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Geschichten aus der Jugendzeit

Isabella Braun: Geschichten aus der Jugendzeit - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorIsabella Braun
titleGeschichten aus der Jugendzeit
publisherKarl Müller Verlag
addressErlangen
seriesDomino Buch
year
firstpub
illustratorChristian Manhart
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
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projectid198bbe77
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Der böse Golo

Die Schule war vorüber und es hatte für mich in dem großen Wohnzimmer die Strickstunde begonnen. Die Mutter saß an ihrem Plätzchen am Fenster; vor sich hatte sie einen Korb voll zerrissener Strümpfe, sie suchte dieselben aus, um die Mehrzahl zum Anstricken zurückzulegen, und viele davon gehörten mir. Die Mutter hatte mir eben ein Sündenregister vorgehalten, mich vor dem tollen Springen gewarnt, wobei Schuh und Strümpfe zu Grunde gingen. Ich beruhigte mein Gewissen, indem ich eifrig die elfte Reihe von meiner täglichen Aufgabe abstrickte. Schon näherte sich der kleine Strumpf dem Käppchen, wo die Reihen so angenehm eng werden. Mein Schwesterchen kannte noch nichts von diesen Leiden der Kindheit eines Mädchenlebens; Sophie spielte mit ihrer armen Puppe und wickelte dieselbe in's Bettchen, denn Anna-Marie war ernstlich krank; sie hatte einen gebrochenen Arm, ein großes Loch im Kopfe und erst vor kurzem war ihr zum Überfluß noch der Fuß amputiert worden. Da gab es den ganzen Tag viel zu tun für die unheilbar Kranke, welche so geduldig litt, nicht weinte und schrie, die strengste Diät hielt und obwohl sie bei Tag und Nacht kein Auge schloß, ein Muster der Ergebung war. An jedem Morgen stattete der Bader Heindl ihr seinen Besuch ab, nachdem er den Vater rasiert hatte, und belehrte die kleine Krankenwärterin, wie die Kopfwunde mit Charpie und Heftpflaster zu verbinden sei; einmal zog er mit seiner Sonde einen ganzen Knäuel heraus und Sophie weinte bitterlich darüber.

Gegenwärtig bildeten wir drei die ganze Versammlung im Wohnzimmer und ich war bereits an die letzte Tour gekommen; ich zählte die abgestrickten Maschen und berechnete bei jeder, wie viele noch zu stricken blieben, wodurch allerdings manche hohle Gasse entstand, ich aber große Fortschritte im Subtrahieren machte, und der mütterliche Verweis sich durch des Lehrers Belobung aufhob. Wer mag es mir also verübeln, daß ich weit lieber in die Schule ging, als des Nachmittags von vier bis fünf Uhr in der Familienstube strickte, während mein Bruder sich mit den Kameraden belustigte.

Ich war eben fertig geworden und reichte der Mutter meinen Strickstrumpf hin; während sie vom Fädchen aufwärts zählte – es war ein so glänzend himmelblaues Seidenfädchen! – ob das Dutzend auch voll sei, und während sie untersuchte, ob keine unglückliche Masche im Graben liege, sah ich neben ihr zum offenen Fenster hinunter. Plötzlich schrie ich mit hellem Jubel: »Anton, Ernst! Louis! ich bin auch fertig! ich komm!« – denn noch während des Strickens hatte es mir Sorge gemacht, wo ich die Kameraden wohl auffinden könne? Und jetzt waren sie so unerwartet in nächster Nähe. Die drei Knaben stürmten im Wettlauf einher und schlugen die Beine in die Höhe, daß ohne ihre Geschwindigkeit die Mutter mit ihrem klaren, braunen Auge ein großes Loch in Antons linkem Stiefel hätte sehen können. Nun verließ ich augenblicklich das Fenster, aber die Mutter hieß mich bleiben und die Wildfänge polterten bereits im langen Gange. Anton riß die Stubentüre auf und schrie fast atemlos um den andern zuvor zu kommen, denn oh! welch ein Vergnügen, welch ein Stolz ist es, Überbringer einer Neuigkeit zu sein! – »Mutter, Mutter! Die Komödianten sind wieder da!«

Auf gleiche Weise hatten wir im Frühlinge geschrieen: »Mutter, der Storch ist angekommen und klappert schon droben auf dem Schloßturme in seinem alten Nest!« denn welche Freude brachte uns dieser Frühlingsbote! Aber nicht minder große Freude eröffneten uns die Komödianten. All' die schönen Geschichten vom Gang nach dem Eisenhammer, von Genovefa, Ida von Toggenburg, vom Zauberer Faust wurden durch sie lebendig. Der Frühling war ein zu gewohnter Gast, er mußte kommen, mit oder ohne Storch, aber die Komödianten waren im vorigen Herbst ausgeblieben. Die Mutter hatte bei der Storchenbotschaft so fröhlich und freundlich gelächelt, sie lächelte überhaupt so gern und herzlich zu unserer Freude; doch jetzt überflog ein wehmütiger Ausdruck das liebe Gesicht. Sie wiederholte wie in Gedanken: »Die Komödianten« – dann fügte sie bei »und welche denn?«

Die Knaben riefen im Chor: »Heulands!« und Ernst sagte mit Wichtigkeit: »Ich hab die Kinder gezählt, als sie aus dem großen Wagen stiegen, alle elf sind's!«

»Nein, zwölf!« schrie Louis; »die Frau hat ein kleines auf dem Arme.«

Die Mutter seufzte und sagte vor sich hin: »Ein Schmerzensreich!«

Wir verstanden nicht, was die Mutter eigentlich damit sagen wollte, sondern dachten nur an den Schmerzensreich der Genovefa, und drängten uns an sie mit der Bitte, gewiß in die Genovefa gehen zu dürfen, wenn sie gespielt werde.

