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Geschichten aus den Bergen

Arthur Achleitner: Geschichten aus den Bergen - Kapitel 28
Quellenangabe
typenarrative
booktitleGeschichten aus den Bergen
authorArthur Achleitner
yearca. 1910
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleGeschichten aus den Bergen
pages495
created20140410
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Beim Neunkittelwirt.

Will man die Landsleute Andreas Hofers, d. h. Leute, die man bereits kennt und die einen Scherz verstehen, necken, so citiert man den in Österreich vielfach gebrauchten Ausspruch: »Trau, schau, wem – kein'm Tiroler und kein'm Böhm!« Und »verdruckt« nennt man auch zuweilen den Tiroler, was beiläufig andeuten soll, daß eine gewisse Zurückhaltung mit fünfzehntel Prozent Heimtücke zu den Charaktereigenschaften dieses Bergvolkes gehört. Ich spreche aber hier ausdrücklich hypothetisch, Gott bewahre, daß ich so was kategorisch behaupten will. Ich weiß schon warum.

Nahe der Grenze zwischen Tirol und unserm blauweißen Königreich, auf tirolischem Boden steht ein großes Wirtshaus, wo ein ausgezeichneter »Special« (Rotwein) verzapft wird. Auch die Küche wurde Anno dazumal gerühmt, wenn auch im Bädeker nichts davon zu lesen war. War überhaupt damals noch viel lustiger drinnen als heute, wo man schier bei jedem Schritt über dünne Bergfexenbeine stolpert. Was dem Wirtshaus noch einen besonderen Reiz verlieh, war der Umstand, daß der Wirt den Spitznamen »Der Neunkittelwirt« trug. Er hatte nämlich neun Kinder, lauter Mädchen, nicht einen einzigen Buben, welche Thatsache ihm die drastische Bezeichnung »Neunkittelwirt« eintrug. Und sauber waren die Dirndln, ganz schauerlich sauber. Aber verheiratet war nicht eine einzige, alle in hochzeiterischem Alter und alle noch ledig, höchstens die jüngste ausgenommen, die zum Heiraten allerdings noch zu jung war.

64 Herrgott von Mannheim! War das ein lustig Leben beim Neunkittelwirt! Wir durstige Bayern fielen wie die Heuschrecken ins Haus, guckten augenblicklich verliebt in sechzehn strahlende Mädchenaugen – das neunte Paar kam noch nicht in Betracht – und legten uns schier der ganzen Gurgellänge nach in den wonnigen roten »Special«. Die Bayern können 's Weintrinken nicht, sagen die Tiroler und »merschentheels« haben sie, d. h. die Tiroler, recht. Je mehr getrunken wird, desto lieber ist es den Tirolern, wenn aber jenes Stadium angetreten ist, ohne welches man nach Luther kein braver Mann gewesen ist, dann sagen die Tiroler, nachdem selbstverständlich berappt wurde, die konsumierenden Bayern wären »Facken«, ein Ausdruck, der für die Gelehrten sus domesticus bedeutet. Höflich ist das gerade nicht, aber landläufig.

Von den neun Kitteln konnte jeder was, Zithernspielen das eine Mädel, die andere handhabte virtuos die Klampfen (Guitarre), wieder eine verstand sich auf das Hackbrett (Holz- und Strohinstrument, das mit Holzhämmerchen bearbeitet wird), schier ein ganzes Orchester stellten die Mädeln zusammen, und singen und jodeln konnte jede, daß einem 's Herz aufging. Dazu war auch noch ein allerdings uraltes Pianino da, dessen Bearbeitung mir zufiel. Mit Gesang und Tanz verging die Zeit rapid und nicht minder schnell ging's mit dem »Special« die Gurgel hinunter. Warum auch nicht überschäumend lustig sein! Den Beutel voll Geld (für unsere damaligen Valutabegriffe wenigstens), die Feder am Hut! – – Dabei war außerdem nichts besonderes zu fürchten, jedes der Dirndl versicherte, »keinen Schatz nicht« zu haben, der störend in die allgemeine Lustigkeit einzugreifen nach Landessitte berechtigt hätte sein können, also wurde lustig weiter gezecht und aus Leibeskräften geküßt. Acht reizende, kirschrote Mündchen und nur drei fidele Studio, wird wohl keine geringe Arbeit gewesen sein.

Und dann kamen die Spottliedeln an die Reihe. 65

O du liabs Zusl
Geh, gieb mir a Bussl
Da hinter der Thür,
Muaßt di wohl tummeln,
Sie than ja schon trummeln,
Obs d' her gehst zu mir.

Der balzende Spielhahn ist blind und der junge Studio auch, wenn er ein so reiches Arbeitsfeld des Karessierens vor sich hat. Längst waren kernige Tiroler Buam am Tisch hinten versammelt, die mit »giftigen« Augen die Eindringlinge betrachteten und mit gefährlicher Ruhe ihr »Stamperl« (Gläschen) Schnaps tranken. Unglückseligerweise rutschte einem von uns das Schnadahüpfl heraus:

Im Unterland unt
San die Dirndl'n woifl
Um an Kreuza, a zween
Kriagst an ganz'n Toifl.

Jetzt war der Teufel los und die Keilerei im besten Gange. Drei junge Burschen gegen einen Haufen muskulöser Tiroler Arme! Was nützt da die Tapferkeit! Den Buckel voll Hiebe mußte das Trifolium schlankweg hinaus. Aber es giebt eine Gerechtigkeit! Der Neunkittelwirt kam zur rechten Zeit heim und warf uns wieder hinein in die rauchige Stube, weil – noch nicht gezahlt war. Dann aber ging's wieder hinaus in die finstere Nacht und Mädchengekicher tönte den Davontrollenden nach. Es wär' so schön gewesen! Außer dem gezwungenen Übernachten in einem Heuschober einige Stunden weiter – aus Vorsicht – hatte es keine weiteren Folgen. O selige Studentenzeit! 66

 


 

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