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Geschichten aus der Jugendzeit

Isabella Braun: Geschichten aus der Jugendzeit - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
authorIsabella Braun
titleGeschichten aus der Jugendzeit
publisherKarl Müller Verlag
addressErlangen
seriesDomino Buch
year
firstpub
illustratorChristian Manhart
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100313
projectid198bbe77
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V.

Als sich am nächsten Abend die Zuhörer wieder vollzählig eingefunden hatten, richteten sich die Blicke der Kinder schüchtern forschend auf Agathe. Ohne alle Einleitung fuhr diese in ihrer Erzählung weiter: Von diesem Tage an betrachteten alle Leute im Kaiserhofe die kleine Fremde mit einer Art Scheu, sie flüsterten untereinander, schauten dabei verstohlen auf sie und schwiegen oder wendeten sich um, wenn sie ihnen keck in die Augen sah.

Nach Verlauf einer Woche kam eine leise Ahnung in das kleine Herz, daß etwas Schlimmes geschehen sei. Als brave Tochter sehnte sie sich um so mehr nach dem Vater, der das letztemal so absonderlich gewesen war. Endlich wußte sie zu entwischen und lief der Hütte zu. Verwirrt starrte sie vor sich hin. Die Haustür lag aus den Angeln gerissen auf dem Boden, und als sie in das Innere trat, fand sie hier alles in größter Unordnung. Sie lief von Angst erfaßt in dem kleinen Raum umher, das Stieglein hinauf, hinunter, dann in den Schuppen: alles war ausgeräumt. Nun schrie sie nach dem Vater, aber niemand antwortete ihr. Jetzt rannte sie atemlos zurück und traf zu Hause ein, als bereits alle beim Essen saßen. Die Bäuerin empfing sie mit einem Scheltworte; das Mädchen achtete aber nicht darauf, sondern lief auf den Bauern zu und schrie weinend: »Wo ist mein Vater?«

Da senkten alle die Köpfe, kein Ton kam über die Lippen. Noch ängstlicher schrie das Kind: »Wo ist mein Vater? Ich will zu ihm!«

Der Kaiserbauer schaute es erbarmungsvoll an; dann sagte er gutmütig tröstend: »Sei ruhig, komm' setz' dich auf mein Knie!« Wieder rief das Kind: »Wo ist mein Vater? Ich will zu ihm!« Nun sagte er: »Ich bin dein Vater! Zum anderen kannst nicht, er liegt draußen auf dem Gottesacker! Ich hab' für dich den Hausrat verkauft, damit du einmal von deinen rechten Eltern ein Andenken hast.«

Ein herzzerreißender Schrei kam aus des Kindes Mund, es wollte fortspringen, aber die starken Arme des Mannes umschlossen es und trugen es die Treppe hinauf in Katharinens leeres Bett. Bauer und Bäuerin wichen nicht davon, bis ein Knecht den Doktor herbeigeholt hatte. Kein vornehmes Kind konnte besser die Nacht über gepflegt und behütet werden als die arme Waise. Am Morgen lag es bewußtlos im Fieber: die Aufregung war für das junge Gehirn zu übermäßig, zu gewaltig gewesen.

Und nun kamen schwere Sorgentage über den Kaiserhof. Die Bäuerin verließ kaum das Krankenbett, als ob darin ihr eigenes, herzliebes Kind läge. Tagelang wußte der Arzt nicht, wie das enden solle. Der kleine Peter stahl sich immer leise dazu, wenn jener vom Krankenbett kam. Eines Tages vernahm er die Worte: »Heute muß sich's entscheiden; paßt recht auf, Kaiserbäuerin, und laßt die Kranke nicht aus dem Aug', besonders nicht während der Nacht!«

Alles lag in tiefer Ruhe, alle Augen waren geschlossen, nur die Bäuerin sah beim matten öllicht auf das schlafende Kind. Stunde um Stunde verrann - Mitternacht war längst vorüber. Endlich, endlich senkten sich unbewußt auch ihre Augenlider. Auf einmal hob sich das Kind langsam im Bette auf, blickte umher und sagte mit schwacher Stimme: »Katharine!«

Der Ton war zu schwach, um die Wärterin zu erwecken. Aber ein anderer Wächter hatte ihn vernommen. Gleich einem Hündchen kroch Peter unter der Bettstatt hervor, richtete sich schnell auf, beugte sich zum Gesicht des kranken Mädchens und flüsterte: »Pst, weck' die Mutter nicht auf, sie ist g'rad eingeschlafen! Sag' mir's, was du willst!«