Nach Überbringung dieser Neuigkeit rief nun mein Bruder: »Kommt, wir wollen die Komödianten aufsuchen!« und hinaus stoben wir mit echtem Kinderjubel, während Sophie uns weinend bis zur Türe nachlief. Beinahe fühlte mein Herz ein Bedauern; ich kehrte noch mal zurück; aber ich wußte schon, daß die Mutter sie zu beruhigen verstand, das Schemelchen zu ihren Füßen zog, damit die Kleine sich bei ihr niederlasse und aus weißen Fleckchen Nachthalstücher für die kranke Puppe schnitt. O, wie gut paßten diese immer! sie hatten einen Ausschnitt am Halse.

Während dieser tröstlichen Beschäftigung trat Nanny herein, um nach vollendeter Küchenarbeit der Mutter am Nähtisch gegenüber zu helfen. Diese erhob ihre Augen und sagte zu Nanny unter einem leisen Seufzer: »Nanny, die Komödianten sind wieder da – Heulands.«

»Herr je!« rief Nanny und fügte bei: »Frau, da darf man gleich einen neuen, großen Tiegel kaufen; den alten haben sie zusamt den Dampfnudeln aufgegessen.«

Die Mutter achtete nicht auf diese Bemerkung, sondern fügte ihrer Neuigkeit bei: »Ein zwölftes Kind ist noch dazu gekommen.«

Nun vollendete auch Nanny ihren ersten Satz mit den Worten: »Auch noch ein Muspfännlein; unsere Kinter täten noch den Heißhunger von dem kleinen Schmerzensreich erben, wenn ich im nämlichen für sie kochte.«

Mutter und Nanny verstanden sich augenscheinlich und besprachen sich miteinander über die Ankömmlinge, während ich nun jubelnd den Kameraden folgte, um die Bekanntschaft der Komödianten zu erneuern. Da ging es in Sturmeseile die Schloßgasse entlang und wo wir einen Menschen sahen, riefen wir, ohne im Laufe innezuhalten: »Die Komödianten sind da!« »Wo? wo?« klang es dann wohl auch entgegen. »Beim Sonnenwirt!« und fort eilte die Schar, welcher sich auf dem Wege verschiedene Kinder, Knaben und Mädchen, anschlossen. Als wir beim Lammwirt vorbei rannten, rief unser Lehrer Mayer von der Schulhaustreppe herab: »Brennt's?« – und die Knaben schrieen im Chore: »Nein, aber die Komödianten sind da!«

»O weh!« kratzte sich der gute Lehrer hinter den Ohren und ging in die Stube, um seiner Frau die Nachricht zu erzählen. Jetzt durfte er eine Weile sich mit Geduld ausrüsten, der arme Herr Lehrer, und durfte auf Mittel sinnen, unsere Aufmerksamkeit zu fesseln.

Wir waren beim Sonnenwirt angelangt; wir drückten die Nasen an die Fensterscheiben, welche weit herabreichten, wir guckten neugierig in den Stall; wir stiegen die Treppe hinauf und wagten uns sogar an die Schlüssellöcher: aber keine Spur war von den Komödianten zu entdecken. Getäuscht schlichen wir aus dem Hause und wollten eben viel langsamer heimkehren, als Tony hoffnungsvoll rief: »In den Stadel! Dort steht der Komödiantenwagen!« Sogleich war er daselbst, erstieg die Deichsel und bog eben den rechten Fuß über das Wagengeländer, als er mit einem gellenden Schrei zurückprallte, und vor Schrecken die Deichsel verfehlte, also auf den Boden kollerte.

Der Schrecken hatte auch uns erfaßt. Mit dem gemeinsamen Worten: »Der arme Teufel!« rannten wir aus dem Schuppen, Tony raffte sich auf und lief uns nach. Es war auch in der Tat ein erschreckendes, langes, bleiches, finsteres Gesicht mit dicken Augenbrauen und kurzem struppigem Haare, das dem Eindringling plötzlich entgegenfuhr, und die schwarze Kleidung vervollständigte noch den Eindruck.

So wurde unsere Neugierde bestraft und wir hätten sie doch bei etwas mehr Geduld so leicht in nächster Nähe befriedigen können; denn kaum waren wir die Schloßgasse entlang gelaufen, als auch die ganze Komödiantenbande – Mann, Frau, zwölf Kinder, Schwäger und Schwägerinnen, Vetter und Base, durch die Angergasse sich dem Schlosse näherte, um ihrerseits die alten Bekannten aufzusuchen und sich bei dem Vater zu melden; ja einige davon trugen sogar bereits bunte Theaterkleider, die Blicke der Ortsbewohner auf sich zu ziehen, und ein roter, spanischer Mantel leuchtete schon von weitem, gleich der Kirchweihfahne. – Doch wir kamen nicht ganz zu spät.

Sehr enttäuscht kehrten wir Getreuen, die andern hatten sich auf dem Wege verlaufen, in den Schloßhof zurück. Dort am Kutscherhäuschen, auf dem Bänkchen, woselbst man am Feierabend sich zu versammeln pflegte: Bräuknechte, Mägde und Taglöhner, Gärtners und Hausmeisters, wo auch bisweilen die Mutter als guter Engel und Friedensstifter erschien, wenn Nanny ihr heimlich anvertraut hatte, was zu schlichten war, und wo der Vater wie aus Zufall, um nichts von seiner Amtswürde zu vergeben, vom Schloßgarten her einbog – dort erblickten wir den scharlachroten spanischen Mantel, der »schwarze Teufel« war vergessen, jubelnd stürzten wir herbei, drängten uns durch den Kreis und schrieen im guten Kindergedächtnis alle Namen von groß und klein, und welche seltsame, klassische, romantische Namen waren es! Da gab es eine Kleopatra, Elektra, eine Ismene; da gab es einen Drestes und Pyllades, und dazwischen auch eine Nepomuk, eine Babett und eine Kreszenz, welche reichere Paten als die ersteren aufzuweisen hatten. Dann folgte das kräftigste Händeschütteln und stürmisches Fragen, wann die Komödie anginge, und ein endloser Jubel bei der frohen Botschaft, daß sie am nächsten Sonntag mit der Genovefa eröffnet würde. Frau Heuland wiegte dabei ihr Kleinstes auf den Armen und sagte: »Da haben wir auch gleich einen Schmerzensreich dazu.«

