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Geschichten aus den Bergen

Arthur Achleitner: Geschichten aus den Bergen - Kapitel 8
Quellenangabe
typenarrative
booktitleGeschichten aus den Bergen
authorArthur Achleitner
yearca. 1910
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleGeschichten aus den Bergen
pages495
created20140410
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zufall oder – ?

Im regen Gespräch saßen mehrere Herren am Ecktisch beim Huberwirt zu Kitzbichel, die der Zufall, die Lust am Bergleben an diesem hübschen tirolischen Fleckchen zusammengeführt. Die einen beabsichtigen dem kühn aufragenden Kitzbichlerhorn einen Besuch abzustatten, sobald das Wetter sich bessert, die anderen interessieren sich für das Bergwerk in Kitzbichel, von dem eine mündliche Überlieferung schon 1539 berichtet, daß in jenem Jahre drei Bauern Namens Michael Rainer, Christian Gasteiger und Georg Brucker vom Kirchweihfeste heimkehrten und voll des roten Weines unter einem Kirschbaum einschliefen. Die unterirdischen Erzlager wirkten magnetisch auf ihr Traumgefühl, alle drei träumten von den Reichtümern unter ihren Füßen. Aufgewacht gruben die Bauern sofort in die Erde und entdeckten die reichen Lager. Schon im Jahre 1540Dr. Sepp, altbayer. Sagenschatz. begann der Bau, der sich sogleich ungemein lohnend erwies; der Zulauf war so groß, daß sich bald ein Wochenmarkt erhob und Kitzbichel die Bedeutung einer lebhaften Stadt erhielt. Zehn Jahre später hatte man bereits einen Schacht von 150 Klafter Tiefe eröffnet und es stand nicht lange an, so gab es zwei parallele Hauptgänge, die im grauen Schieferthon und Gipsgestein, abwechselnd mit Kupfererz und Kupferkiesen, mittelst sieben Schachten in eine Tiefe von 500, der andere von 370 Klafter niederliefen und so die größte Schachttiefe in ganz Europa erreichten. Lieferte das Bergwerk im Jahre 1552 22913 M. Silber und dreizehn Jahre später außer großem Silbergewinn 94 auch noch 10375 Centner Kupfer, so ging der Ertrag doch in den späteren Zeiten bedeutend abwärts und Anno 1774 mußte das Bergwerk gänzlich aufgelassen werden.

Erst in neuerer Zeit gelang es praktischeren Versuchen, das Kupferbergwerk wieder zu heben.

Just war dieses Gespräch beendet, da huschte ein Sonnenstrahl ins Zimmer, der Himmel klärte sich auf, die Wolken flohen vom frischen Ostwind gejagt aus dem lieblichen Thale.

Hei, wie die Bergwanderer munter wurden und wie sie lustig die Gläser klingen ließen auf ein gut Gelingen der morgigen Bergfahrt auf das Kitzbichler Horn, dessen Rundsicht sogar die der Hohen Salve übertrifft. So gerühmt ward dieser stattliche Berg schon zu einer Zeit, als noch kein Reitweg aufwärts führte und auch noch kein Unterkunfthaus erbaut war auf den Felsenzinnen des Kitzbichler Horns.

»Wirtin, ich brauche einen Bergstock!« rief der Musikprofessor H. aus Prag, der sich den Bergfahrern angeschlossen hatte. Aber so eindringlich das Verlangen gestellt wurde, die Wirtin versicherte hartnäckig keinen Bergstock mehr zu besitzen, wiewohl der Eisenstachel eines solchen hinter einem alten Schrank hervorguckte. Die Luchsaugen des Musikers erblickten die in diesem Falle verdächtige Spitze sofort und nun kam die dralle Wirtin arg ins Gedränge. Sie mußte zugestehen, daß wirklich noch ein Bergstock im Hause sei, aber dieser werde nicht hergegeben.

»Warum?« fragte man erstaunt und verwundert.

Die Wirtin dämpfte ihre Stimme bis zum Flüsterton, bekreuzte sich und murmelte mit scheuem Blick auf den versteckten Bergstock: »Mit dem Stecken ist einer abgestürzt, Gott hab' ihn selig, wir geben den Stecken nimmer her.«

»Unsinn!« rief der fröhliche Musiker. »Warum denn nicht?«

»Weil Der wieder abstürzt, der eines verunglückten Bergsteigers Stock benutzt.« – –

95 »Das ist ja purer Aberglaube!« sagte der Professor, ward aber dabei doch etwas nachdenklich. Da aber ein lustiger Wiener meinte, es sei doch zu komisch, auf das Geschwätz der Tirolerin irgend welchen Wert zu legen und auch die anderen sich dahin äußerten, daß man auch ohne einen solchen Unglücksstock abstürzen könne, so überwand auch der Prager Künstler seine Bedenken und eigensinnig wollte er jetzt just den sagenhaften Bergstock für die Besteigung des Hornes haben.

