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Geschichten aus der Jugendzeit

Isabella Braun: Geschichten aus der Jugendzeit - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorIsabella Braun
titleGeschichten aus der Jugendzeit
publisherKarl Müller Verlag
addressErlangen
seriesDomino Buch
year
firstpub
illustratorChristian Manhart
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100313
projectid198bbe77
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Kapitel II.

Wieder war Ferienzeit. Der nunmehr zum kleinen Königspagen herangewachsene Erbgraf Raimund wurde erwartet, um eine ganze Woche hindurch die Großmama zu erfreuen mit seiner stets lieben Gegenwart. Auch Mariechen, das früh verwaiste Kind ihrer Tochter, war mit der Tante Walburga auf Besuch. Der alte Diener liebte das blonde Mädchen lange nicht so wie den dunkellockigen Knaben; trug sie ja nicht einmal den Familiennamen! Aber sein Herz wurde bald weich, wenn das Kind die blauen, großen Augen auf ihn heftete, denn es waren die Augen der seligen Gräfin Anna. Oftmals hüpfte Marie auf die Knie des alten Dieners, schlang seine runden Arme um dessen Hals und bat schmeichelnd: »Lieber Haas, erzähl' mir eine Geschichte! es ist so langweilig in dem garstigen Schlosse.« Da furchte er die Augenbrauen und drohte: »Wart', ich will dir Respekt einflößen!« und dann erzählte er von den Geisterkugeln und von den längst verstorbenen Grafen und Gräfinnen, deren Bildnisse im Ahnensaale hingen, bis ihre Augen leuchteten und sie ihn bei der Hand faßte und mit sich fortzog, um Bekanntschaft mit den Bildern zu schließen.

Endlich war der sehnlichst erwartete Erbgraf Raimund angekommen. Fröhlich sprang er aus dem Wagen, drückte allen die Hand und gab dem herbeigelaufenen Haas einen so vertraulichen Klaps, daß diesem vor Freude und Rührung die Augen übergingen. Dann küßte Raimund der Großmama und der Tante Walburga die Hand, drehte Mariechen wie einen Kreisel und begann damit seine harmlosen, gemütlichen Neckereien. Der alte Diener aber schwamm in seinem Element. Nun hatte er wieder einen Tisch zu decken mit vier Gedecken. Er tat dieses auch sogleich im Speisesaale, der in früheren Zeiten so viele Gäste gefaßt hatte; er tat es mit musterhafter Pünktlichkeit, stellte vier Stühle zurecht und brachte einen mächtigen Blumenstrauß zur Tafelzierde; so oftmals er aus- und einging, überschaute er sein Werk, rückte an diesem und an jenem, bis alles abgezirkelt vor ihm lag. Welch eine selige Verzückung überkam nun sein altes Herz, und mit welchem Stolze ergriff er dann die Stuhllehnen, um den Niedersitzenden den Sessel zurechtzuschieben, mit welcher Wichtigkeit stellte er sich dann hinter den Stuhl seiner Gebieterin!

Es war ein herrliches Mittagessen; das Scherzen und Lachen der beiden Enkel gab einen lustigeren Ton als ehemals der knallende Champagner-Kork. Die Augen der Großmutter und Tante lächelten dem erwählten Lieblinge entgegen, und der alte Diener trippelte um 20 Jahre verjüngt von einem zum anderen.

Später schallten die fröhlichen Stimmen aus dem Garten herauf. Raimund pflückte eine Menge reifer Pfirsiche für Mariechen, für die Großmama, für die Tante, für den alten Haas, der kaum seinen Augen trauend, auf die so streng gehütete Frucht blickte, fast zornig wurde, als er sogar den Gartenjungen dareinbeißen sah, als ob's ein gewöhnlicher Apfel wäre. Dies war so des jungen Erbgrafen frühe Art und Weise: in herzlicher Freundlichkeit alles für die anderen; für sich nur, was übrig blieb.

Dann kehrten die beiden jungen Verwandten ins Schloß zurück. Am Weiher stieg der Nebel auf, und das Dämmerlich breitete den Schleier über den Garten, während droben im Wohnzimmer bereits die Lampe leuchtete und der Haas die Bilderbücher auf den Tisch gelegt hatte.

