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Geschichten aus der Jugendzeit

Isabella Braun: Geschichten aus der Jugendzeit - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorIsabella Braun
titleGeschichten aus der Jugendzeit
publisherKarl Müller Verlag
addressErlangen
seriesDomino Buch
year
firstpub
illustratorChristian Manhart
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100313
projectid198bbe77
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Kätherle.

Wie voll die Apfelbäume hangen, und wie die Kinder sich darüber freuen mögen! Einstens – es ist schon lange her – war ich auch so ein Kind und habe die Äpfel auch so gerne gehabt. So oft ich nun die Zweige sich unter ihrer Last biegen sehe, ist mir's, als sei ich wieder ein achtjähriges, sonnverbranntes Mädchen. Neben mir steht mein Bruder in seinem Soldatenanzuge mit dem gemalten Bärtchen über den Lippen; auch der Vater ist wieder mit ihm aus dem Grabe erstanden; die Mutter hat aufs neue rote Wangen und eine furchenlose Stirne. Ich sehe vor mir das alte graue Schloß mit den vier Türmen und dem Storchenneste darauf; ich höre die Peitsche knallen, die Pferde wiehern und die großen Heuwagen in den Hof fahren, der rings vom Stall, Stadel und vom Bräuhause umgeben ist. Nun stehe ich am tiefen, sumpfigen, mit Schilf bewachsenen Weiher und schlüpfe von da in den Schloßgarten hin zum Baume, wo der rote Erdbeerapfel durch die Zweige lacht. Ich husche in das Gras, bücke mich und zeige triumphierend meine Beute. Aber plötzlich ist die Szene verwandelt. Beschämt blicke ich zu Boden, meine Wangen färben sich rot, mein Herz pocht!

Aber ich will in aller Ordnung Euch ein Stückchen Kinderleben erzählen. Höret also:

Es ist Sommer und das Getreide bald reif; die Wiesen stehen im höchsten Schmucke und vom Hofe herauf tönt das Dängeln der Sichel und Sense. Armes Gras! erschrickst du nicht davor? es ist dein Totenglöcklein. Darein mischt sich noch ein anderes, nicht voll und dumpf, wie bei Reichen, nur das ferne: »bim, bam!« vom Kirchhofe her, das einem Armen zum Grabe läutet.

»Mutter, wer wird denn begraben?« frage ich neugierig und schmerzlos; die Mutter versteht die Sache besser, denn sie seufzt und antwortet: »Weißt Du das nicht? Kätherle's Vater wird eingescharrt, und nun haben die armen Würmer niemand mehr auf Gottes weiter Erde!«

»Niemand mehr!« – Das kam mir recht traurig vor, denn ich war ein weichherziges Ding. Ich trat also betrübt und schmeichelnd zur Mutter und sagte: »Aber sie haben ja Dich! Du hast ihnen schon lang zu essen gegeben; wird Kätherle es denn nun nicht mehr holen?«

Die Mutter nickte mir freundlich zu, und bald war ich nicht mehr traurig, sondern stand ganz vergnügt im Herdwinkelchen bei meiner Nanny, welche die Abendsuppe kochte.

Welch ein trauliches, gemütliches Winkelchen war das nicht! Da gab es manch kleines Geschäft; ich durfte Scheitchen zulegen, in die Glut blasen, daß das Feuer hell aufloderte, und daneben gab es etwas zu versuchen und zu naschen.

Bald trat wie gewöhnlich das arme Kätherle mit dem leeren Topfe unter die Küchentüre. Hier stand sie nun, schüchterner als je in ihrem alten, dünnen Kleide; nur ein schwarzer Fetzen war zum Zeichen der Trauer um ihren Hals geschlungen. Sie weinte; mich wunderte, daß die Tränen so hell waren, und nicht schwarz die Wangen herabflossen; was denkt ein Kind nicht alles! denn ich hörte wieder die Worte meiner Mutter: »Und nun haben die armen Würmer niemand mehr!« Es duldete mich nimmer in meinem Herdwinkelchen; ich schlüpfte hervor, trat zu Kätherle, faßte sie bei der Hand und nun stand die Mutter neben uns. Da brach das arme Kind in ein lautes Schluchzen aus, denn unser Mitleiden drang in ihr Herz und löste den Tränenquell. Die Mutter nahm ein Tüchlein, wischte die Zähren ab und sprach: »Kätherle, komm Du nur alle Tage zu uns; Tony, Sophie und die Bill dort werden gewiß gerne täglich weniger essen, damit es für Euch, arme Würmer, auch noch reicht.« Da schluchzte ich mit Kätherle, Anton kam auch, und wir sagten beide: »Sei nicht so traurig, denn wir wollen Dich recht lieb haben, weil Du sonst niemand hast.«

