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Geschichten aus der Jugendzeit

Isabella Braun: Geschichten aus der Jugendzeit - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
authorIsabella Braun
titleGeschichten aus der Jugendzeit
publisherKarl Müller Verlag
addressErlangen
seriesDomino Buch
year
firstpub
illustratorChristian Manhart
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100313
projectid198bbe77
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IV.

Agathe erzählte weiter: Als man das Kind zur Taufe trug, knallten von allen Seiten ungezählte Freudenschüsse, und die Felswände gaben sie im Echo vielfach zurück. Kein anderer Name gebührte dem einstigen Erben des großen Kaiserhofes als Franz Joseph, und so wurde er nach dem Kaiser getauft. Dann versammelten sich alle Nachbarn und Anverwandten zum Schmause. Es ging dabei hoch her mit Gebratenem, Gesottenem, Gebackenem, mit weißem und rotem Tirolerwein; auch die armen Leute trugen in ihre Tücher gebunden fette Schmalznudeln nach Hause, wodurch das Ansehen des reichen Hofbauern nicht um ein Geringes wuchs und stieg.

Nunmehr begann ein neues Leben im Kaiserhofe. Hatte man seinerzeit schon mit dem Waisenkind solch ein Aufhebens gemacht, um wieviel mehr noch mit dem einzigen und obendrein eigenen!

Die Katharine wurde als Kindsmädchen angestellt; sie bekam dazu ein nagelneues Gewand und brauchte sich um kein anderes Geschäft mehr anzunehmen. Sie war damit zufrieden und hoffte bei dieser guten Gelegenheit nun auch ihren eigenen Schützling besser überwachen zu können. Kaum bemerkte dies jedoch die Bäuerin, so brach die Eifersucht los und sie sagte: »Du bist für mein Kind und nicht für andere da. Ich hab' lange genug für fremde gesorgt, jetzt kommt meines an die Reih'!« Dann rief sie barschen Tons: »Marsch hinaus, ihr zwei!« Das Peterl lief, so schnell es nur konnte; ihm war die rauhe Stimme nicht fremd. Aber die Kleine tat nach ihrer bisherigen Gewohnheit und folgte nur dem eigenen Willen. Es gefiel ihr bei der Wiege, das Kindlein darin erschien ihr als lustiges Spielzeug, und so blieb sie.

Als die Bäuerin jedoch Ernst zeigte und sie nochmals gehen hieß, klammerte sich das Mädchen so widerspenstig an die Wiege, daß es sie zum Umsturz gebracht hätte ohne Katharinens rechtzeitiges Eingreifen. Nun aber flammte im Gesicht der Mutter der Zorn auf. Zum erstenmal nahm sie das Rütlein vom Spiegel und bearbeitete damit ihr Pflegekind, daß dieses laut aufschrie. Von dem Gekreisch erwachte der kleine Schläfer und fing nun ebenfalls furchtbar zu schreien an. Die Dienstboten liefen herbei, auch der Bauer kam und trug das eigensinnige Ding in den Baumgarten, wo er's unsanft ins Gras setzte und schreien ließ, solange es Lust hatte. Dies tat die Kleine auch so beharrlich, bis sie weinend einschlief und bis das Peterl herbeisprang, sie weckte und alle seine gesammelten Schneckenhäuschen ihr in den Schoß schüttete.

