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Geschichten aus den Bergen

Arthur Achleitner: Geschichten aus den Bergen - Kapitel 46
Quellenangabe
typenarrative
booktitleGeschichten aus den Bergen
authorArthur Achleitner
yearca. 1910
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleGeschichten aus den Bergen
pages495
created20140410
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Wodan und Fips.

Wenn es draußen stürmt und wettert und die Berge überzuckert sind von blinkendem Schnee, dann sitzt es sich um so wohler im Herrenstübchen des Wirtshauses im Bergdorfe. Allabendlich trafen die Herren vom Forstamt, vom Zollamt, und der Pfarrer bei Dämmerungsanbruch in der trauten, behaglich erwärmten Kneipe zum Abendtrunk, gewürzt durch ein Pfeiflein und gemütliches Geplauder, zusammen. So friedlich die kleine Stammtischgemeinde für gewöhnlich lebt, so kommt es doch auch zu hitzigen Debatten, besonders wenn das schier unerschöpfliche Thema von der Jagd aufgeworfen wird. So tief drinnen in den Bergen geht schier jedermann jagen, sogar der Herr Pfarrer vertauscht im Herbst die Stola mit der Flinte und schießt sich manchen Bock. Natürlich hat von den Herren jeder auch seinen Jagdhund und jeder ist der Meinung, daß just sein Hund am besten dressiert ist. Kommen mit den Herren auch die Hunde mit ins Extrastübchen, dann giebt es ab und zu wohl auch Zwistigkeiten, wenn die Hunde sich abbalgen und mehr auf die Wurstzipfel und Knochen achten als auf Zurufkommando. Mancher der Herren wurde schon verspottet, wenn der Hund nicht parierte, und im Ärger erwischte dann der Hund manchen scharfen Hieb.

Am stolzesten ist der Dorfkrämer auf seinen Hund, sein Wodan ist nach seiner Meinung der schönste und gelehrigste Dackel des bayerischen Oberlandes, ein Jagdhund, der alle Dackel des Königreiches an Dressur übertrifft, die Perle aller Jagdhunde. So lange sich ein Hundebesitzer solche 76 Dinge bloß einbildet und sie nicht äußert, hat es nicht viel in bedeuten, aber wenn ein solch hochmütiges Urteil und Lob laut geäußert wird, dann fehlt es nicht an Opposition und Spott. Am Stammtisch sitzt die Tafelrunde fröhlich beisammen, der Förster, der Pfarrer, der Oberzollaufseher. Da heute ein gemütlicher Haferltarock stattfinden soll, wird mit begreiflicher Sehnsucht der »Vierte« im Bunde, der Krämer erwartet.

»Wo der »Perlen«besitzer nur so lange bleibt?« meinte etwas anzüglich der Förster.

»Vermutlich erteilt er seinem Dackel noch vorher eine Unterrichtsstunde,« spottet der Zöllner, »der Wodan soll ja jetzt zum Tarocken abgerichtet werden.«

»Leicht möglich!« ruft der Wirt von der Ofenbank, »eher lernt der Wodan das Zehnerschinden als sein Herr.«

Begütigend äußert jetzt der Pfarrer, man solle nicht den Abwesenden lästern und im Kartenspiele hätte schon der Gewandteste Fehler gemacht.

»Ja, ja, das Böcke schießen ist beim Tarocken sicher leichter als im Walde« höhnt der Förster, der nun einmal das Warten auf die Tarockpartie nicht leiden mag.

Doch da kommt ja jemand. Die Thüre geht auf und hereintritt der längst Erwartete. »Endlich!« ruft der Förster und der Oberzollaufseher fragt: »Wer giebt denn?«

»Pressiert es so arg?« lacht der Krämer, indes sein Wodan die freundschaftlichen Beziehungen zu Försters Fips dadurch erneuert, daß die »Perle« dem Berufshund in die Rute beißt.

»Natürlich pressiert es, ich hätte ja drei Soli bereits gewinnen können,« versichert der Zöllner. »Oder verlieren!« entgegnet der Krämer. »Doch ehe wir mit dem Kartenspiel beginnen, möchte ich den Herren doch meinen neuen ›Kümmerer‹ zeigen.«

Verflogen ist der Spieleifer, das Jagdinteresse wachgerufen, »anschauen lassen!« heißt es und mit unverkennbarem 77 Stolz packt der glückliche Krämer die Schale mit dem Kümmerer aus.

