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Geschichten aus den Bergen

Arthur Achleitner: Geschichten aus den Bergen - Kapitel 39
Quellenangabe
typenarrative
booktitleGeschichten aus den Bergen
authorArthur Achleitner
yearca. 1910
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleGeschichten aus den Bergen
pages495
created20140410
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Der Oberdurst.

Ein wohlausgebildeter Durst ist eine Gabe Gottes und eigentlich ist es unpraktisch, ihn immer sofort wieder zu ertränken. Dem Holzhacker Torer in der Miesbacher Gegend war der Durst eine stete Plage geworden und zwar ein Durst, der das Wasser haßt. Mit einem wasserhassenden Durst Holzknechtarbeit im Hochwald verrichten müssen, ist eine harte Strafe. Sechs Tage in der Woche ohne einen Tropfen geliebten Gerstensaftes und dabei arbeiten für drei, damit die verdienten Groschen am Sonntag verdünnt durch die Gurgel rinnen konnten. Der Torer hat eine heiße Leber, sagen die Leute, und es muß schon so sein, da der Holzhacker am Sonntag sechsunddreißig bis vierzig Maß Bier mit Leichtigkeit hinter die Binde brachte. Oft beneidete der sonst so manierliche, aber immer durstige Bursche das Kameel in seiner Fähigkeit, auf weitem Wüstenmarsche wochenlang Durst ertragen zu können, allein just diese Eigenschaft des Kameels vermochte er sich nicht anzueignen. Der Durst, eigentlich ein Bierhunger, blieb und naturgemäß war er in der heißen Jahreszeit stets größer als im Winter. Natürlich sprach sich in der Mangfall- und der Schlierachgegend der beispiellose Durst des Holzhackers bald herum und mancher kam, um mit der Spende einiger Maß das Trinkgelage des Torer zu sehen. Gewiegte Trinker boten Wetten an und unterlagen regelmäßig, über dreißig Maß kam keiner der sonst so regelmäßig lebenden Burschen, sie sanken bezwungen von des Gerstensaftes Kraft unter den Tisch, während der dadurch zechfrei gewordene Holzer jubelnd versicherte, jetzt hätt' er erst den richtigen Durst und das 31 Faß leer trank ohne Beschwerden und was das Merkwürdigste war, ohne nennenswerte Benebelung des nicht übermäßig gescheiten Kopfes.

Diese Siege im Trinken kamen auch dem Bierbrauer in Miesbach zu Ohren, der es auf eine Wette ankommen lassen wollte, ob der verflixte Kerl nicht doch unterzukriegen sei, wenn er einmal »genug« Bier kostenfrei vorgesetzt erhalte. Aber auf gewöhnliche Art, das sagte sich der Bräuer selber, wird dem Oberdurst nicht gut beizukommen sein. Er studierte lange herum, bis ihm der Strahl der Erleuchtung einen Gedanken eingab. Eines Tages, als eben ein Sud Bieres in der Brauerei vollendet war, erließ der Bräuer das Aufgebot an den Holzhacker zum Trinken nach Herzenslust ohne Kosten, aber nicht aus Maßkrügen nach alter Väter Sitte, sondern aus der – Bierkühle, wo das warme Bier aufgegossen war. Einige Dutzend Bratwürste nebst Schwarzbrot waren zur vorherigen Atzung bewilligt. Begleitet von einer großen Schar Schaulustiger kam der Oberdurst ins Miesbacher Bräuhaus und die fürchterliche Trinkarbeit begann. Gewonnen im Kampf gegen das junge Bier hat der Trinker erst dann, wenn sämtliche Zeugen einhellig konstatieren, daß das Bierquantum in der Kühlpfanne um ein Bedeutendes verringert ist, so daß man das Manko mit Fingern am Rand der Kühlpfanne abmessen kann.

