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Geschichten aus der Jugendzeit

Isabella Braun: Geschichten aus der Jugendzeit - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorIsabella Braun
titleGeschichten aus der Jugendzeit
publisherKarl Müller Verlag
addressErlangen
seriesDomino Buch
year
firstpub
illustratorChristian Manhart
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100313
projectid198bbe77
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Nanny, die Kindsmagd.

Unter den Gestalten, welche durch meine Jugendjahre wandelten, tritt mir eine ganz besonders deutlich entgegen, denn es umgibt sie der verklärende Strahl der Liebe. Deshalb sollen auch die ersten Blätter ihr gewidmet sein.

Wir sind drei Geschwister, Anton, ich und Sophie, mit dem Zwischenraum von je drei Jahren. Unsere Kindsmagd heißt Nanny und die Mutter hat befohlen, daß wir derselben so pünktlich gehorchen müßten, wie ihr selbst. Wir hängen an unserer Wärterin mit Leib und Seele, aber sie liebt uns dafür auch so zärtlich, wie die Mutter. So lange wir denken können, ist sie bei uns und wir wissen aus ihrer Erzählung, wie sie zu uns kam, was ich nun berichten will.

Nanny war ein armes Kind, denn sie hatte den Vater schon frühzeitig verloren. Kaum notdürftig genährt, hauptsächlich mit schwarzem Brote, das dem nassen Erdboden an Farbe gleich kam, blieb sie im Wachstum zurück. Als nun einmal die Schloßfrau von Bellenberg, ihrer Heimat, Baronin von Welser, das Mädchen am schwarzen Brote kauen sah, ergriff sie das Mitleid, sie winkte die Kleine zu sich und gab Befehl, täglich das rauhe Brot gegen ein feineres umzutauschen. Auf diese Weise wurde Nanny im Schlosse heimisch, die Gespielin des kleinen Fräuleins und durfte allgemach am Nähunterricht teilnehmen.

Wie nun Nanny das sechzehnte Jahr erreicht hatte, lernte unsere Großmutter sie bei der Baronin kennen und empfahl sie der Tochter als Kindsmagd. Alle ihre Habseligkeiten in ein Tuch gebunden, mit dem Empfehlungsbriefe ausgestattet, wanderte sie an der Seite einer Landbötin ihrem Dienste nach Jettingen zu.

Sie fand eine freundliche Aufnahme; aber heimlich sagte die Gebieterin doch zur Botenfrau: »Ja, Annamie, was hat doch meine Mutter gedacht, daß sie mir eine so schwache, junge Person schickt?« Die Annamie entgegnete lächelnd: »Probiert's nur, Frau; dies Mägdle kann mehr, als sie vorstellt!«

Und so war es auch. Nanny übernahm den kleinen Tony und nähte auch noch alle seine Kleidchen. Bald erschien ein neues Pflegekindchen und das war ich.

Nanny zählte damals siebzehn Jahre. Wenn nun der mühevolle Arbeitstag vorüber war, legte sich auch der Schlaf mit Bleiesschwere auf die Augen unserer Wärterin und sie nickte schon auf dem Stuhle, bevor sie im Bette lag. Ich aber war ein kleiner Schreihals und wollte herumgetragen sein.

In einer Nacht schrie ich nun besonders jämmerlich. Die Mutter konnte es nicht mehr anhören und weckte die arme Nanny, damit sie mich in das Kissen binde und herumtrage. Eilig kam diese herbei, band mich in den Pfühl, legte den oberen Teil auf den linken Arm und drückte und wiegte den untern mit dem rechten. – Immer leiser ward das Gewimmer, immer dumpfer der Laut. Da rief die erschrockene Mutter ihr schlaftrunkenes Kindsmädchen herbei, nahm mich in den Arm, band das Kissen auf und stieß einen herzzerreißenden Schrei hervor: Nanny hatte das Kind verkehrt eingebunden, das Köpfchen befand sich, wo die Füße hingehörten. Rasch wurde ich mit Wasser bespritzt und ich hatte meine erste Lebensgefahr glücklich überstanden.

Von dieser Nacht an war Nanny nicht mehr schlaftrunken. Sie bat inbrünstig, ihr das Kind auch ferner anzuvertrauen; die Mutter gewährte die Bitte und ich genoß von nun an eine wahrhaft rührende Sorgfalt. Wenn ich vom Schlummer erwachte, waren es Nanny's Augen, in welche ich blickte. Auf ihrem Schoße spielte ich, an ihrer Hand lernte ich gehen, mein erstes Kleidchen nähte sie und an den Sonntagen kleidete sie meine Puppe; als ich die ersten Lederstiefelchen bekam, setzte sie ganz heimlich Fränslein herum. Wenn die Leute mich die »braune Bill« nannten, wurde sie sehr zornig, bis ich selbst den Namen bestätigte. Wie natürlich war es also, daß ich meinen Namen sehr lieb hatte.

Wir wohnten in der großen Eckstube neben dem Turmzimmer. Allabendlich setzten wir Kinder uns um den Tisch, wir nahmen nun bereits drei Stühle ein, Sophiechen war auch angekommen und emporgewachsen. Natürlich befand sich Nanny in unserer Mitte und die Mutter hatte den Vorsitz. Es war immer gar so vergnüglich an diesen Abenden, wir freuten uns den ganzen Tag darauf und zürnten der Uhr, weil sie so bald neun mal schlug, die Stunde, wo wir unabänderlich zu Bett mußten.