Von diesem Abend an ging Kätherle bei uns aus und ein, als ob sie zum Hause gehöre. Wir hatten sie lieb, sie war so sanft, so nachgiebig, so untertänig, unsere kleine Magd. Gewiß wollten wir ihr keinen Schimpfnamen geben; dennoch hieß sie nicht anders, als »der Wurm«; – die Mutter hatte ihr den Namen in jener traurigen Stunde unbewußt aufgebracht, und jetzt noch, wenn ich an sie denke, muß ich mich fast auf ihren rechten Namen besinnen. Ich will sie aber in dieser Geschichte doch Kätherle heißen.

Kätherle war also unsere kleine Magd und Spielgefährtin. Beides machte sich von selbst. Die Mutter hatte ihr nicht befohlen, uns zu bedienen, im Gegenteile, wenn sie es sah, schalt sie ein wenig; aber das arme Mädchen war so dankbar, so gutherzig und so geschäftig; sie tat uns alles zu lieb, was sie uns nur an den Augen absehen konnte. Wir waren auch ein klein wenig jünger als sie; zu Hause aber hatte sie stets für die Kleinern gesorgt, und da diese sie nicht mehr brauchten, denn sie waren im Waisenhause untergebracht worden, trug sie diese Sorge auf uns über. Auf dem Lande hat man die Kinder nicht immer so im Auge, wie in der Stadt. Der Hof, der Garten, das nahe Feld, – dies sind gar weite Spiel- und Tummelplätze. Unserer Mutter war es also gerade recht, daß wir an Kätherle eine Gefährtin besaßen, welche doch ein wenig auf uns acht gab. – So lebten wir recht vergnügt und meistens auch recht friedlich miteinander.

Es ist Hochsommer, eigentlich Herbst geworden; die Sonne scheint nur gerade gar zu warm und lieblich, als daß man an den Herbst denken könnte. Das Korn ist geschnitten, im Stadel geht es lebhaft zu, denn man möchte das neue Getreide versuchen. Tick, tack, tack! – tick, tack, tack! tönt es von früh morgens bis spät abends; der Hahn schreit nochmal so laut sein: kikriki! um die Hennen zum Körner-Frühstück zu wecken; die Bäume im Garten biegen sich unter ihrer Last, und plumps! plumps! fällt manches Äpfelein besonders zur Nachtzeit in das Gras. Ich habe das oft mitten im Schlafe gehört, oder vielmehr nur davon geträumt; gewiß ist, daß ich nach dem Erwachen zuerst an die herabgefallenen Äpfel dachte und begierig war, sobald als möglich in den Garten zu kommen. Dann richtete ich mich auf und lauschte auf den Wind; die Mutter aber rief mir verweisend zu: »Braune Bill! braune Bill! Weißt Du denn nicht, daß man zuerst an den lieben Gott denken muß? Es scheint mir aber, es stecken Dir schon wieder die Äpfel im Kopfe!« – Dann rief ich: »Aber Mutter! gewiß ist Anton schon im Garten und hebt sie auf; er hat auf seinem Strohsacke eine so große »Mauket«, ich aber habe nur sechs elende Äpfel.

Dann sah ich die Mutter lächeln, obgleich sie entgegnete: »Ich will Euch die Dummheit noch vertreiben. Was tut Ihr doch mit den sauern, halbreifen Äpfeln, die Ihr nicht essen könnt! Die Sonne, und nicht der Strohsack, ist da, um sie zu reifen. Wenn es nur lieber gar keine gebe! Aber ich will es dem Vater schon sagen; er soll nur den Garten verpachten, wie er schon lange im Sinn hat; dann ist es mit dem albernen Spaß bald zu Ende.«

Endlich waren die Äpfel reif und der Herbst schüttelte uns dieselben in großer Menge in den Schoß.