Knabe und Mädchen saßen bald davor; Mariechen schlang den Arm um den Gefährten und wartete, bis er das Gelesene erzählen würde. Plötzlich aber fuhr sie erschrocken zusammen und rief: »Die Kugeln rollen!«

»Die Kugeln rollen?« wiederholte Raimund fragend und setzte bei: »Was für Kugeln?«

»Die Geisterkugeln!« flüsterte Mariechen, sich dichter an ihn schmiegend;

Da konnte sich der Knabe vor Lachen nicht mehr halten, sondern rief laut aus: »Hat der alte Haas dir seinen Bären aufgebunden? Was nicht gar, Geisterkugeln! Mein Wagen ist's, der heimkehrt.« Sogleich sprang er zum Fenster, riß es auf und schrie aus Leibeskräften: »Joseph, grüß' den Papa und die Mama und die Geschwister, und ich bin ganz wohl!« Dann erfaßte er Mariechen, das ihm gefolgt war, und sagte: »Wart', kleine Geisterkugel, ich will dich rollen!« worauf er lachend das Kind auf den Boden legte und es einige Male im Scherze herumwälzte.

Aber Mariechen lachte nicht wie gewöhnlich; ihr kleines Herz mochte wohl erbeben, selbst als Geisterkugel behandelt zu werden; sie weinte und machte sich, als Tante Walburga ins Zimmer trat, von Raimund los, eilte ihr entgegen, hielt sich an ihren Kleiderfalten fest und schluchzte: »Hast du die Geisterkugeln schon gehört?«

Die Tante sagte in vorwurfsvollem Tone zu Raimund: »Wie magst du nur die Kleine so erschrecken!« Als der Knabe sich noch verteidigte, trat die Großmama herein; sogleich stellte Mariechen die ängstliche Frage an sie: »Großmama, hat der Schloßgeist ein schwarzes oder ein weißes Kleid an?«

Alle suchten das Kind zu beschwichtigen; Raimund stellte sich einem Professor gleich vor dasselbe hin und sprach höchst überzeugend von der Albernheit der Geisterfurcht, und als Mariechen fragte: »Fürchtest du dich nicht?« lachte er aus vollem Halse und rief: »Ich mich fürchten? Was fällt dir ein! Ich will im Billardzimmer schlafen, meinethalben gleich heute Nacht.«

Mariechen war durch diesen Gedanken so erschreckt, daß sie aufs neue zu weinen begann. Als das Kindsmädchen sie zu Bett bringen wollte, klammerte sie sich an die Tante und bat: »O, liebe, liebe Tante, komm' doch mit mir; ich fürchte mich vor dem Schloßgeist und den rollenden Kugeln!«

Da wurde die Tante ärgerlich und rief: »Wenn nur dem alten Hasenfuß der Schloßgeist einmal wirklich erschiene und ihm eine tüchtige Maulschelle gäbe« Raimund lachte bei dieser Vorstellung und malte sich das komische Bild in Gedanken aus; dann aber bestürmte er seine Großmama mit Fragen über das »Familienmärchen«, und diese berichtete ihm alles; hierauf schloß sie ihre Erzählung mit den Worten: »So heißt's! Aber gehört und gesehen habe ich freilich noch nichts davon. Ich denke auch, es spukt nur im Gehirn des alten Haas; der aber glaubt steif und fest ans Gespenst.«

Wie es mit der ausgestreuten Saat geht, die entweder auf weiches oder steiniges Erdreich fällt, so war es auch bei den beiden Kindern in dieser Geistergeschichte. Während Mariechen bis zum Einschlafen die Hand der Tante nicht losließ, sich unruhig im Bette herumwälzte und auf das Rollen der Kugeln lauschend wartete, kam in des Knaben mutigen Sinn nicht die allerleiseste Furcht. Er schlief vortrefflich; sein erster Gang des Morgens war in das Billardzimmer und über der Betrachtung seiner trefflichen Ahnen vergaß er beinahe die Frühstücksstunde und trat in das Familienzimmer, als die fromme Großmama bereits die Betrachtung aus dem »Schatzkästlein« vorgelesen hatte. Wohl hatte man nach ihm gesucht, aber alles Suchen war vergebens gewesen, weil es dem alten Diener gar nicht in den Sinn kam, er könnte sich im Ahnensaal aufhalten. Nach der freimütigen Angabe des Erbgrafen, er hätte dort seine Familienstudien gemacht, blickte Haas mit wahrem Entsetzen auf ihn; dann aber sah man den treuen Alten zur Schloßkapelle schleichen, wo er lange betend auf den Knieen lag und sein mit traurigen Ahnungen erfülltes Herz vor Gott ausschüttete.