Von nun an dachten wir nur an die Komödianten und flehten bei Vater und Mutter, mit Nanny am nächsten Sonntage in die »Genovefa« zu dürfen, was uns auch feierlich zugesagt wurde. Inzwischen hielten wir uns in den Freistunden beständig auf dem sogenannten Anger auf, anstatt jedoch unsere gewöhnlichen Spiele zu treiben, spionierten wir an der Gassenecke und sandten begierige Blicke nach den Komödianten aus. Wenn wir von weitem eine lange, schwarze Gestalt erblickten, so nahmen wir Reißaus und riefen: »Der Teufel! der Teufel!« Aus Tony's anfänglichem Scherze war beinahe bitterer Ernst geworden;, wir hatten uns selbst in Schrecken hineingejagt und die gefürchtete Person, gekränkt von der kindlichen Verhöhnung, sah bei solchen Gelegenheiten allerdings finster und erschreckend aus.

Freundlicher gestaltete sich unser Verhältnis mit den Frauen. Diese kamen häufig in's Schloß und verließen dasselbe jedesmal reichlich beschenkt aus der Schloß- und Bräuhaus-Küche. Dies erhöhte zwar unser Mitleiden, aber verringerte unsere Achtung, bis dieselbe plötzlich wieder gehoben wurde; denn eines Tages brachte Frau Heuland wunderschöne Papierblumen, eigenes Fabrikat, und da wir niemals im Schloßgarten solch' große, buntgestreifte Nelken, solch glänzend rote, volle Purpurrosen gesehen hatten, erweckte dieser Anblick in uns die höchste Bewunderung, um so mehr, als die Blumen wirklich dufteten.

Endlich war der heißersehnte Sonntag gekommen, ein langer Tag, denn unser Sinn richtete sich auf den Abend. Als die anberaumte Stunde sich nahte, brauchte Nanny uns nicht erst zusammenzurufen, wir harrten ihrer bereits mit Verwalters Buben vor der alten, langsamen Uhr und verfolgten den Minutenzeiger mit klopfendem Herzen; ach, sie pochten viel rascher, als ihr tick, tack; kein Wunder, die Uhr durfte ja nicht in die Genovefa gehen! Als sie nun sechs Uhr schlug, klang es uns wie Musik; wir rissen die Türe auf und schrien der Nanny. Da war sie schon; sie kannte ja unsere heiße Sehnsucht, ich glaube, sie teilte dieselbe. Stürmisch eilten wir zur Mutter, umschlangen ihren Hals und küßten sie zum Lebewohl; dann horchten wir nicht mehr auf ihre Ermahnungen, fort ging's an Nanny's Seite im Eilschritt bis zum Sonnenwirt.

Wir traten in den dunklen Saal, und o, wie geheimnisvoll wirkte dieses auf uns! Es entrückte die kindliche Fantasie aus der Gegenwart in die Ritterzeit. Wir saßen mäuschenstille ganz vorne, natürlich auf dem ersten Platze. Nach einer halben Stunde wurde der Saal beleuchtet, die Kerzen widerspiegelten sich an den blanken Blechtafeln, welche in reicher Zahl die Seitenwände schmückten. Zu unterst am Vorhang glänzten dicht aneinander eine Reihe von Öllämpchen, man konnte das herrliche Gemälde ober ihnen sehen und deutlich unterscheiden, und jetzt begannen die Geiger von Ober-Knöringen, – eine vollständig musikalische Kolonie – und dann – dann klingelte es, der Vorhang ging auf!

Nunmehr zog die ganze, schöne Geschichte, wie der liebe Christoph Schmid sie beschrieben hatte, wahrhaftig und lebendig an uns vorüber; es geschah vor unsern eigenen Augen; wir erblickten hier die sanfte, fromme Genovefa, aber auch den bösen und grausamen Golo. Er war's, der Schwarze; er war also wirklich ein schlechter, böser Mensch, wir hatten ihm nicht Unrecht getan. Welch grimmige, satanische Gesichter er schnitt, welches teuflische Hohngelächter über seine dünnen Lippen quoll, wie unerbittlich er blieb bei Genovefa's Verstoßung. Je heißer unsere Tränen um dieselben rannen, desto höher loderte der Zorn gegen den bösen Golo empor. Ich sah, wie Tony an meiner Seite die Hand ballte und wie Ernst mit den Zähnen knirschte. Mich wundert es heute noch, daß wir ruhig sitzen blieben und nicht den ganzen Vorgang hinderten.

Jeder meiner Leser kennt Genovefa's Geschichte, und kann sich also in unsere Gefühle hineindenken.

O, das schöne, schöne Ende! Es beruhigte unsere Herzen, als der Graf im Triumphe die holdselige Gattin mit dem kleinen Schmerzensreich in seine Burg zurückführte. Wir überschütteten zu Hause auch die Eltern mit unserem Entzücken und erzählten, bis die Mutter uns gewaltsam zu Bette brachte. Das Erlebte verfolgte uns bis in den Traum. Immer war es der böse Golo, welcher sich über das Bett neigte, uns grausam aus dem Mutterarm riß, die gute Nanny bei Seite warf und mit uns aus dem Schloßhof in den kalten, dunklen Wald floh, wo allerlei wilde Tiere auf uns lauerten. Wir schrien einigemale laut empor, daß die Mutter kam und uns beschwichtigte. Beim Erwachen hatte sich deshalb unsere Abneigung gegen den schwarzen Komödianten gesteigert und wir gaben ihm den Namen Golo.

