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Geschichten aus den Bergen

Arthur Achleitner: Geschichten aus den Bergen - Kapitel 49
Quellenangabe
typenarrative
booktitleGeschichten aus den Bergen
authorArthur Achleitner
yearca. 1910
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleGeschichten aus den Bergen
pages495
created20140410
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Kaisers Edelweiß!

Als Kaiser Franz Josef I. von Österreich im September des Jahres 1893 zur Feier der Enthüllung des Andreas-Hofer-Denkmales in die tirolische Hauptstadt kam, begleitet von einer glänzenden Suite, da begrüßte im festlich geschmückten Bahnhof ein kleines Mädchen den vielgeliebten Kaiser, und zarte Kinderhände überreichten einen mächtigen Strauß der herrlichsten Sterne, Tiroler Edelweiß in wunderbarer Pracht. Erfreut und ob der Schönheit dieses Edelblumenstraußes überrascht, nahm der leutselige Monarch diesen blumigen Willkommgruß entgegen und gab Befehl, daß das Bouquet aufbewahrt und mit nach Wien genommen werde.

Glänzende Festtage folgten dieser sinnigen Begrüßung; das schöne Innsbruck sonnte sich in kaiserlicher Huld, und der Monarch ward umjubelt von den beglückten Tirolern, die in Deputationen aus den fernsten Thalgründen heraus und von den stolzesten Höhen herabgekommen sind in die herrlich geschmückte Stadt.

Wieder einmal feierte die tirolische Hauptstadt den Triumph ihrer Schönheit, der Reiz der wundervollen Lage dieser Bergstadt bestrickte den Herrscher, wie das farbenreiche Festesleben des Kaisers Herz bewegte.

Der Jubelruf: »Der Kaiser in Innsbruck« verpflanzte sich durchs Tiroler Land, stürmend und brausend wie der Schaumsturz der Berge, in der Hauptstadt; sanft verklingend in den einsamen Thälern bis hinan zu den eisumgürteten Felsriesen der gigantischen Gletscherwelt. Der Jubelruf bewegt die Herzen selbst im gottverlassenen, weltfernen Weiler Haggen am 12 Ende des Griesenthales, wo das einsame Kraspesthälchen mündet und der hoch über wuchtigen Felswänden lagernde Kraspesferner weißschimmernd blinkt.

In einem Häuschen dieses in wildester Bergeinsamkeit stehenden Weilers feiert ein armer Gamstreiber, der im Winter als Holzknecht sich durchzuschlagen sucht durchs harte Leben, der Seppele, die Kaisertage, indem er das Kaiserbildnis in seiner rauchgeschwärzten Kammer mit frischen Blumen schmückt: ja ein Sträußchen herrlicher Edelweißsterne steckt im alten Rahmen des Bildes, dem Kaiser zu Ehren. Seppele wäre gern hinaus in die Hauptstadt, Seppele hätte für sein Leben gern den Kaiser gesehen, aber der Marsch nach »Sprugg« kostet Geld und solches entbehrt Seppele seit langem oder richtiger gesagt: seit je, von klein auf bis in die Männertage. Und selbst wenn Seppele einen ganzen Hut voll Guldenzettel besessen hätte und die Selrainer Schützen ihn mitgenommen hätten, Seppele hätte zu Hause bleiben müssen. Man geht nicht ohne Füße nach Innsbruck. Seppele, der kecke Gamstreiber, hat zwar wie andere Tiroler seine zwei Füße, richtige Steigerfüße, die überall einsteigen, wo für ein Gams Platz ist, aber sie versagen just zur Kaiserzeit den Dienst. Notdürftig verbunden müssen Seppeles Füße ausruhen, und langsam sollen die Wunden heilen, die der Bursche erhielt drinnen am Kraspesferner.

Ein Büblein hat die Botschaft herauf nach Haggen gebracht: Seppele solle eine Kraxe voll Edelweiß holen, man brauche besonders schöne Sterne zu einem Strauß nach Innsbruck für den Kaiser, aber Seppele soll nur die größten Sterne aussuchen, für den Kaiser das Beste, was in den Wänden zu finden ist. Das Vaterl zahlt 'm Seppele schon was dafür, sagte das Bübl, und übermorgen käm 's Bübl wieder herauf und hole den Edelweißbuschen.

Seppele reckt sich und streckt sich: die Ehr' ist ihm in die Glieder gefahren; er soll einsteigen zum Edelweißbrocken, und der Kaiser selbst soll die Blumen bekommen, die Seppele pflückte! 13 Der Kaiser und Seppele! Da müssen die Sternlein freilich besonders schön sein, der Kaiser soll's merken, daß sie vom Seppele sind, vom besten Steiger im ganzen Thal bis hinüber in die Ötz.