Mit echt gebirglerischer Zähigkeit wehrte die Huberwirtin dieses Ansinnen ab, aber die Herren ließen nicht locker, sie spotteten der Sage, der Ahnungen der Wirtin, die ein schlimmes Ende prophezeite. Die Wirtin wurde zur Seite geschoben und der Stock im Sturm erobert und sogleich die Wanderung angetreten.

Der Übermütigsten Einer bei dieser Partie war der Prager Professor, keck trug er den »verhexten« Bergstock einer Flinte gleich auf der Schulter, so der Gesellschaft vordemonstrierend, daß ein Bergstock überhaupt überflüssig sei.

Je höher es hinanging der Hornspitze zu, desto mehr kühlte sich der Übermut freilich ab und oben fast sechstausend Fuß über dem Meere überkam auch die Lustigsten eine ernste weihevolle Stimmung beim großartigen Ausblick in die Gletscherwelt vom Hafnerspitz bis zu den Stubaierfernern mit den Bergriesen Ankogel, Hochnarr, Glockner, Wiesbachhorn und Venediger und drüben den majestätischen Kaiserstock. – – – – –

Unten am Sattel trennte man sich in zwei Gruppen zum Abstieg. Den Professor drängte es, den Hexenstock gesund und heil der abergläubischen Wirtin wieder zu übergeben, er mit noch einem Amtsbruder schlug den kürzeren Weg ein, indes der Rest der Gesellschaft über St. Johann zurückkehren wollte.

Fröhlich ging's auseinander, hinab den Berg. – –

Wiewohl die größere Gesellschaft den weiteren Weg zum 96 Abstieg gewählt und von St. Johann noch den Marsch retour nach Kitzbichel zu wandern hatte, waren diese Bergfahrer doch die ersten zurück beim Huberwirt.

Erbleichend fragt die Wirtin nach dem Professor, der mit ihrem Bergstock den Ausflug unternommen. Er wie sein Begleiter fehlt. –

»Jeß' Maria, a Unglück, mei' Gott, mei' Ahnigung (Ahnung)«, schrie das entsetzte Weib. Dann erkundigte die Wirtin sich bei den Zurückgekehrten nach der Abstiegsrichtung, welche die Fehlenden genommen.

»Allmächtiger Gott, die san bei dem Nebel in die gachen Wänd!«

Nun wurde das ganze Haus rebellisch. Der Wirt trommelte Hilfe zusammen, Bergknappen wurden herbeigeholt, einige Bergführer brachten Seile und Laternen mit und stellten sich an die Spitze der Expedition, die den nächsten Aufstieg wählte und so rasch es ging, dem Sattel zustrebte. Der schon vor Stunden eingetretene dichte Nebel forderte große Vorsicht; nur mühsam, Schritt für Schritt, klomm man aufwärts.

Endlich auf dem Sattel, seilte man sich an und tastete den schmalen Weg entlang, den der Professor genommen. Immer weiter durch den dicken fürchterlichen Nebel, der bis auf die Knochen dringt und das Atmen erschwert. Trüb glotzt das Licht der Laternen durch die Nebelschichten, keiner sieht den Vormann, die Führer pfeifen sich Signale zu und ermahnen laut rufend, das Seil straff zu halten.

Angst und Schrecken erfaßt die Stadtherren, die sich der Hilfsexpedition angeschlossen.

Aber wie erst, wenn die anderen wer weiß wo unten liegen, halb zerschellt, vielleicht noch lebend? Verzweifelnd, rettungslos verloren in diesem fürchterlichen Nebelmeer! –

Plötzlich schreit der Führer an der Spitze der angeseilten Kolonne ein schreckerfülltes: »Halt!« Entsetzt steht alles, keiner 97 wagt mehr einen Schritt, der den Tod bringen kann. Am Seile spürt man, daß vorne jemand sich ablöst.

Verworrene Laute dringen herüber, unverständliche Töne, die der rauschende Bergwind verschlingt. Aber es fröstelt jeden bei diesen Tönen. Zweifellos hat der Oberführer etwas gefunden, eine Spur vielleicht oder gar einen Toten.

»Langsam marsch, links halten!« schrie der Führer durch den Nebel herüber. Klirrend stoßen die Spitzen der Bergstöcke auf die Felsen, zögernd setzt der Zug sich in Bewegung.

Wieder ruft es »Halt!« so schauerlich, daß Angst und Schrecken schier überhand zu nehmen drohen.

