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Geschichten aus den Bergen

Arthur Achleitner: Geschichten aus den Bergen - Kapitel 33
Quellenangabe
typenarrative
booktitleGeschichten aus den Bergen
authorArthur Achleitner
yearca. 1910
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleGeschichten aus den Bergen
pages495
created20140410
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Unterwegs.

Von den Bergriesen her streicht der Abendwind, langsam erglühen die Zacken und Kuppen, leise erklingen im Choral und durch Orgelton die Stimmen der jungen Stiftsdamen des alten Klosters im bayerischen Meer. Im murmelnden Spiele netzen die Wellen das liebliche Ufer, die gottbegnadete Stätte der uralten Klostergründung der Hermenegild. Die Tochter des Karolingers Ludwigs des Deutschen schlummert im Kirchenschiff. Eine spätere Zeit hat ihr Grab mit einem von den fränkischen Lilien umblühten Gitter umgeben. Das Ave Maria zittert durch die laue Luft, langsam verhallen die lieblichen Töne über den Wellen und Dämmerung umfängt die idyllische Landschaft. Still ist's geworden im weiten Gemäuer hinter dem romanischen Portal, gegen das einst die Süddeutschland überflutenden Hunnen drohend ihre Spieße schwenkten, aber dennoch weiterzogen, weil der weite See nicht zu durchschwimmen war. Eine klassische Stätte diese Fraueninsel, heute noch weniger als früher beachtet, weil die Tausende nur ins bayerische Versailles auf der nachbarlichen Herreninsel hasten und dann mit dem nächsten Kurierzuge wieder weiter. Was ist auch die kleine Fraueninsel? Ein verschwindend Fleckchen Erde mitten im Wasser, ein paar Fischerhütten, ein Kloster, ein langgrasiger Friedhof, ein Wirtshaus und der lange Dampfschiffsteg. Wer wird da aussteigen! –

Ja wenn es Chioggia oder Murano wäre, aber nur ein bayerisches Inseldorf! – Für uralte Altarbilder, baltische Adelsnamen und Priestergrüfte interessiert sich nicht 92 jedermann und das ist gut. Auch die Maler haben ihr Lieblingsheim verlassen, nur Christoph Ruben nicht, der sich an seiner Lieblingsstätte zum Schlummer betten ließ. Das der Civilliste gehörige Wirtshaus dürfte die interessanteste Künstlerherberge des Oberlandes gewesen sein. Die Chronik wird kaum mehr gezeigt, nur besonders Vertrauen erweckenden Leuten und Namen von Klang. Die Sage ist auch am Chiemsee nicht stumm. Die Wellen des bayerischen Meeres murmeln vom tragischen Geschick der wunderschönen Mathilde, der Tochter des in der Schlacht bei Ampfing gefallenen Ritters Kunz von Helfenau, die ihr Oheim zwang, in Frauenwörth den Schleier zu nehmen, damit er ihr Erbe an sich reißen konnte. Drüben im Herrenkloster lebte zu gleicher Zeit ein junger Mönch Berchtold aus ritterlichem Geschlecht, der öfter zu geistlichen Verrichtungen zur Fraueninsel gefahren kam und hier die Nonne kennen lernte. Sein Schicksal glich dem ihren, sie liebten sich bald und dem Drange seines Herzens folgend bestieg er nachts den Nachen, wobei ihm das Licht aus der Klosterzelle als Leitstern diente. Da führten kirchliche Exercitien eine einsame Absonderung herbei, von Sehnsucht geblendet glaubt der Ritter Mönch gleichwohl einen Lichtschimmer zu gewahren und stößt trotz des fürchterlichen Unwetters vom Ufer der Herreninsel ab. Der rasende Sturm erfaßt den Kahn, der rudernde Arm erlahmt, der rasende See erfaßt sein Opfer. Von dunklen Ahnungen erfüllt eilt Mathilde nach Vollendung der Bußübungen ans Ufer. Des Geliebten Auge ist gebrochen, aber auch die Nonne erbleicht zum Tode: so werden beide entseelt gefunden. Ein Klausner, der nach einem Leben voll schmerzlicher Erfahrungen noch ein Herz im Busen trug, bestattete beide in geweihter Erde in einem Grabe (Dr. Sepp, altbayerischer Sagenschatz).

Bayern hatte noch seinen heißgeliebten Ludwig II. und an seinem Wunderbau arbeiteten Tausende von geschäftigen Menschenhänden. Cajus Möller erinnerte damals an Ferdinand Freiligrath, der in St. Goarshausen anläßlich des 93 Baues von Stolzenfels grimmig sang: »Wie man doch für künftige Ruinen sorgt,« und Möller meinte, der westfälische Dichter werde am Rhein Unrecht erhalten, für das Buen Retiro des geistreichsten Bayernherrschers aus dem Hause Zweibrücken werde diese finstere Weissagung vielleicht noch in einer von der jetzigen Generation zu erlebenden Zeit Geltung finden. Seltsam genug, daß Cajus Möller in so kurzer Zeit Recht bekommen hat. Vor wenigen Wochen erst war zu lesen, daß altes Eisen und Bleirohre partieenweise im Schloß des Unglücklichsten der Könige verkäuflich seien und daß der nicht ausgebaute rechte Schloßflügel niedergerissen werden wird.

