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Geschichten aus der Jugendzeit

Isabella Braun: Geschichten aus der Jugendzeit - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorIsabella Braun
titleGeschichten aus der Jugendzeit
publisherKarl Müller Verlag
addressErlangen
seriesDomino Buch
year
firstpub
illustratorChristian Manhart
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100313
projectid198bbe77
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Die Leberspätzlein

Der Frühling hatte wieder die Erde holdselig angelächelt. Überall, in Garten, Wiese, Feld und Wald sproßte und blühte es, die Vögel sangen durcheinander und die ganze, weiche Luft glänzte vom Sonnenschein. Nur die Stuben behielten noch ein Frösteln, darum eilte jeder gerne hinaus in die Frühlingslandschaft.

An einem solch' schönen Tage saß ich ganz allein im Turmzimmer auf einem niederen Schemel und blickte verdrossen in mein Buch. Es war der »Weihnachtsabend« von Christioph Schmid, den ich bereits fünfmal gelesen hatte, weil die Hauptperson darin Anton heißt und ein Maler wird. Ich aber verwechselte ihn fast mit meinem Bruder Anton, der auch Maler werden wollte.

Ja, ich liebte meinen Tony über alles. Er beherrschte mich nach seiner Laune, sein Umgang war mein höchster Wunsch, seine Liebe mein Ehrgeiz und sogar ein Scheltwort von ihm war mir lieber, als wenn er mich, was nur zu häufig geschah, gar nicht beachtete.

Obwohl ich ein echtes Kind der Sonne war und diese ihr braunes Abzeichen unvertilgbar in meinem Antlitze abgedrückt hatte, saß ich also heute freiwillig in der Stube und zwar mit verdrießlichem Herzen, weil mein Bruder seit einigen Tagen mich beharrlich von seinem Umgange ausschloß.

Plötzlich fuhr ich aus meinem Lesen auf, denn Anton stürmte mit glühenden Wangen herein, warf die Mütze auf den Stuhl, stellte sich vor mich hin und sagte fast atemlos:

»Weißt Du schon, daß der Blumenthaler Verwalter Prestele in dem neuen Haus mit den Bogenfenstern zwei Buben meines Alters hat und daß sie nun auch hier sind?«

Ich blickte kaum von meinem Buche auf und murmelte: »Meinetwegen.« – Er rief entrüstet über meine Gleichgültigkeit: »Deinetwegen freilich nicht, aber meinetwegen!«

Ich sah ihn fragend an. Er richtete sich stolz empor, deutete mit dem Zeigefinger auf die Brust und sagte: »Ja, meinetwegen! Wen habe ich zum Umgange? Oberamtmanns Rudolf ist beinahe noch ein Kind, mit den andern, kurzhosigen Bauernbuben soll ich nicht spielen, Müllers Bernhard aber langweilt mich und Sternwirts Michel macht lauter dummes Zeug! Sag, mit wem soll ich spielen?« – Gerne hätte ich geschrien: »Mit mir!« aber ich schwieg beleidigt. Da näherte er sich mir schmeichelnd und sagte: »Wenn die beiden ordentliche Buben wären, das gäb' einen Hauptspaß, nicht wahr, braune Bill? – Vier Gespielen, o, da könnte man etwas Rechtes anfangen!«

Vier! Der kleine Schlingel hatte mich gefangen. Ich stellte mich, als verstünde ich ihn nicht, und sagte: »Was geht das mich an? – Es sind ja keine Mädchen.«

Nun sprudelte des Knaben Unwillen über und er rief: »Was Du doch für ein halsstarriges Ding bist! – Ja, wenn man Dich nicht brauchen kann, hängst Du Dich einem an die Ferse, und wo Du nützlich wärest, magst Du mir keinen Gefallen tun.«

Das Wort: »wo Du nützlich wärest« – hatte einen hellen Freudenschein in mir erweckt. Ich war sogleich an Tony's Seite und sagte: »Was soll ich tun?« – Er entgegnete: »Auskundschaften, wie die zwei Buben aussehen.«

»Warum tust Du es nicht selbst?« fragte ich verwundert.

