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Geschichten aus den Bergen

Arthur Achleitner: Geschichten aus den Bergen - Kapitel 32
Quellenangabe
typenarrative
booktitleGeschichten aus den Bergen
authorArthur Achleitner
yearca. 1910
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleGeschichten aus den Bergen
pages495
created20140410
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Der Bärenlehrer.

In der Stube des berühmten Husarenwirtes zu Garmisch saßen wir einst und waren guter Dinge. Auf einer Körperseite waren wir schon blau angelaufen, so schön wirkte das Latein des Forstgehilfen. Aber auch der junge Lehrer war nicht von Blei und gab die kernigsten Vierzeiligen zum besten.

»Und guat is' a Ganserl
A Wildprat, a Fisch
Und guat is' a Flaschen
Champagner am Tisch.

Und süaß is' da Honig
No süaßa da Meth,
Aber süßast' a Busserl
Wenn's 's Deandl vosteht.

Und schö' is' a Ros'n,
A Garten, a See
Und schö' 's a Deandl
No schöner a Fee.

Aber schöner als alles
Das schönst', was i kenn',
San fünf Millionen
In Bankaktien.

Da kriaget i alles
An Garten, an See
A Schloß und a Deandl
A Weib wie a Fee.

Da weil i meiner Lebtag
Koa' Millioneser net wir (werde)
Drum is' für mi 's beste
A g'scheidte Maß Bier.«

88 Wir verstanden den Wink und der schäumende Gerstensaft verjagte den kannibalisch-bayerischen Durst, der am empfindlichsten ist, wenn der Mensch »kein Geld nicht« hat. Der junge Lehrer thaute denn auch bald völlig auf und mit Staunen vernahm die Tafelrunde, daß der Schulgehilfe ein gewaltiger Bergsteiger vor dem Herrn und ein schneidiger Kamerad sei. Aus der Wunderwelt des Hochlandes wußte er gar viel des Interessanten zu erzählen und den Koloß der Zugspitze kannte er, wie man zu sagen pflegt, in- und auswendig. Auch der Forstgehilfe bestätigte die für einen Schulmann ungewöhnliche Schneidigkeit unseres Zechgenossen und so hielten wir ihn denn für ein »b'sunderes Mannsbild«. Nicht so aber die rabenschwarze Fanny, die flinke Kellnerin im »Husaren«, die dem Schulgehilfen lange Zeit von ihrem Winkel beim Ofen zugehört hatte, plötzlich aber meinte, er (der Schulgehilfe) hätte jetzt g'rad' g'nug die Herren »steigen« lassen (zum Narren gehalten). Der junge Mann ward blutrot im Gesicht, aber 's Franzerl kümmerte sich nicht das mindeste um seine Verlegenheit und stichelte ganz perfekt weiter mit der Bemerkung, der Lehrer solle doch auf seine Aufschneiderei 'nauf auch die schöne Geschichte von der Nacht im Loisachthale erzählen. Wir spitzten die Ohren und faßten den schier in Verzweiflung dasitzenden Schulgehilfen fester ins Auge. Und raus mußte die Geschichte, da half kein Sträuben. Ich erzähle also dem Lehrer nach:

»An einem prachtvollen Sommertag war's, daß ich für den Pfarrer von Garmisch eine Kommission zu besorgen hatte und gegen Abend von München in Murnau anlangte, von wo ich der Ersparnis des Postomnibusgeldes halber die fünf Stunden bis Garmisch zu Fuß zu laufen begann.

