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Geschichten aus der Jugendzeit

Isabella Braun: Geschichten aus der Jugendzeit - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorIsabella Braun
titleGeschichten aus der Jugendzeit
publisherKarl Müller Verlag
addressErlangen
seriesDomino Buch
year
firstpub
illustratorChristian Manhart
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100313
projectid198bbe77
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Vom Schusserspiele

I.

Wieder war es Frühling geworden. Die Spatzen schrien in den schönen Finkengesang hinein und die Kinder jubilierten mit ihnen um die Wette. Am lautesten ging es allabendlich auf dem weiten Marktplatze vor Hauptmann Stenzels Kramladen zu, denn hier versammelte sich die ganze Ortsjugend zum »Schusserspiele«.

Der erste Ankömmling war jedesmal der lange Michel – ein wahrer Herkules in der Kinderschar, der sich über uns die Herrschaft angemaßt hatte. Keines muckste sich, wenn er mit kühner Handbewegung seinen Willen aussprach. Der lange Michel war breitschultrig und knochig; auch sein Gesicht ging in die Breite, am meisten der Mund, welcher sich beinahe zu den Ohren zog; diese standen weit ab, und machten das Gesicht noch breiter. Er hatte seine dunklen Haare tief in die Stirne gestrichen, daß sie fast mit den buschigen Augenbrauen zusammenliefen. In seinen katzengrauen Augen lauerten Hohn und Übermut. Er war recht garstig anzusehen, wenn er mit ausgespreizten Beinen so gewalttätig dastand, den vollen Schusserbeutel eingehängt im Knopfloch des Kittels.

Mit diesem Schusserbeutel trieb er einen rechten Hochmut. Wenn die Kinder ihre roten, aus Lehm gebrannten Kügelchen aus der Tasche zogen, lachte er verächtlich und kehrte ihnen den Rücken. War er einmal in besonders guter Laune, dann warf er unter die Schar seine bunten Steinkugeln, daß die Knaben und Mädchen darüber herfielen und sich abrauften. Das machte ihm Spaß und dann stieg er die Treppen zum Kramladen hinauf und füllte den Beutel von neuem.

Es hatte einige Tage anhaltend geregnet; der Marktplatz war leer geblieben und nichts war dort zu vernehmen, als Spatzengeschrei und Regen. Nun brach endlich die Sonne zwischen den Wolken hervor, der Wind kehrte die Gassen und schon am nächsten Tage war der Boden so schön trocken, daß man hätte glauben können, der Himmel habe nur einen großen Scheuertag gehalten, um alles recht sauber zu machen.

Kaum hatte die sechste Stunde geschlagen, als auch schon der lange Michel auf dem Platze stand, an jeder Seite des Kittels einen Schusserbeutel vorzeigend. Bald wimmelte es von Kindern, wir drei Geschwister eilten gleichfalls hinzu, mit dem Reichtum von je zwölf Steinkugeln in der Tasche, eine größere Zahl duldete die Mutter niemals.

Als wir anlangten, war das Spiel in lustigem Gange. Michel hatte mit seiner breiten Ferse die große Einwurfgrube gedreht und mit seinem dicken Daumen das kleine Grübchen, gewiß zehn Schritte entfernt. Er beherrschte die Hauptpartie; die Kinder bildeten aber noch kleinere Gruppen, wir gesellten uns zu Ernst und Louis, zu Lore, Bernhard und Domini, von denen der Vater zu sagen pflegte: »Ich wollte, meine Kinder wären so wohlgesittet, wie diese«, und so gab es ein friedliches, heiteres Spiel.

Anton besaß hierin eine besondere Geschicklichkeit, weshalb er oft vom Michel scheel angesehen wurde, denn er konnte es nicht ertragen, der »Zweite« auf dem Marktplatze zu sein, während er sich gar nichts daraus machte, in der Schule weit zurück zu sitzen. Heute spielte Anton noch mit seltenem Glücke, die andern dagegen mit etwas Nachlässigkeit, so daß er bald alle Kameraden ausgesäckelt hatte und ich das gewonnene Gut in die Schürze binden mußte.

Unser Spiel war zu Ende; Michels Gesicht rötete sich vor Zorn und Spott. Er richtete seine ungeschlachte Gestalt in die Höhe, trat vor Anton hin und sagte:

»Versuch's mit mir, Schloßbub! Die anderen können nichts, sonst hättest Du auch nichts gewonnen.«

Michel hatte damit des Knaben schwache Seite berührt. Er fühlte sich beschämt, seine Wangen loderten im Zorne und er rief:

»Was, ich könne nicht schussern? Das hat noch keiner vor Dir gesagt. Heraus mit Deinen Kugeln!