Da lächelte ihn die Schwester an, griff nach seiner Hand, hielt sie fest umschlossen und legte das müde Köpflein wieder ins Kissen. Nach wenigen Augenblicken gingen die Atemzüge ruhig und regelmäßig auf und nieder. Peter aber stand daneben, seine Hand war wie eingeklammert in der Hand des Mädchens. Und so verstrich eine lange, endlose Stunde. Da klangen von der reinen Luft getragen die Morgenglocken aller Kirchen des Tales zum Kaiserhofe, und die Bäuerin erwachte. Als sie den Knaben am Bette sah und ihm die helle Freude aus den Augen las, da wußte sie, daß die Hoffnung auf Genesung vorhanden war. Vorsichtig tat sie die Kinderhände auseinander, hob den Peter auf ihren Schoß und küßte ihn. Dann sagte sie: »Jetzt schlaf auch du, armer, guter Bub'! Ich wach' über euch beide, jetzt und immerfort.« Zu unserem Herrgott aber sagte sie leise und unter Tränen: »Ich will alles redlich einholen, was ich – so und so – an diesen armen Kindern versäumt habe.«

Als am Morgen der Doktor nach seiner Patientin sah und sie hellwach und fieberlos fand, erklärte er das Mädchen für gerettet. Er schickte die Frau ins Bett, indem er sagte: »Ihr habt wie eine richtige Mutter bei dem Pflegekind ausgehalten. Nun denkt an Euch selbst und an Euer eigenes Kind! Schlaft aus, daß Ihr wieder zu Kraft und frischem Aussehen gelangt!

Die Kleine da bedarf keiner Nachtwache mehr.«

Die Genesung machte rasche Fortschritte. In wenig Tagen spielte das Mädchen wieder mit dem Peter und Sepp vor dem Hause; doch wenn der kleine Bub' gewalttätig wurde und die Genesende mit sich fortziehen wollte, dann wehrte die Mutter ab; Peter aber sprang in Wiese und Wald und brachte Gräser und Feldblumen, aus denen sie zusammen Kränze wanden. Nach Verlauf von drei Wochen war sie beinahe wieder die ehemalige »Hummel«; nur flog und surrte sie jetzt ums heimatliche Nest und stach niemand mehr.

Eines Sonnabends kam der Lehrer des Weges. Der Bauer rauchte auf dem Hausbänkchen seine Pfeife; neben ihm schnitt das Weib Brot für die Abendsuppe; zu ihren Füßen spielten die Kinder. Nach dem üblichen Gruße sagte der Lehrer: »Ich bin eigens herübergegangen, um nach meinen neuen Schulpflichtigen zu sehen. Da sind sie ja, fast überreif wie Septemberbirnen und so rotbackig dazu. Grüß Gott, Peter! Grüß Gott Agathe!«

Das Mädchen schaute empor, und über sein Angesicht zog es wie Sonnenglanz. »Agathe, Agathe«, pochte es jubelnd im kleinen Herzen.

Die Erzählerin hielt inne; auch ihr Angesicht leuchtete von Erinnerungsfreude. Im Kreis der Kinder aber regte sich's; die einen traten näher, die andern stießen einen Ton der Verwunderung aus, zuletzt aber schrieen alle im Chore: »Du bist's selber!«

Agathe nickte nur leise; dann fuhr sie in ihrer Erzählung fort: Der Lehrer trat mit dem Vater ein wenig beiseite. Sie besprachen sich in gedämpften Tone, damit ich's nicht höre; aber ich horchte, und wenn ich den Sinn auch nicht verstand, behielt ich doch die Worte im Kopf. Der Lehrer fragte: »Mit welchem Namen soll ich sie denn ins Schulregister einschreiben? Ihr wißt – die Geschichte ist noch nicht vergessen; ich möchte sie nicht gern aufrühren.«

Da preßte der Bauer die Lippen zusammen, zog die Stirne in Falten, kratzte sich hinter den Ohren und schaute eine Weile in die Luft, als ob er etwas suche; auch der Lehrer schwieg. Ich wunderte mich im stillen darüber und horchte noch schärfer. Da sagte der Vater: »Schreibt in Gottes Namen Agathe Baumayer, wie beim Peterl. Ich will's bei Gericht in Ordnung bringen.«

Der Lehrer schaute uns ganz so an, als sei er von einer Sorge befreit, gab uns die Hand und sagte: »Also Kinder, in einer Woche geht's an!« und schritt seines Weges weiter.«