Wir sind nun ein halbes Jahr älter geworden. Die lustige Martinsnacht mit ihren Küchlein, ihrem Gänsebraten und den heitern Spielen, der vermummte Nikolaus mit der Rute und dem Nußsacke, und endlich das Weihnachtsfest – haben andere Freuden gebracht. Die Schneeballen und das Schlittenfahren, die glatte Schleife auf dem Dorfbache, wo es immer so laut und lustig zuging, waren nun an der Reihe. Endlich aber kam wieder der Frühling; die goldne Sonnenkugel durchlöcherte die Eismauer des Baches, daß er lustig rauschte; die Lerche trillerte ihren Jubelgesang, die Vögel flogen von Baum zu Baum, von Busch zu Busch, von Wiese zu Wiese mit ihrer Frühlingsbotschaft; die ganze Natur freute sich mit ihr und selbst der alte Schleedorn und der verkrüppelte Weidenbaum fingen an zu blühen und zu sprossen. Nun aber stiegen auch aus unsern Kinderherzen die Frühlingshoffnungen, das heißt: die Sehnsucht nach Kirschen, Birnen und Äpfeln.

Jetzt geschah das Traurige: der Vater verpachtete den ganzen Garten, und eines Tages ließ er uns zu sich kommen, befahl uns, ihm in die Augen zu schauen und sprach: »Kinder, der Garten ist verpachtet. Von nun an gehört uns darin gar nichts mehr: keine Blume, keine Kirsche, keine Birne und kein Apfel; ja, wir haben darin nichts mehr zu tun. Merkt Euch das wohl! Alles, was Ihr daselbst nehmt, ist ein gestohlenes Gut. Der Gärtner Xaver hat das Recht Euch hinauszujagen, und ich verbiete Euch hiermit ernstlich, ohne seine Erlaubnis hinein zu gehen oder gar etwas zu nehmen.«

So sprach unser Vater. Wir hatten ihm mit tiefer Scheu zugehört, denn er redete selten so ernst, sondern hatte meist einen heitern Spaß für uns in Bereitschaft. – Wir waren aber doch recht ärgerlich und gingen in unzufriedenem Schweigen von dannen.

Solange der Frühling dauerte, wußten wir uns zu trösten und als der Wald die Erdbeeren spendete, lachten wir den Gärtner aus, der seinen Garten hütete.

Wieder war es Sommer geworden; aus den Blüten hatten sich allerliebste Äpfelchen gebildet; von Woche zu Woche wurden diese größer; die heiße Sonne färbte nicht nur unsere Wangen, sondern hauchte auch die Äpfel mit einem Rosenschimmer an und besonders das Bäumchen mit den Paradiesäpfeln und die Erdbeeräpfel, die eigentlich mir gehörten, denn sie waren immer zu meinem Namenstag reif geworden, und der Tafetapfelbaum, – sie alle winkten uns so verführerisch, wie einst jener im Paradies gelockt haben mochte; der Gärtner aber drohte immer finsterer, und gerade dieses böse Gesicht war für uns die Schlange, welche die schlimme Begierde reizte.

So stand es mit uns. Die Zeit, wo die Äpfel reifen, war gekommen. Auf dem Dorfe ist es herkömmlich, daß die Kinder die großgewordenen, herabgefallenen sammeln, auf den Strohsack legen und sie dort liegen lassen, bis sie reif und genießbar geworden sind. Das nennen sie im Schwabenlande »Mauket«. – Ob diese nun groß oder klein sei – ist eine äußerst wichtige Frage. Mancher Reiche hütet sein Geld nicht sorglicher, als die Dorfjugend ihre Mauket, und die Größe derselben ist von hoher Wichtigkeit. Zu dieser Zeit drehen sich die meisten Gespräche um jene Angelegenheit. Nun denke man sich unsere Lage. Unser Vater genoß im Orte hohes Ansehen, wir waren am besten gekleidet, saßen die Ersten in der Schulbank, – und wir allein hatten kein einziges Äpfelchen auf dem Strohsack liegen. So oft das Gespräch darauf kam, schlichen wir uns auf die Seite. Damals waren unsere Herzen nicht weniger als unschuldig; wir fühlten uns gedemütigt, der Stolz regte sich gegen die Bauernkinder, wir zürnten über den Vater, wir grollten über den Gärtner, und endlich mischte sich in unsere Räuberspiele der ernstliche Gedanke, Äpfel zu erbeuten.

