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Geschichten aus den Bergen

Arthur Achleitner: Geschichten aus den Bergen - Kapitel 56
Quellenangabe
typenarrative
booktitleGeschichten aus den Bergen
authorArthur Achleitner
yearca. 1910
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleGeschichten aus den Bergen
pages495
created20140410
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Verhängnisvolle Wartezeit.

»Punkt 5 Uhr 20 wird der Hofseparatzug zur Abreise Seiner Majestät des Kaisers bereitstehen,« sagte der Stationsvorstand von Mürzzuschlag auf der weltberühmten Semmeringbahn zum Hoffourier, welcher den kaiserlichen Befehl zur Abreise auf heute Nachmittag überbracht hatte.

Die Anberaumung der Abfahrt des kaiserlichen Sonderzuges nach Wien mußte sorgsam erwogen werden, die Wahl war kein leichtes Stück Arbeit, denn heute ist Sonntag und zwar ein sonnenheller Sommertag, also ein Ausflugstag für die luftbedürftigen Wiener, die in dichten Scharen gleich Heuschrecken den Semmering überfallen und mittelst zahlreicher Extrazüge wieder gegen Abend heimbefördert werden wollen. Des weiteren ist just heute ein Gaufeuerwehrfest in Bruck, zu welchem aus schier jedem Dorf Frisch-Fromm-Fröhlich-Frei-Männer zur Eisenbahn kommen und unter hellen »Wacker!«-Rufen hin- und herfahren. Die fahrplanmäßigen Züge von und nach Triest-Wien wollen selbstverständlich auch dienstlich genau respektiert und behandelt werden und desgleichen die langen Gütertrains, die des Orientes Schätze von der blauen Adria ans Donauufer der schönen Kaiserstadt schaffen, während die österreichische Industrie die Südbahn mit Waren aller Art gen Süden belastet.

Da heißt es im Betriebsbureau der höchsten Bahnstation am Semmering gehörig aufpassen, Kreuzungen berechnen, Avisi drahten, Stundenpässe kontrollieren und ein Schema aufstellen, damit die Zahlen und Ziffern der wie Ameisen 52 über den überschienten Berg kriechenden Züge nicht durcheinander schwirren und dadurch namenloses Unheil heraufbeschworen wird. Und zu alledem noch die Ansage eines kaiserlichen Extrazuges! Schon wollte dem gequälten Stationsvorstand etwas dem Gehege seiner Zähne entfliehen, was nicht gerade ein Ausruf des Entzückens war, jedoch rechtzeitig ward der ins tönende Wort übergehende Gedanke zurückgedrängt, der Tagesfahrplan nachgesehen und nachstudiert, wo der Hofzug am besten eingeschaltet werden kann, ohne daß einem vorlaufenden Zug das Schlußsignal eingefahren wird.

Der Hoffourier meinte zwar, »je früher desto besser« und fügte geheimnisvoll bei, die eilige Rückfahrt hänge etwas mit schlecht ausgefallener Jagd im Hofjagdreviere zusammen.

»Früher geht's beim besten Willen nicht,« erklärte nach sorgfältigem Studium der Vorstand, »auch ist die Verantwortung zu groß!«

»Hm! Majestät würden aber eine frühere Abfertigung des Hofzuges gerne sehen.«

»Geht nicht.«

»Majestät wollen so rasch wie möglich in Wien sein!«

»Ist ganz unmöglich, sonst regnet es zerdrückte Puffer!«

Der Betriebsbeamte blieb unerschütterlich und mit dem endgültigen Bescheide: »Abfahrt des Hofseparatzuges um 5 Uhr 20« mußte sich der Hoffourier zufrieden geben. Gleich darauf spielte der Telegraph mit dem Aviso des kaiserlichen Sonderzuges auf dem Gestänge nach Wien, die Rückantworten liefen ein, Bahnbedienstete übermittelten an den Führer, Heizer, Wagenwärter und Bremser des Hofzuges den Bereitschaftsbefehl, die Maschine ward schleunigst geheizt und die Salonwagen nochmals revidiert und geputzt.