Ich zupfte ängstlich meinen Bruder am Röcklein und flüsterte: »O, laß Dich mit dem langen Michel nicht ein!« –

Der letztere hatte meine leisen Worte doch vernommen und rief höhnend:

»So, Schloßbub! Laß Dich vom Mädel heimführen, adjes!« –

Auf's höchste gereizt, rief Tony: »Schweig, Michel und probier's mit mir!« – Dann trat er auf den Standpunkt und warf seinen Schusser aus zur Probe, wer beginnen dürfe. Aber der Ärger machte den Wurf zu heftig, die Kugel rollte weit über das Ziel hinaus, während Michel es sicher traf. Die Kinder stellten sich um die beiden und da sie nur zu zweien spielten, warf der Übermütige gleich sechs Schusser in die Einlaggrube, Anton die gleiche Zahl: Michel nahm das Dutzend in seine breite Hand und warf sie gegen das Grübchen, und zwar so wohlbedächtig, daß sie sich ganz nahe darum scharten. Dann schob er mit seinem Zeigefinger einen nach dem andern hinein, nur dem letzten gab er einen starken Schub und sagte mit hönischem Gelächter: »Den sollst Du aus Gnad' und Barmherzigkeit haben.« Dieser Hohn verletzte Anton erst recht tief. Die Aufregung benahm ihm alle Sicherheit und beim zweiten, dritten und vierten Spiel ging es nicht besser. Nun grinste Michel: »Hast jetzt genug, oder geht's von neuem an, he?« -

Ohne Antwort warf Anton wieder aus, verlor wieder und so ging es fort, bis nicht nur alle gewonnenen Schusser verspielt waren, sondern auch noch die geborgten von den Kameraden. Nun sagte Michel:

»Bei Deinem Gewinn ist's nicht mit rechten Dingen hergegangen, Schloßbub!«

Da packte ihn Anton mit Wut und rief: »Es wird gleich nochmal angefangen! Annemarei, her mit Deinen roten Lehmkugeln, morgen lös ich sie aus, wenn sie verloren gehen.«

Und sie gingen verloren, alle, bis auf den letzten. Da erklang das Abendläuten, die Knaben zogen ihre Mützen und zerstreuten sich. Michel band seinen Gewinn in's blaue Schnupftuch und hielt es Anton mit den Drohworten vor Augen: »Morgen gilt's die Auslösung, oder! – Du verstehst mich!« Hierauf ging er stolzen Schrittes von dannen. Wir kehrten schweigend nach Hause zurück.

Der Abend war so lind, daß die Eltern noch auf dem Schloßbänkchen saßen. Bei unserer Ankunft begaben wir uns vereint zum Abendessen. Wir verhielten uns ungewöhnlich schweigsam, auch die Mutter war stille und seufzte ein paarmal. Dann sagte sie: »Wißt Ihr's schon, die alte Tyrolerwalburg ist elend daran. Wenn sie nur nicht ernstlich erkrankt.«

Wir erschraken und Sophiechen weinte sogleich. Das konnte der Vater nicht sehen. Er rief also: »Ich weiß eine bessere Nachricht. Am Samstag kommt der Onkel Anton!«

War das ein Jubel, der alle Sorge in die schönsten Hoffnungen umwandelte! Einen bessern, heiteren, freigebigern Onkel hatte die Welt nicht! Und so gingen wir mit den schönsten Kinderhoffnungen zu Bett, alles andere vergessend, als: »Der Onkel Anton kommt! –«

II.

Bevor ich in meiner Erzählung fortfahre, sei mir gestattet, meinen jungen Lesern eine neue Person vorzustellen.

Grüß Dich Gott, Tyrolerwalburg. Leibhaftig stehst Du vor meiner Erinnerung: über dem alten, schönen Gesichte den spitzen Hut mit der grünen Quaste, das bunte Tuch in die schwarze Jacke gesteckt, an derselben die glänzend blauen Glasknöpfchen; Du stehst vor mir in Deinem weiten, kurzen Rocke, mit roter Einfassung, auf dem Rücken den Handschuhkasten.

So sah die Walburg aus. Alljährlich kam sie und brachte Grüße von der ganzen Nachbarschaft. Sie war ein Familienstück. Ich glaube nicht, daß sie oft und lange in ihrer Heimat verweilte. Nachdem sie dort ihren Handschuhkasten gefüllt hatte, reiste sie immer umher, blieb da und dort, bei Grafen, Baronen und Beamten wochenlang, wußte alle Familiengeschichten, dutzte jeden, Vornehm und Gering, Mann und Frau. –

Nirgends wurde sie mit größerem Jubel begrüßt, und nirgends war sie mehr zu Hause und blieb länger, als bei uns, wo der Vater im Kutscherhause ihr ein behagliches Stübchen eingeräumt hatte und Nanny sie mit reichlicher Nahrung versah. Wie gerne lauschten wir ihren Zaubergeschichten, der Sagen ihrer Heimat und ihren Liedern! Und wie gar so wichtig war uns ihre Dose, mit der sie uns neckte. Darin befand sich kein Schnupftabak, sondern abscheulich riechendes Apothekerzeug, was zum Einatmen absonderlich gesund sein sollte. Da gab es stets ein Gelächter, wenn eines das Naschen rümpfte und doch steckten wir's von neuem hinein.

