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Geschichten aus den Bergen

Arthur Achleitner: Geschichten aus den Bergen - Kapitel 57
Quellenangabe
typenarrative
booktitleGeschichten aus den Bergen
authorArthur Achleitner
yearca. 1910
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleGeschichten aus den Bergen
pages495
created20140410
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Mein neuester Titel.

Wenn man viel reist, und namentlich häufig zwischen österreichischen Provinzen und dem Deutschen Reich hin und her wechselt, kann es nicht daran fehlen, daß einem mancherlei Titel, man weiß nicht wie, an den Kopf fliegen, deren man sich oft nicht erwehren kann. Daß man bei Überschreitung der österreichischen Grenze geadelt wird, dürfte außer mir schon mancher Reisende erfahren haben. Da sich bei mir Gründlichkeit mit einer erklecklichen Portion Neugierde vermengt, welch letztere sich aus den Zeiten meines aktiven Preßdienstes in mein jetziges freies Schriftstellertum herübergestohlen hat, so wollte ich dieses Faktum doch einmal näher kennen lernen. Also im Salzburger Hotel war ich nach Abgabe des Fremdenmeldezettels der »Herr von Achleitner«. Ein paar Tage später stellte ich mich drüben im Steierischen nach vorherigem Aviso des beabsichtigten Spaßes dem Jagdherrn gegenüber bei den Jagdgästen als »von Achleitner-München« vor, und richtig sprach die ganze Gesellschaft mich mit »Herr Baron« an (die Löwensterngeschichte war mir damals noch nicht passiert). Zufällig kam dann ein wirklicher Freiherr in unsere Jagdgesellschaft, und ich war unsäglich neugierig, ob derselbe nun zum Inhaber einer neunzackigen Krone avancieren werde. Eine leichte Verlegenheit ob der neuen Titulatur war wohl wahrzunehmen, besonders als ich dem wirklichen Freiherrn als Talmibaron vorgestellt wurde. Ich machte aber sofort der unerquicklichen Situation durch eine beißende Satire über Titelsucht und Rangerhöhungen aus übertriebener Höflichkeit ein Ende und schlug vor, den wirklichen Freiherrn »Oberbaron« zu nennen.

58 Für meinen Höflichkeitsbarontitel habe ich aber ein hübsches Gegenstück auch aus dem hyperfreundlichen Österreich, denn als ich mir vor Jahren nahe bei Graz die Gattin heimholte, titulierte man mich krampfhaft: »Herr Schriftsetzer«. Holzknechten, Bauern, Sennerinnen und Haltern ist es nicht zu verübeln, wenn sie den durch Bergreviere streifenden und die Kleidung der Berufsjäger tragenden Jäger für den »Adjunkten« der Waldmeisterei halten und dementsprechend titulieren. Freilich wäre ich schon etwas übermäßig lange »Adjunkt«, und müßte das Avancement zum Forstmeister demnächst erfolgen, wenn es noch eine Gerechtigkeit giebt in deutschen Landen. Daß dem »Herrn Adjunkten« eben seiner Stellung wegen von erbitterten Viehhaltern und heimlichen Wilddieben in wahrhaften Notstandszeiten Atzung und selbst ein Schluck Milch verweigert wurde, ist weniger hübsch, aber dem Hungrigen ward doch der Titel. Prinz August von Koburg, der hohe waidgerechte Herr, würde vielleicht überrascht sein, daß mir dies speziell in einem seiner Reviere passierte. Und anderswo bekam die leckeren Tiroler Forellen nicht ich, sondern ein anderer und das deshalb, weil die Wirtin aus Rache über reduzierten Wildbretbezug der Ansicht war, der »Koburger Adjunkt« brauche keine Forellen, wenn sie kein Wildbret erhalte. Da die befloßten Bergbachbewohner bereits im Magen des anderen waren, erschien jede Aufklärung überflüssig. Und ein andermal gab ich die Aufklärung, um aus der Küche zu retten, was zu retten war, und wie lautete die Antwort: »Warum tragt der – Lump das Jaagerg'wand!«

Mehr kann man doch nicht verlangen!

Einer überaus liebenswürdigen Einladung folgend, brach ich einmal zu Beginn August aus der grünen Steiermark nach Paznaun auf, just recht zu Anfang der Gamsjagd. Und der geniale, weltberühmt gewordene Künstler Professor Matthias Schmid war mein Reisegenosse in seine waldumrahmte Bergheimat. Der große Meister der Farben ist im Dörflein See im Paznaunthale geboren, wo er heute noch trotz seines 59 Weltruhmes als der »mindeste von den Christesbuben« gilt, sintemalen der Schöpfer des »Herrgotthändlers« liberaler Weltanschauung huldigt und daher bei der Tiroler Klerisei »schwach in der Religion« beleumundet ist.

Um Mitternacht in Landeck angekommen, nahm uns der Hotelportier am Bahnhof in Empfang mit der tröstlichen Versicherung, daß noch zwei Zimmer frei seien, eines für Herrn Professor Schmid und das zweite für den »Herrn Kollegen«.