»Nicht übel!« meint der Förster, »aber der Bock ist ein Kümmerer durch einen alten Schuß.«

»Was?« ruft zornig der Krämer, »ein trauriger Jäger, der nicht sofort kennt, daß die Verkümmerung des Gehörns die Folge eines natürlichen Siechtums ist!« »Oho! Möcht wissen, woher der Krämer diese Kenntnis nimmt?« höhnt der nun ebenfalls ärgerlich gewordene Förster. »Ich muß gestehen, daß ich selber nicht zu erkennen vermag, ob im vorliegenden Falle der Rehbock natürlich krank war oder durch einen alten Schuß zum Kümmerer geworden ist,« wirft jetzt der Pfarrer ein.

Der Krämer war durch die Anzweiflung seiner Behauptung glücklich in der bissigsten Stimmung, in welcher der übereifrige Nimrod nicht mehr lange prüft, was er sagen will. Er höhnt, daß »der alte Schuß« überhaupt bei gewissen Leuten eine große Rolle spiele und schon mancher stolz den »Bruch« auf den Hut steckte und mit einem Kapitalhirsch renommierte, der von einem alten Schuß her schon »krank« war.

Weiß der Himmel, wie der Streit noch geendet hätte, wenn nicht die Aufmerksamkeit der hitzigen Herren abgelenkt worden wäre auf die Hunde, die nach dem von ihren Herren gegebenen Beispiele wegen eines Knochens gleichfalls in Streit geraten waren und sich jetzt in allem Ernst herumbissen unter schrecklichem Gekläff.

»Freilich, ich werd' mir meinen kostbaren Hund zerbeißen lassen!« schrie der Krämer: »Zurück Wodan! Kusch Fips!«

Die kämpfenden Dackel hörten nicht und bissen wütend aufeinander, bar jeder Dressur. Vergeblich schüttet der Wirt einen Rest Bier auf die Hunde, vergebens pfiffen die Herren die Tiere zu sich.

»Zwei Perlen von Jagdhunden! Gehören an die Kette!« 78 höhnte der boshafte Grenzer. »Wodan, daherein! Himmelmillionen, ob's d' hergehst!«

Der arme Wodi, eben kriegt ihn Fips unter, noch ein Schnapper, dann kehrt Fips knurrend siegreich zu seinem Herrn zurück, der das »folgsame« Hunderl sofort belobte. »Ein braves Hunderl, das Fipserl, immergleich schön folgen, wenn 's Herrl ruft, kriegst morgen ein Fleischerl!«

»Eine schöne Gesellschaft, das muß ich sagen!« schimpfte der Krämer. »Wenn der Fips mir den Wodan zerbissen hätte, was dann? Wer ersetzt mir den kostbaren Hund?«

»Kostbar, daß ich nicht lach'!« belfert der Förster, »ein Hund, der keinen Dunst vom Folgen hat, kostbar! Wissen Sie was, Krämer, nehmen Sie einfach ein Biest, das jeglicher Dressur entbehrt und keine »Benehmität« hat, nicht mehr mit ins Wirtshaus, dann wird Ihrer »Perle« auch kein Leid zugefügt.«

»Ah, pfeift der Wind aus dem Loch? Da kann ja ich sicher auch wegbleiben. Komm Wodi, wir gehen. Adjes!« Und damit ging der gründlich geärgerte Krämer der Thüre zu.

»Larifari,« rief jetzt der Wirt. »Morgen Abend giebt's bratene Kalbshaxen, ich heb' dir eine auf, Kramer!«

Draußen ist er und Wodan mit. Am Stammtisch ist's so still geworden, daß man eine Maus hätte durch die Stube laufen hören. Endlich nahm der Pfarrer das Wort: »Daß doch der Hundestreit nie ausgeht in unserem Kreise!«

»Ist ganz gleich, Hochwürden, ob mit oder ohne Hunde, gestritten wird immer,« erwiderte der Förster. »Sind die Dackel da, dann wird wegen der Hunde gestritten, und ohne sie geht beim Tarocken der Streit los. Übrigens fehlt der Krämer morgen sicher nicht, eine gebratene Kalbshaxe verläßt kein Altbayer.« Die rechte Stimmung wollte nicht mehr aufkommen, man trank das Bier aus und um neun Uhr trollte alles nach Hause.