In die jungen Zuhörer war plötzlich eine unüberwindliche Unruhe gekommen; sie mußten ihrer Verwunderung Luft machen, und mehrere riefen: »Du bist also das Böhmenkind!?« Sie nickte bejahend. Da sagte der Hansjörg: »Aber –« Doch Agathe schnitt ihm kurzweg die Rede ab, indem sie erwiderte: »So wart' nur, wie's weitergeht!« Schnell war die Ruhe hergestellt, und Agathe erzählte: Von der Stunde an, als mich der Lehrer bei meinem Taufnamen genannt hatte, kam's förmlich wie Stolz über mich, und wenn mich jemand wie ehedem: »Wilde Hummel, Eichkatz', Mädel, Dirndl!« rief, so blieb ich un verrückt auf meinem Platz und antwortete: »Ich heiße Agathe!« Das wiederholte ich so beharrlich und so lange, bis jeder mir den so lang vorenthaltenen Namen gab.

Am Montag der nächsten Woche wanderte ich mit dem Peter Hand in Hand zur Schule, mit allen Schulgeräten in einer feinen Tasche ausgestattet. Es war ein wunderschöner Septembermorgen. Das Gras und die Halme am Wege glitzerten, das Gezweig des Tannengebüsches war ganz von Spinngeweb' durchzogen, und darauf schimmerten unzählige, winzig kleine Tropfen in allen Farben. Sicher ist's oftmals schon so gewesen; aber heut hab' ich's zum erstenmal bemerkt und dem Peter gezeigt. Aber es kam wohl davon her, weil ich gar so froh gewesen bin und mir vorgenommen hatte, in der Schule auf alles recht aufzupassen.

Endlich standen wir in der Schulstube, die einzig fremden unter den vielen Kindern. Nun trennte uns aber der Lehrer, doch setzte er mich und Peter zuvorderst in die Bänke zur linken und rechten Seite, daß wir nur durch einen schmalen Zwischengang geschieden waren. Als die Kinder auf ihren Plätzen saßen, ging der Lehrer zu seinem Pulte und nahm daraus die Schulliste, wo alle unsere Namen verzeichnet standen. Er sagte nun, jedes müsse bei Nennung seines Namens aufstehen, das Zeigefingerchen emporstrecken und mit lauter Stimme »Hier!« rufen. Zu allererst kam der Peter an die Reihe, weil bei den Buben begonnen wurde. Er zitterte wohl immer noch, der eingeschüchterte Bub', denn er brachte kaum das kleine Wort heraus, sodaß ich mich schämte und bei mir dachte: »Wart' nur, du sollst's kriegen! Ich aber schrei' für uns zwei!« Als nun die Reihe an die Mädchen kam und ich hörte: »Agathe Baumayer«, da schrie ich so überlaut, daß alle Kinder lachten. Ich drehte mich zornig um und wäre am liebsten gleich einer wilden Hummel über sie hingesaust. Aber der Lehrer gebot Ruhe.

Die Schule dauerte heute, beim erstenmal, ganz kurz. Der Herr Lehrer hielt nur eine Anrede und ermahnte uns zu Fleiß und Gehorsam; dann verlas er die Schulgesetze, worauf wir alle laut das Vaterunser beteten. Nun gingen die Kinder Bank für Bank aus dem Schulhaus; nur mir und dem Peter befahl er, neben seinem Pulte stehen zu bleiben.

Als nun das Schulzimmer geräumt war, sah ich mich forschend darin um. Beim Anblick des Kruzifixes und der Landkarten und der Bilder wurde mir feierlich zumute; das flößte mir zum ersterimale Respekt ein, der mir wildem, ungebändigtem Kinde sonst abging. Dann hieß der Lehrer den Peter in die Bank sitzen, mich hieß er dagegen an seine Seite zu treten. Mir pochte das Herz überlaut, denn ich fühlte die ruhig überlegene Macht, unter der ich nunmehr stand. Er hob mit der Hand freundlich mein gesenktes Gesicht empor und sagte mit einem milden Tone, der mir bis in das Herz drang: »Ei, ei, Agathe, vorher an deinem zornigen Blick hab' ich gemerkt, daß etwas Wahres daran ist, wenn man dich »die wilde Hummel vom Kaiserhof« nennt und daß du, kleines Ding, einen Stachel hast! Nun aber gilt das nicht bei Menschen, die in der heiligen Taufe einen Namen erhalten haben. Weißt du, weshalb nicht? Gut, ich will dir's sagen. Der Name stammt erstlich von einem Heiligen, der hier auf Erden fromm und gut und freundlich gelebt und uns ein Vorbild hinterlassen hat. Zum zweiten hat jeder Name noch eine Bedeutung. Dein Name, Agathe, bedeutet »sanft und gütig« – merk' das: sanft und gütig gegen alle Menschen, sogar gegen alle Geschöpfe Gottes. Zuerst probiere es bei deiner Mutter! Die Mutter hat's um dich verdient, und wenn sie zuerst dich auch durch lauter Nachsicht verzogen hat und nachher vielleicht zu herb gewesen ist bei deiner Wildheit, so hat sie's gewiß gut gemeint; aber ihre Barmherzigkeit und Treue hat sie bei deiner Krankheit bewiesen. Tag und Nacht, zwei Wochen lang, ist sie kaum von deinem Bett gewichen und hat, was am meisten bedeutet, ihren eigenen kleinen Buben während der ganzen Zeit gemieden, um ihn nicht mit deinem Fieber anzustecken. Jetzt aber bist du gesund, durch sie gerettet; jetzt vergilt ihr's Agathe! »Sanft und gütig; sanft und gütig« – poch' es mahnend an dein Herz, wenn die alte, wilde Hummel sich regen will.«