Da braust es aus einmal herauf mit Sturmgewalt, die Nebel ballen sich wuchtig zusammen, der ergrimmte Bergwind reißt große Fetzen in die Nebelschichten und jagt sie zürnend von dannen. Oben blaut bereits in schmalen Streifen der Abendhimmel herab, auch herunten schiebt sich der Nebel von Wand zu Wand, grüne Matten werden sichtbar und mit einemmale ist der Nebel weg, man sieht nur noch einzelne Fetzen an den Tannen und Föhren hängen.

Aller Augen richten sich nach vorne. Zwei Führer netzen einem Herrn die Schläfe mit Essig, bei Gott! es ist des Professors Begleiter, bewußtlos, leichenblaß. Und der Professor?

Zögernd gleitet der Blick abwärts, wo Felswand auf Felswand abstürzt. Noch ist nicht alles da drunten nebelfrei.

Der Bewußtlose erholt sich, er kommt zu sich, mit weitaufgerissenen Augen blickt er die Führer an, die an seiner Seite knieen und ihn durch feste Umklammerung der Arme vor einem Absturz bewahren.

Er erfaßt die Situation, er sieht sich gerettet, dann aber blickt er schreckerfüllt zur Tiefe, zitternd ruft er: »Abgestürzt!«

»Wo?«

»Gerade vor mir.«

98 »Im Nebel?«

»Ja.«

»Wann?«

»Vor einigen Stunden. Ich hörte ihn vor mir rufen: »O weh, mein Bergstock!« der ihm entschlüpft war und abwärts fiel. Zu sehen war vor Nebel nichts. Und dann ein fürchterlicher Schrei! – Abgestürzt. – Ich sank vor Schreck nieder und wurde ohnmächtig. – Ein Wunder, daß ich nicht auch zur Tiefe fuhr.

»Auf jetzt!« rief der Oberführer. Dann ließ er alle langsam und vorsichtig auf den nächsten bewachsenen Abhang treten, knüpfte die Reserveseile aneinander, gab knappe Verhaltungsmaßregeln, schlang sich das Seilende um den Leib und trat an den Rand des Vorsprunges.

Sein Arm ergreift das Geäst einer Latsche, das Seil spannt sich straffer, langsam sinkt der kühne Mann abwärts, immer tiefer.

Es knistert das Seil, das sich an der Felsenkante reibt. Der zweite Führer tritt hart an den Rand, legt sich platt auf den Felsen und blickt hinunter in die Tiefe, mit angehaltenem Atem des Signales lauschend.

Griff für Griff lassen die Männer das Seil abwärts, langsam, stetig, sicher. Nur einige Meter noch, dann hat das lange Seil ein Ende.

Mit vorgehaltenem Ohr lauscht der zweite Führer abwärts . . . .

Leise tönt es herauf: »Haaalt!«

»Halt!« ruft er oben den Leuten zu. Dann lockert sich fühlbar das Seil. Stumm, erwartungsvoll, klopfenden Herzens stehen die Männer. Hoffnungen trägt keiner im Herzen, der abgelassenen Seillänge zu schließen, muß der Abgestürzte zerschellt sein.

Da zuckt es am Seil, fester greifen die Männer an.

»Auf!« . . . . . . . . . .

Ruck für Ruck geht's aufwärts, langsam aber stetig. 99 Dann eine Stauung, ein Griff des am Rande liegenden Führers, ein Ruck und auf dem Plateau liegt ein Menschenkörper mit eingeschlagenem Schädel. – – –

Die Männer durchschauert es, es schlottern die Kniee. –

Der Führer löst das Seil vom Toten.

»Aufg'schaut! Seil ab!« ertönt das Kommando und rasch wickelt sich das Seil zur Tiefe.

Wieder ertönt das »Halt!«, eine kurze Pause, bis der Führer unten sich angeseilt, dann wird er emporgezogen. –

Vom Thale klingt das Glöcklein herauf, das das Ave Maria verkündet. Die Männer sinken aufs Knie und beten für die Seele des Abgestürzten.

Im Abendschatten wird der Tote zu Thale getragen, die Totenkapelle beherbergt ihn über Nacht. Zu seinen Füßen sitzt die Wirtin, die laut jammert und sich beschuldigt, den armen Menschen durch den Bergstock ins Unglück getrieben zu haben.

Drei Tage darauf begruben die Freunde den Freund, just am gleichen Tag traf die Braut des Verunglückten daselbst ein.

Ein Bergführer hat ihr den Bergstock herausgeholt aus dem Abgrund, sie hat den Unglücksstock mitgenommen in die Heimat. 100

 


 

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