Am Morgen nach diesem Theaterbesuche hatte der gute Lehrer Mayer seine liebe Not mit der Schuljugend. Er versuchte vergeblich alles, unsere Aufmerksamkeit zu fesseln; die Mehrzahl beobachtete nicht einmal die pflichtschuldige Ruhe und die Kinder in den ersten Bänken waren namenlos zerstreut. Eines flüsterte dem andern etwas zu; die Augen der Mädchen flossen jetzt noch über aus Mitleid mit der blondhaarigen Genovefa, die Knaben jedoch wüteten gegen den schändlichen Golo, mein Bruder aber lenkte den Zorn aus dem Reiche der Phantasie in das Reich der Wirklichkeit, auf denjenigen, welcher den Golo gespielt hatte.

Als wir das Schulhaus verließen, sammelten sich große Gruppen um Anton, ihm zur Seite standen Ernst und Louis. Mein Bruder hielt eine entrüstete Rede und schloß mit den Worten: »Dem wollen wir's eintränken, Buben!« und sie ballten die Fäuste gegen das Sonnenwirtshaus.

Louis, welcher ein paar Jahre älter und sehr ruhigen Wesens war, schüttelte den Kopf und sagte beschwichtigend: »Seid doch vernünftig! Der arme Komödiant hat's ja nicht selber getan und nur so gespielt, wie's in der Geschichte steht! Was kann denn der dafür, daß es vor Zeiten einen bösen Golo gegeben hat!«

Statt zu beschwichtigen, schürte diese Verteidigung nur die Entrüstung zur vollen Glut. Anton rief: »Vernünftig? Wir sind nicht so dumm, daß wir den Komödianten für den wirklichen Golo hielten. Wenn er aber nicht gerade so grausam wäre, wie der rechte Golo, so könnte er keine so teuflischen Gesichter schneiden und ein solches Hohngelächter aufschlagen. Man sieht's ihm an, welche boshafte Freude er daran hat, kleine Kinder umzubringen, ja, wenn er könnte, gewiß tät er alle Kinder in Jettingen umbringen, ja, ja, der wär's im Stand. Antwort – warum spielt er denn so schlechte Rollen, wenn ihm die guten lieber sind? »Nun, einer muß doch den Golo spielen, sonst kann man die Genovefa gar nicht aufführen. Wartet's nur ab, das nächstemal spielt er vielleicht den heiligen Johannes von Nepomuk.«

Louis Antwort wirkte wunderbar. Die ganze Schar dachte nur mehr an das neue Theaterstück und hatte den Golo für den Augenblick vergessen. Sie verließen Anton und schloßen sich Louis an, welcher gemütlich die Angergasse hinabschlenderte, um ihn auszufragen, was er von dem neuen Theaterstück wisse. Nur Ernst war bei Anton geblieben; die beiden tauschten Blicke des Einverständnisses und drückten sich als Bundesgenossen die Hände.

Von jetzt an gingen die beiden Kameraden ihren eignen, heimlichen Weg. Vor allem erkundschafteten sie des Golo Wohnung. Er hatte sich bei der alten Kapplerin in deren Hofstübchen eingemietet und war dadurch allen Beobachtungen völlig unzugänglich, denn die Alte wußte jeden neugierigen Blick von ihrem Hof und Fenster fern zu halten. Dieser Umstand ärgerte die beiden Kameraden nicht wenig und steigerte ihre Erbitterung gegen den Komödianten. Tony sagte zu Ernst: »Zu was braucht er die Heimlichkeiten, wenn er kein böses Gewissen hat? Mein Vater sagt oftmals: Die Tugend versteckt sich nicht vor dem Lichte, wohl aber das Laster. Gleich und gleich gesellt sich gern! Die Kapplerin ist gerade auch so eine Heimlichtuerin.«

Auf diese Weise argumentierte mein Bruder, als die beiden höchst verdrießlich von ihrer Entdeckungsreise zurückkamen. Der andere Tag brachte ihnen reiche Entschädigung. Zur Mittagszeit kamen aus der Angergasse dem Schloßgarten entlang zwei Komödianten und bogen richtig beim Kutscherhäuschen in den vorderen Schloßhof, wo die Ökonomiegebäude standen und die Brücke zum Tor führte. Gerade vor demselben zog sich ein hölzerner Gang links zum Turmerker, wo sich das Bräuhäuschen befand.

Dahin schritten die beiden Männer. Es war der Herr Theaterdirektor Heuland selbst und ihm zur Seite ging der lange, spindeldürre Golo, den schwarzen Frack fest über die Brust zugeknöpft, daß auch nicht ein weißes Hemdstreifchen zu sehen war, wieder ein Posten in seinem Sündenregister! Sein hoher, schwarzer Hut auf den kurzgeschoreren schwarzen Haaren, die hervorstehenden großen Ohren, die eng anliegenden schwarzen Beinkleider und der dicke Knotenstock vereinten sich zu einem allerdings abstoßenden Bilde besonders für Kinderaugen, während der Herr Direktor so lustig aussah und die langen Zipfel seines roten Halstuches um sein Gesicht flogen.