Herr Kollege! Wie das köstlich klingt! Ich der »Kollege« eines Mathias Schmid; ich, der ich mit Mühe einen Gamsgrind auf das Papier bringe und im Zeichnen nebst Mathematik immer die schlechtesten Noten hatte! Professor Schmid müßte nicht der vollendete Humorist sein, wenn er mich nicht fürder mit dem neuen Titel bei jeder Gelegenheit geneckt hätte.

Wie wir, gezogen von einem lebensmüden Gaul, endlich in das einsam-schaurige Paznaunthal, in die Welt des »roglichen« Urgebirges einfuhren, da wurde mir eine Trauerbotschaft schlimmster Art: die Jagd wurde verboten wegen der grassierenden Maul- und Klauenseuche! Amtliche Affichen an den Gehöften und Ställen, an Wegweisern, überall verkündend, daß die Ein-, Durch- und Ausfuhr von Vieh verboten sei.

Vernichtet die frohe Hoffnung, mir ein paar Paznauner Gams herabzuholen, wozu in berückend liebenswürdiger Weise der Jagdherr die Erlaubnis gegeben hatte. Die Gletscherwelt des Fimberthales hätte mir gehört und die Jägerei dazu, und nun kann ich den Stutzen an den Nagel hängen und nachdenken über die Verschleppung der Seuche durch Krickelwild.

Meister Schmid bot seine ganze Tiroler Beredsamkeit auf, den gamshungrigen Herrn »Kollegen« zu trösten. Er führte mich in das Kirchlein seines Heimatsdorfes und zeigte mir das Gemälde, das den ersten Sündenfall im Paradiese darstellt. Na nu? Was hat Adam und Gattin mit dem Jagdverbote zu thun?

Nichts, aber das Gemälde an der Kirchendecke hat eine 60 interessante Geschichte. Professor Schmid erzählte, daß der Dorfkurat vor etwa vierzig Jahren Anstoß an der paradiesisch gekleideten Eva nahm und den Tuifelemaler, bei dem der junge Mathias in der Lehre stand, beauftragte, der ersten Menschenmutter einen Mantel auf den reizenden nackten Leib zu malen. Diesem heiklen Auftrag war der Marterlmaler von Tarrenz nicht gewachsen, deshalb schickte er seinen – Lehrling Schmid Hiesel, der denn auch mit zwei Kübeln roter und grüner Farbe und hochgehobenem Haupt angerückt kam. In nächster Nähe Evas stiegen dem Malerlehrling Bedenken auf, der Kunst durch einen roten Mantel auf Evas Leib einen Faustschlag zu versetzen. Wie aber anders machen? Und da geriet der Hiesel mit seinen siebzehn Sommern auf einen ingeniösen Einfall: er tauchte den Pinsel in die grüne Farbe und ließ ein saftiges Gesträuch erstehen, das sich immer höher emporrankte, bis die gefährlichen Stellen an Evas Leib zur Zufriedenheit des asketischen Kaplans genügend überwachsen waren. Schmids »Meisterwerk« in Lehrlingsjahren ist heute noch zu sehen, nur der Verputz an der Außenmauer der Kirche, den Hiesel damals als Belohnung (!) herstellen mußte, ist inzwischen erneuert worden.

Ein interessantes Gemälde nach diesem reizenden Kommentar!

»Und nun zu einem Viertele Rötel,« meinte Professor Schmid. Wir treten aus der Kirche, ehrerbietig grüßt mich ein Haufen Bauern; die Leute haben offenbar auf mich gewartet. Und da tritt einer zu mir und fragt im unverfälschten Paznauner Dialekt mit schweizerischem Accent, ob ich heute noch nach Ischgl, dem Hauptort des Thales komme.

»Warum heute noch?«

Es sei »bi God« nimmer zu früh, daß ich endlich komme &c. &c.

Ich hatte nicht die geringste Ahnung, weshalb ich just heute noch nach Ischgl sollte; noch weniger wußte ich, was die Leute von mir wollten, bis ein Bauer demütig bat, der »Geschichte« ein Ende zu machen, denn sie (die Bauern) wären 61 nun schon zweimal mit dem Zieglviech versammelt gewesen, und der Bauer im Paznaun wär', mit Verlaub zu sagen, auch ein Mensch und nicht bloß zum Spazierengehen auf der Welt. »Ja wohl, Gnaden Herr Gaskommissär!« bestätigten die übrigen Bauern.

Jetzt ging mir ein Riesenlicht auf, die braven Leute waren vom Distriktstierarzt zur Untersuchung ihrer Ziegen (Geisen) bestellt worden und hielten mich für den – Geisenkommissär!!!

Die nötige Aufklärung ihres Irrtums war rasch gegeben unter dem spöttischen Gelächter des Professor Schmid, der mich sofort als »Herr Gaskommissär« ansprach. Ich wehrte ab: »Bitte sehr, Herr – Kollege!«

Jagen konnte ich also nicht für diesesmal im Paznaun, aber meinen neuesten Titel habe ich glücklich bekommen. 62

 


 

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