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Geschichten aus den Bergen

Arthur Achleitner: Geschichten aus den Bergen - Kapitel 34
Quellenangabe
typenarrative
booktitleGeschichten aus den Bergen
authorArthur Achleitner
yearca. 1910
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleGeschichten aus den Bergen
pages495
created20140410
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Verstiegen!

Konsequenz! Was das für ein schwerwiegendes Wort ist! Ob mit oder ohne Zeugen, sie kann fürchterlich werden. Kommt die Leidenschaft in Betracht, dann wirft sie der Seemann über Bord und der Gebirgler, den die »Gamskreß« wie Simson stark macht, in die tiefste Schlucht. Saust einer einmal ab und kommt mit zerschundenen Knochen doch noch glücklich davon, er verspricht sich selbst, die Konsequenzen zu ziehen und nicht mehr Gott und die Felsen zu versuchen, bis – die Notwendigkeit, fliegen zu lernen, wieder an einen herantritt.

Ob Berthold Schwarz je geahnt hat, welche Zauberkraft im Schießpulver ruht? Ich habe schon als winzig kleiner Bub das Schießpulver achten gelernt. Nicht wegen des Schießens – zur Stopselbüchse braucht es der ABC-Schütze noch nicht – sondern wegen seiner Heilkraft. Lebendig zerstoßene Krebse mit Schießpulver vermengt, geben nach unserem Volksglauben ein Schutz- und Heilmittel gegen Fieber und Halsleiden. Mich kleinen Knirps soll das Mittel einst gerettet haben, behauptete die alte Dienerin unseres Hauses, die es wissen konnte.

Von da an bis ins vollausgewachsene Mannesalter beherrscht mich eine gewisse Liebe für das Gemengsel von Salpeter, Schwefel und Kohle, besonders wenn das Eisen des Gewehrlaufs noch dazu kommt. Und gar erst die Läufe der Gazelle der Alpen dazu! Das Leben eintauschen für ein 97 Gamskrickel, wie verrückt! Und doch hat's fast jeder Bursch schon gethan, den seine Mutter mit der nötigen Schneid zwischen Berg und Thal in die Welt gesetzt hat. Und Doktoren der grundgescheiten Philosophie auch schon, man darf bloß unseren genialen Ganghofer Ludwigl darüber ins Gebet nehmen, der mehr Pulver verschossen hat, als mancher General gerochen.

Doch ich will einen »Konsequenzfall« erzählen, der mich im vorigen Sommer beten gelehrt hat.

In meiner Münchener Studierstube klingelt's am Telephon und der Telegraphenbeamte übermittelt durch den Fernsprecher die inhaltsschweren Worte: »Prachtbock Haasenstrich bestätigt, komm' zur Pirsch.«

Zwölf Stunden später atme ich die erquickende Luft des obersteierischen Hochlandes. Die Nacht durchgefahren und morgens angepirscht. Wie der jähe Wechsel auf die Menschenseele wirkt. Gestern noch wimmelnd im Häusermeer der aufstrebenden kunstsinnigen Großstadt, heute mitten in starrer Felsenwelt, die Pulse fiebernd vor Erregung, die Lungen gierig die balsamische Luft einatmend. Die Eisen am schweren Bergschuh' geht es vorsichtig durch Geröll aufwärts, die »Lichter« arbeiten scharf und das »Spektiv« muß zweifelhafte schwarze Punkte aufklären helfen. Ha! Dort oben in den Wänden! Ein schwarzer Punkt, so groß wie von fünf Bismarckschen Bleistiften gemacht – ein Gams im schwarzbraunen Kittel! Aber verteufelt hoch! Abwinden! Gut. Anpirschen. Ja, das wird lange dauern. Eine halbe, eine ganze Stunde, bis das Karende erreicht ist. Dann über den anscheinend nicht zu steilen Felshang aufwärts, über den in wasserreicher Zeit der Staubfall herniedersaust. Ein saures Stück Arbeit. Jetzt sind wir oben und das »Spektiv« sucht den Bock.

