Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Isabella Braun >

Geschichten aus der Jugendzeit

Isabella Braun: Geschichten aus der Jugendzeit - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
authorIsabella Braun
titleGeschichten aus der Jugendzeit
publisherKarl Müller Verlag
addressErlangen
seriesDomino Buch
year
firstpub
illustratorChristian Manhart
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100313
projectid198bbe77
Schließen

Navigation:

III.

Als Katharine mit dem Kinde in die Nähe des Hauses gelangte, schaute über den Lattenverschlag ein junger Herr und rief ihr zu: »Katharine, ei der Tausend, seit wann gibt's denn in eurem Hof eine kaiserliche Prinzessin?« Das Mädchen erkannte den Schullehrer aus einem nahegelegenen bayerischen Dorfe zunächst ihrer Heimat und erzählte ihm unter erneutem Tränenstrome die traurige Geschichte. Er schüttelte dazu bedenklich den Kopf und meinte: »Wenn's mit der Bäuerin nur gut tut, ich kenne sie besser als du, Katharine! Wenn's dich nur nicht reut und du dir zu viel aufgeladen hast!«

Aber die Katharine rief ganz erhitzt von dieser Bedenklichkeit: »Ich hab' noch nie in der Christenlehre gehört, das Erbarmen sei eine Sünde, und so brauch' ich's auch nicht zu bereuen. Was ich mir aber selber auflade, das trag' ich auch selber! Verstanden, Herr Lehrer? Und nun, ade; ich hab keine Zeit zum Herumstehen und Plaudern!«

Nach diesen Worten schritt Katharine eilig fürbaß, um ihren kleinen Schatz in Sicherheit zu bringen. Der Lehrer jedoch schaute ihr noch eine Weile nach und nahm sich vor, ihrem Vater davon Bericht zu erstatten, auch bisweilen nachzusehen, welchen Verlauf die Geschichte im Kaiserhof nehme; denn die Bäuerin galt für eine stolze und gar nicht gutherzige Frau.

Das verwaiste Böhmenkind, wie man es nach seinen Eltern nannte, fand jedoch für den Anfang im reichen Bauernhofe die beste Aufnahme.

Gleich am nächsten Tage ging die Bäuerin ins Städtlein, um neues Kindszeug anzuschaffen; das mitgebrachte war ihr nicht halbwegs gut genug; dabei trug sie triumphierend das Kind durch die Gasse und sprach laut genug, daß es jedermann hören konnte: »Gelt, Herzel, du mußt alles von mir haben! Die Leut' sollen nicht glauben, es sei mir etwas zu viel!«

Und so ging es mit allem. Die Kleine wurde mit fetter Milch und Eiern herausgefüttert, und bei jedem Löffel sagte die Bäuerin: »Schmeckt's, armer Wurm, haben sie dich hungern lassen? Aber im Kaiserhof sollst satt werden und wachsen. Iß, iß! man vergönnt dir's!«

Der Katharine wurde es angst und bang bei dieser Verhätschelung; sie meinte, es könne dem Kinde schaden,denn Fresser würden nicht geboren, sondern erzogen. Aber damit kam sie schlecht an bei der Bäuerin; erzürnt und mit in die Hüfte gestemmten Armen und Händen trat sie vor Katherine und rief: »In diesem Haus hat niemand etwas zu meinen als ich! Wem's nicht recht ist, der kann dem Hof den Rücken kehren, ich halt' ihn nicht auf!«

Anfangs kam der Vater hie und da zum Kaiserhof und schaute schüchtern durch die Fenster oder über den Gartenzaun nach seinem Kinde, hinein getraute er sich aber nicht. Da rief die Bäuerin von weitem: »Was gibt's da herumzuspionieren? Ihr könnt wegen des Kindes außer Sorge sein. Aber das sag' ich Euch rundwegs: entweder gehört es Euch – dann nehmt's nur gleich mit! – oder es gehört mir; dann laßt mir's aber auch und macht's nicht irr', sonst kennt sich der arme Wurm nicht aus, wem er angehört.«

