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Geschichten aus den Bergen

Arthur Achleitner: Geschichten aus den Bergen - Kapitel 53
Quellenangabe
typenarrative
booktitleGeschichten aus den Bergen
authorArthur Achleitner
yearca. 1910
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleGeschichten aus den Bergen
pages495
created20140410
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zollpech!

Der Vordereberlbauer in der Ramsau genießt den Ruf eines vortrefflichen Ökonomen, er ist sparsam bis zur Grenze, wo der Geiz beginnt, pfiffig und versteht seinen Vorteil zu wahren. Hierzu muß einer überall herumhören, denken und schweigen, dann bringt das Leben Gewinn. Beim oberen Wirt haben am letzten Sonntag die Bauern nach dem Kirchgang davon gesprochen, daß drüben im Österreichischen jetzt gar so billig Schweine zu kaufen seien und zum nächsten Markttag nach Saalfelden behufs Einkaufes gewandert werden solle. So so, denkt sich der Vordereberl, da muß ich doch auch über'n Hirschbichl hinüber ins Pinzgau, aber früher als die andern. Richtig ist der Bauer schon am Freitag in Saalfelden zu Füßen des Steinernen Meeres und horcht in den Wirtshäusern und Höfen nach den Preisen. Teuer sind dieselben nicht, das muß man sagen, wenn er nur jetzt wüßte, ob die Preise morgen am Haupttag steigen oder die gleiche Lage beibehalten werden? Ein Pinzgauer von der Leonganger Gegend meint, wenn viel Käufer und wenig Zutrieb da seien, dann könnt' 's leicht sein, daß die »Fackain« teuer würden. So gescheit ist natürlich der Vordereberl auch; er weiß sogar noch mehr, daß nämlich bei großem Auftrieb und wenigen Käufern die Preise sinken. Und weil das Wetter umgeschlagen hat in ein richtiges Salzburger Tratschwetter mit Schmirlregen und Graupeln, so ist anzunehmen, daß sich mancher Bauer abhalten läßt, den weitentfernten Markt zu besuchen. Wär' also leicht möglich, daß morgen am Markttag mehr Fackln als Bauern in Saalfelden sind und das wär' dem 30 Vordereberl recht. Er kauft daher heute noch nicht und sucht sich bei einem befreundeten Bauern eine notdürftige Unterkunft, denn Bargeld für das Übernachten in einem Wirtshause auszugeben, das kann kein Mensch von ihm verlangen.

Ja, wenn der Mensch Glück hat, dann hat er es erst recht am Schweinemarkt! Ganz Saalfelden ist verwandelt in ein Chaos von Bauern und quietschenden und grunzenden Borstentieren. Aber der Schinkenträger sind mehr, der Markt ist überstark befahren, die Preise billig. Mancher Bauer aus dem Gebirg, der mit Tagesgrauen aufgebrochen ist und nun durch Regen und Schneegestöber sein Schwein thalwärts zu Markt getrieben hat, ist froh, das ihm jetzt lästige »Luder« um einen einigermaßen annehmbaren Preis loszuwerden, denn bei diesem Hundewetter das Biest wieder in die Berge heimzutreiben, will keiner. Der Vordereberl hat gerade so einen Leonganger Bauern aufs Korn genommen und sich an ihn herangepirscht. Ob er woltern naß worden ist, der Bauer vom Zutrieb? fragte der Vordereberl und der dumme Leonganger bejahte, indes zur Bekräftigung der Wahrheit das Wasser aus den Ärmeln der Lodenjoppe lief und vom Hut ein Sturzbächlein sich ergoß.

»Geh, kaaf mir mei' Sau a!« animierte der Leonganger den Ramsauer. Aber zäh und kalt blieb der schlau berechnende Vordereberl. Er müßt' die andern »Fackain« doch auch noch sehen und die Sau wär' doch etwas schwach.

