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Geschichten aus der Jugendzeit

Isabella Braun: Geschichten aus der Jugendzeit - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorIsabella Braun
titleGeschichten aus der Jugendzeit
publisherKarl Müller Verlag
addressErlangen
seriesDomino Buch
year
firstpub
illustratorChristian Manhart
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100313
projectid198bbe77
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Ohne Namen.

I.

Der Abend naht. Wenn nicht verschiedene Anzeichen in der Luft und am Himmel dies verkündeten, so gäb's im Dorf Allershausen noch ein ganz untrügliches Merkmal. Unter den größeren und kleineren Kindern herrscht nämlich eine Eilfertigkeit, die ihnen übertragenen Arbeiten abzumachen, als ob ihnen sonst etwas Hochwichtiges entginge. Betrachtet nur Schmieds Hansjörg dort mit seinem Wasserkrug! Er muß vor Schluß der Werkstätte ihn oftmals am Brunnen füllen. Nach jeder Füllung pressiert's ihm mehr, und er zappelt mit beiden Füßen vor Ungeduld, weil Schreiners große Lisbeth ihren Waschzuber einlaufen läßt; diese hinwieder schiebt jedes, das auch schnell daran möchte, beiseite. Jetzt aber kommt Hansjörg an die Reihe. Kaum hat er den Krug abgeliefert und von der Mutter ein Stück Brot in Empfang genommen, so springt er eilfertig von dannen, schnurgerade aufs Schulhaus zu, biegt um die Ecke und geht nun plötzlich wie umgewandelt ruhig und anständig in den Schulhof, der von einem Ahornbaume beschattet und rings mit Bänken umstellt ist.

Ich könnte nun ähnliches erzählen aus der Mühle, der Schenke, von Wagners Rosine, die ihr kleines Schwesterchen vor Schlafengehen in die kühle Luft tragen muß: alle haben es eilig und laufen dann durchs Dorf. Wohin? Zum Schulhaus, um die Ecke und dort gehen sie plötzlich wie umgewandelt ruhig in dessen Hof.

Das geschieht bei guter Witterung jeden Abend. »Wozu denn aber?« werden meine lieben Leser fragen. Die Kinder von Allershausen werden doch nicht so absonderlich lerneifrig auch nach der Schulzeit sein?

Unter der Tür des Schulhauses sitzt für gewöhnlich die alte Frau Schulmeisterin, die Mutter des jetzigen Lehrers, mit dem Strickstrumpf oder mit einer Hausarbeit beschäftigt. Ihr zu Füßen aber sitzt auf der Türschwelle Agathe, ein gar nettes, sauberes Mädchen von 16 Jahren, und rings um sie geschart sitzen, stehen, liegen die kleinen und großen Leutchen, die es eilfertig hatten, hierher zu kommen. Jedes Auge ist unverwandt auf Agathe gerichtet, denn sie erzählt eine Geschichte, jeden Abend eine andere oder die Fortsetzung der begonnenen. So lang auch der Sommer währt, und so viele milde Abende er hat, der Erzählerin gehen die Geschichten nicht aus und den Kindern nicht die Lust und Begierde, sie anzuhören. Aber weil im Dorfe zu viele sind, kommt jede Woche eine andere Gasse an die Reihe, und wer nicht ein spiegelhelles Gewissen hat, der darf auch nicht kommen, das ist so verabredet mit den Eltern und dem Lehrer und mit den Kindern, von Agathe selber, die mit ihren Augen bis ins Geheimste dringen und erforschen kann, wie es dort steht.

Heute hatten es die Kinder in der Gasse, wo Schmieds Hansjörg wohnt, besonders eilig, denn nach vollen 14 Tagen kam es erst heute wieder zum Erzählen. Zuerst war's Regenwetter gewesen, dann ging Agathe auf die Reise. Die Leute im Dorfe steckten die Köpfe zusammen und fragten einander, wohin doch Schullehrers Agathe gereist sein könne. Niemand kannte und wußte das Ziel, und die Verwunderung wuchs, als sie nach einer Woche in Begleitung eines ihr gleichalterigen Studenten heimkehrte, »vom österreichischen«, wie sie kurz angebunden sagte.

Gleich am ersten Abend nach Agathens Heimkehr eilten die jungen Zuhörer in den Schulhof. Die alte Frau saß bereits unter der Haustür, und der fremde Student hatte sich neben Agathens Plätzchen auf der Schwelle gelagert. Aber so begierig auch die Blicke an ihrem Munde hafteten, sie saß eine gute Weile wie in Gedanken verloren. Endlich drängte Hansjörg: »Fang doch einmal an!« Da fuhr sie wie aus einem Traume auf und fragte: »Was soll ich denn gleich erzählen?« »Erzähl von deiner Reise!« erwiderte Rosine, angespornt von der allgemeinen Neugierde.

Sogleich zog's von Agathens jungem Gesichte weg wie ein Schleier; oder leuchtete gerad die Abendsonne darauf? Sie blickte empor und sagte tief aufatmend: »Nun, so paßt auf, Kinder! Ich will euch etwas erzählen, was damit zusammenhängt; es ist aber eine alte Geschichte.«

Da lächelte die Großmutter und schaute Agathe neugierig forschend an, indem sie fragte: »Ist die Geschichte am Ende gar so alt wie du selber?« Agathe nickte zustimmend mit dem Haupte und entgegnete: »Ist gerade so alt, Großmutter.« »Und wie heißt sie?« Agathe antwortete: »Die Geschichte hat gar keinen Namen, am Schlusse müßt ihr selber einen für sie erfinden.«

Da jubelten alle Zuhörer auf vor Begierde, und alle Augen hefteten sich auf Agathe.

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