Dem jungen Erbgrafen hingegen verstrich der Vormittag in Lust und Vergnügen, teils mit Mariechen im Garten, teils bei den alten Bekannten im Orte. Wo er leutselig eintrat, lachte die helle Freude aus allen Gesichtern. Als es vom Turme Mittag läutete, schlenderte er, um die guten Leute nicht vom Essen abzuhalten, gemütlich ins Schloß zurück und sah im Speisezimmer nach, ob daselbst auch schon Vorkehrungen getroffen seien. Die Tafel war bereits gedeckt, das blendendweiße Tischtuch reichte bis zum Boden herab, denn der alte Haas hatte zu Ehren des Erbgrafen von den Damasttüchern genommen, die auf eine große Tafel berechnet waren. Auch die Teller waren aufgestellt, daneben die Bestecke in sorgfältig abgemessener Ordnung. Es mochte zwar bis zum Essen noch eine volle Stunde fehlen, aber wie wenig erschien dieses dem alten Diener, der etwas langsam ging und noch die Vasen mit Blumensträußen zu füllen hatte!

Raimund stand vor der sorgfältig gedeckten Tafel und überblickte sie lächelnd. Da überkam ihn plötzlich seine angeborene Necklust, und er dachte: »Wie war's, wenn ich die Sachen hier ein wenig verdrehte, damit dem Alten die Zeit nicht solang' wird bis zum Essen und er etwas zu tun hat?« Sogleich legte er sein eigenes Besteck verkehrt, so daß Klinge und Zinken nach unten sahen. Bevor er noch das gleiche mit den anderen Bestecken tun konnte, vernahm er des Alten trippelnden Gang und husch! schlüpfte er unter den Tisch, wo ihn das langherabhängende Tuch völlig verbarg.

Die Schritte näherten sich. Wohl sah Raimund des Dieners glänzende Schuhe mit Silberschnallen dicht vor seiner Nase, aber er sah nicht, wie dieser auf die umgekehrten Bestecke hinstarrte, erblaßte und zitterte, als er sie wieder in die gehörige Richtung legen wollte; er hörte nur einen Metallklang und das Niederfallen der Gabel auf den Boden. Einen Moment lang war Raimund in seiner freundlichen Gutmütigkeit versucht, sie dem alten Diener, der sich so mühsam bückte, aufzuheben; aber er wollte sich nicht verraten, also verhielt er sich mäuschenstill, bis der Haas aus dem Zimmer getreten war. Jetzt kroch er hervor, sprang auf und legte blitzschnell sein Besteck wieder verkehrt. Dann ging er leise davon und begab sich auf sein Zimmer.

Nach einer guten Weile kehrte der alte Mann, den Blumenstrauß in der zitternden Hand, zum Speisesaal zurück. Sein erster Blick flog über des Erbgrafen Gedeck, und wie er den neuen »Geisterspuk« sah, entfiel ihm der Blumenstrauß; der Gedanke, es sei des Erbgrafen letztes Mittagessen, der Geist habe sein Besteck nach unten gewendet, preßte ihm einen lauten Schrei aus. In diesem Augenblick erschien auch die Mama Erlaucht mit der Gräfin Walburga und mit Mariechen. »Was ist geschehen?« fragte jene; das Mädchen aber hatte bereits die Blumen aufgehoben und überreichte sie ihm. Die Gräfin sah es und sagte nur: »Haas, wir werden beide alt, Herrin und Diener.« Dieser jedoch stand noch immer wie festgebannt vor der »Spukgeschichte«. Da gewahrte auch die Gräfin, was vorgegangen, und blickte angstvoll zuerst auf den Greis, dann auf die Tochter, als wollte sie fragen: »Ist's nicht richtig in seinem Kopf?«

Mariechen kam ihm wieder zu Hilfe und brachte Ordnung in die Sache. Hierauf sprach die Gräfin mit ganz besonders mildem Ton: »Was ist's mit Ihm, Alter? Mach' Er voran, uns hungert! Ruf Er den Grafen Raimund zum Essen!«

Inzwischen hatte Haas seine Fassung wieder errungen und ging langsam, den jungen Herrn zu holen. Er raffte alle seine Kraft zusammen, um ihn nichts merken zu lassen. Ach, es stand wie ausgemacht vor seiner ängstlich liebenden Seele: dem Erbgrafen droht ein Unglück – Krankheit oder Tod! Das umgedrehte Besteck war ein sicheres Anzeichen; nun fehlte nur mehr das Rollen der Billardkugeln.

