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Geschichten aus den Bergen

Arthur Achleitner: Geschichten aus den Bergen - Kapitel 52
Quellenangabe
typenarrative
booktitleGeschichten aus den Bergen
authorArthur Achleitner
yearca. 1910
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleGeschichten aus den Bergen
pages495
created20140410
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Unverschämt.

Seit die Bergreviere des Distriktsortes an einen Magnaten verpachtet sind, bleibt für die Nimrode des Ortes selbst nur mehr Meister Lampe und die »Hasenhetze«, wie der Assessor zu sagen pflegte, und hiervon wird in der Schußzeit auch ausgiebig Gebrauch gemacht. Naturgemäß bildeten Meister Lampe und seine Heldenthaten vorwiegend das Diskussionsthema am Stammtisch im Gasthaus zum »Hasen«. Früher verkehrte dortselbst auch der Assessor des Bezirksamtes, wiewohl er nur wie ein Hase trank. Diesen Vergleich machte ein in die Mysterien der Hasenjagd besonders Eingeweihter von der Tafelrunde, seit er einmal gelesen, daß Lampe außer der Muttermilch nichts trinkt und die nötige Feuchtigkeit durch den Genuß saftiger Pflanzen in den Magen kommt. Der enthaltsame Assessor hatte den Spott auf seinen Bierkonsum, bestehend aus einem Seidel für den ganzen Abend, gutmütig hingenommen und zum Spitznamen »Hasentrinker« selber gelacht. Warum er aber fürder die lustige Tafelrunde mied, das hatte einen anderen triftigeren Grund.

Wenn man den hagern Assessor über die Lebensweise Lampes dozieren hörte am abendlichen Stammtisch, dann mußte man auf den Glauben kommen, daß es kaum einen gründlicheren Kenner des Hasengeschlechtes geben könne. Wie das nur so heraussprudelte: die merkwürdigen Eigenheiten des Hasens, als z. B. seine Wiedergänge und Absprünge, die angeborene Liebe zum Lager, die Vorsicht, das Lager zu wählen und sich der »Saß« zu nähern, oder das geniale Hackenschlagen Lampes, wenn er die verfolgenden Hunde durch 25 rechtwinklige Seitensprünge irreführt. Auch über die Hasenreize wußte der gelehrte Assessor wundersame Dinge zu erzählen, wie man alte Rammler in der Rammelzeit herbeilocken und schießen kann, wenn man den Klageton eines jungen Hasen nachahmt und die Büchse nicht vergessen hat.

Die Stammtischler überkam ein Gefühl der Ehrfurcht vor solcher Gelehrsamkeit, die sich noch steigerte, als während des Vortrages die Wirtin einige gestreckte Hasen als Explikationsobjekte auf den Tisch legte und der Assessor sofort ein paar gut gewachsene Bursche als »Dreiläufer« erklärte.

Starr vor Staunen, verblüfft und im höchsten Maße verwundert wurden die sonderbaren Hasen besichtigt, bis der Kaminkehrermeister herausplatzte, der Herr Assessor hätte sich geirrt, die vorgewiesenen Hasen hätte jeder vier Läufe, nicht drei.

Mit überlegenem Lächeln belehrte der Assessor aber den Schornsteiner, daß der Ausdruck »Dreiläufer« nichts mit den Läufen des Hasen zu thun habe, sondern mit der Körperstärke. Wenn also der Hase zwei Dritteile der gewöhnlichen Stärke erreicht hat, dann heißt er Dreiläufer.

So vieles Wissen mußte dem Assessor den Ruf eines Hasenspecialisten und ausgezeichneten Hasenjägers eintragen, und von jedem Jagdpächter wurde er auch feierlichst zur Jagd allemal eingeladen. Leider hatte aber der Assessor jedesmal arg viel zu thun, meist Amtstag oder Termine an Tagen der angesagten Treibjagden. Eine Hasensaison hatte der Assessor glücklich überstanden, ohne den Kriegspfad gegen Lampe betreten zu haben, und da er am Stammtisch immer in rührender Weise jammerte, daß der unerbittliche Dienst ihm jedesmal die Jagdfreuden verdorben habe, glaubte jeder an die Echtheit des assessorlichen Gejammers.

Dann aber kam die Zeit wieder, da des Hasengelehrten Augengläser beim Eintritt in das warme Stammlokal anliefen und schwitzten: der Frühwinter ist wieder da, und Lampe muß seinen Balg hüten. Der dicke Apotheker, ein Hasentöter 26 ersten Ranges, horchte am Stammtisch den Assessor mit vieler Schläue aus, wann er dienstfreie Tage in der nächsten Woche habe, und ahnungslos ging der Assessor in die Falle. Flugs war er eingeladen: er mußte zusagen, eine Ausrede auf den strengen Dienst ist unmöglich. Die ganze Tischgesellschaft jubelte über die Zusage, faselte viel über die Ehre, daß ein Mann mit so außerordentlicher Hasenkenntnis nun Meister Lampe selbst vor das Rohr bringen wird, was zweifellos den Glanzpunkt aller bisherigen Hasenjagden bilden dürfte.