Wer weiter wandert, ereilt bald die lieblichsten Landschaften der Alpenwelt. Im dichten Grün des Waldes versteckt das Wildbad Adelholzen mit den Erinnerungen an bayerische Kurfürstenzeiten. Ferdinand Maria und Max Emanuel haben es verstanden, nach Bedarf Korn, Fleisch und Wein aus dem jeweilig besuchten Landbezirk als »Freiwillige Geschenke« einzubringen. Dafür lebte unter Ferdinand Maria ein Großteil des piemontesischen Adels auf Kosten der bayerischen Kurfürstin Adelheid von Savoyen.

Zwischen den hübschen Dörfern Siegsdorf und Maria Eck steht eine Feldkapelle bei einem großen, sitzförmigen Stein. Hier soll die Gottesmutter auf der Flucht nach Ägypten geruht und den Eindruck hinterlassen haben. Ist es Freda, die ihren verlorenen Gatten sucht? Auf Frau Holle deutet der benachbarte Hollwegerhof. Hier ist auch der reichhaltigste Fundort für Nummulithen. In Siegsdorf selbst ist es ein Grabstein, der zu denken giebt. Ein freisinniger Priester und Professor, Namens Joseph Pichler, liegt im dortigen Kirchhofe. Ein blutarmer, mühsam emporgerungener Bauernsohn, verfiel er in eine Art von Besitzhunger, vergriff sich auf einer Petersburger Studienreise an der ihm zur Verfügung gestellten kaiserlichen Bibliothek und wanderte nach Sibirien. Bald begnadigt kehrte er in die Heimat zurück und starb in jungen Jahren einsam und verschollen.

94 Der Name mancher oberbayerischen Bergstadt hängt mit Sage und Dichtung zusammen. Nicht zum geringsten das reizende Traunstein. Im Bett der munteren Traun liegen zwei Felsen, der sog. Traunstein mit dem auf der Höhe gelegenen Spatzenkirchel und abwärts der Klobenstein, worin eine Kapelle gehauen ist. Da wie dort hat der Berg im Laufe der Zeit sich gespalten, der Spatzerfels stürzte herab und begrub eine herrschaftliche Kutsche samt den Insassen, weil sie der kirchlichen Handlung nicht achteten. Nur der Wagenlenker, der sie gewarnt, kam mit dem Leben davon. Es ist ein rupes sparsus oder Spaccapietra. Die Traun wird manchmal so seicht, daß selbst schwere Wagen behufs Wegkürzung durchfahren. In alter Zeit wollte einst ein Fuhrmann mit schwerbeladenem Wagen durch die Traun, doch inmitten des Flusses brachte er trotz aller Hiebe die Rosse nicht mehr vorwärts. Da begann in Haslach drüben das Geläute des Abendsegens; der Fuhrmann aber fluchte statt zu beten und rief: Ich wollte gleich, daß alles zu Stein würde. Im selben Augenblicke war der Fuhrmann, Wagen und Gespann in einen Steinklumpen verwandelt. Die Überreste sieht man heute noch in der Traun und von diesem Stein hat die gemütliche Stadt ihren Namen erhalten. Daß das stille Städtchen einmal viel genannt wurde, ist so ziemlich vergessen worden. Es war im Jahre 1868, als die für das Zollparlament inscenierte Wahlbewegung den berüchtigten Reservistenaufruhr hervorrief. Man hatte den Bauern erklärt, der neue Landwehreid (anläßlich der Einführung des neuen bayerischen Wehrverfassungsgesetzes) laute auf den König von Preußen und der Aufruhr war fertig. Ein gerade des Weges daherkommender, gänzlich unbeteiligter Forstgehilfe ward bei dieser Gelegenheit erstochen. Zwei Jahre darauf brachten die Rebellen ihr Totenopfer für das Vaterland an der Loire; sie fochten wie die Löwen und starben den Heldentod in den Reihen des Infanterieleibregiments. Und als der große Dulder von San Remo, Friedrich der Vielgeliebte, im 95 Chiemgau an einem Sedanstag späterer Jahre Heerschau hielt über die bayerischen Truppen, da zeigte sich das treue bayerisch-deutsche Herz der Veteranen und ehemaligen Aufrührer gegen den fiktiven preußischen Landwehreid. Nach beendigtem Manöver wollte man sie heimschicken, aber die Chiemgaubauern bestanden auf dem Vorbeimarsch vor ihrem jubelnd begrüßten siegreichen Feldherrn, dem Führer der III. deutschen Armee des Jahres 1870!!! –

Wer mit offenen Augen und Ohren, das Herz am rechten Fleck, tiefer hinein- und hinaufwandert, der wird in Friedhöfen schlummernde »Napoleoniden«, manche blutige Reminiscenz an die Kämpfe zu Beginn unseres Jahrhunderts finden, während auf dem rauhen »Pfoad« (Hemd) der Jungen vielfach das eiserne Kreuz des glorreichen Feldzuges gegen den gallischen Erbfeind zu sehen ist. Die Zeiten haben sich auch in den entlegenen Gebirgsdörfern geändert, das biedere Volk ist gut bayerisch geblieben, aber auch gut deutsch geworden. 96

 


 

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