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Geschichten aus den Bergen

Arthur Achleitner: Geschichten aus den Bergen - Kapitel 50
Quellenangabe
typenarrative
booktitleGeschichten aus den Bergen
authorArthur Achleitner
yearca. 1910
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleGeschichten aus den Bergen
pages495
created20140410
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Ein waidgerechter Gendarm.

Wenn Kaiser Franz Josef zu den Hofjagden in die steierischen Reviere kommt, ist gewöhnlich einige Tage vor der Ankunft Seiner Majestät eine Truppe von zwanzig Gendarmen in der Gegend untergebracht; eine Mannschaft, die mit besonderer Sorgfalt unter den besten Gendarmen des Kaiserstaates ausgewählt wird, nicht bloß in Bezug auf vorzügliche Führung, sondern auch in Hinsicht auf Findigkeit und Taktgefühl und ist namentlich die letztere Eigenschaft ausschlaggebend für die Auswahl einer Truppe, welche ohne Belästigung der Person des allerhöchsten Jagdherrn den Sicherheitsdienst im ganzen Bezirke des Kaiserlichen Leibgeheges zu versehen hat und dennoch nicht gesehen werden soll. Ein lebendiger Kordon muß um den Monarchen gezogen werden, nicht etwa aus Furcht vor Attentaten – sicherer kann der Kaiser nicht sein als inmitten dieses treuen Steirervolkes – sondern um fremden Zuzug abzuhalten, der störend in den Jagdbetrieb eingreifen könnte, gleichzeitig aber muß diese Gendarmentruppe den Jagdschutzdienst in jenen Revieren ausüben, wo der Kaiser nicht jagt, da die Erfahrung lehrte, daß verwegene Wilderer eben darauf sündigten, daß das kaiserliche Jagdschutzpersonal alle Hände voll im jeweiligen Trieb des Kaisers zu thun hatte und naturgemäß die nicht bejagten Reviere wenigstens auf kurze Zeit ohne Aufsicht blieben. Da griffen nun die Elitegendarmen ein und sie versahen den Jagdschutzdienst ganz vorzüglich und fingen Wildschützen mit derselben Bravour ab, wie die Berufsjäger selber. Daß es nun ab und zu nicht ohne ein unbeabsichtigtes Zusammentreffen 17 mit den Allerhöchsten Herrschaften abgehen kann, begreift sich um so leichter, wenn man weiß, daß der vielgeliebte und vielgeprüfte Kaiser Franz Josef häufig und gern in seinem abgenützten Gebirgler-Jagdkostüm vom Jagdhaus allein weggeht und sich jede Begleitung und Überwachung direkt verbittet. Die letztere muß nun unter allen Umständen trotz des gegenteiligen allerhöchsten Befehles eben des einsamen Spazierganges des Kaisers wegen stattfinden, und die rasch verständigten Gendarmen müssen, Heuschrecken gleich, in den Wald hüpfen und pfadlos in großer Entfernung dem Kaiser folgen. Da ist es nun vorgekommen, daß die Gendarmen den hohen Herrn aus dem Auge verloren und nun in höchster Verlegenheit sich befanden. Anderseits vermißte man auch im Jagdhaus den Kaiser, und niemand wußte, wo der Kaiser seit Stunden sich befand. In solchen Momenten muß dann das gesamte Personal in den ungeheueren Forst, Jäger und Gendarmen in höchster Eile in die Felswildnis, um lautlos den Landesherrn zu suchen. So auch vor einigen Jahren im kaiserlichen Reviere zu Radmer. Man suchte seit Stunden den Monarchen in fieberhafter Aufregung, und schon begann der entsetzliche Gedanke Platz zu greifen, daß dem Kaiser ein Unglück zugestoßen sein könnte. Bis in die höchste Felswildnis drangen die fleißigen Gendarmen mit ihren Sturmhüten und wehenden Hahnenfedern, aber kein Kaiser war zu sehen. Nur ein Tiroler Gendarm, seiner beispiellos musterhaften Führung, Umsicht und Schneidigkeit willen zu dieser Truppe auserwählt, geriet auf der Suche nach dem Kaiser auf den Gedanken, auch in einer Holzsäge, tief in der Bergeinsamkeit, nachzusuchen. Lautlos schlich der Tiroler nahe, es war auffällig, daß am hellen Tag das Sägewerk stille stand, vorsichtig steckt der Gendarm seinen Kopf in den Schneideraum und fährt augenblicklich, wie vom Blitz getroffen, wieder zurück und verschwindet sofort aus der Sägemühle, denn drinnen saß, mit dem Sägemüller eifrig plaudernd, auf einem Haufe Späne Kaiser Franz Josef, die 18 Arme auf die nackten Knie gestützt, ganz versunken in die ihn offenbar hoch interessierende Konversation mit dem echten Naturkind.

