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Geschichten aus den Bergen

Arthur Achleitner: Geschichten aus den Bergen - Kapitel 43
Quellenangabe
typenarrative
booktitleGeschichten aus den Bergen
authorArthur Achleitner
yearca. 1910
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleGeschichten aus den Bergen
pages495
created20140410
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Landfriedensbruch?

Im Pfarrhof des Gebirgsdorfes M. hat die Jungfer Marie, die dralle Köchin im kanonischen Alter, eben die Suppe aufgetragen. Das Tischgebet ist gesprochen, der Pfarrer und sein Kooperator beginnen eben die Mahlzeit und löffeln eifrig an der würzig duftenden Krebssuppe. Da schellt es hastig, ungebührlich laut für eine Pfarrhofglocke, so daß der Pfarrer erstaunt den Löffel sinken läßt und aufhorcht, wer es wage, die Mahlzeit so stürmisch zu stören. Heftige Worte fallen, dann fliegt die Thür krachend zu. Gleich darauf rapportiert Jungfer Marie: »A Neuigkeit, Hochwürden, die verflixten Franzosen haben bei der weißen Burg fürchterliche Schläg' kriegt und an schönen Gruß vom Posthalter.«

Ein Freudenschimmer verklärt das Antlitz des greisen Priesters, er faltet die Hände und spricht: »Gott segne die Deutschen, er schirme unsere Bayern! – Der Sieg verdient aber auch bei uns seine Würdigung!« – »Marie,« rief der Pfarrer, »eine Flasche vom Gelbgesiegelten zur Feier der Schlacht von Weißenburg.«

Die Römer klingen aneinander, die Geistlichen trinken auf das Wohl der deutschen Helden auf französischem Boden.

»Was die Nachbarn über der Grenze wohl zu dieser Siegesnachricht sagen werden?« meint dann der Kooperator. »Über ihre Gesinnung kann wohl kein Zweifel mehr bestehen, und sie machen auch kein Hehl daraus, daß sie wie die Ungarn es lieber sehen, wenn der Erfolg an die Waffen der Franzosen geheftet wäre.«

Hüstelnd nickte der greise Pfarrherr: »Leider, leider!«

»Der Grenzverkehr zwischen Bayern und Tirol wird 54 geradezu verleidet,« fuhr dann der junge Hilfspriester fort. »Erst vor einigen Tagen hatte ich Gelegenheit, recht unliebsame Beobachtungen zu machen. In den Wirtshäusern jenseits der Grenze kommt es tagtäglich zu Reibereien, wenn unsere beim roten Tiroler sitzenden Bayern auf ein glückliches Ende des Feldzuges die Gläser erheben. Den Sticheleien folgen dann gewöhnlich massive Hiebe, und die Rauferei ist da. Was nur die Tiroler für einen Nutzen hätten, wenn die deutschen Truppen von dem gallischen Erbfeind geschlagen würden, das möcht' ich wirklich wissen,« sagte der Kooperator. »Und dann sollen die Leute im Grenzverkehr doch einsehen, wie sehr durch solche Gereiztheit die eigenen Interessen in Handel und Wandel geschädigt werden. Auf eine Antipathie seit den Tiroler Kriegen ist diese Gespanntheit doch kaum zurückzuführen?« meinte der junge Geistliche, den Pfarrer fragend anblickend.

»Doch wohl kaum,« sagte dieser. »Von jener Zeit weiß die heutige Generation nichts mehr, ich habe in einer mehr als dreißigjährigen Dienstzeit hierzulande genügend erfahren, daß sich unsere Grenzer hüben wie drüben wenig um jene blutige Zeit kümmern, wenn die Geschäfte einigermaßen gehen und der Rote trinkbar ist.«

»Sollte aber vielleicht das Emporblühen unserer Geigenindustrie der tirolischen Konkurrenz die Galle ins Blut treiben?« fragte der Kooperator.

»Das trifft nicht zu,« antwortete der Pfarrer, »die Geigenmacher jenseits können keine Konkurrenz aufnehmen und wollen es auch gar nicht. Der Wind weht von wo anders her und hat hierher Samenkörner geweht, die nur zu rasch ihre Früchte gebracht haben.«

Das Zwiegespräch wurde jäh durch die gellende Hausglocke unterbrochen.

»Doch nicht schon wieder ein Sieg?« meinte der alte Herr lächelnd und erhob sich von der Tafel, um selbst Nachschau zu halten.

55 Ein altes Mütterchen, krank und gebrechlich, hatte die Glocke gezogen und verlangte nach dem Pfarrer, auf daß er zur letzten Ölung käme. »Den Stoffel hätten sie »drenten« durchgebleddert, weil er auf die Franzosen geschimpft hat.«

»Na, haben's g'rauft und mein Bua hat an Stich kriegt und hiazt will er a'fahrn (sterben). O mei, dös Load!« jammert das alte Mutterl.