Dem Hasengelehrten ward etwas schwül und früher wie sonst drückte er sich mit einem matt klingenden »Waidmannsheil!« Ihm war nämlich kurz nach der Zusage etwas Entsetzliches eingefallen: er hat ja gar kein Gewehr und gilt als erfahrener Jäger, als Hasenspecialist und gewaltiger Nimrod vor dem Herrn. Wenn die Leute das merken, ist der Autoritätsglaube dahin, und unzweifelhaft wird es auch verraten werden, wenn er von dem Uhrmacher des Ortes, der die Geschäfte eines Büchsenmachers nebenbei versieht, einen Schrotzwilling gegen Vergütung und Garantie entlehnt.

Ein Gewehr muß er haben, und womöglich ein längst in Gebrauch stehendes mit altem verwitterten Riemen, um Gottes willen nichts Neues, da er doch ein »alter Jäger« ist. Was thun? Hilfe kann nur der Büchsenmacher in der Kreisstadt geben, und so mußte der Assessor einen Tag Urlaub nehmen in Familienangelegenheiten, und in die Kreishauptstadt fahren.

Mit dem Nachtzug kehrte der Assessor dann zurück und brachte den Zwilling glücklich ungesehen in seine Behausung. Gerettet!

Jetzt läßt sich der Hasenjagd einigermaßen ruhiger entgegensehen. Am Stammtisch docierte er dann wieder weiter über Hartschrot mit Antimonbeigabe, lobte die Neuerung über den Schellenkönig und kanzelte die konservativen Trotzköpfe, die am weichen bewährten Blei festhalten wollen, gehörig ab.

27 Ein frischer Wintermorgen war's, der Tag der großen Hasenjagd. Vorsorglich vermummt, stapfte Mann für Mann hinaus auf die hartgefrorenen, weißblinkenden Felder, und gar bald tuschte es auf der ganzen Linie. Wer sich des Schießens enthielt, war der Hasenspecialist, der seine Gründe dazu hatte. Nur sich selber gestand er in Gedanken ein, daß er ja überhaupt in seinem Leben noch kein Gewehr abgeschossen hat. Wozu also den Gefahren des Umganges mit Schießgewehren sich aussetzen!

Der Trieb ist zu Ende, die Schützen treten zusammen zur Besichtigung der Strecke, da hoppelt noch ein Lampe übers Feld in die Nähe des Assessors und trotz des Verbotes reißt sein Nachbar Funken. Gleich darauf rouliert der Lampe, kommt aber wieder auf und kratscht laut klagend durch den Schnee fort. Dies der Assessor sehen, und wie vom Jagdteufel plötzlich besessen, stürmt er dem angebleiten Hasen nach. Mit Hallo begrüßen die Schützen das ungewohnte fesselnde Schauspiel und laufen eiligst herbei, um ja keine Details der wunderbaren Hatz zu verlieren. Nach ein paar rasenden Fluchten ist der Assessor beim klagenden Lampe, ein Griff an die Löffel, und triumphierend hält er den trommelnden Hasen am Arme hoch. Auf den oft beim Docieren empfohlenen Schlag hinter die Löffel vergaß er aber, und ehe er überhaupt sich klar wurde, was nun mit dem erbeuteten Lampe anfangen, wischte der unverschämte Hase mit einer kühnen Laufbewegung dem Assessor durch festen Kratzer die – Brille von der Nase. Ein Schrei des seines künstlichen Augenlichtes beraubten kurzsichtigen Assessor, und die Faust ließ den Hasen los. Die Schützen vergaßen vor Lachen den davonkriechenden Lampe, sie schüttelten sich, indes der Assessor laut um seine goldene Brille jammerte und bat, selbe im Schnee zu suchen. Man umringte jubelnd den Meisterschützen, wobei die Brille natürlich völlig in den Schnee getreten wurde. Erst nachdem die Jagdgesellschaft sich sattgelacht, konnte der halbblinde Assessor ohne Brille heimgeführt werden.

28 Mit seiner Jagdreputation und Hasenautorität war's für immer vorbei. Am nächsten Morgen sammelte sich die gesamte Stadtjugend vor dem Hause des Assessors, denn an der Hausthür hing ein Hase, dem eine ungeheure Blechbrille vor die »Lichter« gebunden war.

Diese neue Unverschämtheit eines – Hasen hatte zur Folge, daß der tiefvergrämte Assessor nie mehr den Gasthof zum »Hasen« betrat. 29

 


 

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