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Geschichten aus den Bergen

Arthur Achleitner: Geschichten aus den Bergen - Kapitel 3
Quellenangabe
typenarrative
booktitleGeschichten aus den Bergen
authorArthur Achleitner
yearca. 1910
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleGeschichten aus den Bergen
pages495
created20140410
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Nur a Nagerl.

Die Botanik war die Leidenschaft des Herrn Patzelsperger, seit er sich in den besten Jahren zur Ruhe gesetzt hat. Seinen Blumen zu Liebe war er bis in sein vierzigstes Lebensjahr ledig geblieben, die Pflege seiner Lieblinge im Garten und Treibhaus ließ ihn ganz darauf vergessen, daß auch unter den Mädchen Isar-Athens manch liebliche Blume blühte. Kaum, daß es drinnen im Gebirge»aper« (Frühling) wurde, zog Herr Patzelsperger, nachdem er seine Pfleglinge dem Gärtner auf die Seele gebunden, hinaus. Ihn litt es nicht mehr in dem Häusermeer, wenn draußen die Primeln und Glockenblümelein den Frühling einläuteten und die Schneekaterln neugierig durch den schmelzenden Schnee die Köpfchen in die erwachende Natur steckten. Bewaffnet mit einer riesigen Blechtrommel, ging Herr Patzelsperger botanisieren, mit seltenem Eifer, mit einer wahren Leidenschaft, die nur noch im Sommer von den lüsternen Schmetterlingen und den fleißigen Bienen übertroffen werden konnte. In vielen Thälern und auf einsamen Höhen kannte jung und alt den »Bleamelfexen«, wie ihn die Gebirgler nannten, weil er willig die größten Strapazen ertrug, um nach seltenen Blumen zu fahnden.

Heuer war Herr Patzelsperger trotz des regnerischen Sommers gar weit in die Tiroler Berge geraten. Die bayerischen Berge, die Flora des Unterinnthales waren von ihm längst »abgegrast«, ihn lockte jetzt die Dolomitenblumenwelt. An seinem Stammtisch in der Wurstkuchl zu München hatte er den Winter über gar oft die These verteidigt, daß an Orten mit mineralogischem Reichtum auch eine lohnende Flora sich vorfinde. Viel Glück hatte er mit dieser 20 Behauptung bei seinen Konkneipanten nicht, denn von der ganzen Flora des Königreiches Bayern interessierte die Stammtischgesellschaft, Herrn Patzelsperger ausgenommen, in der Zeit von Ostern bis Michaeli nur der gutgeratene, feingeschnittene und stark gesalzene Radi, der selbst den bajuwarischen Soldaten lieber ist, als Pomeranzen, was ein Isarwinkler in Uniform einst aus der Akropolis dem König Otto ins Gesicht gesagt hat.

Als eine Perle nach Herrn Patzelspergers Geschmack wurde ihm die große Seißeralpe in Südtirol gerühmt, wenn seine These richtig sein sollte. Was diese größte Alm Tirols an Mineralien bietet, sei enorm, möglich, daß die Flora sich als konkurrenzfähig erweist.

Den Brenner hatte Herr Patzelsperger bereits überschritten, es wässerte der Himmel auch auf Südtirol herab. Ja statt des ersehnten Gerstensaftes gab es hinter Franzensfeste gar noch veritablen Schnee, wie zu Allerheiligen im Campo santo zu München. Noch tröstete den Bleamelfexen die gerühmte Seißeralm, auf die er frohen Mutes von Kastelruth aus losstapfte, weil eben ein Quadratmeter blauer Himmel sichtbar ward und der majestätische Schlern in tiefe Tinten getaucht herüber grüßte. Eine im verregneten Sommer oft zu beobachtende Liebenswürdigkeit des starrköpfigen Wettermachers, damit die Erdenbewohner nicht ganz verzweifelten und den Glauben an die Existenz des blauen Himmels verlören. Aber »hast'n net g'sehn, siehgst'n net a!« gleich schoben sich die grauen Wolken wieder darüber, griesgrämig, schier »theoriegrau« umzog sich das Firmament, nichts Gutes verkündend.