Zug auf Zug passierte inzwischen die von Reisenden aller Zonen überflutete Station und Mürzzuschlag glich einem wahrhaftigen Ameisenhaufen, sodaß ein Telegraphist nach einem flüchtigen Ausblick auf den Bahnsteig meinte: »Heute ›wurlt‹ es gehörig draußen!«

53 »In meinem Kopf wurlt es auch!« brummte der gehetzte Stationsvorstand, gab wieder das Pfeifensignal, worauf der Stationsdiener das dritte Glockenzeichen läutete, ein dumpfer Ton des Blechhornes des Zugführers, ein Pfiff und ächzend fuhr der Train aus dem Bahnhof.

Und so fort hinüber und herüber über den langen Bergesrücken.

»Ist der Hofzug zusammengestellt?« fragt der Vorstand.

»Eben wird rangiert.« – »Er kommt aufs erste Geleise rückwärts bis zum Brucker Ausfahrtswechsel.« – »Zu Befehl, Herr Vorstand!«

»Ein Bahndiensttelegramm, Herr Vorstand!« – »Hol's der Kuckuck, was denn schon wieder!« – »Südbahnhof Wien meldet eingelegten Separatzug ab Wien, daher Kreuzung mit Hofzug in Wiener-Neustadt.« – »Heiliger Generaldirektor, muß denn heute alles mit Separatzug fahren.« – »Kleinoschegg, melden Sie, Maschine wegen Kreuzung schon in Gloggnitz Wasser nehmen!« – »Zu Befehl, Herr Vorstand!«

Der Betriebstelegraph meldet soeben aus Bruck, Schnellzug Nr. 2 40 Minuten Verspätung ab Graz, sollen in Mürzzuschlag eingespart und bis Neustadt eingefahren werden. – »Freilich nur so zu!« Und wütend, daß heute alles gegen die übliche Ordnung geht, nimmt der Vorstand die rote Dienstkappe und schlägt eine über den Dienstbogen kriechende Fliege tot.

»Herr Vorstand, der Hofzug ist zusammengestellt und steht auf dem befohlenen Geleise.« – »Gut, muß dort warten bis Punkt 5 Uhr 20.«

»Herr Vorstand wollen den Lokalzug nach Wien ablassen!« – Ein Blick auf die Uhr, die Dienstkappe aufsetzen und hinausstürmen ist eins.

»Herr Vorstand, Seine Majestät sind eben angefahren.« »Jetzt muß ich zuerst den Lokalzug abfertigen,« brummt in kochender Aufregung der arme Vorstand. »Der Stundenpaß in Ordnung, ja? ab!« Der Zug fährt gegen Wien ab.

54 Da ist auch schon der Flügeladjutant: »Seine Majestät wünschen sofort abzureisen!«

»Bedaure, unmöglich, der Hofzug wird Punkt 5 Uhr 20 abgehen!«

Gegenseitige sehr kühle Verbeugung und jeder geht seines Weges.

»Herr Vorstand!« – »Zum Teufel, was denn schon wieder?«

»Bruck meldet kolossalen Zudrang von Feuerwehrleuten, Zug muß geteilt werden, der Triestiner 2er kommt dazwischen gelegt.«

»O du heiliges Flügelrad, jetzt kollidiert mir alles auch noch mit dem Hofzug. Ewig schade, daß wir bei dem Durcheinander das Doppelgeleise haben, einfach müßte das ja heute herrlich werden!«

Eben schlägt die Uhr ¾5. Draußen steht eine große Volksmenge und begafft die kaiserlichen Salonwagen, auf dem Perron »wurlt« es schon wieder, der zweite Lokalzug soll abgehen! Plötzlich weicht alles zur Seite, Seine Majestät kommt im Jagdkostüm heran in direkter Richtung auf den Stationsvorstand, der stramm salutierend vor dem Kaiser stehen bleibt. Scharf klingt die kaiserliche Frage: »Kann ich jetzt fahren?«

Und ebenso bestimmt lautet die dienstliche Antwort: »Nein, Majestät!«

Unwillig dreht sich der Monarch um und kehrt zu seiner Suite zurück.

