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Geschichten aus den Bergen

Arthur Achleitner: Geschichten aus den Bergen - Kapitel 47
Quellenangabe
typenarrative
booktitleGeschichten aus den Bergen
authorArthur Achleitner
yearca. 1910
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleGeschichten aus den Bergen
pages495
created20140410
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Der Gemsversteher.

Wenn ein Ramsauer Bub das erste Lederhosl bekommt, dann weiß er auch schon, was der »Prinz-König«, wie Seine Königl. Hoheit der Prinzregent von Bayern manchmal im Volksmunde genannt wird, für ein ausgezeichneter Gemsjäger ist und die Leutseligkeit des Landesvaters ist ohnehin jedem bekannt, den ein günstiges Geschick dem gütigen Prinzen in die Hände laufen läßt. Blüht im Volksherzen die Liebe für den Landesherrn, so wohnt dicht daneben ein gewaltiger Respekt vor dem Hochgebirgsjäger, der wie nochmal ein Jaager »steigt« und die besten Jagdaufseher und Förster »niedergeht«.

Wenn es wahr ist, daß die Salzburger mit einem Parapluie auf die Welt kommen, dann darf man auch behaupten, daß die Ramsauer mit einer gehörigen Portion Schießverstand geboren werden, von dem sie aber, seit das Revier vom Wimbach bis zum Hintersee Leibgehege ist, keinen Gebrauch mehr machen, da das verdreifachte Jagdschutzpersonal für solchen »Verstand« absolut kein Verständnis hat. Die Wildbretschützen rekrutieren sich daher aus dem nachbarlichen Pinzgau, während die Ramsauer zu Treibern angeworben werden. Wer mit einem Schießverstand begabt ist, weiß zu taxieren, wer ein richtiger waidgerechter Mann ist und auf diese »Tax« verstehen sich die Ramsauer ganz meisterlich und ihr Verhalten während der Jagd entspricht derselben vollständig.

In der zweiten Hälfte des Oktober vor einigen Jahren war es, als Prinz Luitpold nach empfangenem forstmeisterlichen Rapport für den nächsten Jagdtag den Trieb im Gemsrevier unterm Hochkalter anordnete. Sofort traf der 4 Forstmeister seine Maßregeln und das Heer der Treiber und Versteher, letztere so genannt, weil sie die Gemsen »verstehen«, d. h. ihnen den Durchbruch der Kette nach rückwärts wehren müssen, wurde aufgeboten, damit die Leute bei Tagesanbruch an ihre hochgelegenen Posten gelangen.

Am frühen Morgen ging's fort ins Steinthal, das getrennt durch die Ofenthalschneid parallel mit dem Ofenthal zum Rücken des gigantischen Hochkalters führt. Der Gemstrieb beginnt, manches Treiberherz pocht heftiger und die Schläfe hämmern vor Jagdlust, wie die Rudel los werden und unter donnerähnlichem Getöse flüchtig gehen. Da sausen sie dahin in gewaltigen Sätzen, Kitzgaisen von den zierlichen Kitzen gefolgt, Jährlinge und darunter jagdbare Böcke, deren Anblick des Jägers Herz erfreut.

Der erste Schuß donnert, in den Felsen vielfaches Echo weckend. »Sackera, Er hat'n schon.« Und nun tuscht es nacheinander in scharfen Schlägen: Steinregen gehen ab, es »riegelt« in den Wänden, das flüchtige Gemswild muß aus den Einständen heraus. Tollkühn steigen die Treiber ein auf kaum handbreiten Felsbändern schneidig und freudig, es müssen die Gams hinunter, auf daß der Regent schön zu Schuß kommt.

Der Trieb ist längst aus, nimmermüde wandert die Sonne ihre scheinbare Bahn. Abend wird's und langsam steigt in langen Schatten die Nacht aus der Tiefe auf. Noch glühen im versinkenden Sonnenschein die Zacken des Grundübel und Mühlsturzhornes, rosig erstrahlt der Höhenzug des Edelweißlahners, bis der Lichtschimmer verblaßt zur grauen Dämmerfarbe.

Längst ist alles Personal durchs Steinthal abgezogen und friedliche Ruhe herrscht wieder im Gemsrevier. Der königliche Jagdherr ist wieder heim an den Hintersee, zu rüsten sich für morgen zu neuem Gejaide.

