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Geschichten aus der Jugendzeit

Isabella Braun: Geschichten aus der Jugendzeit - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorIsabella Braun
titleGeschichten aus der Jugendzeit
publisherKarl Müller Verlag
addressErlangen
seriesDomino Buch
year
firstpub
illustratorChristian Manhart
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100313
projectid198bbe77
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Wer heutigen Tages im Dampfwagen auf dem Wege von Augsburg nach Ulm fährt, gelangt an die kleine Station Jettingen. Der Ort selbst liegt etwas entfernt und nur der Kirchturm und die vier Schloßtürme treten deutlich hervor. – Das ist meine Heimat.

In der »alten Zeit«, die meine »junge Zeit« gewesen, sah es jedoch daselbst ganz anders aus.

Das Schloß glich beinahe einer Ruine; nur ein einziges Stockwerk war noch bewohnbar, das andere lag in gänzlicher Zerfallenheit und diente zur Aufbewahrung alter Fässer, die mittels eines Zuges dahin gebracht werden konnten, aber auch zum herrlichen Tummel- und Versteckplatz für uns. – Der innere Schloßhof war sonnenlos, feucht, kalt. Die Seitentüren zu den Kanzleien glichen den Eingängen zu schaurigen Burgverliesen; der Aufgang zu den Wohnungen, war nicht minder unfreundlich. Hatte man jedoch den ersten Treppenabsatz erreicht, dann strömte das Licht von zwei Seiten in einen langen, prächtigen Korridor, von dessen Wänden die lebensgroßen Bilder der römischen Kaiser herniederstarrten. Die Türen führten in eine Reihe stattlicher Zimmer, alle inein andergehend, in Ost und West vom Turm-Erker begrenzt.

Ich muß meine jungen Leser aber bitten, mich rund um das Schloß zu begleiten, um die Stellen in Augenschein zu nehmen, woselbst die Geschichten aus meiner Jugendzeit spielten.

Die Einfahrt in den vorderen Schloßhof geschah zwischen zwei Mauern, wovon die eine die Gartenmauer ist.

Wir schlüpfen durch das Tor und stehen nun vor meinem Kinderparadiese. Zwischen Blumeneinfassungen sind Obstbäume geschart; viele wohlgepflegte Wege ziehen sich hin und laufen beim Springbrunnen zusammen. Dann teilen sie sich wieder nach rechts und links, dort und hier durch eine Dirlitzenhecke begrenzt, welche die drei Abteilungen des Schloßgartens scheidet. Der mittlere Pfad führt zu einem wahren Lustplatze. Unter vielen alten Kastanienbäumen befinden sich Tische und Bänke nebst einer Kegelbahn zum allgemeinen Vergnügen, denn der Schloßgärtner hat das Recht erworben, hieselbst Bier zu schenken.

Uns verlockt aber der Seitenweg. Da glänzt im Sonnenschein der Wasserspiegel des Weihers. Hohes Schilf, dicke Binsen umfassen ihn auf einer Seite. Eine Scheu hält uns von dieser Seite ferne und allerlei Sagen von einem Kinde, welches dort hineingefallen und in einem unterirdischen Palaste gefesselt liege, knüpfen sich daran. Über dem Wasser drüben lachen grüne, saftige Wiesen und herüber ist das Ufer mit schattigen Bäumen umgeben. Ein etwas morsches Floß liegt daselbst und die kecken Knaben wagen manche Wasserfahrt, obowhl das lose Gebälke einige Gefahr damit verbindet, weshalb dieses Vergnügen uns vom Vater untersagt ist, außer wenn der Gärtner Xaver uns mit sich nimmt.

So haben wir zwei Seiten des Schlosses umfahren und landen glücklich an unserem schönsten, verborgensten Spielplatze. Auf diesen Punkt führt kein Fenster eines bewohnten Zimmers; da breitet sich der hügelichte Hopfengarten aus; im Herbste, bis zum Frühlinge sind die Stangen zeltartig aufgeschichtet. O, welche Kriegsspiele sind hier zu treiben! Daran grenzend steht auch gleich die Kaserne, ein altes, zweistöckiges Sommerhaus, und in kleiner Entfernung befindet sich ein angebautes Kartoffelland, welches zu einer Jahreszeit wenigstens die grünen Kriegskugeln liefert.

Und nun gelangen wir dicht vor das Schloß, die bewohnte Seite der Straße zugewendet, welche durch eine Mauer von dem Hofe geschieden ist. Bäume umfassen diese Mauer, nahe daran geschichtet liegt meist viel Gebälke für die Zimmerleute und ist damit eine prächtige Gelegenheit verbunden, die Schaukel zu erbauen. Auf diesem Platze läßt uns die Mutter am liebsten spielen. Dort oben am Fenster erscheint ihr liebes Gesicht, das sich oftmals von der Näharbeit zu uns wendet oder in die Stube zum Lernen und Essen ruft.

Wir folgen ihr und springen in den eigentlichen äußeren Schloßhof, am kleinen Torhause mit dem Bänkchen vorüber, und nun stehen im Halbkreise die Ökonomiegebäude: Bräuhaus, Stadel und Ställe vor unseren Augen; eine Brücke leitet endlich zum innern, bereits beschriebenen Schloßhofe.

Aber dies ist noch lange nicht alles, was ich von meiner trauten Heimat zu berichten habe.

Viele Gassen führen in den großen Marktflecken. Ein Bach fließt mitten durch denselben und bietet im Winter die herrlichste Schleif- und Schlittschuh-Gelegenheit. Das Amtshaus, das Herrschaftshaus, wo hie und da in die geheimnisvollen Gemächer mit goldgelben Samtmöbeln und goldumrahmten Spiegeln der Graf einzieht, – Kirche und Schulhaus liegen stattlich im Orte zerstreut, und der goldene Stern, das weiße Lamm lassen ihre Schilder im Sonnenschein blinken.

Wir schreiten den Bach entlang und stehen nun vor dem großen Anger, dem Sammelplatze aller Ortskinder. Zwischen zwei niederen Hecken gelangen wir wieder in den Ort und dort in der Seitengasse gewahren wir ein Haus, das sich von den andern unterscheidet; die Fenster sind nämlich bogenartig abgerundet; ein Blumengarten verleiht dem Hause noch dazu etwas apartes.

Dieses sind die engeren Grenzen unseres Tummelplatzes. Aber das liebe Schwabenland hat große, schöne Waldungen, wohlgepflegtes Ackerland, grüne, blumige Wiesen, viele Ortschaften und manches alte, halbzerfallene Schloß auf dem Berge. O, es hat des Schönen so viel, daß mir das Herz überwallt in seliger Jugenderinnerung!

Und nun, tausendmal willkommen Ihr lieben, jungen Leser, in meiner unvergeßlichen Heimat!

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