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Geschichten aus den Bergen

Arthur Achleitner: Geschichten aus den Bergen - Kapitel 30
Quellenangabe
typenarrative
booktitleGeschichten aus den Bergen
authorArthur Achleitner
yearca. 1910
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleGeschichten aus den Bergen
pages495
created20140410
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Der Juhschrei von Oberau.

»D' Lois« nennt der Volksmund das herrliche Thal der munteren Loisach, des linken, cirka einhundertundzwanzig Kilometer langen Nebenflusses der grünen Isar, durch welches man eingeführt wird in das Gebiet der majestätischen Zugspitze, des höchsten Berges Deutschlands.

Die Loisach aufwärts bauen sich zu beiden Seiten des Flüßchens die Berge auf, rechts das Ettaler Mandl mit seinem vorwitzigen Hörnchen, links das lange, scharfgezähnte Esterngebirge mit dem Krottenkopf, dessen schroffen Abstürzen gegenüber am linken Ufer der Loisach das Dörflein Oberau in idyllischer Einsamkeit liegt.

Jetzt fährt auch am schlanken Kirchlein die Eisenbahn qualmend und pustend vorbei, aber früher störte nichts die traute Bergeinsamkeit. Alle zehn Jahre freilich wird es auch in Oberau lebendig, denn da kommen die Pilger in hellen Haufen, die den Ettaler Berg aufwärts nach Oberammergau wandern.

In der stillen Zeit vor langen Jahren war's, daß ein Holzknecht dort lebte, ein wilder Kamerad, der keinen Freund hatte heroben im Holzschlag und drunten nicht im Dorf. Ein struppiger, in der Waldeinsamkeit und Bergwildnis schier ganz verwildeter Kerl, dieser Holzer Blasi (Blasius), aber trotz seiner Verwilderung ein sauberer Bursch, sehnig, hoch wie eine Tanne gewachsen und von gewaltiger Körperkraft. Davon könnten die Holzriesen was erzählen, wenn sie eben reden könnten. Der Blasi kam monatelang nicht herab von der Wildnis, hauste still allein in seiner 71 armseligen Hütte mitten im Wald. Eine nahe Quelle gab Wasser und der große Sack Mehl und ein gewaltiger Kübel Schmalz boten Nahrung auf langmächtige Zeit hinaus. Tagsüber fleißig bei der schweren Holzfällerarbeit, kroch der Blasi des Abends gleich nach Eintritt der Dunkelheit auf sein dürftiges Heulager, weil die Knochen allemal ganz höllisch müd' waren. Von Zeit zu Zeit kam sein Bauer nachschauen und der Hofbub brachte dann wieder Mehl und Schmalz mit und mitunter eine Schnapsflasche. Man kriegt so viel leicht ein Wimmerl am Hals (Kropf), wenn man bloßes Bergwasser trinkt. Die garg'scheidten Stadtleut' nennen ein solches Wimmerl »Satthals«, als wenn einer jemals satt werden könnte, der sein Leben lang in die Berg 'rumkraxelt und selten was G'scheidtes zum Trinken und Essen kriegt. Daß der Blasi kaum alle heiligen Zeiten ins Dorf nunterkommt, hat natürlich auch seine Ursach', die Mirl (Maria) heißt. Ja, die Mirl! Übermäßig sauber ist die Kuhdirn Mirl grad nicht, aber dafür sind ihre Haar malefizblond! Und »hantig« und »resch« war das Dirndl allemal, wenn einer g'glaubt hat, er müßt' mit Gewalt 's Fensterl aufbringen. Der Blasi hat die längste Zeit nicht recht g'wußt, wie er mit der Mirl dran ist. So halb und halb hat sie sich die »Speanzlerei« (Schönthun) g'fallen lassen, ja sogar ein seidenes Kopftüchel hat sie von ihm ang'nommen, aber am selben Abend hat sie mit einem Garmischer »Grenzer« tanzt und so karessiert, daß der Blasi fuchtig worden ist und den »Grünen« ganz schauerlich trischakt (gehauen) hat. So eine»Hetz« (Lustbarkeit) war schon lang nimmer dag'wesen, die Burschen lachten sich schier krumm vor Vergnügen, bis der Wirt dem Grenzer beisprang und die Rauferei allgemein wurde. Dem Dorfwirt zerschlugen die Burschen, was zum Zerschlagen war, und der Blasi bekam gachlings (von ungefähr) einen Hieb mit einem Bierkrügel, daß es ihm den halben Schädel verriß. Hui, war das ein Spektakel. Wie die Mirl das Blut sah am 72 Blasi sein'm Schädel, da war sie wie umgewandelt und verband den klaffenden Riß gleich mit dem seidenen Kopftüchel, und that so bekümmert, daß der Blasi schier sich noch freute über den erhaltenen wuchtigen Hieb.

