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Geschichten aus den Bergen

Arthur Achleitner: Geschichten aus den Bergen - Kapitel 51
Quellenangabe
typenarrative
booktitleGeschichten aus den Bergen
authorArthur Achleitner
yearca. 1910
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleGeschichten aus den Bergen
pages495
created20140410
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Auf der Fuchspaß.

Wenn Meister Reineke seine Visiten im Hühnerhofe des Einödbauers Stirnhuber noch länger fortsetzt, wird der Hof zweifellos entvölkert werden, denn zwei Hühner fehlen fast täglich, jeden Tag eines bestimmt. Das muß anders werden, und Stirnhuber, selber jagdberechtigt, beschloß, Reineke Urfehde anzukündigen. Zu verdenken ist dem Schlauen nicht, daß er sich die leckeren Bissen holt, denn das Gehöft liegt zu bequem am Waldessaum, einsam ohne Nachbarschaft, ein richtiger Waldhof, der allerlei Waldgesindel anlocken muß. Stirnhuber will nun den Fuchs weder hetzen noch graben, ebenso wenig hält er auf Fallen und Tellereisen, die er erst kaufen müßte. Zum Ausräuchern ist Stirnhuber zu bequem, dagegen liegt ihm das Fuchslocken im Sinn, da ihm das Werfen von Giftbrocken auch nicht paßt. Man kann nun bekanntlich den schlauen Roten mit der Hasenquäke reizen oder durch das Mäuseln, indem man den Ton einer klagenden Maus nachahmt. Die Füchse springen aber lieber auf Hasenquäke und Kitzklagen. Was nun allenfalls waidgerecht im Raubzeugsang zu nennen ist, liegt nicht im Sinn des bäuerlichen Jägers, er hat sich eine Fuchspass' nach seiner Art ausgedacht, und schweigend wurde mit den Vorarbeiten begonnen.

»Bauer, bist narret word'n?« rief die Stirnhuberin, wie der Bauer den großen Hofgockel unterm Arm in die Schlafstube trug, ihm dort am rechten Ständer eine lange Spagatschnur befestigte und den Gockel dann am Bettfuß anband.

Ohne der »G'sellin« eine Antwort zu geben, fahndete der 21 Stirnhuber sodann nach einem seiner größten Schlafhemden, das er vorsichtig auf den Stuhl neben seinem Bette legte.

Wo die Bäuerin das Körbel mit den Leinwandfetzen hätte?

Während die Stirnhuberin kopfschüttelnd das gewünschte Körbel holte, ölte der Bauer den Schrotzwilling.

»So, Bäuerin, jetzt nähst mir den Zwilling in Leinwand ein, nur vorne laßt zwei Schußlöcher und hinten müssen die Hähn' zum Aufziehen frei bleiben.«

Wenn der Stirnhuber von seinem Weibe plötzlich das Orgelspielen verlangt hätte, die Bäuerin hätte nicht überraschter sein können. Aber Widerspruch wird auf dem Einödhof nicht geduldet, und Stirnhuber treibt zur Eile.

Erst wie das Gewehr weiß vernäht war, schien der geheimnisvolle Nimrod befriedigt, er stellte den Zwilling in die Ecke neben seiner Lagerstatt, dann ging's ins Bett zur kurzen Nachtruhe.

Höllisch kalt ist's um Mitternacht geworden, scharf zieht der Wind, der die Eiskrystalle von den verschneiten Ästen wirbelt, daß sie hellklingend und knisternd auf die steifgefrorene Schneedecke fallen und dann im Luftzug säuselnd weiterrutschen. Je näher es dem grauenden Morgen zuging desto mehr zog die Kälte an, wer jetzt nicht muß, verläßt die schützenden Mauern nicht.

Seltsam, vom Einödhof löst sich weiß wie der Schnee eine gespenstische Gestalt ab und schreitet am wenig ausgetretenen Feldweg dem Walde zu. Es knarrt der Schnee unter dem schweren Schritt des nächtlichen, unheimlichen Wanderers. Eine weiße Zipfelmütze thront auf dem Haupte, eine weiße Toga umhüllt den Leib, eine ganz seltsame Tracht.

Einen Moment sichert die Gestalt am Waldessaum, dann aber findet sie den geheimnisvollen Wechsel und stapft vorsichtig pirschend waldeinwärts. Nicht lange, und der Geist hält vor einer knorrigen Eiche. Sorgsam öffnet der Geist die weiße Toga, nimmt von seiner Brust ein mit Tüchern 22 vermummtes Paket und setzt es auf die schneebedeckte Erde. Wenige Augenblicke nur, und vom Schneegrunde hebt sich scharf die dunkle Silhouette eines Gockels, der, an einer langen Schnur gefesselt, eine frühe und sehr frische Morgenpromenade macht. In steinerner Ruhe sitzt der weiße Geist auf einem Baumstrunk, die Umrisse fließen zusammen weiß in weiß, es ist wohl ein verschneiter Baumstamm, der von der Schneegestalt wegsteht und gegen die Eiche gerichtet ist.

Die bitterkalte Dämmerung will schwinden, noch kämpft sie mit dem zudringlichen jungen Morgen. Der Hahn vor der Eiche wittert den jungen Tag, und schrill kündet der Gockel in dem kirchenstillen Wald seine Anwesenheit: Kikerikiiii!

Ein seltsamer Gast tief drinnen im Walde, ein Gockel vor Tagesanbruch! – Der Geist auf dem Baumstrunk ist zu Eis geworden, nur aus dem Kopfe der unheimlichen Erscheinung flimmert es ganz geisterhaft, es funkeln zwei Sternlein und durchbohren die Dämmerung, Kikerikiiii! Er friert, der arme, seiner warmen Behausung beraubte Gockel, und jetzt »singt« er wehmutsvoll.

Was glänzt denn am Fuße der Eiche so seltsam hervor, zwei funkelnde »Lichterchen«, denen sich eine dunkle, rötliche Masse nachschiebt.

Des Geistes »Lichter« blitzen, aber auch der Gockel hat etwas geäugt, und schreckerfüllt sträubt sich sein Gefieder gegen den Todfeind.

Noch wartet der rätselhafte Geist, der Fuchs muß noch schöner schußgerecht herbeischnüren, immer näher, da, jetzt ist's gut.

Ein kraftvoller Doppelschuß weckt Leben im erschrockenen Wald, vorn wälzt sich etwas zu Tode getroffen. Der Geist steht auf, öffnet die Toga und verwandelt sich in den Stirnhuber, der eben die Strecke revidiert. Er ist gut abgekommen trotz des schwachen Schußlichtes und hat um seiner Rache besonders kräftigen Ausdruck zu verleihen, beide Hähne schnappen lassen. Der Zwilling sprach doppelt auf einen 23 Schuß, Reineke wird den Einödhof lebend nicht mehr betreten.

Alle Teufel und Hexen! Was ist das? Da liegt mit gebrochenem Auge der Gockel, sein Todesschweiß zeichnet im Schnee die furchtbare Wirkung des Doppelschusses. Der Fuchs aber ist verduftet! Stirnhuber war nur ein ganz klein wenig zu tief abgekommen. Jetzt nimmt er statt des Räubers den erschossenen Gockel mit heim, nach vergeblicher, so genial erdachter und bis zum Schuß auch gut durchgeführter neuer Fuchspass'. 24

 


 

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