Still und bescheiden wie sich's gehört, wenn der Landesvater in der Nähe weilt, fanden sich die Treiber im nahen Wirtshaus ein zum labenden Trunk. Aber seltsam, einer 5 fehlt von den Verstehern. Hinauf ist der Sommerauer Bauer wohl zur Ofenthalpflam, aber herab nimmer durchs Steinthal mit den andern. Dem ist was passiert! Geschwind dem Jagdleiter Meldung gemacht, aber hübsch stille, denn wenn der Regent von einem fehlenden Bauern was hört, dann wehe.

Natürlich bot der Jagdleiter sofort einen Trupp Leute auf der mit Laternen und Pistolen wieder hinauf mußte, bis an den Vorsteherstand auf der Pflam, ein höllischer Weg für müde Beine in rabenschwarzer Nacht.

Aber es muß sein und ein Menschenleben darf nicht in Gefahr bleiben. Noch einmal wird es lebendig im Gemsrevier durch die Alarmschüsse aus den Pistolen, die Treiber schreien sich heiser; aber keine Antwort ringsum, als das Geräusch des »Steinelns« wechselnden Wildes und von oben der rauschende Bergwind.

Jetzt wird die Aufregung allgemein; der Sommerauer fehlt und ist nimmer da, das Schießen müßt' ein Toter sicher hören. Himmelangst wird den Jagdgehilfen, welche die Versteher, darunter der Sommerauer, eingestellt hatten. Wenn der Prinz von der Geschichte hört, dann werden alle füsiliert! Wo nur der Malefizbauer sein kann, wohin er wohl verschwunden ist?

Die Nacht blieb stumm. Mit gesenkten Köpfen rückte der Trupp wieder hinaus an den See. Mit Bangen wartete das Forstpersonal auf den Rapport; nichts gefunden, schrecklich! Mit aller Energie wurden jetzt neue Maßregeln ergriffen, die Bergführer wurden alarmiert, Stricke herbeigeholt, um den Toten herabzubringen und schweren Herzens dachte der Jagdleiter an den Moment, wo er Seiner Königlichen Hoheit Meldung von dem unbegreiflichen Unglücksfalle machen muß.

Mit Tagesgrauen geht die Expedition wieder durch das Steinthal aufwärts zur Ofenthalpflam, schweigsam: ein düsterer Gang, den Toten den Bergen zu entreißen. Schwere Nebel lagern noch auf den Schrofen, es kämpft der junge Morgen mit der altersschwachen Nacht.

6 Da um aller Heiligen willen! Dort taucht eine Erscheinung im Nebel auf, eine Gestalt ähnlich dem Gemsversteher Sommerauer: sein Geist! Der Tote steigt hernieder aus dem nebelhaften Geisterreich. Starr vor Staunen steht die Expedition, doch der Geist juchzt wie lebendig: der Sommerauer ist's leibhaftig, der munter über die Felsen klettert und sichtlich bestrebt ist, den ihm rätselhaften Haufen Leute möglichst bald zu erreichen.

Blaß und rot zugleich wird der Führer der Gemsversteher, jener Jagdgehilfe, der sich im Geiste schon füsiliert oder noch schrecklicher von den Bergen weg in Flachland strafweise versetzt gesehen hat.

»Wo der Versteher war nach dem letzten Gamstrieb?« ist seine erste Frage an den Sommerauer.

»Auf mein'm Platz bin i 'blieben, wia sich's g'hört für an rechtschaffenen Gamsversteher!« lautete die treuherzige Antwort.

Und so war es auch, der Sommerauer Bauer war tapfer am Platze geblieben, damit der Prinzregent ja sicher eine gute Jagd habe und kein Gams hinüberwechsle. Und im Ausharren am angewiesenen Posten ward es Nacht. Jetzt den Abstieg ins Steinthal zu unternehmen, erwies sich als zu gefährlich, der Gemsversteher kletterte gegen das Ofenthal abwärts, bis ihm Steilwände jeden weiteren Schritt unmöglich machten. So bivouakierte der biedere Ramsauer unter einer Gufel (überhängender Stein) im Bewußtsein für seine Person alles aufgeboten zu haben, dem Prinz-König die Jagd nicht zu verderben. Schlafen durfte er nicht wegen der Gefahr des Absturzes, dafür fror der Versteher tapfer und von den Alarmschüssen der ihn suchenden Expedition konnte er, weil an der anderen Seite der Ofenthalschneid befindlich, nichts hören. So hingebend faßte der Sommerauer seine Pflicht als Gemsversteher auf und er steht wahrlich nicht allein in der schönen Ramsau. 7

 


 

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