Im Abfangen von Wilderern während dieser Dienstleistung im Leibgehege zeigte sich der »Tiroler« unter der ganzen Truppe als Meister sondersgleichen. Er fing Banden bis zu sieben Mann stark, natürlich nicht auf einmal, aber mit List und Verschlagenheit, successive. Nur eines schmerzte den Tiroler, diese wildreichen Reviere begehen zu müssen mit dem Gewehr im Arm, Hochwild wechseln und Gemsen in starken Rudeln einspringen zu sehen, daß des Jägers Herz erzittert, und bei Leib nicht krumm machen zu dürfen. Tag für Tag erduldete der von Jugend auf mit dem Wild vertraute Tiroler Gendarm Höllenqualen auf seinen Patrouillengängen im Leibgehege, der »gute Anblick« schier zu allen Stunden that ihm weh, was sonst ihn entzückte. Aber um aller Heiligen willen! Dem Kaiser ein Stück Wild wegschießen als Gendarm, der just den Kaiser bewachen und ihm die Wilddiebe vom Hals halten soll! Das wäre ein doppelt und dreifach strafbares Verbrechen.

Eines Tages war ein Trieb in einem Seitenthale angesagt und der Patrouillengang an der Grabengrenze traf den Tiroler. Fröhlich knallt es tief drinnen in den Wänden, wer da mitthun dürfte im fröhlichen Jagen! Und wieder nahte die Versuchung. Kein Mensch vermag im Lärm des Triebes zu unterscheiden, ob unter den Lancasterschüssen auch der Knall eines k. k. österreichischen Gendarmeriegewehres dabei ist. Und just ist der Tiroler an der Grenze des Triebbogens, schon brechen einzelne Hirsche aus, es zucken die Finger – nein, um Gottes willen nein! Es darf nicht sein! Aber halt! Dort fällt in hoher Flucht ein Tier über die Bahn, waidwund geschossen, weiß der Kuckuck, wer so schlecht abgekommen ist! Dies blitzartig denken, auffahren, zusammenschauen, krumm machen und im Feuer des Gendarmendienstgewehres bricht das Tier zusammen. Nun ist's geschehen: der Gendarm hat im 19 kaiserlichen Trieb mitgejagt. Aber kein freudiges Gefühl durchzieht des Tirolers Brust, kein »Bruch« ziert den Sturmhut als Siegeszeichen. Von Angst erfüllt, niedergedrückt, im Bewußtsein, zwar waidgerecht gehandelt, aber den Kaiser um ein Stück Hochwild bestohlen zu haben, schleicht der Gendarm aus dem Graben und meldet sich am späten Abend bei seinem Wachtmeister als Wilddieb. Noch in derselben Stunde lief der Wachtmeister, nun selbst in größter Sorge, füsiliert zu werden, ins Jagdhaus zum stammelnden Rapport beim Oberjäger. Hm! ein waidwund geschossenes Tier war es also und der Gendarm hat ihm den Fangschuß in hoher Flucht gegeben! Hm! Das muß dem Hofjagdleiter gemeldet werden.

»Was? Ist er toll? Wir hätten noch waidgerechte Gendarmen bei aller Gediegenheit dieser Truppe. Ein Meisterschuß noch dazu aus einem selten gebrauchten Dienstgewehr. Das muß sofort Seiner Majestät gemeldet werden!« rief der Hofjagdleiter und suchte den Adjutanten auf.

Zitternd und bebend lag der Tiroler im Heu und erwartete sein Schicksal mit dem grauenden Morgen. Dienstentlassung, womöglich Gefängnis sind unausbleibliche Folgen der waidgerechten That.

Und was geschah? Kaiser Franz Josef, der waidgerechte Herr, besichtigte am Morgen das vom Gendarmen zur Strecke gebrachte Tier und den Fangschuß, lobte die wackere That, ließ dem Tiroler ein Geldgeschenk auszahlen und spendete in seiner Huld und Gnade der Gendarmerietruppe das gut im Wildbret stehende Tier zur fröhlichen Atzung. Waidmanns Heil! 20

 


 

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