»Was schwach, du bist schwach im Hirn!« wetterte der ergrimmte Leonganger, »schau die Prachtsau an, stark in die Knochen, gut gefuttert, wenn die net zehn Fackeln wirft, na wirft's koani mehr.«

Und nun begann das Feilschen um das in der That prächtige Mutterschwein, um welches es dem Vordereberl auch zu thun war. Aber seine Absicht verdeckte er meisterhaft durch systematisches Herabsetzen des Wertes und weil sich auch andere Bauern in den Handel mischten, so that der Vordereberl, als wollte er verzichten. Jetzt reagierte aber der Leonganger, er 31 ließ etliche Gulden nach, nur damit er ins Trockene komme und das Vieh nicht wieder bergeinwärts treiben müsse. Der Vordereberl kommt wieder zurück, jetzt könnte er das Schwein kaufen, denn das Stück ist mindestens fünf bis sechs Gulden unter Brüdern mehr wert. Aber pfiffig muß man sein. Er macht den Leonganger aufmerksam auf das bayerische Gesetz vom 26. März 1859, betreffend die Gewährleistung bei Viehveräußerungen. Zwar weiß der Vordereberl, daß dieses Gesetz wegen Perlsucht und Lungenseuche den Verkauf von Rindvieh betrifft, aber vielleicht kann man auch daraus Geld schlagen. Wenn der Vordereberl behauptet hätte, das Mutterschwein des Leongangers verstünde arabisch und könne Bajonettfechten, der Pinzgauer hätte nicht erstaunter dreinschauen können als über die Kunde, daß es für den Sauhandel ein eigenes bayerisches Gesetz gebe. Also setzt der Vordereberl, bereits selber naß werdend, dem völlig zum auswinden wässerigen Leonganger auseinander, daß der Sauverkäufer dem bayerischen Käufer für die Gesundheit und Reinheit des verkauften Viehes garantieren müsse, denn wenn beim Schlachten des Tieres sich etwaige Krankheiten offenbaren, wodurch das Fleisch minderwertig, wenn nicht gar unverkäuflich wird, dann ist der Verkäufer haft- und ersatzpflichtig und die Regierung sieht genau darauf, daß die bayerischen Bauern nicht betrogen werden.

»Meiner Sau feit nixen!«

»Sell kannst net wissen, wenn aber doch, na' zahlst dir gnuag!«

Und zur Bekräftigung seiner gesetzerörternden Ausführungen verlangte der Vordereberl Adresse und Wohnort des Verkäufers wegen späterer gerichtlicher Regreßansprüche, falls der bayerische Tierarzt nach dem Schlachten die Sau doch als ungesetzlich krank finden sollte.

»Was, aufs Gericht aa no, wegen aner Sau?«

Kurz und gut, der Leonganger läßt noch einen Gulden nach, wenn der Ramsauer ihn von der Gewährleistung 32 entbindet und endlich werden sie einig. Der Vordereberl zieht eine Geldnote heraus, natürlich kann der Pinzgauer nicht herausgeben, also wird zum Wechseln ins Wirtshaus gegangen. Der Ramsauer hat alle Ursache, über den Kauf vergnügt zu sein, erstens ist die Sau um mehr als sechs Gulden mehr wert, zweitens steht der österreichische Gulden auf miserabel in Mark, also profitiert der Vordereberl ganz gewaltig in »Adaschio«, wie der Bader von Saalfelden zu sagen pflegt. Drittens, und darum ist es dem Ramsauer hauptsächlich zu thun, profitiert er mit dem trächtigen Schwein ganz bedeutend an Zoll, indem für Schweine ein bayerischer Eingangszoll von sechs Mark pro Stück erlegt werden muß, während die noch im Mutterleib befindlichen Ferkel zollfrei eingehen. Das große Vergnügen des Bauern über den vorteilhaften Verkauf störte zunächst die Bemerkung eines anderen Bauern, daß der Vordereberl die trächtige Sau ja nicht über den Hirschbichl treiben solle, da die Vieheinfuhr beim dortigen bayerischen Zollamt verboten sei.