Mein Bruder seufzte fast vor Ungeduld und erwiderte: »O, braune Bill, Du hast heute keinen Verstand! Wer wird Dir's übel auslegen, wenn Du neugierig bist? Alle Mädchen sind neugierig. Aber für mich schickt sich das nicht.«

»Wie soll ich das anstellen? Ich kann ihnen doch nicht nachlaufen!«

»Aber Du kannst klettern, so gut wie ich. Steig auf den Baum an der Mauer. Dort bist Du versteckt und siehst doch alles genau.«

Wir waren bei diesem Gespräche bereits nicht mehr im Turmzimmer, sondern befanden uns im Freien. Ein großer Eifer, meinem Bruder zu dienen und mir den vierten Platz im glücklichen Kleeblatt zu erwerben, trieb mich über das Gebälke zu den Bäumen. Bald saß ich zwischen den dürftig belaubten Zweigen und schaute auf die Gasse jenseits der Mauer.

»Siehst Du etwas?« – flüsterte von unten herauf mein Bruder. – Ich schüttelte den Kopf. »O, dann sind sie schon fort; vor einer Viertelstunde trieben sie sich auf der Gasse herum.«

Ich sah von neuem nach rechts und links und entdeckte die fremden Knaben. Sogleich rief ich: »Da ist einer! - Dort ist der andere! – Ein Dicker und ein Magerer! O, sie haben mich gesehen!«

Ich fühlte eine große Beschämung und kletterte eilig vom Baum herab. Aber ich blieb mit dem Kleide hängen, ich hörte den Riß und lag auch schon am Boden. Mein Bruder sprang erschrocken herbei; als er mich jedoch unverletzt fand, hatte er Lust, mich auszuschelten und sagte verdrießlich: »Jetzt wissen wir soviel wie nichts!« – Ich aber entgegnete: »Nein, nein, ich habe sie deutlich gesehen. Beide sind so groß wie Du und denke nur, sie haben schwarze Lederhosen an.«

Mein Bruder seufzte: »O weh! Lederhosen! Also wieder Bauernbuben!«

»Es sind aber keine kurzen Lederhosen, sondern lange, wie die Deinigen aus Tuch«, – entgegnete ich beschwichtigend.

Nun faßten wir uns bei den Händen und schlichen zum offenstehenden Tore in der Mauer. Dann postierten wir uns auf beiden Seiten, den Körper an die Wand gedrückt, mit dem Kopfe ausspähend. Wir stießen aber gleichzeitig einen Schrei aus, denn wir hatten mit unsern Köpfen zwei Knabenköpfe berührt. Ein schallendes Kindergelächter erfolgte; dann standen sich zwei Paare gegenüber.

Dies war unsere erste, denkwürdige Begegnung mit »Presteles Buben«, wie sie von diesem Augenblick genannt wurden. Keines hatte sich nun vor dem anderen zu schämen, da jedes in der gleichen Falle gefangen worden war. Mein Bruder gab sich als »Schloßtony« ein gravitätisches Ansehen, steckte beide Hände in die Hosentaschen und sagte: »Ich bin der Anton und das ist meine Schwester, die braune Bill. Wie heißt Ihr?«

Der Dicke entgegnete: »Ich bin der Louis und das ist der Ernst.«

Die Vorstellung war geschehen und wir befanden uns im besten Zuge, eine dicke Freundschaft zu schließen, als ich mich von rückwärts gepackt fühlte. Meine Mutter stand zürnend hinter mir. Sie hatte vom Fenster aus meinen Fall gesehen und war erschrocken in den Hof geeilt. Das erste, was sie erblickte, war mein zerrissenes Kleid. Sie hielt es einen halben Meter weit von mir weg und sagte: »Was ist das wieder, Bill?! –«

Ich wurde über und über rot, schlug die Augen nieder und blinzelte verstohlen nach den fremden Knaben. Da sah ich, wie Louis schalkhaft lächelte und Ernst mit traurigem Mitgefühl auf mich blickte. Dieses entschied für meine Vorliebe.