Von dieser Zeit an hatte es den Anschein, als würden die Zwei miteinander einig. Sie tuschelten zusammen, wenn der Blasi am Abend vor dem Haus Sensen dengelte, und am Kirtasunta (Kirchweihsonntag) zogen die beiden miteinander wie nochmal zwei im Verspruch am Tanzboden auf. Blind hätt' der sein müssen, der das nicht g'merkt hätte. Den Blasi druckte es gewaltig, das den andern Burschen recht deutlich zu zeigen, und deswegen bestellte er für sich und die Mirl einen Extratanz. Das gab weiter kein G'schau! Wie dann der Tanz stattfinden sollte, war die Mirl nicht zu finden. Langmächtig mußte der Blasi suchen, bis er sie mit andern Dirndln kichernd erwischte. Wie eine Schar aufgescheuchter Spatzen stoben die Dirndln auseinander und bald darauf gab es ein Gewisper und Geflüster im heißen Tanzsaal und spöttisch guckten die Burschen den Blasi an. Gesagt haben sie aber nichts, und der Blasi war auf die Malefizblonde viel zu »verbrennt«, als daß er etwas Böses geahnt. Spät in der Nacht schlich sich der Blasi fort und pirschte sich dem Kammerfensterl der Mirl an. 's Fensterl war offen, dem Blasi pumperte das Herz. Ohne viel Geräusch holte er eine Leiter herbei und stieg liebesselig zum Fensterl empor. Klapp fiel jetzt aber das Fenster klirrend zu und ein Höllengelächter brach von allen Seiten los. »Derbleckt« und »g'schlenkt« (ausgelacht und genarrt) war also der Blasi, vor alle Buam gräßlich blamiert. Mit einem Schwur der Rache sprang er von der Leiter, aber die Zeugen seiner Schmach waren wie vom Erdboden verschlungen, wie weggeweht. Das auch noch! Mit tiefem Groll im Herzen stieg tags darauf der Blasi in die Wildnis und begann einsam und allein die Holzarbeit. Anfangs grübelte der Bursch viel, wie er die ihm angethane Schand 73 der Mirl heimzahlen könnte; aber die Zeit linderte auch seinen Schmerz und Groll. Wenn's auf den Hirgscht (Herbst) zugeht, dann will der Blasi lieber nach Garmisch 'nein, weil ihm Oberau verleidet ist.

Ein dunstiger Sonntag war's. Der Blasi saß, seine Pfeife im Mund, vor der Hütten, neben ihm ein Bub, der ihm nebst einem Krug Enzian eine Botschaft von der Mirl heraufgebracht hat. Wie's am Himmel aussah, so unheildrohend, so war's dem Blasi bänglich zu Mut. Fahl zuckt es auf im Westen, es braust durch den Wald, daß sich die Stämme ächzend biegen, wild heult in grimmen Stößen der Sturm durch die Schründe, drohend folgen furchtbare Donnerschläge aufeinander. Aber es regnet nicht dabei, und solche Unwetter sind gefährlich. Der Bub schauert ängstlich zusammen und verkriecht sich dann in der Hütten, aber der Blasi hockt stumm, wild vor sich blickend, auf dem Bankl vor der Hütten. Was die Mirl wohl will von ihm, daß sie ihm Botschaft schickt? Auf jene Nacht 'nauf, die ihm solche Schand brachte! Der Bub weiß nicht mehr, als er ihm ausgerichtet: der Blasi soll heut' noch 'nunter ins Dorf zu der Mirl – –. Das Unwetter könnt den Blasi nicht abhalten, er ginge, auch wenn es Zaunstecken regnen würde. Aber was wird unten ihn erwarten? Soll er sich noch einmal »trazzen« (verunglimpfen, necken) lassen? Nein; aber wenn er nicht geht, könnt' die Mirl na (nachher) nicht meinen, er hätt' nicht die nötige Schneid? Zum Lachen das, er, der Blasi, sich vor etwas fürchten, vor einem »dalketen« Dirndl fürchten!