Mit einem leise gemurmelten »Vergelt's Gott!« schlich der Mann von dannen und schaute nicht mehr rückwärts. Aber drinnen im Walde lehnte er das Haupt an den ersten Baumstamm und weinte bitterlich. Von diesem Tage an mied er den Kaiserhof; aber auch seine Hütte, die ihn nur an ein verlorenes Glück mahnte, war ihm völlig verleidet; darum streifte er nach seiner Tagesarbeit im Gebirge umher. Kein Berg war ihm zu steil, zu wild und zu pfadlos. Dort, wo die Füchse hausen, in Höhlen legte er sich nieder oder er schlich sich in die leere Hütte eines Holzknechtes. Kein Wetter war ihm zu schlecht; und wenn der Sturmwind um ihn tobte, dann erst kam sein gepeinigtes Herz zur Ruhe. Im Winter aber setzte er sich in die dunkelste Ecke einer Schenkstube und betäubte sich nicht selten mit Branntwein. Die Leute schüttelten über dieses vagabundierende Leben des einst so sparsamen Mannes, über seinen verwilderten Anzug und sein finsteres Aussehen das Haupt und wußten bald dieses, bald jenes von ihm zu reden. Die Grenzwächter aber, die des Nachts auf den Gebirgspfaden den Schmugglern nachspüren, deren es auf dieser Landesgrenze so viele gibt, sowie die Jäger, die den Wildschützen auflauern, behielten den Böhmen scharf im Auge; doch hatte er weder Tragkorb noch Flinte bei sich und war noch niemals auf gesetzwidriger Tat betroffen worden.

Inzwischen wuchs das kleine Ding heran und wurde kugelrund, aber auch unbändig, wild und so eigensinnig, daß es sich bei einem Zurufe besann, ob es auch folgen wolle, sich sogar in einen Winkel flüchtete und höhnisch lachte. Es geschah ihm ja stets der Wille; alles wurde schön befunden und belächelt, sogar wenn es vor Eigenwille strampelte und kreischte. Hielt der kleine Peter ein Spielzeug fest zwischen seinen dicken Fingern und sträubte er sich, es der Ziehschwester zu geben, dann brummte der Bauer: »Schäm' dich, so geizig zu sein gegen das arme Mädel, gleich gib's her!« Und der kleine, dicke Peter gab's her und lachte ins Weinen hinein. An Winterabenden, wenn die Knechte und Mägde auf der Ofenbank saßen, rutschte das Mädchen von Knie zu Knie als allgemeines Spielzeug. Nach kurzer Weile jedoch verdroß es die gutmütige Neckerei, es schlug mit allen vieren aus, wohin es nur traf. Dann sagte die Bäuerin: »Recht so, gib's ihnen tüchtig hinaus! Laß dir ja nichts gefallen! Solch armes Waislein muß mit eingestemmten Ellbogen sich durchwinden; früh gewohnt, alt getan.«

Aber auch schmeicheln konnte das Kind trotz eines Kätzleins, wenn es etwas haben wollte. Es gab für die beiden Kinder keine größere Lust, als zur Heuernte in den aufgeschichteten Haufen zu spielen; doch hatte der Bauer sie nicht gerne dabei, da leicht mit der Sense ein Unglück geschehen konnte; auch liefen sie den

Arbeitern störend zwischen die Beine. Wenn die Kleine aber auf des Bauern Knie stieg und seine bärtige Wange streichelte, dann lachte er und sagte: »Nun, kleine Kratzbürste, so komm' halt mit! Und du, Schlingel, gib acht auf den Grashüpfer, damit ihr nicht mitsamt in die Sensen lauft!« Die Bäuerin gab ihnen dann noch Futter für Sechse mit und sagte: »So recht, Schmeichelkatz'! Das hilft im Leben am besten vorwärts!«

Alles vereinte sich, das elternlose Kind zu verhätscheln. Kam die Näherin aus dem Städtchen, dann wurde zuerst das »fremde Kind« ausstaffiert, in die Höhe gehalten und bewundert, wie groß und stark und schön das Kind sei. Der kleine Peter hatte immer das Zusehen, tat es aber gerne, denn die Kinder liebten sich über alles.