Die Mutter führte mich hinweg und brachte mich in's Turmzimmer, entkleidete mich und sagte vorwurfsvoll: »Wie unzählige male habe ich Dir schon gesagt, Du sollest von den Bubenstreichen lassen! – Ein Mädchen auf den Baum klettern! Schickt sich das wohl? – Warum spielst Du nicht mit Deinem Schwesterchen und der Puppe? – Warum gehst Du nicht zu Müllers Lore, wo Du nur Gutes lernen kannst? – Da ist Dein Strickzeug! Nicht aufgestanden bis zum Abendessen!«

So sprach die gute Mutter. Es war kein Wunder, daß sie ärgerlich wurde. Seit drei Tagen hatte ich drei Kleider übel zugerichtet und für morgen war die taube Näher-Katharine bestellt, um ganz allein für mich zu arbeiten.

Mehrere Stunden saß ich im Turmzimmer und wartete auf Anton; er kam nicht. Endlich holte mich unsere Nanny zum Abendessen. Sie waren alle bereits am Tische versammelt. Mein Bruder erzählte von »Presteles Buben«, welch herrliche Kameraden das seien. Er bat die Mutter, sie gleich morgen zum Samstagspaziergange nach Eberstall einzuladen. – Von mir und meiner Gesellschaft war keine Rede und auch heimlich flüsterte er mir weder Bedauern noch Trost zu.

Das schmerzte mich tief und in der Nacht weinte ich leise, warf mich von einer Seite zur andern, bis ich endlich einschlief.

 

Es war kein fröhliches Erwachen am Samstagmorgen. Mein erster Gedanke mahnte mich an ein immer wiederkehrendes Leiden, das dieser Tag mir brachte.

Es gab nämlich beim Mittagessen regelmäßig des Vaters Leibspeise – Leberspätzlein in der Suppe. Mich überkam ein Grausen und ein Schütteln, sobald ich auch nur den Namen davon hörte oder die braunrote Leber auf dem Wiegbrettt liegen sah.

Unser Vater war die Güte selbst, immer voll Scherz und Heiterkeit für seine Kinder, immer zur Nachsicht bereit, immer unser erster Anwalt bei der Mutter. Aber in einem Punkte war er unerbittlich: er bestand darauf, daß wir alles essen sollten, was uns vorgesetzt wurde. Man kann sich leicht vorstellen, daß meine Weigerung, Leberspätzlein zu essen, ihn ärgerte, um so mehr, als ich sie noch niemals versucht hatte, somit kein gültiges Urteil abgeben konnte. Nach mancher sanften Überredung war endlich seine Geduld erschöpft, er drehte die Serviette zu einem Knoten, gab mir einen tüchtigen Denkzettel und gelobte, ihn jeden Samstag zu wiederholen, bis mein Eigensinn überwunden sein und ich die Leberspätzlein wenigstens versuchen würde.

Der Vater kam heute wohl um eine halbe Stunde früher aus der Kanzlei in's Wohnzimmer und sah die Näher-Katharine bei meinen zerrissenen Kleidern. Da erzählte ihm die Mutter, wie ich zu dem letzten Riß gekommen war und schloß mit den Worten:

»Was soll aus dem Mädchen werden? Wir müssen sie am Ende doch aus dem Hause tun, damit sie in einem Institute sich an den Umgang mit ihresgleichen gewöhnt und nicht bei den Buben verwildert.«

Ich stand in einiger Entfernung und horchte. Obgleich die Eltern flüsternd sprachen, entging mir kein Wort, keine Miene. Der Vater lächelte gutmütig und meinte, es werde sich mit der Zeit schon geben. Die Mutter widersprach dem und sagte mit erhöhter Stimme:

»Nein, nein, es gibt sich nicht von selbst! Sie hat keinen mädchenhaften Sinn, Papa. Sie mag nicht stricken und nicht nähen. Je toller, desto besser, heißt es bei ihr.«

Nun seufzte der Vater doch ein wenig und entgegnete: »O Mama, das macht mir keine Sorge. Aber der Eigensinn, o, der Eigensinn, das ist schlimmer. Zum Beispiel nur die allwöchentliche Geschichte mit den Leberspätzlein! – Ist das nicht furchtbarer Eigensinn? Keine Leberspätzlein essen können! Das ist mir etwas Neues. – Weißt Du jemand, der sie nicht essen kann? - Ich weiß niemand! Es ist etwas so Gutes, Aromatisches! Nein, es ist purer Eigensinn und dieser muß gebrochen werden!«

Der Vater hatte sich in Aufregung versetzt, mir zitterte das Herz im Leibe und ich zählte an unserer Uhr die Minuten ab bis zur Tischzeit. Ich nahm mir fest vor, heute die Leberspätzlein zu versuchen.

