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Geschichten aus der Jugendzeit

Isabella Braun: Geschichten aus der Jugendzeit - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorIsabella Braun
titleGeschichten aus der Jugendzeit
publisherKarl Müller Verlag
addressErlangen
seriesDomino Buch
year
firstpub
illustratorChristian Manhart
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100313
projectid198bbe77
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III.

»Ich kehrte also nach längerer Abwesenheit in meine Heimat zurück, um mich der Einberufung zu stellen. Aber dort stand's traurig, das merkte ich schon beim Willkommen. Der Vater war verdrießlich und und aufgebracht und richtete bei meiner Begrüßung kaum den Kopf in die Höhe, alles aus Schande, welche der Seppl über unsern Namen gebracht hatte. Dieser saß nämlich seit einigen Wochen in einer Strafanstalt, einer Rauferei halber, in welche er verwickelt worden war. Er sollte zwar in kurzem wieder frei sein, aber unser unbescholtener, ehrlicher Name trug nun doch einen Makel und das konnte mein Vater nicht verschmerzen. Er sagte: »Es ist mir nur um Dich, armer Tony! Mich kennt kein Mensch unter dem Familiennamen.« Dann entgegnete ich lachend: »Deswegen braucht Ihr Euch nicht zu sorgen, Vater, ich verschaff mir schon selber einen Namen, so gut, als Ihr. Jetzt ist mir's grad gleich, ob ich Soldat werden muß, oder nicht; am liebsten ein Reiter; dann können sie mich später meinethalben den Husaren oder Uhlanen heißen.«

Dieser Spaß sollte in Erfüllung gehen. Ich zog die allerhöchste Nummer und da ich über sechs Schuh maß, kam ich zu den Uhlanen. Einen lustigeren Soldaten gab's nicht, als mich. Mein Schnauzbärtl wuchs; wer sollte vor solch einem Burschen nicht Respekt haben? Nun, wenigstens hatten mich alle gern, Offiziere, Unteroffiziere und Kameraden; bald wurde ich der Rädelsführer bei jedem lustigen Streiche. Nur einer konnte mich nicht leiden und suchte beständig, mir eine Falle in's Arrestloch zu stellen, aber vergebens. Es war niemand anders, als der Reiner; ich hatte ihn gleich erkannt; er aber tat fremd und spielte niemals auf unsere frühere Begegnung an, was mir nur angenehm war.

Dazumal sah ich den Heindl wieder. Er befand sich bei einem Chirurgen in der gleichen Stadt, ja, sogar in der nämlichen Straße und suchte seinen Landsmann auf. Fast alle Tage kam er in die Kaserne, um einigen jungen Offizieren den Bart recht neumodisch auszurasieren. Jeder von uns kannte ihn; aber er war für unser tolles Leben und Treiben ein viel zu pünktlicher, furchtsamer Mensch und konnte, trotz seiner Rasiermesser, Aderlaßschnapper und Instrumente, die blitzenden Säbel viel zu wenig leiden, als daß er mit uns Gemeinschaft gemacht hätte. Ich kam dagegen bisweilen auf seine Stube und erzählte ihm alles, was ich bisher erlebt und getrieben hatte.

Ein ganzes Jahr war verflossen, mein Ansehen stieg bei den Kameraden, doch der Reiner wurde immer finsterer und tückischer. Ich wußte, daß er auf eine Gelegenheit laure, mir zu schaden, und ich nahm mich doppelt in acht. Ich hatte beschlossen, es wenigstens bis zum Hauptmann zu bringen, beim Militär zu verbleiben und wollte also von jeder Strafe frei sein. So kam der Fastnachtdienstag heran, und ich hatte mit den Kameraden eine lustige Zusammenkunft im grünen Baum, außerhalb der Stadt gelegen, verabredet. Dies geschah denn auch, wir waren in allen Ehren kreuzfidel, ich erzählte lustige Geschichten und sie gefielen den Kameraden so gut, daß sie mich hoch leben ließen. Da sprang aus einer Ecke plötzlich der Reiner auf und schrie, indem er seinen vollen Krug gegen mich schüttelte: »Nimm das von mir, Zuchthäusler!«

Bei diesen Worten wurde ich zuerst feuerrot und dann totenblaß. Der Zorn nahm mir die Stimme, ja, ich konnte kein Glied regen. Die Kameraden blickten mich an und wichen unwillkürlich einen Schritt zurück, so daß ich ganz allein stand. Endlich aber rief doch einer aus dem Kreise: »Beweis es, Verleumder!« und dabei zog er seinen Säbel und alle taten es ihm nach.

Der Reiner blieb kaltblütig und sagte: »Beweisen? Nichts leichter, als dies!« Dabei zog er ein altes Zeitungsblatt hervor und las die Verurteilung meines jungen Vetters. Ich schrie: »Das bin nicht ich! Das ist ein anderer! Ich heiß auch nicht Anton Joseph, sondern Joseph Anton!«

Nun sah mich der Reiner hönisch an und frug: »Kannst vielleicht leugnen, daß Du einmal anders geheißen hast und daß wir zwei schon früher zusammen gekommen sind, he?«

Bei dieser Anklage wurde ich sprachlos. Derselbe leichtsinnige Spaß rächte sich nun; ich sah finster vor mich hin, wie das Abbild eines schuldigen Gewissens, und meine Kameraden murrten, die Säbel klirrten aufs neue in der Scheide, dieses mal galt es aber nicht dem Reiner, sondern mir, dessen Schweigen die Schuld bekannte.

