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Geschichten aus der Jugendzeit

Isabella Braun: Geschichten aus der Jugendzeit - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
authorIsabella Braun
titleGeschichten aus der Jugendzeit
publisherKarl Müller Verlag
addressErlangen
seriesDomino Buch
year
firstpub
illustratorChristian Manhart
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100313
projectid198bbe77
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Kapitel 3

Ich will mich nicht länger mit den kleinen Ereignissen des alltäglichen Lebens aufhalten, sondern zum Schlusse eilen.

Jedes von uns dreien wuchs in seiner eigenen Art heran. Der Peter und ich wurden nach der Schule schon tüchtig zur Arbeit herangezogen, wofür ich den Pflegeeltern noch heute Dank sage. Ich besaß dazu auch ein ordentliches Geschick, während der Peter alles verkehrt anfaßte, obgleich er sich dabei so viele Mühe gab wie in der Schule, wo er immer der Erste wurde. Da sagt der Kaiserhofbauer zu ihm: »Was soll denn aus dir werden, Bub'?« Der Peter stand kerzengerade und hielt den zornigen Blick aus, indem er entgegnete: ein Student.«

Anfangs wollte dieses seinem Vater, der zugleich sein Vormund war, nicht in den Kopf; als jedoch Lehrer und Pfarrer dazu rieten und dieser sich sogar erbot, ihm den ersten lateinischen Unterricht zu erteilen, da gab der Vater nach. Von nun an wurde der Peter ein Student.

Ich stand nunmehr im zwölften Jahre und damit im letzten Schuljahre, wobei man allerlei nebst Schreiben, Lesen und Rechnen lernt. Der Lehrer erzählte uns von allen Erdteilen, von den verschiedenen Produkten der Länder und wie diese durch Eisenbahnen und Schifffahrt überallhin verbreitet werden. Aber umsonst geschieht das, abgesehen von dem Preis und der Fracht, auch nicht, die verschiedenen Staaten bekommen davon einen Eingangszoll. Er erklärte uns dies um so genauer, weil wir an einem Grenzorte lebten und täglich Kisten, Fässer und Ballen bei der Maut auf- und abladen sahen. Bei dieser Gelegenheit kam auch die Rede darauf, wie unrecht und gleich einem Diebstahle es sei, die auf der Reise mitgeführten zollbaren Waren zu verheimlichen, was so viele Leute tun, ohne sich ein Gewissen daraus zu machen, gar nicht zu reden von den Schmugglern und Schwärzern von Profession.

Da rief eines der Mädchen, das mir schon lange wegen meines guten Platzes in der Schule aufsässig war: »Wie Pinterschich einer gewesen ist, den die Grenzjäger dafür erschossen haben.«

In diesem Augenblicke herrschte in der Schulstube wahrhafte Totenstille. Dann sprang ich in die Höhe. Mein Herz klopfte zum Zerspringen, ich zitterte am ganzen Leibe, und das Blut schoß mir ins Gesicht. Ich keuchte fast hervor: »Du lügst! Mein Vater hat nichts geschmuggelt; er war so ehrlich wie der deine und ein jeder ehrliche Mann im Ort. Der ihn erschossen hat, der hat so viel als einen Mord auf seinem Gewissen.«

Es ging mir der Atem aus, ich sank erschöpft auf die Bank. Wie im Wirbelwind jagten sich in meinem Gehirne die Gedanken; es wurde mir klar, daß sie mich dessentwegen die ganze Zeit über verachtet, verhöhnt und verspottet hatten.

Der Lehrer beugte sich über mich und versuchte alle Beschwichtigungsworte. Aber dadurch wurde ich immer aufgeregter. Ich sprang wieder auf und rief: »Ich bleib' nicht mehr da, wo man meinen Vater einen Schmuggler, einen Dieb heißt, wo man ihn und mich verachtet!« Ohne daß mich eines gehindert, ging ich stolz und fest hinaus. Aber vor der Tür eilte ich, so schnell ich konnte, dem Gottesacker zu und rannte schnurgerade in den Winkel, wo meine Eltern lagen. Ich war so in Aufregung, daß ich nichts dabei dachte, als bei meinem Heranstürmen ein Mann und eine Frau beiseite traten. Ich warf mich vor dem Grabhügel auf die Kniee und brach in ein krampfhaftes Schluchzen aus. Dazwischen rief ich, das Kreuz umfassend: »Vater, Mutter, holt mich zu euch!« Dann blieb ich liegen auf dem Grabe, es wurde mir ruhiger und immer ruhiger im Herzen, fast als hätte ich geschlafen.