Unversehens war Katharinens Gebet erhört und das Zuchtrütlein gebunden worden. Es kam nunmehr öfter als gut, weil bei unrechter Gelegenheit, zur Anwendung. Aber infolgedessen wurde das Mädchen, anstatt, gebessert zu werden, nur noch zorniger, denn es verstand nicht, warum es nicht wie früher schreien und lärmen und alles Gewünschte bekommen sollte. Jetzt mußte es sein Spielzeug dem Wiegenkind geben und durfte es nicht, wie früher dem Peterl, aus den festgeballten Händchen reißen. Es war noch zu klein, den Unterschied zu begreifen, und so wurde es unbändig, schlug um sich und zeigte statt der Samtpfötchen die Krallen der jungen Katze. Da änderten sich die früheren Namen in Wildfang, Trotzkopf, wilde Hummel, und bald wurde der letztere so gang und gäbe, daß selbst Katharine unbedachtsam sie also rief. Die Bäuerin hatte nicht mehr nötig, das überlästige Ding aus der Stube zu schaffen: die beiden Kinder suchten von selber das Freie und streiften in der Gegend umher. Dabei waren sie fröhlich und guter Dinge und hatten einander so gerne wie leibliche Geschwister. Bei diesem Herumstreifen sah der Böhme auch wieder sein Kind, das er im Hofe nicht mehr aufzusuchen gewagt hatte. Zuerst erschrak die Kleine, als der fremde, bärtige Mann die Arme nach ihr ausstreckte und sie emporhob bis zu seinem Angesicht. Aber es glänzte sie an wie die Sonne, und dann küßte er sie und schluchzte mehr, als daß er redete: »Herzblatt, Engerl, ich bin dein Vater, ich, nicht der Bauer. Hast mich denn nicht ein bißl lieb?« Da nahm sie das bärtige Gesicht zwischen ihre beiden Hände und küßte es immerfort; denn zum erstenmal im jungen Leben hatte sie den Blick und den Ton der echten, wahren Elternliebe empfunden. Von nun an zog das Mädchen ihren Gespielen immer gegen die halbverfallene Hütte, und oftmals kam der Mann in keuchender Eile daher, um sein Kind ein paar Minuten zu sehen und aufs Knie zu nehmen.

Als der Winter heranrückte und alle Waldwege ungangbar machte, war's mit dem kurzen Kinderglück vorbei; die Tochter bekam den Vater nicht mehr zu Gesicht und wagte auch nicht nach ihm zu fragen und seinen Namen zu nennen, denn er hatte es ihr strengstens verboten. Nur einmal entschlüpfte er ihr bei der Katharine. Zuerst glänzten deren Augen vor Freude, und sie fragte ihr hastig und heimlich alles Erlebte ab. Dann jedoch drückte sie beide Hände auf des Mädchens Mund und flüsterte: »Schweig', verrat's nicht, um Gottes willen! Und du auch nicht, Peterl, sonst ist's aus mit der Bäuerin!« Als die Kleine sich nach dem Grund erkundigen wollte, flüsterte sie ängstlich: »Pst, Pst – nichts sagen, Kinder; schweigt wie ein Fisch!«

Das gab der Kleinen zu denken; aber sie fand nur, daß man gegen ihren Vater bös sei und daß die Bauersleute ja gar nicht ihre Eltern wären und sie ihnen gar nicht zu folgen brauche, ein Gedanke, der sie nur noch ungehorsamer und trotziger machte.

Im strengen Winter, wo jeder aufs Haus beschränkt blieb, zeigte sich der Unterschied von einst und jetzt noch deutlicher. Der Sepp war nun schon kräftig und dick und ging, wenn das Hausgesinde in der großen Stube saß, als Spielzeug von Arm zu Arm, von Knie zu Knie, lernte seine Kunststückchen und trieb seinen Mutwillen zum Spaß aller. Die beiden angenommenen Kinder setzten sich dabei unter die Ofenbank wie Hund und Katze, ohne daß ihrer jemand achtete.

So kam's daß dies ehedem so verhätschelte Mädchen ein Fremdling im Hause wurde, scheu um sich blickte und sich aus Furcht vor der Rute hinauslog, wie es konnte. Als Katharine dies zum erstenmal entdeckte, gab es ihr einen Stich ins Herz. Am nächsten Sonntag nahm sie das Mädel mit sich zum Kirchgang. Dort in der Kirche stellte sie das Kind vor sich hin auf die Kniebank; faltete die kleinen Hände und sprach innerlich in wahrer Seelenangst: »O du göttlicher Kinderfreund, Herr Jesus Christus! Erbarme dich, erbarme dich des Kindes! Sieh' dies Lämmchen, das in den Dornstrauch geraten ist. Ich kann's nicht herausziehen. Ich kann der toten Mutter mein Versprechen nicht halten. Zieh' du es heraus, Guter Hirte, trag's auf deiner Schulter! Ich weiß nicht, wohin. Du weißt es aber, aber, nur laß es nicht verloren gehen! Erbarme dich, erbarme dich!«

Die Katharine hätte am liebsten dies eine Wort hundertmal wiederholt, denn jedesmal fühlte sie dabei ihr Herz weniger beklommen. Aber nun begann die Predigt und forderte zur Aufmerksamkeit. Nach dem Gottesdienst führte sie das Mädchen noch zum Grabe der Mutter, erzählte ihm davon und hob es zum einfachen Holzkreuze und zum Blechtäfelchen mit dem Namen der Mutter, damit es ihn küsse. Nun hatte Katharine ihre Sorgen auf Gott abgewälzt und kehrte getröstet in den Kaiserhof zurück.