Nun triumphierten die Knaben. Die Bräumeisterin war eine gar heitere, gute Frau und hatte die Schenke in Pacht. Dadurch kam auch der Vater mit derselben in beständigen Verkehr und wir gingen in der Schenkstube aus und ein wie zu Hause. Nach diesem ersten Besuche kamen die beiden täglich und nahmen dort ihre Mahlzeit ein. Der Vater erzählte bei Tisch lachend von ihnen und konnte sich nicht genug über den plauderhaften Heuland verwundern, der in einem fort an den griesgrämigen Gesellen hinschwätzte, welcher kaum nicke oder den Mund verziehe, und täglich wiederholte der Vater: »Nein, das ist mir geradezu unbegreiflich.«

Wir merkten es nur zu deutlich, auch der Vater schüttelte über Golo den Kopf und ging nur seinetwegen täglich in die Schenkstube, wo er in seiner heitern Art die Bräumeisterin neckte, im Grunde aber auf die Komödianten horchte, wohl auch mit dem Direktor sich in's Gespräch einließ.

Einmal sagte er: »Mich wundert nicht, daß der Schwarze« – dann unterbrach er sich und schaltete ein – »aber wie heißt er nur?«

»Golo!« schrien wir aus vollem Halse.

Der Vater lachte hell auf und sagte: »Wahrhaftig der Name paßt zu ihm, also mich wundert nicht, daß der Golo so mager ist. Einen Tag um den andern verzehrt er nur ein Stück Käs und trinkt sein Krüglein Bier dazu, während der andere sich's wohl schmecken läßt, trotz seiner zwölf Kinder. Wie wär's Nanny, wenn man sie einmal wieder ordentlich mit Dampfnudeln abfütterte?« Dann wendete sich der Vater zur Mutter und fügte bei: »Am Sonntag wird der Gang nach dem Eisenhammer gegeben. Ich hab dem Direktor Heuland versprochen, daß Du mit den Kindern in's Theater gehst; ich will den Eintritt allen Schloßknechten und Mägden bezahlen, dann bekommen sie doch eine ordentliche Einnahme und die Leute haben auch ein Vergnügen.«

Wir jubelten in unsern kleinen Herzen hoch auf und wären dem Vater am liebsten um den Hals gefallen, doch befand er sich bereits unter seiner Schlafzimmertüre, wo er auf dem Sofa sein Mittagschläfchen zu halten pflegte und ihn niemand stören durfte. Ganz gegen ihre Gewohnheit folgte ihm heute die Mutter und wir hörten sie flüstern. Aber wir vernahmen die Worte: »Papa, es ist mir gar nicht recht, daß die Kinder am Sonntag schon wieder in's Theater sollen. Es regt sie nur auf und sie hören da Sachen, welche ihre harmlose Kindlichkeit stören.«

Der Vater war augenscheinlich etwas verdutzt und sagte beschwichtigend: »Aber der Gang nach dem Eisenhammer ist doch ein ganz moralisches Stück, Mutter; das wird ihnen nichts schaden.«

»Für Erwachsene ist's ganz gut, nicht so für Kinder. Hättest Du nur neulich gehört, wie der Tony in Wut über den Golo geriet; die ganze Woche denkt er an nichts anderes.«

Jetzt klang des Vaters Stimme laut und heftig: »Und ist es was Schlimmes, wenn der Bub über das Laster empört wird? Er soll nur in seiner frühesten Jugend eine gründliche Verachtung der Lüge, Heimtücke und Grausamkeit in sich aufnehmen, das stempelt ihn zum braven Mann!«

Wir nickten uns zu, wir hatten genug gehört. Es war ein Strom Wasser auf unsere Mühle. Freilich verstanden wir den Vater nicht richtig; wir dachten nur dabei an den armen Komödianten und nicht an das Laster selbst, gegen welches der Vater aufbrauste. Mit einem wahren Jubel sprangen wir in den Hof, und teilten die frohe Neuigkeit mit. Wir wußten schon, was der Vater einmal versprochen und im Kopfe hatte, dies geschah.

Wir konnten kaum den Sonntag erwarten. Nach der Kirche sprangen wir zum Sonnenwirtshaus, wo die Theaterzettel angeklebt waren, streckten unsere kleinen Gestalten und lasen mit Entzücken: der Graf von Savern, die Gräfin, Fridolin, der Jäger Robert, Eisenhammerknechte. Und zuletzt noch die gute Nachricht, daß es fünf Aufzüge habe.

Endlich, endlich brach der Abend an. O, wie grausam langweilig war heute einmal wieder unsere Uhr gewesen, wie hatte sie uns geneckt und getäuscht! Ich muß nämlich eine Schwäche meiner alten Freundin bekennen. Jetzt noch kommt mir ihr Stunden- und Viertelstunden-Schlag vor wie ein altes Ehepaar, welches seine Erlebnisse erzählt: der Mann – ernst, bedächtig, genau und haarscharf; die Frau hingegen mit etwas Phantasie, bisweilen unpünktlich und voraus eilend. Meine Uhr hatte schon damals ihre jetzige Gewohnheit, z. B. beim Abschlagen der vier Viertelstunden gleich das nächste Viertel mitzunehmen und fünf mal zu schlagen, wodurch ihr künftiger Schlag dem Zeiger vorauseilte, bis die Mutter am untern Schnürchen zog und sie wieder in Ordnung brachte.

An jenem erwähnten Sonntage verwirrte uns die Uhr, bis die Dämmerung am allerdeutlichsten verkündete, daß es Zeit werde, sich für den Gang zum Eisenhammer in Bereitschaft zu setzen.

Diesesmal war das Vergnügen ein vollkommenes; wir schritten zwischen Mutter und Nanny dahin, das ganze Ökonomie-Gesinde des Schloßes war bereits auf Vaters Rechnung voraus geeilt, der Vater selbst stand vergnügt unter dem Tore und schaute uns lächelnd nach. Wir füllten im Theater die zwei ersten Reihen, denn auch Oberamtsmanns Rudolf und Marie mit der alten Fränzi, so wie Verwalters Buben hatten sich uns angeschlossen. Der Schulgehilfe Herr Johann Steinle führte die beiden Lehrerskinder an der Hand, Hauptmann Stenzel, Müllers Leonore und Sternwirts Bernhard gehörten ebenfalls zu den Honoratioren und besetzten den ersten Platz.

