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Geschichten aus den Bergen

Arthur Achleitner: Geschichten aus den Bergen - Kapitel 58
Quellenangabe
typenarrative
booktitleGeschichten aus den Bergen
authorArthur Achleitner
yearca. 1910
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleGeschichten aus den Bergen
pages495
created20140410
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Der Herr Generalstabshauptmann.

Die »freundliche Einladung zum Hirschriegeln« war ergangen, hell erglänzten die Gesichter der mit derselben beglückten hirschgerechten Jäger, und da der Mund meist davon übergeht, wovon das Herz voll ist, konnte am abendlichen Stammtisch eine Besprechung des kommenden Ereignisses unmöglich ausbleiben. Die Einladungskarte macht die Runde, Neid und Bewunderung erregend. Ja so eine Einladung! Die wird nicht jedem Staubgeborenen zu teil! Nette Jagdpächter sind ja so selten wie gute Schützen, und der Schußneid spielt immer und zu allen Zeiten eine Rolle. Um so größer die Freude, wenn so ein Kärtchen ins Haus fliegt.

»Wer auch so mitgehen dürfte,« flüsterte ein Beamter seufzend. »Welche Wonne! Hinauszuziehen, die Feder am Hut, in die freie Natur, die Büchse in der Faust, ins grüne Revier, los von allen Pflichten, der Amtsstube entronnen für einen Dianen geweihten Tag. O, das muß herrlich sein!«

»Sind Sie denn Jäger?« fragte Herr X., dem die Einladung ins Haus geflogen war.

»Das gerade nicht, aber bei einer Hasenjagd war ich schon einmal dabei.«

»Ja, Hirsch und Meister Lampe, das ist ein bedeutender Unterschied!«

»Gewiß, indes handelt es sich für mich nicht um Schießen und das eigentliche Jagdvergnügen, sondern um das Dabeisein,« erklärte der Beamte.

»Na, das Mitlaufen ohne Gewehr wäre am Ende zu erwirken; der Forstmeister als Jagdpächter sieht zwar nicht gern 63 »Civilisten« im Revier. Wenn Ihnen aber wirklich so viel darum zu thun ist, so will ich mich gern um die Erlaubnis bemühen.«

»O, Sie sind zu liebenswürdig, doch ohne Waffe möchte ich den Gang doch lieber nicht wagen,« meint der etwas ängstliche Beamte.

»Warum nicht?«

»Ja, es ist eine gefährliche Sache: so ein aufgescheuchter Hirsch versteht oft keinen Spaß, es sind Fälle bekannt, wo gerade die Harmlosesten, die keiner Fliege weh thun können, aufgespießt wurden. Und . . .«

»So möchten Sie wohl zur Verscheuchung des Hochgeweihten einen Schreckschuß in die Luft abgeben können.«

»Ja, ganz richtig, einen Schreckschuß in Not und Gefahr, deshalb beruhigt das Schießeisen die Nerven.«

»Haben Sie denn überhaupt ein Gewehr?«

»Nein, aber ich kann eins entlehnen.«

»Na, das sind die wahren! Wenn Sie übrigens sich verpflichten, nur eine blinde Patrone, die ich Ihnen liefern werde, mitzuführen, ja keine andere, so will ich die Verantwortung, einen Kanzleifuchs ins Revier zu bringen, auf mich nehmen, immer vorausgesetzt, daß der Jagdpächter seine specielle Erlaubnis erteilt.«

Überglücklich ward eine Exceptionsmaß bestellt und unter Erörterung all der wichtigen Dinge bei einer Hirschjagd geleert.

Bald nach diesem Abend war auch schon die Antwort da: »Der blinde Kanzleifuchs soll mitkommen!« Mit zwei Litern über den Tagesetat mußte diese Freudenbotschaft begossen werden, eine Etatsüberschreitung, die sich durch die wildesten Hirschjagdträume und am anderen Morgen mit einer veritablen lamentatio felium rächte. Trotz des schier zu einem Königstiger ausgewachsenen Katers mußte aber der Tagesurlaub erbeten werden unter Vorgabe der Beerdigung einer in der Nachbarstadt verstorbenen Gelegenheitstante; denn zu einem bewaffneten Spaziergang auf Hirsche hätte der Chef den 64 Urlaub schon mit Rücksicht auf die Gefährdung eines Beamtenlebens auf keinen Fall erteilt.