Bereitwillig wollte der Kooperator Stola und Baret zum Versehgang ergreifen, doch das Mütterchen wehrte sich energisch dagegen. »Net den Kaprater, na 'n Gnaden Herrn Pfarrer möcht' i' für mein Buam.«

»Nun, dann will ich den Wunsch des Sterbenden erfüllen,« sagte der Pfarrer und ging zur Sakristei hinüber.

Kaum aber war der Pfarrer außer Gehörweite, da winkte die alte Traudl den Kooperator heran und flüsterte ihm zu: »Enk, Herr, kann i' z' Haus ja neet brauchen, waar schad um Enka jung's Leben.«

»Wie so?« warf der Hilfsgeistliche ein.

»Ja, wißt's Herr,« sagte das Weib, »mei Zwoater, der Naz, hat d' Blattern!«

»Gut g'meint, aber schlecht getroffen,« rief erregt der Kooperator und eilte dem Pfarrer nach.


Rasch folgten einander die Siegesnachrichten, die hoch droben im Gebirg mit ungeheuerer Begeisterung, mit stürmischem Jubel begrüßt wurden. Bis auf die höchsten Zacken kletterten die Burschen, um dort Freudenfeuer zu entzünden, die weit hinein ins Flachland leuchteten, aber auch den Tirolern in die Augen fallen mußten.

So kam das Marienfest im August heran, würdig gefeiert von der gläubigen Gemeinde in der Kirche, wo der greise Pfarrer zur Dankbarkeit mahnte für diese Wendung durch Gottes Fügung.

Der Himmel blaute so freundlich herab in seinen bayrischen Farben, es glänzten die Berge, die das liebliche Thal 56 umrahmen. Jung und Alt zog hinaus in die freie herrliche Natur. Eine ganze Karawane pilgerte hinan zur Klamm, wo tosend der Bergbach sich durch die Felsen zwängt. Ein Waldweg führt dieser Klamm entlang zum Eingang auf Tiroler Gebiet, in ein wildromantisches, von aller Welt abgelegenes stilles Hochthal am Abhang der mächtigen zerklüfteten Wettersteingruppe. Eine alte verwitterte Schanze römischen Ursprunges bildet hier die Grenzscheide, ein Kastell ist zum Zollhaus umgewandelt worden. Die sanft durch das Hochthal murmelnde Ache muß hier Frohndienste leisten, ehe sie die Klamm erreicht, Tag für Tag drehen sich die Räder der freundlichen Mühle, deren Besitzer perlenden Roten schänkt unter der launigen Devise am Wirtsschilde:

»Ich heiß' Andreas Reindl,
I hab' a guats Wein'l,
Hab aa–r–a guats Bier
Obs d' hergehst zu mir.«

Und sie gingen alle zu ihm, dem freundlichen Wirt und Müller, die Bewohner von M., wenn sie Weindurst hatten. An siebenzig Mann stark pilgerte die durstige Schar herauf, voran die kleine Musikkapelle, die fröhliche Weisen spielen mußte, während der rote Tiroler die Kehlen netzte. Das junge Volk der Enten und Hühner, das sich am Morgen noch lustig getummelt im lachenden Sonnenschein, es mußte das Leben lassen am Abend, geschmort und gebraten endete sein Dasein. Dann drehten sich oben im Saal des Müllers im Kreise die Paare, lustig wurde gezecht und auch der Braven draußen im Schlachtfeld nicht vergessen. Zum lustigen Gelage fanden sich gar bald auch Tiroler Bauern ein, denen der heiße Festtag Durst gemacht. Sie tranken tapfer mit, verschwunden schien die böse Stimmung, die bei Ausbruch des Krieges an der Grenze sich breit gemacht hatte. Sie sahen es ein, die wetterharten Tiroler, daß für das Deutschtum der mörderische Kampf gefochten werde und deutsch bis in die Knochen wären sie ja auch, die tapferen Tiroler. Und 57 drum weg mit den bösen Gedanken, weg mit der unwürdigen Franzosentümelei, das Glas erhoben: Es lebe das Deutschtum in Bayern und Tirol! Lustig klingen die Gläser zusammen, da bricht schrill die Musik droben ab im Saal, wüster Lärm ertönt, Stühle krachen, Menschen stürzen hilferufend die Treppe herab, unsägliche Verwirrung reißt ein. Die Männer von unten stürmen hinauf, ein Kampf ist losgebrochen, im wüsten Handgemenge schlagen sie aufeinander los – Bayern und Tiroler. Wer den Streit angefacht, ist im Augenblick nicht zu ermitteln, jeder behauptet das Gegenteil, machtlos ist der Wirt, ratlos die eingekeilte Menge. Von den Höhen herab aber eilen die Bauern, es ist, als wüßten sie von dem Streit, der des Abends losgebrochen. Inmitten des Faustkampfes ertönt der Ruf. »Die Gendarmen kommen!« Und richtig, Gendarmerie mit fliegenden Federbüschen eilt im Sturmschritt heran, man greift die Nächststehenden und will sie abführen. Das duldet die Menge nicht, schon droht der Gendarmerie Gefahr, da mahnt eines Geistlichen Stimme zur Ruhe; und willig gehorchen die Parteien und weichen auseinander. Die Bayern ziehen sich zurück, ruhig und geordnet bis zur Brücke, die über die Ache führt. Dort merkt man, daß zwei Mann fehlen, sie sind von den Gendarmen festgenommen. Die Tiroler folgen, sie verweigern die Herausgabe der zwei Bayern, fast will ein neuer Kampf losbrechen, da mahnt der Priester nochmals Ruhe zu halten auf fremdem Gebiet. Nur zögernd gehorcht ihm die erbitterte Menge. »Die Tiroler haben angefangen,« hieß es, »sie haben kein Recht, unsere Leute gefangen zu halten.«