Die Ober-Knöringer Musikanten begannen zu geigen, dann erscholl das Glöckchen und der Vorgang ging auf.

Ich brauche den Inhalt dieses Theaterstückes nicht zu erzählen. Wer von meinen Lesern kennt nicht Schillers wunderschöne Ballade, wo es heißt:

»Ein frommer Knecht war Fridolin
Und in der Furcht des Herrn
Ergeben der Gebieterin
Der Gräfin von Savern.
Sie war so sanft, sie war so gut,
Doch auch der Launen Übermut
Hätt' er geeifert zu erfüllen
Mit Freudigkeit, um Gotteswillen.

Früh von des Tages erstem Schein
Bis spät die Vesper schlug,
Lebt er nur ihrem Dienst allein,
Tat nimmer sich genug.
Und sprach die Dame: »Mach Dir's leicht«,
Da ward ihm gleich das Auge feucht,
Er meinte seiner Pflicht zu fehlen,
Dürft er sich nicht im Dienste quälen.

Drum vor dem ganzen Dienertroß
Die Gräfin ihn erhob,
Aus ihrem schönen Munde floß
Sein unerschöpflich Lob. –
Sie hielt ihn nicht als ihren Knecht,
Es gab sein Herz ihm Kindesrecht,
Ihr klares Auge mit Vergnügen
Hing an den wohlgestalten Zügen.

Darob entbrannt in Roberts Brust,
Des Jägers, gift'ger Groll,
Dem längst von böser Schadenslust
Die schwarze Seele schwoll.
Er trat zum Grafen, rasch zur Tat,
Und offen des Verführers Rat,
Als einst vom Jagen heim sie kamen
Streut ihm in's Herz des Argwohns Samen.«

Und wie es dann weiter heißt, was jeder lesen kann, wenn ihm's entfallen sein sollte und was im selbigen Theaterstücke genau wiedergegeben wurde. Wir folgten mit gespannter Aufmerksamkeit dem Verlauf, wie der heimtückische Robert dem Grafen anrät, Fridolin zum Eisenhammer zu schicken, vorher den Knechten zu befehlen, daß sie den ersten Ankömmling, der frage, ob sie des Herrn Gebet befolgt hätten, in die Glut des Eisenhammers werfen. Wie der fromme Fridolin aber auf dem Wege dahin an der Feldkapelle vorüberkam und dort den Ministranten machte; wie er sich auf diese Weise verspätete; wie es den bösen Robert nicht mehr daheim litt, wie er zum Eisenhammer ging und frug, ob sie des Herrn Befehl bereits vollzogen hätten?; wie er dort vor dem frommen Fridolin anlangte und die Knechte also Robert für den Rechten hielten, ergriffen und in die Glut warfen, so daß Fridolin gerettet war, der Graf aber ausrief: »Gott selbst im Himmel hat gerichtet!«

Wahrhaftig, der böse, schändliche Jäger Robert war wieder kein anderer als Golo, der Schwarze, der Teufel! Diesmal erschien er uns noch boshafter und die gerechte Strafe noch einleuchtender. Jetzt war es eine erwiesene Sache, der schwarze Komödiant spielte mit Lust und Behagen immer die Rollen der Schlechten und Tückischen. Was konnte Louis noch dagegen aufbringen? Und als er dennoch sein Verteidiger blieb, ließ er nach Verlauf des nächstfolgenden Theaters den Kopf hängen. Wir durften freilich nicht mehr herein, hörten aber von Gärtners Xaver, welcher dort gewesen war, man habe den heiligen Johannes von Nepomuk gegeben. Es war noch nicht lange her, daß der Lehrer uns dessen Legende vorgelesen hatte. Wir wußten also genau, König Wenzel hatte dem Heiligen das Beichtgeheimnis entlocken wollen und weil dieser standhaft geblieben ist, ihn zum Wassertode verurteilt. Wer aber hatte die Rolle des grausamen Wenzel gespielt? Kein anderer als Golo, der Jäger Robert, der Schwarze, der Teufel. Seine Verbrechen häuften sich und unsere Feindschaft sann auf Rache.

Von nun an verzweigte sich die Verschwörung in der ganzen Schuljugend; Mädchen und Knaben nahmen daran Teil, nur Louis schloß sich standhaft aus.

Wir spionierten emsig und trugen alles dem Oberhaupte, meinem Bruder Anton, zu. Dieser verzeichnete es sodann in einem Buche, dessen Deckel er mit schwarzem Papiere beklebte, und dabei erzählte er uns wunderbare Sachen vom Fehmgericht. Eines Tages schritt er in unserer Begleitung ganz erhitzt in die Wohnstube, wo die Mutter wieder einmal unsere durchlöcherten Strümpfe flickte. Louis war auch dabei, aber er kam ganz zuletzt. Anton konnte vor Erregtheit kaum sprechen, auch war er in größter Eile die steile, große Treppe heraufgelaufen. »Was gibt's?« fragte die Mutter ganz erschrocken, und Tony rief: »O Mutter, der schwarze Komödiant, der Golo.«

»Schon wieder!« unterbrach ihn die Mutter ärgerlich, aber doch im Herzen beruhigt und wendete ihre Aufmerksamkeit der Arbeit zu. Anton ließ sich jedoch von diesem entmutigenden Zeichen ihrer Teilnahme nicht abhalten, sondern haspelte seine Geschichte heraus von einer ganz empörenden, unmenschlichen Grausamkeit des Schwarzen, der seine Wut und Bosheit an der grauen Katze der Kapplerin ausgelassen habe, weil er die Kinder nicht erwürgen könne! Ja, ja, so sei's, er habe das kleine, liebe Kätzlein grausam gegen die Mauer geschleudert.