Der Bleamelfex lenkte betrübt die Blicke abwärts, auf die Mutter Erde, aber auch da schien eher »Matthäi am Letzten« zu sein als »Lätare das Wahre«. Gar nichts besonderes wollte sich seinen Blicken bieten, nichts von Ranunculus hybridus, Aquilegia Bertolonii, keine Dianthus glacialis, nur gewöhnliche Angehörige der Familie 21 Saxifraga, einige Fräuleins derer von Alsine, von Silenen wenig, dafür umsomehr die Plebs Campanula. Für Herrn Patzelsperger so gut wie gar nichts, denn nicht einmal der Almenrausch war zu entdecken. Herrgott, wenn er das gewußt, hätte er auch nicht Latein zu lernen brauchen. Von Adenostyles so wenig wie von »Prinzessin Goldhaar«, die die gargescheiten Lateiner bar jeder Galanterie Linosyris vulgaris nennen. Da soll einer nicht giftig werden, noch dazu, wenn der Tiroler Rote grad so schlecht und teuer ist, wie der weiße Terlaner!

Langmächtig marschiert Herr Patzelsperger eigentlich schon, aber von einer Alm hat er noch verteufelt wenig gesehen. »A so a drei Schtünderln« werde er wohl brauchen bis auf die Seißeralm, hat man ihm in Kastelruth gesagt. Gottlob, kommt auf dem Plattenweg eben ein Maultier und hinterdrein ein Knecht daher. Der schmucke Bursch mit rabenschwarzem Haar und keckem Schnurrbart muß doch Auskunft geben können.

Ja, Schnecken! War ein Grödener, den Dialekt mit ladinischen Brocken versteht der stärkste Münchner nicht. Herr Patzelsperger, der sich auf seine Sprachkenntnisse nicht wenig einbildet, seit er die Botanik studieret mit heißem Bemühen, hat bloß die letzten zwei Worte gründlich verstanden: »Woll, woll!«

Na, dann weiter, mit der Blumensucherei jst's ja so nichts, hoffentlich wird es oben und am Puflatsch besser. Aber ärgerlich ist's doch, daß am End' die Stammtischler in der Wurstkuchl Recht bekommen sollten mit dem Kampf gegen seine These. Wäre rein zum aus der Haut fahren! Versteht außer dem dicken Aktuar (und der hat's auch schon längst verschwitzt) kein Mensch was von der Blumologie.

Der Weg macht eine Krümmung, noch eine kleine Anhöhe. »Jessas, a Alm!« schreit Herr Patzelsperger frohlockend. Bevor er aber das erhabene, wenn ich nicht irre von Richard Wagner (oder was! Anmerk. der Red.) 22 komponierte, resp. tongedichtete (Hörens doch auf! Anmerk. des Setzers) Lied anstimmte. »Grüaß Di' Gott, mei' liabi Sennerin!« zog er den Nickelzeitmesser hervor. Die frühe Nachmittagsstunde erlaubte ein Weiterwandern, umfaßt ja doch die Seißeralpe an siebzig Sennhütten. Herr Patzelsperger hatte also die Wahl, wo er zusprechen wollte. Also weiter gewandert!

Mit der Flora wird es immer trübseliger, sie nimmt im umgekehrten Verhältnis zur Wolkenmenge am bleigrauen Himmel ab und hört, wie Herr Patzelsperger zur zweiten Almhütte kommt, ganz auf. Nichts als Gras, das kurze Gras, das aussieht, als wäre es eben sorgfältig geschoren worden und das vom Almvieh lange Zähne verlangt. War der Bleamelfex bisher ärgerlich, so wurde er jetzt springgiftig, ein Gemütsstadium, bei welchem angelangt der sanfteste Isar-Athener gewöhnlich bei der leisesten Veranlassung grob wird. Und Herrn Patzelspergers Gemütsart war nicht sanfter Natur.

Weil's auf der Alm »koa Sünd net« giebt, faßte Herr Patzelsperger den schneidigen Entschluß, der Blumologie für heute Adje zu sagen und bei der saubersten Sennerin einzukehren.

