränen aus.

– Wohin soll ich nun gehen? – fragte sich Wolodja.

Auf der Straße war er schon gewesen; seine Freunde aufzusuchen, schämte er sich. Wieder kamen ihm unberufen die beiden kleinen Engländerinnen in den Sinn . . . Er schlenderte einmal von Ecke zu Ecke und ging dann ins Zimmer Augustin Michailowitschs. Hier roch es stark nach ätherischen Oelen und Glyzerinseife. Auf dem Tisch, auf den Fensterbänken und sogar auf den Stühlen standen eine Menge Fläschchen, Gläschen und Schälchen mit allerlei farbigen Flüssigkeiten. Wolodja nahm vom Tisch eine Zeitung, entfaltete sie und las den Titel: »Figaro« . . . Der Zeitung entströmte irgendein starker und angenehmer Duft. Dann fand er auf dem Tische einen Revolver . . .

»Beruhigen Sie sich, machen Sie sich nichts draus!« tröstete im Nebenzimmer die Musiklehrerin seine Mama. »Er ist ja noch so jung! In seinem Alter erlauben sich die jungen Leute oft zu viel. Da muß man schon ein Auge zudrücken.«

»Nein, Jewgenia Andrejewna, er ist allzu verdorben!« sagte die Mama in singendem Tone. »Er hat niemand über sich, und ich bin schwach und kann nichts ausrichten. Nein, ich bin wirklich unglücklich!«

Wolodja steckte sich den Lauf des Revolvers in den Mund, tastete mit dem Finger nach dem Hahn oder Abzug und drückte . . . Dann fand er noch einen anderen Vorsprung und drückte noch einmal. Er nahm den Lauf aus dem Munde, trocknete ihn mit dem Schoße des Mantels ab und besah sich den Mechanismus . . . er hatte noch nie im Leben eine Schußwaffe in der Hand gehabt . . .

– Ich glaube, man muß erst das da heben . . . – überlegte er sich. – Ja, wahrscheinlich so . . . –

Ins Gesellschaftszimmer kam eben Augustin Michailowitsch zurück und begann, laut lachend, etwas zu erzählen. Wolodja steckte sich den Revolverlauf wieder in den Mund, preßte ihn mit den Zähnen zusammen und drückte wieder mit dem Finger . . . Der Schuß krachte . . . Etwas schlug Wolodja mit furchtbarer Kraft in den Nacken, und er fiel auf den Tisch, mit dem Gesicht auf die Fläschchen und Gläschen. Dann sah er, wie sein verstorbener Vater im Zylinderhut mit breitem Flor, den er damals in Mentone, als er irgendeine Dame beweinte, trug, ihn plötzlich mit beiden Armen ergriff . . . Und sie flogen beide in irgendeinen finsteren, tiefen Abgrund.

Und dann vermischte sich alles und verschwand . . .

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