Mit vieler Mühe gelingt es, die erhitzten Gemüter zu besänftigen und zum Überschreiten der Grenze zu bewegen. Mit einem Mißton endete die schöne Feier.

Wie ein Lauffeuer durchweht die Kunde von der Gefangennehmung zweier Bewohner von M. die ganze Gegend. Man verständigte die bayerische Behörde, der Fall soll genau untersucht werden. Der Grenzverkehr stockt, die Bayern 58 sollen nicht mehr hinüber, heißt es, sie würden verhaftet werden wegen Bruch des Landfriedens.

Das will manchem nicht recht zu Kopfe, man kann das nicht glauben und glaubt es auch nicht, weil ja Dutzende von Augenzeugen es beeiden zu können erklären, daß einige Tiroler oben im Tanzsaale der Mühle auf die Bayern und Franzosentöter losgewettert und den vorübertanzenden Paaren ein Bein gestellt hatten, worauf der Streit losbrach. Von den zwei verhafteten Bürgern von M. hat man gar nichts mehr vernommen, man sorgt sich um ihr Schicksal. So beschließen mehrere couragierte Männer unter Führung des jungen Ortsgeistlichen in der Mühle auf tirolischem Boden Erkundigungen einzuziehen, deren Besitzer die fleißige Kundschaft aus Bayern seit vielen Jahren schätzt.

Die Kunde, die ihnen dort wird, läßt vermuten, daß die kurze Rauferei ein bitterböses Nachspiel finden wird. Die zwei Verhafteten, wiewohl sie am Streite gar nicht beteiligt waren, sollen nach T. an das dortige Gericht transportiert und unter die Anklage des Landfriedensbruches gestellt worden sein, sagte der Müller. Das kann böse werden! Man beratet hin und her, niemand weiß einen Ausweg, bis der Müller rät, durch die bayerischen Behörden der Sache auf den Grund zu gehen.

Plötzlich stürmt der Bursche herein, den der vorsichtige Müller zur Beobachtung des Sträßleins aufgestellt hatte. Er bringt Kunde, daß ein großer Haufen bewaffneter Bauern nahe, die sicher nichts Gutes im Sinn hätten. Da heißt es rasch über die Grenze kommen. Nur einer von den Männern glaubt nicht an Gefahr, er möchte noch ein kleines Geschäft im nahen Dorf abwickeln und fühlt sich als friedlicher Bürger und Handelsmann sicher und bleibt, während die anderen der Klamm und damit der Grenze zueilen.

Johlend wird von der aufgereizten Schar der zurückgebliebene Krämer gefangen genommen und dem Gendarmeriekommandanten zugeführt.

59 Diese neue Verhaftung bringt das ohnehin erhitzte Blut der Grenzbewohner völlig zum Sieden, es werden die Besonnensten, die Kommunal- und anderen Beamten aufgeregt, man hält in M. eine Volksversammlung ab, welche schließlich eine Deputation zum Amtmann in G. entsendet. Rasch ist alles protokolliert und nach München berichtet. Es begannen Verhandlungen von Ministerium zu Ministerium, bis das Auswärtige Amt auf diplomatischem Weg sich nach Wien wandte. Das wirkte. Man prüfte den Landfriedensbruch bis ins kleinste Detail und gewann die Überzeugung, daß die tirolische Grenzbevölkerung aufgehetzt worden sein mußte. Nach hundertvier Tagen Haft wurde »Recht« gesprochen, die drei bayerischen Häftlinge mußten wegen verübten Unfuges je einen Tag Arrest absitzen und durften dann nach M. zurückkehren. Der Haupthetzer wurde eruiert und – versetzt. Dann trat Ruhe und Besonnenheit ein, und am Ende des glorreichen Krieges feierten die Grenzer miteinander das große Friedensfest, der deutsche Bayer mit dem deutschen Tiroler. 60

 


 

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