Da schlug die Uhr fünfmal. Die Mutter blickte erstaunt empor; es konnte doch nicht schon fünf sein? Nein, wieder war's der voreilige Viertelstunden-Schlag gewesen und richtig schlug es ernst und langsam vier mal nach; also vier Uhr.

Jetzt sagte die Mutter zu Anton: »Hast es gehört? Gerade so vorschnell ist Deine Zunge.« – Anton wurde bis über die Ohren rot, und die Mutter fuhr in ihrer Rede fort. »O Kinder, Kinder! Wie oft habe ich's Euch gesagt, und wie oft muß ich's wiederholen: verschont mich mit solchen Reden. Ich will nichts Schlimmes von meinen Nebenmenschen hören und nichts Schlimmes glauben. Ja, wenn Ihr mir etwas Gutes von ihnen zu erzählen habt, so kommt eilig; das will ich hören und glauben. Wie mögt ihr nur so feindselig sein gegen den armen, ausgehungerten Menschen! Ich liebe alle, alle Menschen; Friede, Friede ist mein Losungswort und Element.«

»Aber Mutter, die Katze« – begann Tony wieder; nun fiel ihm Louis ärgerlich in's Wort: »Es war ja gar keine Katze, es war ein toter Ratz, der vor seiner Haustüre lag; natürlich hat er das ekelhafte Ding beiseite geworfen! Ja, ich hab's selbst mit angesehen.«

»Ich auch!« rief Anton und fuhr ergrimmt auf den Kameraden zu.

Louis fiel wieder in seine ihm angeborene Ruhe zurück und fügte bei: »Ja, ja, aber ich sah die Katze vom Sternwirt herüberspringen und zwar mit einer Wurst im Maul.«

Alle lachten; Anton jedoch grollte: »Du nimmst immer den Komödianten in Schutz. An dem ist das Mitleid verschwendet; er sieht aus purem Geiz so verhungert aus. Schau einmal den Direktor dagegen an; der läßt sich's schmecken.« Die Mutter seufzte; Anton jedoch fuhr fort: »Seit acht Tagen kommt der Schwarze nicht einmal mehr in's Bräuhausstübchen und gewöhnt sich das Essen ganz ab. Ihr mögt in allen Wirtshäusern herumfragen, nirgends kehrt er ein.«

Die Mutter hatte nun endlich genug an dieser Szene und rief: »Schweig, Anton; ich will jetzt kein Wort mehr hören, oder Du gehst da hinein in's Turmzimmer und stellst Betrachtungen über Dich selbst an. Ich sage es Euch nochmal, Kinder, daß Ihr mir den armen Mann in Ruhe laßt.«

Wenn die Mutter auf diese Weise sprach, wußten wir, daß es bitterer Ernst war. Wir schlichen uns davon; der Aufenthalt im Turmzimmer bot eine zu unerfreuliche Aussicht auf Strafarbeiten und geschmälertes Abendessen.

Es verstrichen einige Tage; wir sprachen vor der Mutter nicht mehr von Golo, desto mehr jedoch untereinander, mit Ausschließung von Louis. Ein bestimmter Tag, der nächste Mittwoch, wo wieder Theater gespielt werden sollte, ward zu einer Zusammenrottung auf dem Anger anberaumt. Der Verurteilte pflegte zur Vorstellung immer diesen einsamen Weg zu gehen und bei dieser Gelegenheit sollte er förmlich »Spießruten« laufen, ein beliebtes Spiel, welches wir im bittern Ernste treiben wollten.

Dieser Nachmittag war angebrochen. Wir vollendeten im Turmzimmer bei offener Tür unsere Aufgaben. Da kam gerade Nanny in's Wohnzimmer und rief mit einem Jammertone: »O Frau! Was habe ich gehört! Denken Sie sich, bei Nussers soll ein schreckliches Elend sein. Wissen Sie, Zimmermanns, die im Gnadenhäusle droben bei den Hopfengärten wohnen. Er ist in Burgau vom Dach gefallen und kann seitdem nichts arbeiten; die fünf Kinder aber sind alle krank; kein Mensch geht in's Haus, denn jeder meint, sie hätten das Nervenfieber und ist froh, daß sie am End' des Ortes wohnen. Es ist aber kein Sterbenswörtchen davon wahr; gerad hat mir's der Bader Heindl gesagt: hungerskrank sind sie, Frau! Da soll einem nicht das Herz vor Mitleid brechen.«

Die Nanny schluchzte in die aufgehobene Schürze hinein und wir standen bereits an ihrer Seite, indem wir die Mutter baten, gleich mit hingehen und den Korb voll Lebensmittel tragen zu dürfen. Die gute Mutter stand augenblicklich von ihrem Platze auf, ging mit Nanny in Keller und Speisekammer, bepackte den großen Tragkorb, jedes schob den Arm in den Reifen, wir drängten fort. Aber die Mutter suchte auch noch alte Kleidungsstücke zusammen, wickelte dieselben um eine Weinflasche, nahm sie unter den Arm und schritt mit uns dem »Gnadenhäusle« zu.

Wir traten unbemerkt ein; aber – unser Atem stockte beim ersten Anblick. Auf dem Strohsacke ruhte der bleiche, kranke Joseph Nusser, der Zimmermann; mitten in der Stube saß auf niederer Bank niemand anders als Golo; in seinen Armen lag das kleinste Kind, er schaukelte es und sah unendlich liebevoll auf den Schreihals, während er zur weiteren Beschwichtigung sanfte Worte flüsterte. Zu Golo's Füßen kauerten drei Kinder; jedes biß in ein Stück Brot, während es in der andern Hand das abgeschnittene Stückchen einer geräucherten Wurst hielt, um das magere Essen durch winzig kleine Abbisse schmackhafte zu machen. Der übrige Wurstteil, nur das Zipfelchen, nebst dem Messer lagen auf Golo's Knie.