Der Sturm tobt, als wollt' er den Krottenkopf wegfegen, die Bergwasser stürzen wildbrausend herab, schwerer Regen, mit Graupeln vermischt, prasselt hernieder, Bäume stürzen im Windbruche krachend zu Boden, durch die rapid hereingebrochene Nacht zucken die Blitzstrahlen.

Ein Feigling, wer sich vor solchem Sturm fürchtet; grad weil's so wild wettert, muß er hinunter. Und in wilden Sätzen, 74 ohne Pfad mitten durch den Wald, quer durch die Reuschen, in denen die Bergwasser gurgelnd der Loisach zustreben, eilt der Bursch hinab, die Zähne fest aufeinander gebissen.

Was die Mirl vom Blasi will? Zeigen soll er ihr, daß er mehr Schneid habe, wie alle anderen Burschen. Heute Nacht noch soll er über den Hexensteg gehen – – wenn er a Liab für die Mirl im Leibe habe, soll er den geheimnisvollen Juhschrei übertrumpfen, der jedem mit fürchterlicher Kraft in die Ohren gelle, der es wagt, nachts über den Hexensteg zu gehen. Bringt der Blasi das fertig, kommt er wieder zurück, dann weiß die Mirl, daß es keinen schneidigeren Buam gebe in der Lois, und sie sei dann ganz sein Dirndl und bitte ihm alles ab.

Und der Blasi? Der biß die Zähne aufeinander, daß sie knirschten; sagte gar nichts und verschwand im Dunkel der Wetternacht.

Die Mägde drunten in der Gesindestube brannten die geweihten Wetterkerzen an, die Bäuerin betete vor und die Ehhalten beteten nach, in den Pausen auf das Sturmgetöse lauschend. Der Mirl ihre Gedanken waren nicht beim Beten; zuerst lachte sie in sich hinein, daß sie den Burschen so am »Bandl« (in der Gewalt) und ihn in der grausigen Nacht herabgelockt habe. Dann aber kam ihr die Angst, eine ganz fürchterliche Angst, die sie hinaustrieb ins Freie, dem Hexensteg zu. Der Sturm tobte weiter, als sollte die Welt zu Grunde gehen. Dann trat plötzlich eine Stille ein, eine entsetzliche Ruhe – – mit einem Male ertönt ein gräßlicher Schrei, der durch Mark und Bein fährt – – gleich darauf bricht der Sturm mit fürchterlicher Wut los, der Fluß tritt aus, Häuser werden abgedeckt, der Himmel steht in Flammen – – – – –.

»Der Juhschroa, der Juhschroa!« Das ist alles, was die entsetzliche Mirl herausbringt, dann stürzt sie ohnmächtig in der Bauernstube zusammen.

* * *

75 Der Blasi ist verschwunden. Der Mirl ihr Übermut ist gebrochen. Die Leute aber behaupten baumfest die Sage vom Juhschrei weiter. Es sollen noch andere Burschen den Urheber des geisterhaften Juhschrei herausgefordert haben, da hörten sie dicht neben sich einen so fürchterlichen Schrei, daß ihnen Hören und Sehen verging. Die Sage vom Juhschrei hat sich bis auf den heutigen Tag erhalten. 76

 


 

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