»Ja, wia bring i d' Sau aftn ümi in d' Ramsau?« fragte erstaunt und unwillig zugleich der Vordereberl.

Er müsse über Melleck treiben, das dortige bayerische Zollamt sei berechtigt, Borstenvieh nach tierärztlicher Besichtigung und vorgeschriebener Verzollung einzulassen. Diese natürlich nur zum Bauernschinden erfundene Verfügung bedeutet für den Vordereberl und seine Sau einen Umweg von mehr als fünf Stunden. Daß die Pinzgauer noch darüber lachten und die Bayern verhöhnten wegen solcher Vorschriften, ärgerte den Vordereberl grimmig, springgiftig aber wurde er durch die Bemerkung eines Pinzgauer Bauern, der trotz seiner zwei steierischen Wimmerln (Kröpfe) am Hals ziemlich deutlich zu sagen vermochte, der Vordereberl möge sich unterwegs nicht zu lange aufhalten, sonst komme die Sau nicht mehr alleine über die Grenz'!

Aufs Hirn ist kein Ramsauer gefallen, also auch der Vordereberl nicht und ziemlich rasch begriff er die Mahnung des 33 Wimmerlbauern, sich zu sputen, damit ihm sein Mutterschwein nicht auf der Straße ferkelt. Der Mahnung eingedenk und wohl auch aus angeborner Sparsamkeit ließ der Ramsauer alle Verlockungen, ein Viertele Roten zu trinken, unbeachtet: er und das Mutterschwein watscheln also durch Weißbach, Lofer und Unken, wiewohl die Sau die pinzgauer Heimat anscheinend schweren Herzen verläßt und immer langsamer im Schritt wird. Den Strick am rechten Hinterfuß der Pinzgauerin immer lockerer haltend, animiert der Vordereberl sein Tier auf das zärtlichste: »Huz, huz, huz!« und ein Stoßseufzer nach dem andern drängt sich über seine Lippen: »Wann i nur schon drenten waar!«

Und die sakrische Hitz dazu! Die Pinzgauerin bleibt grunzend öfters stehen, sie wendet sich, als wollt' sie den heimatlichen Stall noch einmal sehen. Dieses bei einer Sau doch nicht ganz berechtigte Heimweh macht den Bauer ärgerlich und sein Stock saust energisch auf den beborsteten Rücken. Vergeblich, von dem so beliebten Fackeltrab ist keine Rede, Mann und Tier kommen nur ganz langsam weiter.

Endlich taucht das bayerische Zollamt Melleck auf. Jetzt noch ein Viertelstündchen und der Wimmerlbauer hat unrecht, es geht nur ein Schwein über die Grenze.

»Hüh, Alte!« Und wieder einige Hiebe, daß der Borstenrücken kracht. Von Zärtlichkeit keine Spur, das Malefizvieh verdient auch keine mehr. Der Bauer schwitzt Zollblut vor Angst. Und richtig, kaum einen Büchsenschuß vor'm Zollhaus thut sich das Schlakerawaltsvieh nieder und hast es nicht g'sehen, siehst es nicht auch, hat die Sau acht prächtige Ferkel geworfen mitten auf der Landstraße.

Himmelkreuzseiten! Acht österreichische Ferkel und bayerische hätten es werden sollen!

Die Grenzer lachten aus vollem Halse, aber sie blieben unerbittlich, der sparsame Bauer mußte zahlen: für die Sau sechs Mark und für acht Ferkel je eine Mark, macht vierzehn Mark.

34 Der ganze Profit ist jetzt beim Teufel und das Sparen war »umensunst«.

Wenn der Bauer das gewußt hätte, wär' die Hetzerei nicht notwendig gewesen und die Enthaltsamkeit in Lofer und Unken auch nicht.

Und wer ist schuld an dieser Bauernschinderei? Nichts anderes als diese Malefizzollgeschichten! 35

 


 

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