Es war ein trüber Tag; während der Nacht hatte es stark geregnet und der Wind war sausend durch die Bäume gezogen. Wer sich in der Stube beschäftigen konnte, den gelüstete es nicht nach dem Freien. Das Schuljahr war bereits zu Ende, wir glaubten durch unsere Preise ein Recht auf das Nichtstun errungen zu haben. So sehr wir uns auf die Vakanz gefreut hatten, so langweilig wurde sie uns, besonders an einem Regentage wie der heutige. Sonst war der Mittag und Abend dagewesen, ehe man sich's versah, jetzt wollte es gar nicht zwölf Uhr werden. O du liebe, goldne Arbeit, wie viel Vergnügen bringst du nicht, ohne daß man es weiß! O du garstiger Müßiggang, wie viel Langweile und wie viel Schlingeleien brütest du aus!

So ging es auch Anton und mir, denn unser kleineres Schwesterchen tat etwas, sie spielte mit ihrer Puppe. Als wir beide uns in Ermangelung aller Unterhaltung gestritten und wieder versöhnt hatten, dachten wir an Kätherle, und beschlossen, diese aufzusuchen. Dieselbe war nämlich seit einiger Zeit zu allerlei Hausarbeiten angehalten worden, und wir hatten selten mehr Gelegenheit, mit ihr zu spielen. Heute befand sie sich in der Holzlege und schichtete kleines Holz und Späne auf. Es war überhaupt so ein Tag, wie sie in einer Haushaltung oft vorkommen, wo jedes in einem anderen Teile des Hauses beschäftigt und die Mutter auch überall und nirgends ist, sonst hätte sie mich zum Strickstrumpfe und Anton zu seinem Malkasten getrieben.

Wir gingen also miteinander in die Holzlege, welche sich in einem Nebengebäude, ganz in der Nähe des Gartens, befand. Dort angekommen, setzte sich mein Bruder auf einen Holzblock, ich half Kätherle bei der Arbeit und dazwischenhinein neckten wir uns und trieben allerlei Kinderpossen. Auf einmal war Tony nicht mehr zu sehen. Ich war ein höchst neugieriges Ding; es nahm mich Wunder, was er wohl treibe, und also schlüpfte ich auch hinaus, und ihm nach.

Bald hatte ich ihn entdeckt. Lauernd stand er hinter den Brettern, welche an der Gartenmauer, dicht am Seitenpförtchen lehnten und gleichsam eine Hütte bildeten. Ich ging zu ihm. Schon von weitem gab er mir ein Zeichen, flüsterte ein leises: »bst, bst!« und als wir miteinander im Verstecke waren, raunte er mir in's Ohr:

»Gerade ist der Xaver geholt worden und eilig fortgegangen; schau, er hat das Pförtchen offen gelassen, und dort am Eingange steht unser Erdbeeräpfel- Bäumchen. Wenn ich nur wüßte, ob er ausbleibt oder gleich wieder kommt!«

Ich war ein keckes Mädchen und also gleich bereit, etwas zu wagen. Darum sagte ich:

»Und was ist's auch, wenn er wiederkommt! Komm, wir gehen hinein. Die Bäume anzuschauen, das wird doch nichts so Arges sein!«