Es war wieder Frühling und Sommer geworden. Die beiden Ziehkinder bekamen jetzt die schwere Aufgabe, den Sepp zu hüten, ihn herumzufahren im kleinen Wägelchen, aber nicht weiter weg, als der Blick der Mutter sie erreichen konnte. Da gab es keine Gelegenheit mehr, zur verfallenen Hütte zu gehen. Die beiden hätten den Sepp ganz gern gehabt, wenn seine Mutter ihnen nur nicht alle Schuld aufgeladen hätte, mochte er aus dem Wägelchen fallen, sich stoßen oder ritzen.

Eines Tages sagte die Bäuerin zu ihrem Mann: »Seit einiger Zeit streicht ein verwilderter Mensch um unser Haus; hast du ihn noch nicht gesehen?«

Der Mann entgegnete: »Ja, ja; mir ist's auch nicht geheuer; man hört oft genug von Brandstiftung und Diebstahl, besonders da, wo etwas zu holen ist. Will doch aufpassen und es dem Grenzjäger sagen.« Dann wandte er sich zu den Kindern, die eben im Begriff waren, mit Sepp eine Spazierfahrt zu unternehmen und rief ihnen nach: »Habt ihr's gehört? Daß ihr nah' dem Hofe bleibt!«

Aber das kleine Mädchen hatte eine dunkle Ahnung, daß der Vater es suche, und führte die beiden Knaben weit ab vom Hofe gegen den Wald. »Wart' auf mich, bis ich wieder komme!« bat es den Peter mit aufgehobenen Händchen. Dann eilte es auf dem Pfad zur Hütte. Wenige Schritte entfernt trat der Vater aus dem Gebüsch, setzte sich an den Waldesrain, umschlang sein Kind, daß es sich fast vor ihm fürchtete, küßte es, legte die rauhe Hand auf das kleine Haupt und sagte: »Nein, nein!« – »Ich muß fort!« rief das Mädel erschreckt durch diese sonderbare Art, riß sich von ihm los und war bald wieder bei den anderen Kindern.

Am folgenden Tag erzählte der Bauer beim Mittagessen, als Kinder und Gesinde um den Tisch saßen: »Ich hab's heraus, wer's ist, der ums Haus streicht: der Böhm ist's! Es heißt, er komme fort aus hiesiger Gegend.«

Die Katharine erblaßte; als dies die Bäuerin bemerkte, höhnte sie: »Meinst vielleicht, er woll' dein Schatzkind stehlen? Ich denk' aber, der geht lieber auf etwas anderes aus, was er besser brauchen kann: es heißt nicht umsonst –«

Da fuhr die Katharine in die Höhe und schrie, allen Respekt vergessend: »Bäuerin, das leid' ich nicht, am wenigsten in Gegenwart des Kindes!« Als ihr Blick das Mädchen traf, erschrak sie vor seinen tieftraurigen Augen. Die Kleine hatte also den Sinn verstanden! Katharine nahm sie vom Sitze und führte die Schluchzende hinaus. Kaum waren sie im Freien, als das Kind sich der Hand entriß und fortstürmte wie ein gejagtes Tier, fort, fort in den Wald. Katharine wußte wohin. Aber sie hatte nicht Zeit, ihm zu folgen. Die Bäuerin, hoch erzürnt, kündete ihr den Dienst und hieß die treue Magd morgen schon das Bündel schnüren.