Das ging anfangs ganz flott, bis die Haxen schließlich doch etwas nachließen und hinter Oberau das Marschtempo gemäßigter wurde. Still und einsam war die vom Mond sanft bestrahlte Gegend im Loisachthale. Majestätisch ragen die Felskolosse zum nächtlichen Himmel, der Nachtwind rauscht 89 durch die Wipfel des Hochwaldes und leise plätschern die Wellen der silberglitzernden Loisach. Ein unendlicher Friede liegt über der schönen Landschaft und stimmt die Menschenseele fromm. Eine weitere Stunde mochte ich so fürbaß gewandert sein auf der einsamen, mondbeschienenen Landstraße, als plötzlich weit unten eine schwarze Gestalt auftauchte. Wenn man in langem Marsche allein durch die Nacht wandert, macht eine plötzlich auftauchende Gestalt einen stutzen. So scharf auch die Augen arbeiten, es läßt sich nicht erkennen, was da unten die Straße einherwandelt. Sollte es ein ausgekommener Stier sein? Wär' nicht übel. Doch die Gestalt ist nicht so groß, auch fehlen die Hörner. Eine Kuh ist's auch nicht, für einen Hund ist's zu groß. Zum Kuckuck! Das wird ungemütlich. Zudem versteckt sich eben der Mond hinter den Wolken, stärker rauscht es im Walde, von Farchant herüber schlägt es in feierlichen Tönen die Mitternachtsstunde, so recht zum gruselig werden. Zaghaft habe ich mehrere Male den Schritt gehemmt, aber was nützt das Stehenbleiben. Ich stapfe also wieder weiter, den Blick starr auf das unbekannte Tier gerichtet, das langsam aber direkt auf mich zuschreitet. Noch etliche dreißig Schritte mag die Entfernung betragen, da plötzlich leuchtet das Mondlicht wieder voll herab, vorn hebt das Tier den Kopf und sichert durch die Nachtluft. Um aller Heiligen willen – ein Bär! Die Haare sträuben sich, die Kniee schlottern, eine Gänsehaut überfliegt den Rücken. – Allmächtiger Gott! Ein Bär in dieser Wildnis, um Mitternacht auf Raub ausgehend und ich keine Waffe, nicht mal einen Stock. Ich bin verloren! Alle Schrecken der Todesangst befallen mich, ich stammle ein Stoßgebetlein, dann aber einen raschen Blick auf die nächsten Bäume geworfen. Es giebt nur noch eine Rettung: nauf auf den höchsten Baum. Und so schnell bin ich in meinem Leben nicht in die Höhe gekraxelt als selbigesmal. Mit schlotternden Beinen und klappernden Zähnen hocke ich oben auf schwachem Astgezweig und starre mit fürchterlichem Entsetzen auf den 90 herantrottenden Bären. Noch ein paar Schritte, jetzt ist er vor meinem Baum, der Bär schnüffelt in der Luft, äugt blutgierig herauf – mir steht das Herz still vor Angst. Ein schwaches Gebrumme tönt herauf, dann setzt sich Meister Petz und wartet. Entsetzlich, er wartet, bis ich vor Todesangst ihm in den Rachen falle, er wird mich aushungern auf der schwankenden Baumeshöhe. Ich bete mit klappernden Zähnen das Sterbegebet.

Eine neue Gestalt taucht auf. Gottlob es ist ein Mensch, ein Mann, der gemächlichen Schrittes die Straße heraufwandelt. Der Mann geht seinem Verderben entgegen. Ich kann ihm nicht helfen. Lieber er vom Bären zerfleischt als ich. Nun ist er vor meinem Baum. Er guckt erstaunt herauf zu mir und sagt dann gemütlich: »Gengan S' nur runter, mein Bär thuat Eahna nix.« Sprach's, nahm den guten Meister Petz an der Kette und beide trollten einträchtig weiter.« – –

Wir lachten, daß die Augen naß wurden. Und immer wieder brach ein Gelächter los, wie die Details der Schreckensnacht durchgenommen wurden. Und schier zum Ofeneinschlagen ward die Situation, wie die Kellnerin meinte, 's wär wirklich sehr g'scheit gewesen, daß der Herr Lehrer auf den Baum 'nauf wäre, weil ein Bär 's kraxeln auch gut könnt.

Der »Bärenlehrer« lachte schließlich mit und aus dem vergnügten Abend ward ein »angebrochener Vormittag«. 91

 


 

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