Husch! waren wir im Garten, und sieh nur, die Äpfel lagen dicht gestreut auf dem Boden, sei es, daß der Wind sie herabgeworfen, oder Xaver sie geschüttelt hatte. Doch in diesem Augenblicke hörten wir den Gärtner in der Ferne husten; wir eilten unentdeckt in unser Versteck und überschauten nun lauernd die Szene. O, wie unser Herz pochte! Es war ein böses Klopfen, das alle Mahnungen des Gewissens übertönte. Da kam Xaver daher, ging zum Baume, murmelte allerlei vor sich hin, bückte sich und trug die Äpfel auf ein Häuflein. Das mochte fast eine Viertelstunde gedauert haben, als er mit sich selber sprach: »So, nun will ich einen Korb holen! Wo nur der kleine Jörgl steckt, der könnte mir auch den Weg ersparen.«

Wir schauten uns frohlockend an. Die Hütte, wo die Gartengerätschaften lagen, war nämlich ganz am Ende des Gartens; wir kannten den Xaver wohl, der auf seiner Wanderung allerlei zu tun oder auszujäten fand. Das böse Vorhaben gibt ein rasches Einverständnis. In einem Augenblicke waren wir aus unserm Verstecke und standen in der Holzlege bei Kätherle. Mit leuchtenden Augen, mit glühenden Wangen und mit vor Hast bebenden Lippen sprachen wir zu ihr:

»Schnell, schnell komm mit uns; Du hast eine Schürze um; dort liegen eine Menge Äpfel aufgeschichtet, komm, komm!« –

Erschrocken schaute uns das brave Kätherle an; sie stammelte nur: »Nein, nein, – das ist ja verboten!«

»Was, verboten!« rief ich ärgerlich; – »was liegt denn an einigen Äpfeln!«

Tony machte wenig Umstände. Zornig riß er Kätherle fort, die sich immer sträubte und gar nicht zu Wort kommen konnte. Sie stand mit uns im Garten, ich hielt ihre Schürze auseinander, Tony warf eilig ein paar Dutzend Äpfel hinein, und noch immer stand das arme Kind da und regte sich nicht. Plötzlich hörten wir den uns so wohlbekannten Tritt des Gärtners.

»Nimm, nimm, und eil' Dich!« rief ich, indem ich Kätherle die Zipfel der Schürze in die Hände schob. Tony sprang mit mir hinaus und wir hatten gerade nur noch Zeit, in unser Bretterversteck zu schlüpfen. Kätherle aber stand auf ihrem Platze mit zusammengehaltener Schürze, als Xaver dort anlangte.

Wir sahen alles. Und nun pochte unser Herz nicht mehr freudig, sondern in namenloser Angst. »Alles ist verraten, alles ist verraten!« – so klopfte es. – Mit flehendem Blicke, uns nicht anzugeben, schauten wir auf das unschuldige Mädchen; sie aber sah uns nicht. Fast hätten wir kleinen Sünder in dieser Not zum Schutzengel gebetet, uns durchzuhelfen; aber wir fühlten doch, daß dies ein frevelhaftes Gebet wäre. Wir sahen uns fast die Augen aus dem Kopfe, wir horchten. – Plötzlich drang ein Schrei in unsere Ohren – Kätherle hatte die Zipfel losgelassen, die Äpfel rollten in's Gras, das arme Mädchen lag auf den Knieen, des Gärtners Augen flammten in Zorn – und – wie ein Rachegeist, stand unser Vater dabei.

Warum, warum sind wir nicht hervorgestürzt, um ein offenes Bekenntnis abzulegen! Aber von Furcht und Schrecken gebannt, blieben wir in unserm Versteck. »Es bleibt uns doch nicht aus!« dachten wir; – »Kätherle ist ja unschuldig, – sie wird uns angeben.«

Endlich ward es stille; der Vater führte Kätherle fort und der Gärtner hob leise brummend die Äpfel auf, legte sie in den Korb und sagte: »Habe ich euch doch noch vor dem Dieb gerettet! Morgen ist der braunen Bill ihr Namenstag und da soll sie euch doch also bekommen!« –

Ich hörte diese Worte. »Ja, morgen ist der einunddreißigste August.« Es war mir, als müsse mein Herz vor Schamesglut verbrennen! Der gute Xaver hatte die Äpfel zu meinem Namenstage bestimmt, und ich wollte sie ihm stehlen, ich wollte den Mann, der in Güte und Liebe meiner dachte, kränken! So böse war ich nicht, daß mich dies ungerührt ließ. Ich barg mich in meinem Versteck zusammen und weinte und schluchzte und wollte mich von Tony gar nicht trösten lassen. Derselbe war ebenso gerührt, versteckte es aber nach Knabenweise unter übellaunige Worte und zog mich endlich mit Gewalt fort. Die Luft kam uns ganz schwül vor. Wir begegneten keinem Menschen, hörten keinen Laut und gelangten unangefochten in die Kinderstube, wo Sophie noch heiter mit ihrer Puppe spielte.