Eben taucht wieder eine Almhütte auf, durch das Thürgatterl zieht bläulicher Rauch, der bekanntlich jeden Touristen so sehr anheimelt, wenn der Magen rebellisch geworden ist. Der »Gift« des Bleamelfexen »springt« nicht mehr bei diesem Anblick, der anheimelnde bläuliche Rauch zieht ihn ganz merkwürdig rasch zum Gatterl, über das er sich hineinbeugt und freudig krächzend seinen Begrüßungsspruch in die Hütte schmettert. Aufkreischend springt die überraschte Sennerin in die Höhe, mit einem selbst für 2230 Meter Höhe allzukräftigen Fluch fährt Herr Patzelsperger zurück und flüchtet in wuchtigen Sätzen weiter, daß die Botanisierbüchse vor Freuden hüpft und trommelt. »Seit der großen Retirade sah ich solch ein Scheusal nie«, sagt Pedro, der 23 Schloßvogt in »Preziosa«. Wie der Bleamelfex außer Gefechtsweite war, mäßigte er Entsetzen und Gangart, es regte sich in ihm der botanisierende Philosoph und seine tiefsinnigen Gedanken gipfelten in der Meinung, daß bei solcher Weiberhäßlichkeit unmöglich schöne Blumen wachsen können.

Auf dem Weitermarsche stellte sich leider gar noch dichter Nebel ein, der im Hochgebirg gerade so überflüssig ist wie ein Kropf in der Ebene. Wenn es so weiter geht, sieht Herr Patzelsperger bald die schwerberingte Hand (seine Pfandbriefe erlauben ihm diesen Luxus) nicht mehr vor dem Gesicht, es wird daher höchste Zeit, ein Unterkommen zu erhalten und völlig gleichgültig, ob die nächste Sennerin sauber ist oder nicht.

Bei Gott, in diesem Nebel wird es unangenehm. Der Weg ist nicht mehr nach südtiroler Art mit Platten gepflastert, er tritt sich weich. Sollte Herr Patzelsperger irre gegangen sein? – Da soll doch gleich ein Himmelkreuzdonnerwetter . . . Wirklich sieht es darnach aus. Schöne Bescherung, die Nacht über im Freien zuzubringen, noch dazu für einen, der die tropische Hitze der Regensburger Wurstkuchl in München in den Abend- und Nachtstunden gewohnt ist. Nach alpiner Regel muß die Stimme aushelfen, wenn die Füße ratlos sind. Das weiß auch der Bleamelfex, er sendet daher einen etwas kläglichen Juhschrei in die abendliche nebeldichte Dämmerung. Dann lauscht er mit zurückgehaltenem Atem und vorgestrecktem Ohr. Er hört nichts als den rauschenden Wind, der über das Plateau fährt und sich bis in die Knochen hineinbeißt. Noch ein Schrei aus tiefer Brust, fast aus derselben Tiefe, wo Herrn Patzelspergers Liebe für seine Blumen wurzelt. Jetzt hat er mehr Glück, der Schrei wird gehört und beantwortet durch einen hellen Ruf. Sofort argumentiert der aufatmende Bleamelfex, daß solch ein Finkenruf nur aus der vollen Brust eines sauberen Dirndels ertönen kann. Herrgott, wär das aber nett!

24 Er stapft dem Halle nach und fast stößt er mit der Nase an die Wand der Sennhütte. Sofort distoniert er (Herr Patzelsperger ist nur zahlendes Mitglied des Gesangvereins) seinen Begrüßungsspruch, den die Sennerin kichernd in Empfang nimmt. Dann betritt Herr Patzelsperger aufquellenden Gemütes die heilige hölzerne Halle, wo man die Rache nicht kennt. Wie er die Botanisiertrommel abgelegt und es sich bequem gemacht hat, äugt er beim Scheine des Herdfeuers nach der Sennerin aus. Welch ein Hochgenuß nach der letzten Enttäuschung! Ein mudelsauberes Dirndl ist es und Mirl heißt es auch noch dazu! Ja, Glück muß der Mensch haben! Dann einen Schmarrn, recht fett und recht viel, denn der Bleamelfex hat Hunger wie ein Holzknecht, der zwölf Stunden lang im Walde Baumriesen zu Boden gestreckt hat. Und wie die saubere Sennerin ihn so gut versteht! Jedes Wort erfaßt sie und lacht mit dem ganzen Gesicht, daß ihm ihre weißen Zähne nur so entgegenblinken. Und dann lacht das Dirndl mit den Augen, daß ihm ganz »enterisch« wird. So jung war ihm noch gar nie ums Herz, rein »narret« könnt' man werden, meint Herr Patzelsperger. Da fällt sein Blick auf den Hut des Mädels, Himmellaudon, was steckt denn da für ein Bleamel drauf? A Nagerl muß es sein, ja, ja, ganz gewiß ist es eine Dianthus, vielleicht gar eine superbus, aber viel größer ist diese Nelke, so groß hat er sie noch gar nicht gesehen.