Der Lehrer schwieg und legte seine Hand auf mein Haupt, das ich auf sein Knie gesenkt hatte. So eindringlich hatte bisher noch kein Mensch mit mir gesprochen! Ich denk' jetzt, mir war es damals, wie wenn der Schnee vom ersten warmen Frühlingshauche schmilzt: ich mußte weinen und schluchzen, aber es tat mir nicht ein wenig wehe, sondern wohl.

Der Lehrer wartete ab, bis ich zu weinen aufhörte; dann richtete er meinen Kopf in die Höhe, lächelte mir ins Gesicht, und ich lächelte auch. Er trocknete mir die Augen mit seinem Tuche, und jetzt bemerkten wir beide erst, daß auch der Peter weinte. Der Lehrer rief ihn an und sagte: »O, der Peter möcht' die Bedeutung seines Namens auch erfahren! Sei ruhig, Bub', ich sag' ihn dir später; es tut bei dir noch nicht not.« Der Peter schüttelte zwar den Kopf, als er mich aber wieder lächeln sah, da lachte auch er. Dann küßten wir ungeheißen – ich weiß noch nicht, wie uns das in den Sinn kam – dem Lehrer die Hand und gingen selbander dem Kaiserhof zu. Ich redete kein Wörtlein. Mir war's so heilig und feierlich im Herzen, als sei heut' mein erster Namenstag, als sei ich eben getauft worden. »Agathe – sanft und gütig« – läutete das Festglöcklein in meinem Herzen. O Kinder, ihr könnt' es euch ja nicht vorstellen, was das heißt, endlich mit seinem heiligen, richtigen Taufnamen gerufen zuwerden; ihr seid's ja von jeher gewöhnt. Aber stellt euch einmal vor, ihr kämt in eine landfremde Stadt und hättet arges Heimweh nach Vater und Mutter; da riefe euch plötzlich jemand bei eurem Namen. Stellt euch das vor, wie heimatlich, wie selig euch dabei zumute wäre! So war mir's. Alles glänzte vor meinen Augen; ich sah unzählige Blumen am Wege und hörte sanftes Vogelgezwitscher und das Gezirp im Grase, und mir war's, als töne dazwischen immer mein Name »Agathe, sanft und gütig«.

Als wir uns dem Kaiserhof näherten, sahen wir schon von weitem die Mutter mit dem Sepp an der Hand unter der Tür. Ich riß mich von Peter los, stürzte auf sie zu und schrie aus übervollem Herzen: »Mutterl, ich hab' in der Schule schon etwas gelernt; ich heiße – Agathe – sanft und gütig.«

Sie sah mich erstaunt an, erwiderte aber nur: »Ich denk', daß ihr ordentlich hungrig sein werdet. Geht in die Stube; zu eurem ersten Schulgang hab' ich Kücheln backen lassen.«

Wir nahmen den Sepp in unsere Mitte. Wenn der kleine Vielfraß auch auf meinen Teller griff, so wehrte ich es ihm heute nicht, denn immer noch läutete inwendig das Festglöcklein »Agathe, sanft und gütig«.

Agathe schwieg eine Weile. Hieraufsagte sie: »Jetzt geht heim zur Abendsuppe, und wenn euch Vater oder Mutter beim Namen nennt, so freut euch; später soll jegliches gleichfalls dessen Bedeutung erfahren! Morgen aber kommt frühzeitig zum Schluß der Geschichte!«

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