Es war Mittag geworden; die Tischglocke ertönte und die Mutter öffnete die Tür, um uns zum Essen zu holen. Kätherle hatte bisher mit uns am Tische gegessen und zuvor mit uns gemeinsam gebetet. Heute fehlte sie. Wir wagten nicht, nach ihr zu fragen. Wohl noch nie mag beim Gebete unsere Stimme so furchtsam leise geklungen haben. Wir glaubten gar nichts anders, als die Stille bedeute ein schweres Gewitter, das mit jedem Augenblicke ausbrechen müsse. Doch der Mittag verstrich und kein Wort wurde gesprochen. Die Mutter hatte die Suppe nicht weggetragen, sondern auf ein Seitentischlein stellen lassen. Als das Essen zu Ende war, füllte sie einen Teller damit, schnitt ein Stück Brot ab, blickte meinen Vater flehend an und wollte der Nanny eben einen stillen Auftrag geben, als der Vater rasch aufstand und dazwischen rief: »Nein, und abermals nein, das Mädchen soll keinen Bissen mehr von uns bekommen! Haben wir sie so lange in unserm Hause behalten, um eine Diebin zu erziehen und unsern Kindern ein schlechtes Beispiel zu geben?«

Diese Worte waren der Donnerschlag, welcher an unsere schuldigen Herzen schallte. Kätherle hatte uns also nicht verraten! Sie hatte für uns geduldet, geweint, gelitten! Sie war für uns verjagt worden! Dort, auf dem Erdsteine saß sie weinend, das Gesicht in ihrer Schürze bergend, alles, alles für uns! – Ein einziges Wort aus ihrem Munde, und sie wäre gerechtfertigt und wir entlarvt gewesen. Aber sie duldete und sprach dies eine Wort nicht.

Dieser Augenblick hatte uns die Sache klar gemacht. Nein, nein! so böse waren wir nicht, daß wir uns auch nur eine Sekunde besannen. Beide stürzten wir zu den Füßen des Vaters, erhoben die Hände zu seinem zürnenden Angesichte, Tränen strömten aus unsern Augen, erstickten unsere Stimme und ließen nur die Worte hervorbrechen: »Vater, Vater, o verzeih! Nicht Kätherle hat es getan! Wir haben sie gezwungen!« –

Vater und Mutter erschraken heftig. Zorn und Rührung wechselten in ihren Mienen; die Mutter aber eilte hinaus, die Stiege hinab, zum Gesteine und zog das arme Mädchen herauf in's Zimmer. Und nun stand die kleine Dulderin in unserer Mitte, wir bekannten alles haarklein; die Mutter weinte; der weichherzige, gute Vater wendete sich zur Seite, wischte das umwölkte, himmelblaue Auge, dann brach aus diesem unserm Kinderhimmel die Vergebung und er küßte uns inbrünstig und der liebe Vater küßte auch unser armes, kleines Kätherle.

Laßt mich diese Geschichte enden, meine Freunde; die Erinnerung hat mich tief gerührt. Ich mag Euch keine Lehre sagen, zieht sie selbst daraus. – Es war ein schöner Namenstag, den ich darauf feierte, schön durch die Liebe, welche uns mit dem armen, verwaisten Mädchen verband, das nur aus kindlicher Dankbarkeit, dies fühlten wir sehr wohl, uns nicht verraten, sondern unschuldig geduldet hatte. Sie bekam von uns den größern Teil der Äpfel, die mir der Gärtner Xaver wirklich zum Namensfeste brachte, und auch dieser hatte von nun an gewiß nicht mehr Ursache, über uns zu klagen.

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