Die Urlaubsbewilligung besserte die Katerstimmung, fröhlich ging's zum Freunde, der die Verscheuchungswaffe leihen muß. Den Einwand, daß man ein Weib, ein Pferd und ein Gewehr nicht verleihen soll, hatte der Freund noch auf der Zunge, als der Kanzleifuchs schon versicherte, er brauche lediglich das Gewehr ohne Patronen, er werde, wenn nicht zur Verteidigung des gefährdeten Lebens nötig, überhaupt keinen Schuß abgeben, und die eventuell nötige Patrone erhalte er von einem richtigen Jäger. Unter solchen Umständen ward die alte Flinte hergegeben.

Wenn sonst jeder Pfennig umgedreht wird, bevor er zur Ausgabe gelangt, heute muß ein Fünfzigerl für eine Droschke zur Bahnhofsfahrt geopfert werden, denn mit dem Gewehr im Arm kann der Kanzleifuchs unmöglich durch die belebten Straßen gehen. Wie da die teure Gattin wetterte über Verschwendung! Einige Mark hat bereits die Verproviantierung verschlungen, Cigarren und Wein kosten auch Geld, und nun gar noch eine Droschke! Es ist gräßlich! Allein alle Predigten nützen nichts, das Argument, daß der Amtschef ihm begegnen könnte beim bewaffneten Auszug zur Beerdigung der Tante, schlug alle Gegengründe. Der Jagdsport verlangt eben pekuniäre Opfer. Dann ging's mit dem Dampfroß hinaus in die herbstgefärbten Fluren. Wie die Jäger über die Vogelscheuche mit der im Plaid eingewickelten alten Flinte lachten! Der Teufelskerl &c. habe eine brillante Acquisition gemacht, nun habe man doch schon auf der Fahrt ein brillantes Vergnügen, hieß es zischelnd von Ohr zu Ohr. Und wie der Kanzleifuchs sich kriegerisch herausgeputzt hat. Den herrischen Schnauzer ganz militärisch weit auseinander gezwirbelt, den Backenbart geteilt gestrichen, der reine Generalstabshauptmann, witzelte einer von der grünen Gilde, und jubelnd ward der Spitzname acceptiert, der Kanzleifuchs wurde trotz allen Protestierens stetig der 65 Herr Generalstabshauptmann tituliert. Bis es zum Umsteigen auf die harrenden Leiterwagen kam, hatte sich der Kanzleifuchs schon so an seinen netten Titel gewöhnt, daß er bei jedem neuen Gebrauche besonders dann vergnügt schmunzelte, wenn »das Volk« mit einer gewissen Ehrfurcht Reverenz vor dem »Herrn Hauptmann« machte. Und als der rasch verständigte Forstmeister ihn als Generalstäbler freundlich begrüßte, da glaubte er bereits wirklicher Hauptmann zu sein. Auch zeugte es von besonderer Aufmerksamkeit, daß dem Herrn Hauptmann aus Rücksicht auf sein für den Staat so kostbares Leben ein Hochstand angewiesen wurde, so hoch, daß der stärkste Hirsch ihn nicht herab»stochern« kann. Mit besonderer Feierlichkeit wurde dann dem auf der Kanzel sitzenden die Notwehrbüchse mit der blinden Patrone geladen und der Herr Generalstabshauptmann seinem Schicksal überlassen.

Das Riegeln begann; Schüsse fielen, Mutterwild brach flüchtig aus. Welche Aufregung für den bei jedem Geräusch erschauernden Kanzleifuchs!

Ruhig ward's wieder im Walde, nur der Abendwind säuselte frisch durch die Baumkronen. Wie es den an die überhitzte Amtsstube gewöhnten Kanzleifuchs friert! Die Finger eiskalt, die Zehen tot, es fröstelt den Menschen bis ans Herz hinan. Und immer dunkler wird's! Man wird doch nicht auf ihn vergessen haben? Allmächtiger Gott, das wäre eine Bescherung! Fremd im Reviere, keine Ahnung, wie aus dem Wald kommen, dann die Gefahr, dem vermaledeiten Hirsch in die Arme zu laufen, Jessas, so was! O, wär' ich doch zu Haus geblieben! Der Kuckuck hole die schönen Vorstellungen einer Jagd in freier Natur! Was thun? Und ehe noch der Generalstäbler einen Gedanken zur Rettung seines dem Verderben preisgegebenen Lebens fassen kann, zuckt ihm der frosterstarrte Finger am Stecher, und donnernd fährt der Schuß aus dem Lauf, und das Gewehr entfällt den Händen des tödlich erschrockenen »Schützen«. Ein Glück überhaupt, daß er nicht von der Kanzel herabgefallen ist. 66 Verzweiflung erfaßt den Armen; nun hat er auch kein Verteidigungsmittel mehr.