Nun wurde die Suppenschüssel aufgetragen. Anton sprach das Tischgebet und ich flehte innerlich: »Lieber Gott, steh mir bei, damit ich die Leberspätzlein hinunter bringe.« Mein Gebet geschah jedoch nicht im rechten Geiste. Ich wollte die Speise nicht essen, um den Vater zu befriedigen; ich wollte mich nur vor der weiter drohenden Strafe sichern, vom Samstagspaziergange mit Anton und Presteles Buben ausgeschlossen zu werden.

Der Vater saß an seinem Platze, die Suppe war vorgelegt, er rief mich liebevoll zu sich. Seine klaren, großen, blauen Augen, von den schwarzen Brauen und Wimpern umrandet, blickten mir bis in die Seele hinein. Er faßte sechs kleine Spätzlein in den Löffel, hielt ihn mir hin und sagte: »Nun, braune Bill, tu Dein Meisterstück.«

Wirklich öffnete ich den Mund und schielte dabei nach Anton. Da sah ich ihn lachen und es erfüllte mich dermaßen mit Entrüstung, daß ich, alle guten Vorsätze vergessend, den Kopf heftig zur Seite wandte, dabei des Vaters Arm stieß, so daß die Spätzlein samt der Fleischbrühe auf seine Beinkleider fielen. – Er sprang zornig auf, nahm mich an der Hand, führte mich in's Turmzimmer, setzte mich heftig auf den Boden und warf die Türe hinter mir in's Schloß.

Da saß ich nun, bebend, im höchsten Schmerze über mich selbst, im Zorne über Anton. – Draußen war alles stille, ich hörte nur die Bestecke klirren, die Teller wechseln und endlich abtragen. Nanny brachte mir Gemüse und Brot, sagte jedoch kein Wort. Bald vernahm ich, daß sich alle zum Spaziergange bereit machten und endlich abzogen. Später führte Nanny mich zur Näherin und hieß mich stricken. Dies war eine doppelte Buße: ich haßte das Stricken und konnte auch nicht mit der tauben Katharine plaudern.

Um vier Uhr kam Nanny mit meinem Schwesterchen an der Hand und führte uns auf den Anger. Die Kleine pflückte Maaßliebchen und brachte sie der Nanny, aber kein Sträußlein mir. Das schmerzte mich und ich dachte, daß kein Mensch mich lieb habe, nicht das Kind und nicht der Bruder, nicht die Eltern und nicht unsere Nanny, welche mich heute gänzlich vernachlässigte.

Als ich eine halbe Stunde in trostlosen Gedanken auf den Wiesen gestanden war, sah ich hinter der Hecke, welche den Anger vom Baumgarten des Verwalters schied, einen schwarzen Knabenkopf und gleich darauf schwang sich Ernst herüber. Er trat zu mir. – Ich war erstaunt, weil er nicht bei der Gesellschaft war und befrug ihn darüber. Er vertraute mir, daß er seinen Vater sehr fürchte und nicht habe um Erlaubnis bitten wollen, mitgehen zu dürfen. Louis hätte es getan, und nun« –

Dies vertrauliche Bekenntnis schloß mir das Herz auf und ich erzählte ihm mit völliger Offenheit meine ganze traurige Geschichte. Er sagte dann: »Bill, wir sind beide bös gewesen. Ich will mich bessern und auch Du mußt am nächsten Samstag Leberspätzlein essen. Glaub mir's nur, sie sind ganz gut, ich esse sie sehr gerne. Und weißt Du was? – Beim ersten male drück nur die Augen zu - ein Schluck und ein Druck – drunten sind sie. Gerade so mache ich es mit meiner Medizin und die Leberspätzlein sind viel, viel besser.«

Ich versprach ihm, seinen guten Rat zu befolgen und er versprach mir, gegen seinen Vater nicht so scheu zu sein, dann auch mir ein guter Kamerad zu werden und mir beizustehen, damit die Buben mich »mit ankommen« ließen.