Es war ein heißer Septembertag; Raimunds Wangen glühten, und als er mit dem alten Haas ins Speisezimmer trat, glühten sie wegen seiner Verspätung noch stärker. Die Großmama strich dem Enkel zärtlich die Haare aus dem Gesicht, wobei sie mit leisem Vorwurfe sagte: »Wo ist der junge Herr wieder herumgetobt? Du siehst ja aus, als ob dich der Schlag treffen sollte!«

Der Greis überhörte Raimunds entschuldigenden Bericht. Wie eine Totenglocke tönte es in sein Ohr: »Schlag treffen sollte! – Schlag treffen sollte! – bim, bam; bim, bam!« In gänzlicher Verwirrung besorgte er seine Geschäfte und machte alles verdreht, schenkte Wein statt Wasser in das Glas, reichte Salz statt Brot hin und begoß schließlich der Mama Erlaucht noch das Kleid. Solche unerhörte Dinge waren niemals vorgekommen, und das gute, alte Gesicht sah dabei so krank und bleich aus, daß die Gräfin sagte: »Haas, Ihm fehlt etwas! Leg' Er sich gleich zu Bette und laß Er den Arzt holen. Ja, ja; es ist nicht nur mein Wunsch, sondern mein Befehl!«

Der Alte hatte den Kopf geschüttelt. Er sich zu Bette legen! Nein, nein, ihm fehlte ja nichts. Aber bei dem Befehl der Gräfin gab es für ihn kein Widerstreben, und es mochte immerhin gut sein, den Arzt im Hause zu haben – die schlimmen Vorzeichen deuteten ja so genau und schauerlich auf Krankheit und Tod, leider nicht für das alte, sondern für das junge Leben! Wie gerne hätte er das weiße Haupt zur ewigen Rast gelegt, wenn damit das frische Dasein des Erbgrafen erhalten werden könnte!

Die Mama Erlaucht hatte den Diener lieb; es half nichts, er mußte auf sein Zimmer; sie selbst geleitete ihn dorthin und ließ den Arzt holen. Dieser fand wirklich den Puls des Alten fieberhaft, weitere Krankheitsanzeichen waren nicht vorhanden. Man mußte den Verlauf abwarten; jedenfalls konnte es nur gut für ihn sein, im Zimmer zu bleiben.

Raimund kam öfter, um nach dem Kranken zu sehen; so oft er dessen Hand ergriff, zitterte sie. Wie wenig ahnte der gute, mitleidige Knabe, daß er hiervon selbst die Ursache sei!

Gegen Abend ging die Mama Erlaucht zum »Drei- Toni« auf Besuch, und die beiden Enkel begleiteten sie. Es gab dort genug Unterhaltung: der ganze Kramladen wurde ihnen zur Verfügung gestellt, und sie säumten auch nicht, darin herumzustöbern. Heute entdeckte Raimund herrliche, große Steinkugeln, »Glücker« oder »Schusser« genannt, jenes Spielzeug, das alle Dorf- und Landkinder so vorzugsweise lieben. Er kaufte davon zwei Dutzend für sich und für Marie, um die müßige Zeit zu vertreiben, da es das einzige Spiel zu zweien war, das ein Mädchen mit ihm machen konnte.

Als sie nach Hause kamen, waren bereits die Schloßgänge erleuchtet. Auch im oberen Stockwerke brannte vor den Stuben einiger Diener die Lampe und warf genug Licht auf die alte, duchlöcherte Diele, die so ganz geeignet zum Schusserspiele war, während im ersten Stocke vor kurzem neue Bretter eingefügt worden waren.

Die beiden spielten im höchsten Vergnügen und Reiz der Neuheit eine lange Weile; die großen Steinkugeln rollten lustig hin und her, stießen klingend aneinander, prallten an die Mauer und zurück und verloren sich in manchem Mauseloche. Als die beiden zum Abendessen gerufen wurden, besaß Raimund nur mehr acht Stück; diese legte er in eine Schachtel, die auf dem Tischchen vor seinem Bette stand.

Nach dem heiter verlebten Tage stellte sich bald der Schlaf ein und schloß die Augenlider der Kinder. Sie begaben sich zur Ruhe, und es dauerte nicht lange, so umfing tiefes Schweigen das Schloß.

Raimund war sogleich eingeschlummert; je weiter jedoch die Nacht vorrückte, desto unruhiger wurden seine Träume. Der junge Geist hatte untertags verschiedene Eindrücke empfangen und »ging um«, aber auf jene natürliche Weise, die jeder selbst tausendmal erlebt hat. In diesen unruhigen Träumen wälzte sich der Knabe in seinem Bette hin und her, schlug mit den Armen um sich und stieß bei dieser Gelegenheit auch an die früher erwähnte Schachtel, worin die Steinkugeln lagen. Sie fiel samt ihrem Inhalt zu Boden, die Schusser rollten höchst geräuschvoll dahin. Dadurch erwachte Raimund und erschrak heftig. Er besaß natürlich keine klare Besinnung, er wußte nichts von den Kugeln, sondern die alte, oftmals gehörte Geistergeschichte wob ihm Märchen um den umhüllten Sinn. »Die Geisterkugeln!« so bebte es jetzt im Halbschlummer durch das junge Herz; es begann heftig darin zu klopfen, und die oftmals verachtete Gespensterfurcht legte einen Alpdruck auf die Seele des Knaben.