Die Nusserin trat eben mit der Schüssel voll Brotsuppe aus der Küche und hätte bei unserm Anblicke dieselbe vor Überraschung beinahe fallen lassen. Der Komödiant wendete den Kopf zur Tür und sprang auf. Die Mutter verstand augenblicklich die ganze Szene und blickte uns mit bedeutsamen Augen an, daß unserm Herzen eine Ahnung auftauchte und wir zitterten. Jetzt kam eben noch das älteste Mädchen mit dem Kruge und die Verwirrung war grenzenlos. Doch unsere Mutter verstand es durch lange Übung mit solchen Leuten umzugehen.

Sie grüßte gar so freundlich und erklärte, daß sie durch Nanny eben erst von ihrer traurigen Lage gehört habe und nun mit den Kindern hergekommen sei, dem abzuhelfen. Dabei packte sie sogleich den Korb aus; die Nusserin schlug die Hände zusammen und rief: »O, freilich, ein Elend ist's und wir wären schon längst verhungert, wenn nicht der Herr Weigand dort uns geholfen hätte. O schauen's – er ist selber ein armer Mensch und spart sich den Bissen vom Mund ab, nur um unsere Kinder zu ernähren und gönnt sich keinen Trunk Bier, damit mein armer Mann sich daran stärkt. Dabei tut er noch, als ob nichts daran war, und bittet um Erlaubnis, daß er von der Margareth dort sein Essen und Trinken herholen lassen dürfe. Jawohl, sein Essen, sehen's nur, was ihm von der Wurst geblieben ist! Gott im Himmel vergelt's ihm tausendmal. Es ist ein Kinderfreund und unser Herr Jesus wird's ihm segnen. Alles Geld hat er schon hergegeben und wenn wir jammern, daß ihm nichts bleibt, so vertröstet er uns auf sein »Benefizium«, die Theatervorstellung zu seinen Gunsten. Wahrhaftig, er ist fast so fromm, wie unser Herr Benefiziat und verdient schon, daß er auch eines hat.«

So plauderte die Nusserin im Überwallen des dankbaren Herzens, und wiegte nun ihr Kind auf den Armen, nachdem sie die Suppenschüssel niedergestellt hatte. Die Mutter ging tief ergriffen auf Herrn Weigand zu und streckte ihm die Hand entgegen. Mein Bruder raffte sich tapfer auf, näherte sich dem Komödianten, wollte sprechen, brach aber in lautes, krampfhaftes Schluchzen aus, in welches ich sogleich einstimmte.

Was dies bedeuten sollte, wußten außer uns nur zwei Menschen: die Mutter und Herr Weigand. Der letztere bedeckte sein Gesicht mit den mageren Händen; es mochte ihm wohl alles einfallen, was er durch uns gelitten, und seine Brust hob sich. Dann aber sah er mit feuchtem Auge lächelnd auf uns und legte seine Hand auf Antons Haupt.

Unsere gute, gute Mutter kam uns zu Hilfe. Ihr frisches, munteres Wesen brach durch den Nebel der Tränen wie ein himmlischer Sonnenblick. Sie entkorkte die Weinflasche, zog aus ihrer Tasche den Trinkbecher, welchen sie bei sich führte, schenkte ihn voll, setzte das Glas an die Lippen und rief: »Der Herr Weigand soll leben! Und jetzt, Kinder, trinkt auf seine Gesundheit.«

Sie reichte uns den Becher, nicht aus Vorzug, sondern um dem verkannten Menschen die Ehre zu erweisen. Tony verstand es wohl und rief: »Der Herr Weigand soll leben und – mir verzeihen!« Das letzte Wort kam etwas krampfhaft aus der Kehle und mischte den Wein mit Salzwasser und ich verdünnte ihn ebenfalls gehörig damit. Dann aber füllte die Mutter den Becher von neuem und reichte ihn dem Komödianten. Dieser ergriff denselben mit zitternder Hand, seine Lippen bebten, er wollte sprechen – aber zum ersten mal blieb er stecken in seiner Rolle, es war eben keine auswendig gelernte – und sagte nur: »Gott sei Dank!« Jetzt bekamen alle zu essen und zu trinken; als es im besten Zuge war, schlich die Mutter mit uns zum »Gnadenhäusle« hinaus.

Kaum hatten wir die Hopfengärten erreicht, so machte sich Anton los von Mutters Hand und stürmte fort. Ich wußte schon wohin.

Natürlich unterblieb das Spießrutenlaufen auf dem Anger. Dagegen erhielt der gute Herr Weigand täglich die besten Bissen, welche die Ortskinder sich absparen konnten. Das Hinterstübchen der Kapplerin wurde eine förmliche Speisekammer von Kücheln, Würsten, Speck und Rauchfleisch und der Sammelplatz der Ortsjugend. Es gab keinen Golo, keinen Jäger Robert, keinen Wenzel mehr, sondern nur einen Herrn Weigand. Hofmüllers Domini schleppte dessen durchlöcherte Stiefel heimlich fort und stellte sie frischgesohlt unter das Bett des Komädianten. Als aber am Sonntag sein Benefiz war, d.h. die ganze Einnahme ihm gehörte, strömte alles dem Theater zu, auch das Schloßgesinde und Nussers Margareth, welcher die Mutter den Eintritt mit uns bezahlte. Das Stück war Faust's Höllenfahrt; es störte uns aber nicht im Geringsten, daß Weigand den Faust spielte und zum Schlusse in den Flammenpfuhl sank. Anton sagte nun sehr energisch: »Er kommt dereinst doch in den Himmel, weil er das Böse so abschreckend vorstellt, ja, er könnte es gar nicht so, wenn er nicht solch großen Abscheu davor hätte.«

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