Einmal ward es plötzlich anders als sonst, es herrschte unheimliche Stille. Die Mutter stützte ihr Haupt in die Hand und mochte nicht erzählen; aus Nanny's Augen flossen Tränen auf die Näharbeit und wir blickten verstohlen von der Einen zur Anderen.

In jener Nacht kam kein Schlaf in meine Augen. Als es dämmerte, schlich ich zu Nanny's Bett, legte mich zu ihr und frug: »O Nanny, hat Dir jemand etwas getan? Warum hast Du gestern Abend geweint?«

Nanny antwortete: »Nein Bill! Niemand hat mir etwas getan; aber ich muß doch weinen.«

»Und warum mußt Du denn weinen?« forschte ich weiter.

Nanny drückte mich an sich und sagte unter Tränen: »Weil ich von Euch fort muß; der Vater befiehlt es.«

»Weil ich von Euch fort muß!« – Diese Worte erschreckten mich namenlos; sie raubten mir die Sprache und die Besinnung. Am Tage erzählte ich es Tony. Wir gingen miteinander zur Mutter und fragten sie, ob es wahr sei? und dann, warum es der Vater befohlen habe? Die Mutter sagte nur, daß der Vater jederzeit das Rechte wolle und man ihm willig gehorchen müsse.

Von diesem Tage an mochte ich nicht mehr spielen; nichts gefiel mir mehr. Ich meinte das Herz müsse mir zerspringen, so traurig war ich. Den Vater getraute ich mich gar nicht mehr anzusehen, weil mir dabei die Tränen aus den Augen gestürzt wären, und – man sollte ihm ja willig gehorchen.

Der Abschiedstag rückte heran. Nanny war beschäftigt, ihre Habseligkeiten, die sich bedeutend vermehrt hatten, in einem großen, hölzernen Koffer einzupacken. Ich stand daneben; oftmals gab sie mir etwas – ein Fleckchen, ein Band, bunte Perlen für meine Puppe, aber nichts erfreute mich. Nach einer Weile rollte das blau angestrichene Schweizerwägelchen heran, die Kiste wurde hinabgetragen gleich einer Totenbahre, ich hing mich an Nanny's Hals und schrie jämmerlich, mein Bruder schluchzte, mein Schwesterchen streckte verlangend die Arme nach ihr aus, endlich ergriff die Mutter unsere Hände und enteilte selbst weinend mit uns, während das Wägelchen von dannen rollte.

Nanny war also fort zu einem, viele Stunden entfernten Pfarrer. Der Vater kam desselben Abends von Burgau zurück und beschenkte uns mit Spielsachen, aber wir besahen sie kaum und weinten nur bei seinem Anblicke.

Da verfinsterten sich seine Blicke und er sagte: »Was ist denn mit Euch? Warum weint Ihr?« – Ich stotterte unter Schluchzen: »Unsere – Nanny – ist fort!« – Er kehrte uns den Rücken und rief beim Abgehen: »Was braucht Ihr die Nanny! – Ihr habt ja Eure Mutter!« – Später erfuhr ich, daß unsere übergroße Liebe zu der Kindsmagd der Grund ihrer Entfernung gewesen sei. Der gute Vater war besorgt, wir möchten mehr an dieser, als an der Mutter hängen.

Die Tage verstrichen unter Arbeit, aber die Abende waren traurig; wir ließen uns durch keine Geschichte erheitern und gedachten der Nanny mit beständigen Fragen. – Wenn die Zeiger unserer großen Uhr auf acht deuteten, kam jedesmal der Vater in die Wohnstube und belustigte sich an unsern fröhlichen Einfällen bis neun Uhr, zu welcher Zeit wir unser Abendgebet verrichteten, wobei er zugegen blieb.

Seit den letzten Ereignissen fand der gute Vater keine Aufheiterung in unserer Mitte. Selbst das Gebet sagten wir in traurigem Tone und fügten zum Schlusse bei: »Lieber Gott, bring uns die Nanny wieder. – Amen.« – Anfangs zürnte der Vater, aber er störte unser Gebet nicht, denn er räumte dem Vater im Himmel ein Recht des kindlichen Vertrauens vor dem irdischen ein.

Vierzehn lange Tage waren seit jenem Abschiede verflossen, als eines morgens der Vater wegfuhr, wohin? – das wußten wir nicht. Es war bereits acht Uhr; die Mutter hatte schon oft das Fenster geöffnet und gehorcht, kein Rollen des Wägelchens ließ sich vernehmen und die Zeiger der Uhr wiesen auf neun. – Wir waren schläfrig und verrichteten wie gewöhnlich unser Abendgebet. Als wir uns dem Schluße näherten, fuhr der Vater in den Hof; doch wir ließen uns nicht stören und beteten mit Herzensinbrunst: »Lieber Gott, bring uns die Nanny wieder.«

In diesem Augenblick öffnete sich die Türe und die Nanny stand leibhaftig da. – Wir lachten, schrien, jubelten, stürzten in ihre Arme, Tony schlug ein großes Rad und machte einen Purzelbaum, die Mutter drückte der Nanny die Hand, der Vater aber wischte sich die feuchten Augen. Wir eilten auf ihn zu, küßten seine beiden Hände und dankten ihm recht aus kindlichem Herzen.

Nanny blieb bei uns, bis wir alle groß waren, von den Eltern geschätzt, von uns geliebt, von den Leuten als ein Musterdienstbote geachtet. Endlich zog sie von uns fort in ihr eigenes Haus und wurde eine brave, angesehene Frau. Aber immer blieb sie unsere liebe Nanny, die wir in treuer Dankbarkeit nicht vergaßen, die uns in treuer Liebe anhing.

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