Raimund war völlig wach geworden und richtete sich in seinem Bette auf. Er horchte: da schlug es auf dem nahen Turme Mitternacht. Die Glocke dröhnte schauerlich an sein Ohr, als ob sie plötzlich einen anderen Ton angenommen hätte. »Die Geisterstunde« – sagte gleichsam feierlich jeder Klang. Nun hielt Raimund den Atem zurück und lauschte mit gespannten Sinnen. Deutlich vernahm er ein Ächzen und Stöhnen, so deutlich, als ob es dicht aus seiner Nähe käme. Der Angstschweiß trat auf seine Stirne, er getraute sich nicht, die leiseste Bewegung zu machen; alle oft verspotteten Geistergeschichten schienen sich in schauerliche Wahrheit zu verwandeln. Er sah die geharnischten Ritter aus ihren Rahmen steigen, die mageren Knochenhände nach den Kugeln langen; da ächzte und stöhnte es von neuem noch lauter, sogar ein Schluchzen mengte sich darein. Nun raffte er allen Mut zusammen, langte nach dem Feuerzeuge und entzündete ein Licht. Sobald das Zimmer erhellt war, kehrte sein früherer Mut zurück, er griff nach dem Glockenzuge und riß daran, daß es gellend durch die lautlose Nacht hallte. Im gleichen Augenblicke öffnete sich die Tür: hereinstürzte, völlig angekleidet, aber mit totbleichem Antlitz – der alte Haas und rief: »O mein Herr, mein junger, lieber Erbgraf! O, ich wußte es ja, daß es so kommen würde! Die umgekehrten Bestecke – die Geisterkugeln« – Dabei sank er vor dem Bett auf die Knie, während es durch das Zimmer wieder rollte.

Dieser Auftritt hatte Raimund zur vollen Besinnung gebracht: die umgekehrten Bestecke, die Geisterkugeln – nun verstand er alles. Er lachte im hellen Knabenübermute; aber dann schlug er seine beiden Arme um den alten, treuen Diener und rief: »Hab' ich dich erschreckt? O, verzeih' mir, lieber Haas! Es ist ja alles nichts, gar nichts; ich hab' die Bestecke selbst umgewendet, um dich zu necken, und sieh': da vor dir liegen die gefürchteten Geisterkugeln. Aber du bist gerächt, denn die Strafe folgte meiner Neckerei auf dem Fuße. Ich bin selbst zu Tod' erschrocken beim Hinabrollen der Schusser, und du, guter Alter, hast gewiß die ganze Nacht vor meiner Tür gestöhnt in Angst um mich, und – o wie ich mich schäme! – ich hab' dich für den Schloßgeist gehalten und in Todesangst meinem Diener geläutet.«

Es war Nacht, doch über das alte, gefurchte Gesicht zog es freudestrahlend gleich einem Sonnenschein über den kahlen Bergesscheitel. Dann faltete er seine Hände und flüsterte: Gott sei Dank! Gott sei hunderttausendmal Dank!«

Mehr als 40 Jahre sind seit jener kleinen Begebenheit verflossen. Längst hat die Mama Erlaucht in der Familiengruft Einzug gehalten; der treue Haas und die ganze Spinnstubengesellschaft ist mit ihr im »himmlischen Familienschloß der ganzen Menschheit« versammelt. Das Schloß zu Weißenhorn steht verödet; niemand horcht daselbst auf das Rollen der »Geisterkugeln«, niemand hat sie vernommen, so oftmals sie auch zu rollen Gelegenheit hatten. Denn viele aus dem alten Grafengeschlechte sind der Mama Erlaucht in die Gruft nachgezogen, sogar der Graf Raimund.

Aber jetzt geht von Mund zu Mund das Wort vom guten Grafen Raimund, dem besten Herrn, der für alle seine Angehörigen und Untertanen sorgte, der mit dem Geringsten aus dem Volke verkehrte im leutseligen, milden Geiste seiner Ahnen, der Liebe säte und Liebe erntete.

Diese von Mund zu Mund gehenden Worte sind die wahren »Geisterkugeln«, die den Verstorbenen ehren, die Lebenden ermahnen.

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