Wie es am nächsten Tage der Stunde nahe ging, in welcher die Kalbshaxen das Bratrohr zu verlassen haben, 79 bekam der Krämer ein Gefühl, das allen Hader, Zorn und Ärger zurückdrängte; er spürte den leckeren Bissen schon auf der Zunge, eine gebratene Kalbshaxe im Stich lassen, des Hundes wegen – nein, das kann kein Mensch verlangen. Lieber bleibt der Wodan zu Hause. Ja das ist das richtige und die Knochen der Haxe mit den Flechsen kann man ja auch eingewickelt nach Hause tragen. Der Hund kommt also nicht zu kurz und einem etwaigen Streit ist auch durch die Abwesenheit Wodans vorgebeugt.

Mit einer lammfrommen Miene erscheint der Krämer um sechs Uhr im Extrastübchen und mit derselben Pünktlichkeit finden auch die anderen Haxenfreunde sich am altgewohnten Stammtisch ein. Der bevorstehende Genuß versöhnt alle, vergessen ist der gestrige Disput. Der delikate Braten erscheint und verschwindet, die freudige Stimmung wird erhöht durch einen frisch angestochenen Banzen Bier. Die Pfeife wird angebrannt, jetzt fehlt nach guter bayerischer Sitte bloß noch ein gemütlicher Tarock.

Ob der Krämer mitspielt? Ja, warum denn nicht. Also, Wirt, eine Karte her, aber mehr wie dreißig Pfennig Kartengeld zahlen wir nicht.

Gemischt, gegeben, passen, ich spiele – Schellinski, eine edle Polin – Trumpf – Trumpf – o je – den schau an – jetzt hat der Unglücksmensch nicht einmal einen Trumpf – Herrgott – jetzt bringt der dem Freund eine frische Farb' – Wo haben denn Sie 's Tarocken gelernt – Sie Generalstopsler – 's ist eine Schmach für Deutschland, solchen Leuten Karten in die Hand zu geben. Lieb Vaterland kannst ruhig sein – a Aß hätt' neing'schmiert gehört – o du grundgütiger Himmel! Mit vierunddreißig Augen verloren, statt mit dreiundsiebzig gewonnen, Krämer. Sie lernen das Tarocken nie!

»Geht die Schimpferei schon wieder an? – Ich kann spielen, wie ich mag!«

80 »Das ist nicht wahr, der Freund muß gerade so mitzahlen, sein Geld ist auch nicht von Blei.«

Und so geht es fort. Der Krämer »patz't« (spielt schlecht und unaufmerksam), verliert den Einsatz und bekommt das ewige Verdammen satt. Erbost wirft er die Karten auf den Tisch, mit solchen Räubern im ehrlichen Gewande will er nicht länger spielen.

Sagt 's, pfeift seinem Hunde und geht ohne Gruß. Unter der Thür wendet er sich um und pfeift nochmals dem unachtsamen Hunde. Was nur der Dackel hat?

Dort liegt er phlegmatisch am warmen Ofen und kümmert sich nicht im mindesten um den pfeifenden Krämer. Das bringt den ohnehin springgiftigen Krämer völlig in die Wut, er eilt auf den Dackel zu und reißt den faulen Hund am Halsband empor: »Wart', Bestie, ich werd' dir folgen lernen!« ruft er und haut den Hund, daß die Knochen krachen.

Verwundert betrachtet die Tafelrunde dieses Schauspiel, dann aber wird es dem Förster doch zu bunt: »Warum schlagen Sie denn den Hund so mörderlich?«

»Weil er nicht heim geht, der Malefizhund.«

»Muß denn der Hund mit Ihnen?«

»Wenn ich heim gehe, dann hat auch mein Hund heimzulaufen!«

»Aber das ist ja gar nicht Ihr Hund!«

»Waaas?« ruft der Krämer und läßt den Dackel los, der mit großen Sprüngen zu seinem Herrn flüchtet. Wahrhaftig, der Krämer hat den Fips für Wodan gehalten und den fremden Hund durchgehauen. Unter schallendem Gelächter zieht der Krämer ab und am nächsten Sonntag war sein Wodan verkauft. In eine solche Lage ein zweites Mal wegen eines dummen Hundes zu kommen, das will der Krämer vermeiden. Ausgelacht wird er aber noch heute, wiewohl die Geschichte schon 1889 passiert ist.

 

Ende.

 

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