»Lokalzug ab Richtung Wien, Güterzug ab Bruck!«

Die elektrische Glocke bimmelt, das Signal eines von Süden kommenden Zuges ist da, der letzte Vergnügungszug ist ab Wien via Gloggnitz zur Höhe heraufgekeucht, und bringt die Ausflügler, welche den Sonntag Abend und die Nacht auf dem Semmering verbringen wollen. Alles grüßt ehrfurchtsvoll und doch mit sichtlicher Herzlichkeit den Kaiser, der gleich anderen Sterblichen auf den Abgang des Zuges warten muß.

55 Wohl dankt Majestät freundlich, aber über seinem Antlitz liegt ein Schatten des Mißmutes, eines sichtbaren Ärgers.

»Herr Vorstand, der Wechselwärter am Spitaler Ausfahrtswechsel ist unwohl geworden.« – »Soll seine Frau Dienst machen, Mayer, kontrollieren Sie den Wechsel, ich habe keine Aushilfe und augenblicklich keine Zeit.«

Die Stationsuhr schlägt die fünfte Stunde. Jetzt scheint die Geduld des Kaisers erschöpft, begleitet von der ganzen Suite geht Majestät nun auf den fortwährend Befehl gebenden Vorstand zu und fragt mit schrill klingender Stimme, die die kaiserliche Ungnade wetterleuchtet: »Wo ist mein Zug? Lassen Sie sofort abfahren!«

»Majestät halten zu Gnaden, der Hofzug bleibt hier bis Punkt 5 Uhr 20.«

»Das ist stark!« murmelte der Kaiser und wendet sich zu seinen Begleitern: »Meine Herren, Wir sind hier anscheinend willenlos geworden und müssen warten, bis es jenem Herrn gefällig ist, Uns weiterzubefördern.«

Endlich rückt der Zeiger vor, 5 Uhr 15 schlägt die Uhr.

»Hofzug vorfahren! Schlag aufmachen!«

Jetzt geht der Vorstand selbst auf Seine Majestät zu in strammster Dienstlichkeit: »Majestät, ich melde gehorsamst, der Hofzug steht bereit und geht in fünf Minuten ab.«

Eine leichte Handbewegung gegen den in Ungnade gefallenen Bahnbeamten, dann nimmt Seine Majestät mit Gefolge im Zuge Platz.

5 Uhr 20, Zug ab! – Salutierend läßt der Vorstand den Hofzug vorüberfahren. Niemand im Zuge nimmt von ihm Notiz.

»Hofzug ab!« meldet der Telegraph nach Spital.

»So, gottlob, den Hofzug wären wir los!« atmet erleichtert der Vorstand auf. Dann ging's an die übrige Arbeit.

Daß er in Ungnade bei Majestät gefallen ist, weiß der Vorstand selber recht gut und im gesamten Stationspersonale 56 wurde die Schreckenskunde weitergeflüstert. Die Kondukteure erzählen sich die Neuigkeit bei allen Stationskreuzungen in fliegender Hast, innerhalb wenigen Stunden weiß die ganze Bahnwelt von Wien bis nach Triest den Vorfall.

Im Hofzug zog sich Majestät sofort in den Salon zurück und blieb allein. Sinnend sah der Kaiser hinaus in die vom Abendsonnenschein verklärte schöne Gegend und zwar saß der Herrscher just an der Seite des zweiten Schienenstranges, auf welchem in kurzen Zeitabständen Zug auf Zug entgegenfuhr, keuchend, pustend, dröhnend den Semmering aufwärts, indes der Hofzug scharf gebremst zu Thal rasselte.

Der enorme Verkehr fiel dem Kaiser auf und bald brachte er das Verhalten des Mürzzuschlager Bahnbeamten in Verbindung mit dem auffallend starken Zugverkehr.

Am nächsten Tage ward dem Stationsvorstand von Mürzzuschlag durch die Direktion in Wien der ihm von Seiner Majestät verliehene Franz Josef-Orden zugemittelt nebst einer allerhöchsten Anerkennung für sein vollständig korrektes Verhalten bei Ablassung des kaiserlichen Hofzuges. 57

 


 

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