In diesem Jahr wurde das Kutscherhaus umgebaut. Wie nun die Tyrolerwalburg kam, wußte der Vater keinen bessern Rat, als sie bei einem Bauern einzuquartieren; die Mutter ließ den ledernen Armstuhl und das gute Bett dorthin tragen, denn die Walburg war sehr gealtert und bedurfte der Pflege. Zum Essen kam sie in's Schloß, oder sie kochte sich wohl auch selbst die Suppe, wenn das Unwetter sie in's Haus bannte. Die gute Alte hatte gar wenig Bedürfnisse. Wir hörten unsere Mutter oftmals sagen: »Mit zwanzig Groschen reicht sie mehr als eine Woche« und deshalb wohl gab sie ihr monatlich zwanzig solcher Stücke, denn sie blieb bei uns oft ein halbes Jahr lang und machte von da aus ihre Wanderung in's ganze Schwabenland.

Seit einigen Tagen war sie nicht in's Schloß gekommen, weil es, wie bereits erwähnt, so stark geregnet hatte. Als sie aber auch beim heutigen Sonnenschein ausblieb, ging die Mutter zu ihr und brachte die beängstigende Nachricht heim.

Nunmehr kann ich wieder zum weitern Verlauf dieser Geschichte zurückkehren.

Die Nacht, welche jenem Vorgang auf dem Marktplatz folgte, ward meinem Bruder von unruhigen Träumen gestört, wie er mir am Morgen erzählte. Er befühlte mit seiner Hand den heißen Kopf und sagte: er sei dumm von all dem Schussergerolle und den Zahlen. Sein Herz schlug unruhig; ich mußte meine Hand darauflegen und fühlte, wie stark es klopfte. Ich suchte ihn zu beruhigen, damit es die Mutter nicht merke, denn sie war jedem Spiele um Gewinn oder Verlust abhold. Nachdem er sich den Kopf mit kaltem Brunnenwasser gekühlt hatte, ging es besser und wir traten gemeinschaftlich den Schulweg an.

Plötzlich blieb Anton stehen, sah mir erschrocken in's Gesicht und sagte: »O, Bill! Mir geht ein Stich durch's Herz. Heute nach der Schule werden die Kinder ihre ausgeliehenen Schusser wollen und erst der lange Michel! – Woher soll ich sie nehmen? Du weißt, unsere Sparkasse hat die Mutter. Rechne einmal zusammen, ich will Dir's vorsagen:

15 dem Jörg,
12 der Müllerlore,
24 dem Bernhard,
15 dem Domini,
12 dem Ernst,
18 dem Baptist,
48 Lehmschusser, welche ich dem Michel gegen steinerne austauschen muß.«

Anton sah mich mit banger Erwartung an und hielt den Atem zurück; ich aber antwortete nur mit wahrem Entsetzen: »144«.

»Wie oft geht 6 in diese Summe?« –

»24 mal«, sagte ich ganz niedergeschlagen.

In größter Aufregung rief nun mein armer Bruder: »24 mal! Nein, ich kann heute nicht in die Schule! Ich kann das Gespötte nicht ertragen! Nein, ich geh nicht in die Schule!«

Diese Worte erschreckten mich namenlos. »Neben die Schule gehen« taten nur die nichtsnutzigen Kinder. Jetzt aber wollte Anton, mein eigener, leiblicher Bruder, auf den ich so stolz war, neben die Schule gehen! Das mußte ich verhindern. Ich sann nach und sagte: »Komm, ich weiß einen Rat. Nach der Schule sagst Du, daß Du die Schusser noch nicht hättest mitnehmen können, und sie abends auf dem Platz bezahlen werdest. Bis dahin ist's noch lang und es wird uns schon ein Ausweg einfallen!«

Nach beendeter Schulzeit kam es nun genau so, wie Anton gesagt hatte. Der lange Michel schrie ihm gleich entgegen: »Wo sind die Schusser, Schloßbub? Heraus damit und ehrlich bezahlt, – oder –.« Anton brachte nun stotternd die Ausrede hervor. Der Michel wollte sie nicht gelten lassen, aber alle andern Kinder erklärten sich damit einverstanden. Sie hätten ihm sogar gerne die Schuld geschenkt, denn wie oft hatte er ihnen geholfen; doch der boshafte Knabe ließ ihre Großmut nicht aufkommen und rief: »Weil ich gewonnen habe, treib ich die Schuld auch ein, verlaßt Euch darauf!«

Wir gingen die Schloßgasse hinab. Zum Glück war es ein Mittwoch, und es blieb uns wenigstens die kurze Frist.«

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