Ich fühlte es, jetzt war's um mich geschehen; der heimtückische Reiner hatte den Sieg davon getragen. Plötzlich aber trat mein Ehrenretter auf. Kein anderer, als der furchtsame Heindl, den ich in seiner Stubenecke gar nicht bemerkt hatte, rief: »Platz, da für mich! Ich hab auch noch ein Wort drein zu reden.« Und jetzt erzählte er meine Namensverwechslungs- Geschichte beim reichen Bauern unter beifälligem Gelächter der Zuhörer und schloß mit den Worten, indem er sich zum Reiner wandte, während er fünf Taler auf den Tisch warf: »Und damit Du nichts auf den Tony bringen kannst, nimm das Geld, steck's in Deine Tasche oder schick's dem Vetter zurück, wie Dir's besser taugt! Ein unüberlegter lustiger Streich ist noch lang kein Verbrechen, nicht wahr, Kameraden?«

Alle drängten sich nun wieder um mich und drückten mir die Hände. Die Geschichte hatte den lustigen Burschen gefallen und sie lachten noch lange darüber; aber der Reiner schlich sich von dannen. Ich war immer noch wie vom Blitz getroffen, bis der Heindl mir auf die Schulter klopfte. Da stürzten Tränen aus meinen Augen und ich sank dem Heindl in die Arme, indem ich rief:

»Gott soll mich strafen, Herzbruder, wenn ich Dir's jemals vergesse!« –

Bei diesen Worten hielt der Uhlan inne. Seine Brust hob sich gewaltig; ein lauter Seufzer brach hervor und endlich schluchzte er: »Gott hat mich gestraft!« und ließ den grauen Kopf in die Hände sinken.

Wir schwiegen, es herrschte eine lautlose Stille im großen Zimmer; man hörte nur das Schluchzen des Uhlans. Aus unsern Kinderaugen tröpfelten die klaren Tränen, doch wir weinten nicht allein. Neben uns stand der Heindl und hatte feuchte Augen. Wir wollten rufen, aber er legte bedeutsam den Finger auf den Mund. Dann schlich er hinter des Uhlans Rücken, schlangseine Arme um dessen Hals und zog die braunen Hände zärtlich vom Gesichte. Hierauf sagte er mit einer von innerer Rührung zitternden Stimme: »Wer ist's?«

Als der Uhlan aufschaute und das liebe, alte, langvermißte Gesicht voll von Rührung und Vergebung erblickte, als der Heindl seine Arme ausbreitete, sank er an dessen Brust, weinte und lachte wie ein kleiner Knabe. Der Bader aber flüsterte: »Bruderherz!« – dieses Wort klang uns in die Seelen. Wir drängten uns um die beiden und sahen mit glänzenden Augen zu ihnen auf. Unter der offenen Tür des Kabinetts stand im Festanzuge, wohl rasiert für den Abendball – unser Vater, der die Zusammenkunft so geschickt veranstaltet hatte und seine schönen, tiefblauen Augen leuchteten wie der Himmel vor Freude. Wie er immer tat, wenn sein liebes, weiches Herz bewegt war, faßte er auch jetzt der Mutter Hand, und dann schlang er den Arm um sie, während er flüsterte: »Bist Du jetzt zufrieden, Friedensstifterin?« – Sie lächelte ihn an, und dann ging der Vater zum Tische, die Mutter verstand ihn und füllte schnell zwei Gläser mit Tyrolerwein. Er reichte das eine dem Bader und hob das andere in die Höhe; die Frühlingssonne leuchtete darauf, daß der Wein purpurfarbig glänzte, wir alle griffen nach unsern Bechern und der Vater rief:

»Stoßt an! Die Herzbrüder sollen leben!«

Die beiden Jugendfreunde stießen an und wir alle untereinander; es gab einen hellen freudigen Klang. Wir wollten nun auch noch mit den beiden anstoßen; obwohl die Mutter heimlich den Wein mit Wasser verdünnte, schmeckte er uns besser, als je zuvor und wir wurden sehr lustig.

Der Heindl mußte sich nun auch zu uns setzen. Wir hatten noch allerlei Fragen zu stellen. Ernst wollte wissen, wer die fünf Taler bekam, denn er gönnte sie dem Reiner nicht. Der Uhlan erzählte, daß der Heindl einen langen Brief an den Ex-Paten geschrieben und alles haarklein bekannt, auch das Geld beigefügt habe, und der Heindl erzählte, wie verachtet von diesem Tage an der Reiner, wie geliebt dagegen der Uhlan gewesen sei, daß er gar nicht mehr fort wollte vom Militär, und daß man ihm nach sechs Jahren gerne das Einstandsgeld bezahlt habe.

Erst spät abends, als unsere Uhr achtmal schlug, trennte man sich in neu besiegelter Freundschaft.

Das ist meine Geschichte »beim Tyrolerweine«; ich aber fülle heute, nach vielen Jahren, mein Glas und bringe ein lautes Hoch der treuen Freundschaft! Mögen die beiden, der Bader und der Uhlan, vereint bleiben noch im Himmel, der ewigen Heimat; mögen sie dort oben auch jetzt noch beisammen sein mit Vater, Mutter und Bruder, wie ehemals im alten Schloßzimmer, der irdischen Heimat zu Jettingen.

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