Eine Rarität! Ja Glück muß der Mensch haben! Jetzt kümmert Herrn Patzelsperger weder des Mädels südliche Schönheit, noch der im Werden begriffene Schmarrn, er ist jetzt nur Botaniker, ihn interessiert nur noch das seltene Nagerl, nach dem es ihn gelüstet, das er haben muß. Seine Leidenschaft ist wachgerufen, sie muß befriedigt werden, sonst giebt es für den Bleamelfexen keine Seelenruhe mehr. Er schießt gleich mit schwerem Geschütz los: »Dös Nagerl, Deandl, dös Nagerl muaß i hab'n!« schreit er und langt nach der leuchtend roten Nelke am Hut des Dirndls. 25 Erschrocken läßt die Sennerin den Schmarrn ins Feuer fallen und kreischt laut auf. »Oes seid's woltern verruckt!« schreit sie und stößt den Bleamelfexen zurück. »A Nagerl für an Fremden? Was net gar!« Aber Herr Patzelsperger kennt in seiner Bleamelleidenschaft keinen Widerstand, sie will es nicht geben, aber er will das Nagerl haben. Er springt auf das Mädel los, umfaßt es, preßt es an sich, daß sich das schmucke Ding nicht mehr zu helfen weiß, dann greift er rasch nach dem Hut, ein Riß und das Nagerl ist sein. Aufatmend läßt er das zitternde Bergkind los und schwelgt im Anblick der leuchtend roten, großen Blume. Aber was ist das? Aus dem Heu im Hintergrunde krabbelt was hervor, ein Ruck, ein Sprung und mit drohender Faust steht ein stämmiger Bursche vor dem verdutzten Stadtherrn. »Wart! I werd' Dir an Madel 's Nagerl stehl'n! Nagerl stehl'n, d' Lieb' stehl'n!« Ehe Herr Patzelsperger nur recht weiß, wie ihm geschieht, hageln die Hiebe auf seinen Rücken, daß er aufschreiend das Nagerl fallen läßt und schleunigst in die Ecke gegen den Kreister (das Heubett) der Sennerin zu retiriert. Aber der entrüstete Bursche läßt nicht locker, er fängt sich den vermeintlichen Liebesräuber wieder vor und trischakt den Stadtherrn, daß ihm Hören und Sehen vergeht. Dann ein fürchterlicher Tritt und Herr Patzelsperger atmet nebelfeuchte kühle Alpenluft. Klappernd fliegt ihm seine Botanisiertrommel nach ins thaufrische Gras . . .

Die Situation ist rasch begriffen, der Bleamelfex betastet seine Knochen, sie sind gottlob noch ganz, dann packt er die Trommel. Von der Hütte her erschallt silberhelles Lachen – Herr Patzelsperger weiß nun, woran er ist.

Verdammtes Nagerl! Nur a Nagerl und solche Schläg'. Und diesen mordsmäßigen Hunger dazu.

Er trollt sich, die Richtung wohin? ist jetzt egal, nur fort von dem Nagerl. Zu dumm, diese Ansicht und Bedeutung vom Nagerl geben und Nagerl nehmen. Wenn er das gewußt, hätte er es bleiben lassen, dem Dirndl das 26 Nagerl vom Hut zu nehmen. Ganz gewiß, er hätte dies bleiben lassen.

Herr Patzelsperger ist jetzt so eingeschüchtert, daß er keinen Juhschrei mehr wagt trotz der schier ägyptischen Finsternis. Wenn er nur nicht abstürzt, das ist seine bitterste Sorge.

Die eilenden Füße treten plötzlich auf festeren Boden, Herr Patzelsperger stutzt, er beugt sich nieder und betastet den Weg. Gottlob, er ist auf den Plattensteig gekommen, der ins Dorf nach Seiß führt. Freilich eine lange Wanderung, aber ein nicht zu verfehlender Weg.

Warum Herr Patzelsperger es am Stammtisch leugnet. daß er auf der Seißeralm gewesen? Und warum er kein Nagerl mehr sehen will? 27

 


 

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