Die Kraxe auf dem Rücken ist Seppele ins einsame, enge Kraspesthälchen gewandert, flink auf ebenem Boden, bedächtig im Aufstieg, und sorgsam steigt er in die Wände ein, auf denen der ungeheure Eispanzer liegt. Seppele weiß Plätze, wo die Sternchen der Edelblume herabnicken, die Edelweißfleckchen sind aber gar rar da drinnen. Und Seppele klettert aufwärts, die Hände müssen den Füßen helfen und langsam bringt er sich in die Höhe zu dem Felsband, wo sonst die Blümlein zu finden waren. Heut' hat er kein Auge für die hochgehenden Gams, nach Edelweiß strebt sein Sinn. Einige Sternlein sind noch da, das meiste schon verblüht; der Kaiser ist etwas spät in sein treues Land Tirol gekommen; er hätt' im August kommen sollen zur Blütezeit der Edelblume. Seppele wird noch höher einsteigen müssen. Sorglich suchen seine Augen die Wände ab; sie mustern das geringe Wachstum in den Runsen und Gufeln. Höher und höher wird die Suche, doch fehlt der Lohn der Mühe nicht, noch wiegen sich schöne, weißschimmernde Sterne auf den grauen Stielen im säuselnden Bergwind. Edelweiß für den Kaiser! Seppele wirbelt es im Hirn, die Ehr' ist ihm zu Kopf gestiegen, Seppele wird hitzig, vergißt Richtung und Erwägung der Rückkehr; wo weiße Blüten locken, klettert Seppele hin in frevelndem Wagemut; er muß den Strauß zusammenbringen, sein Edelweiß soll der Kaiser in die Hand bekommen, kein anderes etwa aus Enneberg oder aus dem »Krautwälschen«. So hat Seppele seine Kraxe zur Hälfte gefüllt und steht nun auf einem Felsplatt, etwas verschnaufend. Sakrisch hoch ist er woltern heroben, man spürt schon die Kälte des Eisfeldes; aber dort, wo ein Felsköpfel überhängt, dort stehen wahre Prachtsterne: die müssen herunter für den Kaiserbuschen. Ja, was ist denn das? Seppele findet keine Stelle mehr zum Anstieg, die in 14 grobgenagelten Schuhen steckenden Füße gleiten am Felsen ab, zu steil die Wand, es geht nicht mehr aufwärts. Dem Kaiser das Edelweiß! Seppele zieht die Schuhe aus und versucht den Anstieg bloßfüßig. Die Kraxe bleibt herunten auf dem Platz, frei jeder Last klimmt der Knecht in die schwindelnde Höhe, ein Spiel ums Leben wird diese waghalsige Kletterei: Griff um Griff, mühsam Schritt auf Schritt; es bluten die Hände, zerschunden sind die Füße, die Knie bluten, der Frevler zieht mit warmem Blute seine Fährte an den Felsen. Um so besser findet er den rotgezeichneten Rückwechsel. Langsam kommt er dem Felsköpfel näher: die Augen flimmern, schwächer wird die Kraft, ein letztes Klimmen, ein Aufschwung mit Aufgebot der schwindenden Kräfte: Seppele sitzt auf dem Felsenvorsprung. Mit blutenden Fingern pflückt er die Blumen, ein roter Tropfen fällt auf ein Sternchen – weiß-rot wie die Tiroler Landesfarbe! Rasch steckt Seppele die Blüten auf sein verwittertes Hütl. Dann ein Ausblick auf den Himmel, recht verdächtig sieht dieser aus, und der Tag schwindet: es wird höchste Zeit abzusteigen. Der eigenen Fährte nach klettert Seppele zurück, doch die Eisenfaust zittert, unsicher wird der Tritt, der Blutverlust wird stärker, Seppele, wie wird's dir gehen?

So schlecht ist Seppele noch nie gestiegen in dreißig Jahren, und schlechter kann er kaum mehr klettern. Seppele läßt mit den Händen los, ehe die zerschundenen Füße Boden haben: der Körper stürzt herab auf das Felsplatt, gottlob mit den Füßen zuerst. Nichts gebrochen, aber die Haut in Fetzen, eine schöne, warme Röte, die über die Felswand träufelt.

Seppele ist schwach geworden: soll er auf dem Platt warten, bis er kräftiger wird? Wird nicht viel nützen, da er nichts zum Verbinden hat. Die Dämmerung treibt zur Eile, Seppele zieht die Schuhe wieder an, hängt die Kraxe auf den Rücken und klettert abwärts, rutschend, kriechend, bis er todesmatt den grünen Thalgrund erreicht. Ein kurzes Rasten am Gletscherbach, in dessen kühler Flut Seppele sich das Blut wegwäscht und die pochenden Schläfen erfrischt, dann trottet 15 er hinaus, mühsam, mit letzter Kraft, in die schwarze Nacht. »Wär' bald schlecht 'gangen!« meinte Seppele am anderen Morgen und bat den ihn besuchenden Nachbar, ihm die Füße frisch zu verbinden.

Das Bübl ist heraufgekommen, den Edelweißbuschen für den Kaiser zu holen. Ein herrlicher Buschen ist's, den Seppele auf seinem Wundbett gebunden hat. Was übrig blieb von dem Strauß, das steckte Seppele ans Kaiserbild in seiner Kammer. Das Bübl brachte in Papier eingewickelt auch gleich den Lohn fürs Edelweißbrocken: drei silberne Zehnkreuzerstücke, wofür Seppele sich bestens bedankte. Der Edelweißbuschen des Seppele wanderte richtig hinaus nach Innsbruck und kam auch, wie bestimmt, in die Hände des Kaisers. Wie er herabgeholt wurde von den Felsen des Kraspesferners, das sah kein Mensch den Edelblüten an. Und Seppele ist trotz seines Krankenlagers glücklich, daß der Kaiser seine Blumen erhalten hat. 16

 


 

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