Inzwischen war die Kleine an der väterlichen Hütte angelangt. Da diese verschlossen war, verkroch sie sich im kleinen Schuppen und wartete Stunde für Stunde mit immer lauter pochendem Herzen auf den Vater. Sie rief unter Schluchzen immer nur das eine: »Nimm mich mit!« Es wurde Abend, und kein Schritt nahte; es wurde dämmerig, fast dunkel; – kein Schritt, nur ein Geraschel in den Bäumen und Gesträuchen, das Gehusch der Nachtvögel, der Schrei des Uhus. Da kam die Angst in das kleine Herz; es atmete erst erleichtert auf, als es nun wirklich Tritte vernahm. Jetzt fiel ein Lichtstreif in den Schuppen; aber nicht der Vater, sondern Katharine stand vor ihr. Weinend lief sie in deren Arme. Da saßen sie eine Weile still beisammen, bis das Kind sich beschwichtigte. Das Wimmern verstummte und leise Atemzüge verkündeten, die Kleine habe sich in Schlaf geweint. Und wieder, wie beinahe vor fünf Jahren, nahm Katharine das Mädchen auf die starken Arme und trug es auf dem gleichen Wege zurück zum Kaiserhof. Niemand sah die beiden ankommen; alles schlief bereits. Katharine legte das Kind neben sich ins Bett und durchwachte die Nacht. In ihrem Innern wiederholte sie das einst gemachte Versprechen: »Muß ich dich auch verlassen, armes Kind – ich übergeb' dich deinem Guten Hirten, und ich selber will nicht rasten, bis ich dich von ihm empfangen habe.«

Als das Mädchen spät am Morgen erwachte, lag es allein auf dem Bette und schaute verwundert im Zimmer umher. Auf dem Stuhle lagen sorgsam geordnet die kleinen Kleidungsstücke; aber die Kiste mit Katharinens Habseligkeiten war leer, der Deckel stand offen. Es schlüpfte schnell in das Röcklein und fuhr gleich einer wilden Hummel im Hause und Garten, im Stall und Schuppen herum. Dort stand der Peter und weinte. »Wo ist die Katharine?« rief das Mädel. Aber der Bub schluchzte noch heftiger: »Fort – sag' nichts – die Mutter ist zornig!« Da stellte es sich in den Winkel und weinte ebenfalls.

Im Kaiserhof war es, wie nach einem heftigen Gewitter: es herrschte ungewohnte Stille. Die Bäuerin, die keineswegs bösartig, nur stolz und jähzornig war, vermißte das treue Dienstmädchen bald und mochte ihr Unrecht gegen das einst so verwöhnte Pflegekind einsehen. Sie gab dem Mädel heute freundlichere Worte als seit langem, stattete das Wägelchen mit Äpfelschnitzen aus und sagte: »So, Kinder, gebt aufeinander acht, und wenn es vom Turm leutet, so kommt heim! Ade!«

Der Mittag brach an, die Suppe und das Fleisch standen auf dem Tische; die Kinder spielten dichtvor dem Hause - aber es fand sich doch niemand zum Essen ein. Die Knechte waren nach Kufstein gelaufen, sogar der Bauer hatte den Sonntagsrock angezogen, um auf Kundschaft auszugehen. Eine Schreckensneuigkeit war in aller Munde: in der verwichenen Nacht hatte in den Bergen ein Streifzug auf die Schmuggler und die Wildschützen stattgefunden; sie waren zusammengestoßen, beim irren Schein der Fackeln war ein Kampf entstanden, ein Gewehr knallte, ein Schrei und Röcheln folgte, und als man mit der Fackel leuchtete, fiel« ihr Schein auf das bleiche Todesantlitz des Böhmen. Ob er zu den Schmugglern oder zu den Wilderern gehörte, ob er nur zufällig in das Gehetze kam – wer vermochte es zu unterscheiden? Das mußte erst die Untersuchung herausstellen.

Am nächsten Tage wurde er neben seinem Weibe begraben.

 

Agathe hielt in ihrer Erzählung inne; zwei schwere Tropfen rannen ihr über die blühenden Wangen. Da tönte die Abendglocke feierlich durch die Stille. Alle falteten die Hände und verrichteten leise das übliche Gebet. Als sich zuletzt dem vollen Geläute das gebräuchliche »Scheideglöckchen« anfügte, begann Agathe laut das Vaterunser für die abgeschiedenen Seelen zu beten. Alle stimmten ein und allen war es, als ob es dem einsamen Grabe gelte, von dem sie soeben gehört hatten.

Nach dem »Amen« sprach Agathe: »Nun, Kinder, geht heim, es ist Zeit! Versprecht mir eines: Heut' nacht, bevor ihr die Augen schließt, betet so inbrünstig, daß es gewiß zum Himmel dringt: »O lieber Gott, erhalte mir nur meine Eltern und ihre Lieb' und Zucht! Amen!«

»Und nun gute Nacht!«

Ohne sich wie sonst umzusehen, ging Agathe ins Haus.

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