Der Schuß war gehört worden und brachte den abziehenden Schützen den Herrn »Generalstäbler« in Erinnerung, den sie wirklich vergessen hatten. Rasch wurden einige Herren abgesendet, den tapferen »Nimrod« von der Kanzel herabzuholen.

Indes die Jagdgesellschaft auf der Landstraße, die den Forst durchzieht, der Nachzügler harrt, kommt auch der Gendarm daher und fragt natürlich einige ihm gänzlich unbekannte Herren nach deren Jagdkarte. »Alles in Ordnung! Und was sind das für Herren, die eben drüben aus dem Walde treten?« – »Zwei Herren von . . . .. und ein Generalstabshauptmann.«

»Alles in Ordnung! Guten Abend, meine Herren!« Und damit trollte der Wächter des Gesetzes seinen Weg weiter.

»Hat denn der ›Generalstäbler‹ überhaupt eine Jagdkarte?« fragte jetzt der Forstmeister.

»Kaum glaublich, daß der sich für einen einzigen Tag eine Karte gelöst hat!« giebt Herr X. zur Antwort.

»Na, dann kann er von Glück sagen, daß dem Gendarm der glücklich erfundene Spitzname des Kanzleifuchses imponiert hat.«

Vom Frost durchschüttelt, stottert der »Hauptmann« seinen Rapport wahrheitsgemäß heraus unter schallender Heiterkeit der höchlich amüsierten Jagdgesellschaft, die nun eiligst den Marsch zur Atzungsstätte antritt. Eine fröhliche Zecherstunde folgt dem Mahle, und begreiflicherweise ward der »Hauptmann« die Zielscheibe aller erdenklichen schlechten Witze, zugleich spielte seine »Charge« und der ihr blindlings vertrauende Gendarm eine große Rolle. Daß dabei die Thür des Extrazimmers, die in die allgemeine Gaststube führt, häufig offen blieb, bemerkte niemand von der ausgelassen lustigen Tafelrunde, ebensowenig, daß die Bauern, die alles mit angehört, den bei einem Glase Bier sitzenden Gendarm ob seiner – Leichtgläubigkeit nicht übel verlachten.

67 Wie dann die Jagdgesellschaft aufbrach, um im nächsten Dorf die dort harrenden Leiterwagen aufzusuchen, war der Gendarm bereits voraus und harrte ihrer unter einer Fichte gut gedeckt.

Hei, wie die Herren zusammenfahren, als in der beginnenden Nacht ein plötzliches »Halt« ertönt! Doch löst sich der Schreck in Heiterkeit, als einer der Herren rief: »Je, der Herr Gendarm als Bandit!«

»Keine Späße, meine Herren! Ich bitte um die Jagdkarten!«

»Da werden S' nicht viel lesen können bei der Finsternis, Herr Gendarm!« spottete ein anderer.

Doch flammte in diesem Augenblick ein Zündholz auf, und gefällig brannte ein Jagdgast seine Laterne an, »damit dem Herrn Gendarm die Kontrolle erleichtert werde!«

Rasch zeigten die Herren ihre Karten vor, bis auf den Kanzleifuchs. Der Gendarm fragte scharf, wo der »Herr Generalstabshauptmann« seine Karte hätte.

Da glaubte Herr X. eintreten zu sollen und bedeutete dem Gendarm, daß der Herr erstens ein Beamter, zweitens kein Generalstabshauptmann und drittens gar nicht zur Führung einer Jagdkarte verpflichtet sei, weil er gar kein Gewehr bei sich habe.

Der Gendarm leuchtet an dem Kanzleifuchs herum, und in der That, derselbe hat wirklich kein Gewehr bei sich. Er hat es im Wirtshause – vergessen!

Jetzt war der Gendarm doch der Genarrte. Mit einem fröhlichen »Gute Nacht, Herr Gendarm!« trennte man sich. Der Generalstäbler mußte sich das Gewehr nachschicken lassen. Von seiner Sehnsucht nach der freien Natur war er gründlich geheilt. Der Spitzname aber ist – ihm geblieben! 68

 


 

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