Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Isabella Braun >

Geschichten aus der Jugendzeit

Isabella Braun: Geschichten aus der Jugendzeit - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
authorIsabella Braun
titleGeschichten aus der Jugendzeit
publisherKarl Müller Verlag
addressErlangen
seriesDomino Buch
year
firstpub
illustratorChristian Manhart
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100313
projectid198bbe77
Schließen

Navigation:

Das Schloßgespenst

I.

Im bayerischen Schwaben liegt die kleine Landschaft Weißenhorn mit weiten und engen Gassen, großen und kleinen Kirchen und einem alten Schlosse, das sich im Weiher abspiegelt. Rings umgeben von fruchtbaren Feldern, getränkt durch die munter dahinfließende Roth, umschlossen von grünem Hügelland: galt dies Rothtal für ein reiches Schatzkästlein des alten Grafengeschlechtes der Fugger zu jenen Zeiten, als die Land- und Stadtbewohner noch seine steuerpflichtigen Untertanen waren und zugleich unter gräflicher Gerichtsbarkeit standen.

Etwa vor 50 Jahren, als diese Geschichte sich ereignete, diente das Schloß zum Witwensitze der alten Erlaucht, Gräfin Euphemie. Keinerlei Art von Prunk umgab die ehrwürdige Dame. Ihre sämtliche Dienerschaft bestand aus der Kammerzofe, der für die Reinhaltung des Schlosses nötigen Magd, der Köchin und dem alten Kammerdiener Haas, der mit seiner Gebieterin jung gewesen und alt geworden war. Da diese niemals ihren Witwensitz verließ, bedurfte sie keiner Equipage, so daß der schlichte Hausstand völlig genügte.

Dennoch wimmelte es oft im Schloßhofe von Karossen und betreßten Dienern, denn der ganze Adel aus nah und fern brachte der Greisin aus dem vornehmen Geschlechte der Wolfegg die gebührende Achtung dar. Außerdem residierte, kaum zwei Stunden entfernt, im hochgelegenen Schlosse Kirchberg, an dessen Fuße die Iller dahinrauscht, der Stammherr mit einer ansehnlichen Kinderschar, die alle zur Großmama häufig zu Besuch kamen.

Die Gräfin Erlaucht lebte keineswegs abgeschlossen in ihrem großen, verödeten Schlosse; sie verkehrte mit dem ganzen Orte und zwar in der Weise, daß sie selbst in jedes Haus trat und an den langen Winterabenden mit ihrer Kunkel die Runde machte, wobei jung und alt sich um den hohen Gast scharte. Die gräfliche Kunkel trug ein glitzerndes Krönchen und überragte alle anderen. Diese regelmäßig wiederkehrenden Spinnabende brachten eine wohltuende Gesittung über den ganzen Ort; denn obgleich die »Mama Erlaucht«, wie sie gemeinhin genannt wurde, überaus leutselig und herablassend war, zog doch ihre weiße, schmale Hand mit dem leuchtenden Diamantringe am kleinen Finger gleichsam eine Schranke um sie und wies jede Überschreitung derselben zurück.

Sogar auf den alten Haas ging der Respekt über. Der Gräfin voraus trug dieser gewöhnlich die Kunkel und war dabei in voller Livree, als ob es in ein Grafenschloß ginge, nicht aber zur Färberin oder zum »Drei-Toni«, dem Krämershause, woselbst Vater, Mutter und Sohn diesen fuggerischen Familiennamen trugen. Die Knöpfe mit dem Wappen glänzten auf blauem Fracke und gelben Aufschlägen, die schwarzsamtnen Kniehosen waren säuberlich gebürstet und die Schnallenschuhe frisch gewichst und spiegelblank. Wenn der Alte mit dem rosigen Gesichte, umrahmt von weißen Haaren, auf dem einen Arme der Mama Erlaucht Pelzmantel, in der anderen Hand die flachsumwundene Kunkel, so dahinschritt, war er ein echtes Bild des herrschaftlichen Dieners aus der guten, alten Zeit.

Bisweilen ließ die Gräfin auf sich warten. In solcher Zwischenstunde machte sich der alte Haas gar wichtig und erzählte allerlei Begebenheiten aus vergangenen Zeiten des Adelsgeschlechtes. Er glich einer ausführlichen Familienchronik, die bis ins 16. Jahrhundert zurückreichte. »Woher der alte Haas nur alles weiß?« sagten die Leute und kamen auf die Vermutung, der »Schloßgeist« müsse es ihm verraten haben, denn dieser Schloßgeist spielte in seinen Geschichten eine Hauptrolle.

Im Schlosse gab es nämlich einen Ahnensaal, woselbst der Reihe nach die lebensgroßen Bildnisse der Fugger hingen. Jetzt stand der Saal ganz leer; ehedem hatte er als Billardzimmer gedient. Aber es ging die Sage, daß jedesmal vor dem Tode eines Nachkommens des alten Geschlechtes in der Mitternachtsstunde daselbst die Billardkugeln rollten, als ob die Bilder der alten Grafen lebendig würden, um einen neuen Mitspieler zu gewinnen.

Die guten Leute glaubten an diese Geschichte so felsenfest, daß sie bei einer Erkrankung in der Grafenfamilie nicht beim Arzte nach dem Befinden fragten, sondern mit zitternder Flüsterstimme nur beim alten Haas forschten, ob er die Kugeln im Ahnensaal vernommen habe.

Diese Ahnen- und Spukgeschichten waren ein beliebtes Thema vor der Ankunft der Mama Erlaucht zum Spinnkränzchen. Wenn bisweilen der eine und der andere ebenfalls eine Geistergeschichte erzählen wollte, unterbrach der Haas ihn ärgerlich und sagte: »Ah, was nicht gar! Ihr und ein Geist! Woher solltet ihr einen Geist haben? Nur die Ahnen gehen um; ihr aber habt gar keine Ahnen. Meint ihr vielleicht, euer alter Vater im Pfründstübchen, der dort umhergeht, sei ein Ahnherr, weil ihr ihn so betitelt? Nichts da! Zeigt mir im Gottesacker die Namen eurer Vorfahren. Kein Kreuz und kein Hügel weist irgendwelchen auf. In unserer Gruft aber liegen die Grafen und Gräfinnen noch unversehrt. Ja, die können umgehen, die euren aber nicht!« Das war ein Argument, das sie verstummen ließ.

 << Kapitel 12  Kapitel 14 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.