Der Katharine ward es bei dieser Erziehung immer schwerer ums Herz. Wie gerne hätte sie bisweilen das Rütlein vom Spiegel heruntergenommen! Aber das durfte sie nur für den Peter; wollte sie es bei dem Böhmenkinde anwenden, dann fuhr ihr die Bäuerin zwischen die Finger und rief: »Wie kannst nur so hart sein gegen das arme Kind, das mutterlos und auch so viel wie vaterlos ist! Wie kannst mir und dem Kaiserhof die Schand' antun, damit die Leut' mit Fingern auf uns deuten und sagen: Das ist mir auch die rechte Barmherzigkeit! Ein Kind annehmen und es dann plagen wie ein überlästiges!«

Die Katharine wußte sich nicht mehr zu raten noch zu helfen. Sie dachte bei sich: »Ja, ist denn das auch die richtige Liebe der Mutter? Die meinige hat mich gewiß gern gehabt, sich jeden Bissen für mich am Mund abgespart und wo sie mir hat eine Freud' machen können, ist ihr selber die Freud' im Gesicht gestanden; besser gewandet bin ich auch meist gewesen als sie selber. Und doch – und doch – das Rütlein hat seine Schuldigkeit redlich getan und meinen Eigensinn und meine Widerspenstigkeit gebrochen. Und die Katharine weinte still vor sich hin und betete ein Vaterunser zum Dank für ihre Mutter, die längst tot war. Dann ging sie schnurstracks auf den Gottesacker, woselbst die Böhmin begraben lag. Dort kniete sie nieder und sprach: »Verzeih' mir's, daß ich dir nicht besser mein Versprechen halt'; aber ich kann nicht, es sind mir beide Händ' gebunden. Tritt du ins Mittel und bitt' dir im Himmel ein Schutzengerl aus für dein armes Kind, das sie mit lauter Affenlieb' verderben! Noch ist's Zeit; noch ist's ein gutes Herzerl, nur wild wie eine Hummel. O, bind' du ihr ein Zuchtrütlein, ohne das geht's nicht im Leben! Amen.«

Getröstet und ermutigt stand Katharine vom Grabhügel auf und wanderte heimwärts zum Kaiserhof, des Tadels für ihr Ausbleiben gewärtig, aber niemand hatte sie vermißt.

Es schien, als ob ihr Gebet, das sie zur Verstorbenen gesprochen, aber eigentlich zu Gott gerichtet hatte, nicht in Erfüllung gehen sollte; denn das Böhmenkind stand bereits im vierten Jahre und noch war es, wie im Anfang, das Spielzeug für alle.

Da kam wieder der Frühling ins Land gezogen mit aller Verheißung von neuem Leben, neuem Sprossen und Blühen. Und sieh' da: über dem Kaiserhof schwebte zum erstenmal – der Storch. Er ließ sich darauf nieder und legte in die Wiege ein Knäblein, das rechte, einzige Kind der reichen, stolzen Bauersleute.

 

Am nächsten Abende hatten es die Kinder noch einmal so eilig, um mit ihrer Tagesarbeit fertig zu werden, und es schlossen sich ihnen noch viele an, denn der Anfang der Geschichte war von Mund zu Mund gegangen. Agathe hatte ja versprochen, von ihrer eigenen, geheimnisvollen Reise zu erzählen, und sie konnten sich nicht zusammenreimen, wie das mit einer Böhmenfamilie zusammenhinge, mit dem Kaiserhofe, der Katharine, dem Peterl und dem kleinen Mädchen, von dem sie merkwürdigerweise nicht einmal den Namen wußten. Hansjörg war der erste, der die Frage herausließ: »Ja, wie heißt denn das Böhmenkind?« Und alle schauten die Erzählerin erwartungsvoll an.

Agathe schaute lächelnd im Kreise herum. Nach einer kleinen Pause, während deren sie sich an der kindlichen Neugier weidete, entgegenete sie: »Sagte ich denn nicht, die Geschichte habe keinen Namen und ihr müßt ihn am Ende selbst erfinden? Auch das Kind hatte damals keinen, oder so viele Namen: Schmeichelkatz, Armer Wurm, Grashüpfer, Vogerl, Herzblatt, daß einem die Wahl leid tut.«

Nun drängten sich die Kinder näher herbei und baten, sie möge doch mit der begonnenen Geschichte fortfahren. Der fremde Student, der sich ebenfalls wieder unter der Zuhörerschaft eingefunden hatte, rief auch: »Mach' einmal voran!« und wiederholte zur Anknüpfung Agathens letzten Satz: »In der Wiege lag das rechte, einzige Kind der reichen, stolzen Bauersleute.«

 << Kapitel 16  Kapitel 18 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.