Vater und Mutter trugen uns niemals die begangenen Fehler nach und so wurde bei ihrer Heimkehr vom Spaziergange mir ein liebevoller Gruß zu Teil, um so mehr, als ich keinen Trotz zeigte. Anton wußte viel von dem Spaziergange und Louis zu erzählen, auch daß Ernst nicht dabei gewesen sei. Ich schwieg über mein eigenes Erlebnis, denn ich wollte am nächsten Samstage alle überraschen.

Die Woche wurde mir sehr lange. Endlich kam der Samstag und mit ihm kamen auch die Leberspätzlein. Diesmal hatte ich das Tischgebet zu sprechen und sagte es mechanisch. Innerlich flüsterte ich: »Lieber Gott, hilf mir doch, damit ich meinen Widerwillen und Eigensinn überwinde.«

Das war schon ein besseres Gebet und der Segen blieb nicht aus. Als mich der Vater zu sich rief, langte ich selbst nach dem Löffel, lud auf, führte ihn zum Munde, schloß die Augen – ein Schluck und ein Druck – die große Tat war geschehen.

Der Vater sah mich überrascht an, denn er hatte bereits alle Hoffnung aufgegeben, meinen »Eigensinn«, wie er es nannte, zu brechen. Nun machte ihn meine Überwindung sehr glücklich, denn ich befreite ihn zugleich von der lästigen Pflicht, mich zu bestrafen.

In seinen Augen lag eine unaussprechliche Innigkeit, als er den Arm um mich schlang. Er wollte etwas sagen, ich kam ihm zuvor und flüsterte: »Vater, ich bitte Dich, vergib mir, daß ich Dich so oftmals geärgert habe.«

Dies ging über jegliche Erwartung. Er küßte mich statt der Antwort, strich mir die Haare aus dem Gesichte und frug lächelnd:

»Nichtwahr, braune Bill, die Leberspätzlein sind gut? – Du willst wohl noch mehr?«

Ich schüttelte heftig mit dem Kopfe, eilte an meinen Platz und aß bald darauf mit köstlichem Appetit das vorgelegte Gemüse nebst Fleisch.

Es war ein sehr vergnügter Mittag gewesen und es folgte demselben noch ein vergnügterer Spaziergang. Ernst hatte ebenfalls sein Wort gehalten, den Vater um Erlaubnis gebeten, mitgehen zu dürfen und dieselbe mit freundlichem, wenn auch schweigendem Kopfnicken empfangen. –

Als wir abends nach Hause kamen und alle im Kreise so gut gegen mich waren, fühlte ich den vollen Segen meiner Selbstüberwindung und schwor heimlich jedem Eigensinn ab. Noch im Bette folgte ein trauliches Stündchen. Nanny war so vergnügt, daß der »Samstagverdruß« sein Ende erreicht hatte; sie setzte sich zu mir auf den Bettrand und jetzt vertraute ich ihr an, wie der Blumenthaler Ernst daran Schuld sei, und wie freundlich er mir zugeredet habe. –

Von diesem Tage an betrachteten Mutter und Nanny meinen Kameraden mit großer Vorliebe und ich durfte viel ungehinderter mit den Knaben spielen. Ich aber war sorgsam bemüht, meine Kleider in acht zu nehmen und Ernst knüpfte dieselben bisweilen vermittelst einer Schnur zusammen, wenn eine dichte Waldstelle Gefahr brachte.

Es ist heute, wo ich diese einfache Geschichte beende, wieder Samstag. Keine Leberspätzlein stehen auf dem Tische, ich brauche solch eine Überwindung auch nicht mehr zu üben, obwohl sie für mich die gleiche geblieben ist und ich sie mir bei eintretender Gelegenheit pflichtgetreu auferlege. Heute noch danke ich Dir, lieber Vater, daß Du mich frühzeitig gelehrt hast, mich zu beherrschen. Die Anforderung hierzu ist immer vorhanden, sie wächst mit dem Laufe der Zeit! – Auch Dir, mein lieber Ernst, der Du mir Deine Freundschaft bis zur Stunde bewahrt hast, sei gedankt. Möge diese Erzählung Deinen Kindern beweisen, welch ein guter Kamerad und Knabe Du gewesen bist, und welch ein Segen überhaupt ein guter Freund wie Du dem Menschen ist!

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