Wie lange das dauerte, weiß ich nicht. Aber ich fühlte zwei Arme mich umfassen und vernahm eine milde, mir so wohl bekannte Stimme: »Agathe, Kind, wir sind gekommen, wir sind da, um dich zu holen, Vater und Mutter.«

Ich richtete mich auf, starrte die Frau an, die so geredet hatte, und mit dem Jubelschrei »Katharine!« stürzte ich in ihre Arme. Nun trocknete sie mir wie ehedem so oftmals die Augen mit ihrem Tuche. Dann setzte sie sich auf den Hügel, zog mich auf ihren Schoß und sagte: »Agathe, ich hab' es deinen Eltern versprochen, Mutterstelle an dir zu vertreten. Im Kaiserhof war es nicht möglich; jetzt aber ist's möglich, und ich komm' von weit her, mein Versprechen einzulösen. Sieh', der da ist mein Mann seit vier Tagen. Der hat dich schon gekannt, als ich auf meinem Arm dich von der Mutter Bahre weg durch den Wald in den Kaiserhof getragen. Jetzt, wo er einen guten, einträglichen Posten als Lehrer von Allershausen erhalten hat, sind wir Eheleute geworden, und er teilt mein Versprechen, er will dein guter Vater sein.«

 

Die Erzählerin vermochte nicht weiter zu reden. Sie erhob sich und streckte nach rückwärts, wo Vater und Mutter standen, die Arme aus, indem sie, wieder zu ihren Zuhörern gewendet, sagte: Ja, Kinder, diese sind es! Und was für gute, liebe, treue Eltern! Seitdem lebe ich hier unter euch, von ihnen herangezogen als eigene, einzige Tochter, wie ihr bisher meintet. Nun hört noch den Schluß: Die Kaiserhofbäuerin und ihr Mann haben nur schwer und ungern eingewilligt, mich herzugeben, denn beide haben mich nachgerade gern gehabt, besonders seit der Sepp ihnen täglich mehr Verdruß machte durch seinen Trotz und Ungehorsam.

Aber der Lehrer und Pfarrer stellten es ihnen eindringlich vor, daß seit dem letzten Vorkommnis in der Schule es nicht mehr gut tue, und so, Kinder, bin ich die Agathe von Allershausen geworden, und meine Geschichte heißt mit Recht: »Ohne Namen«.

Agathe schwieg. Alle drängten sich um sie voll Verwunderung. Endlich sagte Hansjörg: »Aber jetzt wissen wir doch immer noch nichts von deiner Reise.«

Bei dieser Mahnung blickte das Mädchen betrübt zu Boden und sprach seufzend: »Muß ich das auch noch erzählen? Nun, so wißt: Ich reiste hin zum zweiten und letzten Abschied. Der Kaiserhof ist verkauft an landfremde Leute; meine Pflegeeltern sind fortgezogen weiter hinein ins Tiroler Land. Es hat sie nicht mehr dort gelitten, seit beim Hochwasser und Austreten des Inns der Sepp umgekommen ist; er hat wieder und wieder nicht gefolgt und mußte es mit seinem Leben büßen. Einmal noch wollt' ich die guten, unglücklichen Leut' und den Kaiserhof sehen; nun gibt es keinen mehr, er heißt nach seinem jetzigen Besitzer. Auch meiner Eltern Grab wollte ich aufsuchen, ein neues Kreuz mit neuer Inschrift machen lassen. Statt »erschossen« steht nun »verunglückt« darauf. Und noch etwas: Den Peter, der ein Innsbrucker Student geworden ist, wollt' ich zu uns in die Vakanz abholen. Da ist er – fest wie ein Fels in allem, was er tut.

Jetzt wandte sich der Lehrer zur Zuhörerschar und fragte: »Hat die Geschichte wirklich keinen Namen?« Da schrieen alle Kinder wie im Chor: »Nein, sie heißt: Agathe, sanft und gütig!«

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