Hochgegangen, der schlaue Kamerad. Umkehren nach so saurem Aufstieg? Nein, lieber die Strapazen noch einmal 98 durchkosten, der Bock muß herunter! Wenn man nur wüßte, wie das Terrain oberhalb der Felswand ist, über welche der Staubfall jetzt in Faden rieselt. Die Situation wird nämlich etwas heikel. Die schräg abfallende Wand hinan zu klettern ist keine Hexerei, aber wenn das Hochterrain oben kein Weiterkommen zuläßt und der Steiger dieselbe Wand wieder herunter muß, dann ist die Möglichkeit des Absausens recht nahe gerückt. Aber der Bock?! Vier, fünf recht vorsichtig mit den Zacken der Steigeisen in den Felsen eingebohrte Schritte und das Wandl ist überstiegen, aber o weh! Ein neues Couloir baut sich auf im Halbrondel mit interessanten Schrofen, ein Terrassenbau, der den Gemsen günstiger ist als dem Weidmann. Immer vor- und aufwärts. Retour geht es nicht mehr, das läßt ein Blick nach abwärts nur zu deutlich erkennen. Aber hinauf die glatten Wände geht es, wie der erste Augenschein lehrt, auch nicht – also lebendig gefangen. Das kann hübsch werden. Aber der Gams ist doch auch herauf und hat einen Ausstieg vom Rondel gefunden! Wenn man nur wüßte, wo der Bock ausgestiegen ist, ich würde ihm mit den eisenbewaffneten Füßen keck nachsteigen, weil mir nichts anderes übrig bleibt. Ich suche mit dem Glase das Terrain sorgfältigst ab, finde aber keine Möglichkeit, dem Felsengefängnis zu entrinnen. Das wird bedenklich. Von oben brennt die Sonne mörderlich herab in den Kessel und macht den Aufenthalt auf dem heißen Felsen nicht gerade angenehm. Der Humor ist im merklichen Abnehmen, an seine Stelle tritt ein Gefühl wachsender Depression und im Gehirn hämmert das furchtbare Wort: »Verstiegen«. Aber der Verstand muß bleiben, sonst ist das Leben wirklich verloren. Die Wände sind zu steil, um einen tollkühnen Aufstieg zuzulassen, nur am linken Flügel des Rondels könnte ein Entrinnen möglich werden, wenn die Höhe von etwa zwei Klafter an glatter Felswand gewonnen wird. Dort hängt über dem Felsrand ein Latschenarm herüber. Kann ich den erreichen 99 und wenn er dann das Gewicht des Menschen mit der Ausrüstung hält, dann, ja dann kann die Situation möglicherweise von vorn anfangen. Wie aber zwei Klafter emporkommen ohne Flügel? Mit der Spitze des Bergstockes bohre ich ein Loch in den Felsen zum ersten Halt für eine Zacke der Steigeisen am Fuße. Nun ein zweites Loch für den zweiten Fuß, dann mit den Fingern an die Wand geklammert, den Körper fest darangeschmiegt, hängt ein waghalsiger Mensch im Kampf um sein Leben in der Luft. Läßt die Eisenzacke aus, dann – gute Nacht, schöne Bäuerin! Die Augen suchen eifrig nach Felsbuckeln und Vertiefungen, die das Einsetzen der Eisen für den nächsten Tritt gestatten. Nichts zu sehen für den ersten Blick. Aber fünfzehn bis zwanzig Minuten und länger, da findet das Auge doch minimale Vertiefungen und langsam und vorsichtig hebt sich das Bein zum neuen Tritt. Gottlob, es hält. – Nun zum andern; und wieder beginnt das Suchen. Wenn nur die Beine fest bleiben und nicht ins Zittern kommen, was freilich kein Wunder wäre, denn das ganze Körpergewicht ruht stets nur auf einem Bein und dieses nur auf einer Eisenzacke, auf einer Felsenlage von der Dicke eines Messerrückens. Dazu brennt die Sonne herab zum Verschmachten und die Wand will kein Ende nehmen. Nur etwa zwei Klafter ist sie hoch und weit über eine Stunde dauert der Kampf, sie zu überwinden. Endlich – noch ein vorsichtiger Tritt und der Latschenarm ist erreichbar mit einer Hand. Wird er halten? Se si, molto bene, se no - addio! Es muß gewagt werden, gleichgültig, mit welchem Erfolg, herab kann ich nicht mehr, außer im totbringenden Sturz. Leider kann nur der linke Arm den Latschenast erreichen, ein unendlich vorsichtiger Griff; – ein Klimmzug und an einem dünnen Baumast hängend, schwebt ein Menschenleben an glatter Felswand. Dann stemmen sich die Knie an die Wand, sie rutschen, sie bluten – bis ein Knie die Höhe gewinnt – jetzt schnell hinüber mit dem 100 Bein, und in das Geäst der Latsche gegriffen und den andern Fuß nachgezogen – just zur rechten Zeit, denn der Ast ist an der Felskante durchgerieben. – – –

Wieder baut sich eine Schrofe auf, aber sie ist mit etwas Zwergholz bewachsen und läßt das Aufklettern ohne besondere Schwierigkeit zu. Nach zwei Stunden Kampfes um das Leben in des Wortes wahrster Bedeutung ist die Höhe ganz gewonnen. Ich schäme mich nicht, einzugestehen, daß ich mich auf die arg zerschundenen Kniee warf und Gott inbrünstig für die Errettung dankte. Zugleich gelobte ich mir selber und meinen fernen Lieben, die »Konsequenzen« zu ziehen. Niemals wieder soll das Leben in solche Gefahr gebracht werden. Der Abstieg gelang ohne Schwierigkeit auf einem schmalen Jaagersteigl.

Wie die »Konsequenzen« gezogen wurden? Zwei Tage darauf saß ich jenseits der Enns inmitten einer unbeschreiblich großartigen Wildnis in der gleichen Klemme. Wieder im Eifer verstiegen durch eine Reuschen aufwärts bis auf eine Kante, die jäh abstürzt in gähnenden Abgrund. Weder hinunter noch hinauf giebt es ein Entrinnen. Wild fegt der Gewittersturm über die unwirtliche Höhe, kalt durchschauert es den am Felsen liegenden Körper. Aber die ganze Majestät des starren Hochgebirges thut sich auf in dem Kampf der entfesselten Elemente und läßt die bedenkliche Situation momentan vergessen.

Dann aber treibt die schwindende Zeit zu einem Entschluß. Der etwa Bergstock breite Abgrund muß überquert werden durch einen Sprung auf ein Felsplatt, von dem eine schmale Schneide abwärts führt. Fast mit Gleichgültigkeit ward der Sprung ausgeführt und die kaum drei Zoll breite Schneide ging es kaltblütig hinab, daß die Eisen knirschten. Die Angst kam diesmal merkwürdigerweise erst, wie der tollkühne Marsch vollendet und die Sohle des weltverlassenen Hochthales erreicht war. In einem Heuschober übernachtend, 101 stellte sich Aufregung und Fieberhitze erst während der Nacht ein. Doch der niederprasselnde Gewitterregen beschwichtigte die erregten Nerven und früh morgens im leuchtenden Sonnenglanze war alles vergessen, auch das Konsequenzenziehen. Gott verläßt keinen Deutschen – wenn er ein bißl böhmisch kann, pflegt man im Lande des Grafen Taaffe zu sagen!

 

Ende.

 

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