Der Oberdurst lachte aus ganzem Halse, schob den letzten Wurstzipfel in den Mund und hub zu trinken an. Freilich setzte er den ungeheuren Humpen, einen hölzernen Bierschöpfer, sofort ab, wie das junge warme Naß in den Schlund kam, mit einem verachtungsvollen »Brrr« schüttelte sich der Oberdurst zu nicht geringer Belustigung der Zeugen und vorwitzig meinte der Bräuer, diesmal bleibe der Biervertilger zurück und der Biermacher Sieger. Aber der Oberdurst überwand die jedem echten Altbayern anhaftende natürliche Scheu vor dem »jungen« Gerstensaft, drückte die Augen zu und trank in vollen, ungeheuren Zügen. Der ihm zur 32 Schöpfarbeit beigegebene Bräuknecht bekam höllische Arbeit, den kolossalen Schöpfer rechtzeitig gefüllt vor den Trinker zu stellen. Manchen Zeugen erfaßte das Mitleid angesichts der lauwarmen Brühe und schon wollte einer, die Folgen ahnend, um Muskatnuß und Reibeisen zur Milderung der Konsequenzen des »jungen« Trankes schicken, aber davon wollte der Oberdurst und auch der Bräuer nichts wissen. So trank der Holzknecht fort und fort, nur stellte sich bei ihm heute nicht die frohe Zecherlaune ein. Er trank schweigend, indes die Zeugen gespannt das Schwinden am Rand beguckten. Ein Finger, zwei Finger Oberfläche ist schon weggetrunken und noch immer trinkt der Torer! Nur zum Atmen setzt er aus, dann duck dich liebe Seele, gleich darauf kommt wieder ein Bierwolkenbruch in den Magen.

Drei Finger! ruft die Kommission und Halt! schreit der Bräuer. »Der Torer hat gewonnen, wohlbekomm's!« Dem Bräuer ist angst geworden, denn kein Zweifel, der Holzknecht wär' imstande und trinkt bis zum andern Morgen den ganzen Sud aus.

Acht volle Tage wollte indes der Torer von Bier nichts mehr wissen und wenn er von warmem Gerstensaft hört, wird ihm etwas eigentümlich zu Mute. Aber nächsten Sonntag darauf war Hochzeit in Schliersee und der überglückliche Bräutigam lud den Torer zum Lusttrinken ein. Schrecken erfaßte den Wirt, als er hörte, der Oberdurst komme auch, denn der Hochzeiter hatte das Hochzeitsmahl mit bestimmter Summe ausgedungen, Essen und Getränke nach Bedarf, jeder trinkt und ißt, so lange er kann. Der Wirt versuchte sich mit dem Oberdurst durch Zahlung von vier Gulden gegen Verzicht auf Freibier abzufinden, allein die Hochzeitsgesellschaft wollte ihren Spaß auf Kosten des Wirtes haben und richtig, wie der Abdankspruch erfolgte, hatte der Oberdurst dem ärgerlichen Wirt einen ganzen Eimer Bier geleert.

Drei Trunkgeschichten sind noch aus jener Zeit über den Oberdurst ausgezeichnet. Am Tag vor der Schlierseer 33 Kirchweih in den zwanziger Jahren führte der Torer ein Fäßchen Bier von sechsunddreißig Maß auf einem Schubkarren von Miesbach nach Haus, leerte es aber eine Viertelstunde vor seiner Heimat, wo ihn eben ein heftiger Durst überfiel, bis auf den Boden aus und brachte sohin keinen Tropfen nach Haus.

Mehrmals wettete er, in einer Viertelstunde zwei Maß Bier mit einem Löffel aus einer Schüssel zu essen!

Von einer anderen Wette wird erzählt, daß Folgendes festgesetzt wurde: Der Torer werde, während der Wirt zur Thür hinausgeht und zwei Stricke hole, zwei Maß Bier austrinken. Der Wirt blieb keine drei Minuten aus, aber der Oberdurst hatte in zwei Minuten die Krüge schon geleert.

Der »Bayer. Volksfreund« vom Jahr 1826 erzählt auch noch, daß sich dieser Meistertrinker anheischig gemacht hätte, den Schliersee auszutrinken, wenn der See ohne Zufluß bliebe und statt Wasser Bier enthielte und Torer genau hundert Jahre alt würde.

An achtzig Jahre wurde dieser Mensch übrigens wirklich alt und eine Freude war ihm noch in diesem Alter, acht bis zehn Maß Bier zu trinken, vorausgesetzt, daß sich hierzu der nötige Spender fand. Bis zu seinem Tod blieb der Meistertrinker arm, aber äußerst gesund, eine Ausnahme von der Regel, daß sich das übermäßige Trinken rächen muß. 34

 


 

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