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Geschichten aus den Bergen

Arthur Achleitner: Geschichten aus den Bergen - Kapitel 26
Quellenangabe
typenarrative
booktitleGeschichten aus den Bergen
authorArthur Achleitner
yearca. 1910
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleGeschichten aus den Bergen
pages495
created20140410
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Furchtbare Rache.

In einem engen Thale, durchrauscht von einem munteren Bergbach, liegt am Rande des Waldes ein kleines Gehöft, in welchem der Revierjäger mit Weib und zwei pausbäckigen Buben haust. Während er im Dienste draußen und droben ist zur Bewachung des Wildstandes, besorgt sein braves Weib mit einer Dirn die kleine Landwirtschaft. Eine buntscheckige Kuh, ein paar Ziegen machen den bescheidenen Viehstand aus, ein kleines Korn- und Haferfeld ist als Lehen einem Großbauer abgepachtet und verlangt von den zwei Weibsleuten Arbeit gerade genug. Karg wie der Monatslohn für den Jäger ist auch das Erträgnis des Bodens, recht viel Sprünge, wie man im Volksmund sagt, dürfen die Leutchen nicht machen, sonst würde es hapern im Haushalt. Fleisch kommt wochenlang nicht in das einsame Häuschen und das auf Befehl zur Strecke gebrachte Wild muß an die Jagdleitung abgeliefert werden. Nur ab und zu ein Nußhäher kommt in den Suppentopf, sonst aber nähren sich die wackeren Leutchen von Schottsuppe, Hafergrütze und Schmarrn, der ihnen und besonders den strammen Buben am besten mundet, je fetter er angemacht ist. Im Sommer ist es naturgemäß fidel im Häuserl, aber im Winter, wenn der Schnee tannenhoch im Thale liegt, da wird es verteufelt einsam und nach Lichtmeß zittern die Bewohner des Gehöftes oft vor Angst, denn um Lichtmeß herum gehen die Lawinen ab, dröhnend und Verderben bringend. Manche Almhütte haben die Lahnen schon mitgenommen und das Jungholz dazu, weil die eigensinnigen Bauern überall abholzen, um bares Geld vom Sägemüller 56 zu bekommen und vom Aufforsten dann nichts mehr wissen wollen. Der Revierjäger hat oft genug den Bauern ins Gewissen geredet, aber eher zergehen die Felsenkolosse wie Zucker im Wasser, bevor so ein richtiger Gebirgsbauer nachgiebt.

Den Jaager gang's ja nix an, und außerdem gehört der Wald da drinnen ja dem Kaschthaler Bauer, der mit seinem Holz thun kann, was er will. Und selbst wenn der Bauer den Nutzen der Waldung einsähe, so würde er es nicht zugestehen, weil man doch einem Jaager nicht Recht lassen darf. So ein Jäger ist ja doch nur zur Ärgernis der Bauern da, der einem zum Bezirksrichter schleppt, wenn man sich von oben ein Stück Wildprat holt und vom Jäger dabei erwischt wird. Daß der Loidl noch dazu ein sehr tüchtiger Jäger ist, der den Bauern scharf auf die Finger guckt, so daß er ihrer schon genug eingeliefert hat, das hat ihn ganz und gar nicht beliebt gemacht im Bergrevier. Das kümmert den Loidl aber nicht, er thut gewissenhaft seine Pflicht, ist bei seinem Jagdherrn wohl gelitten, bekommt pünktlich seinen Monatslohn, den er sich draußen im Marktflecken holt und zugleich Rapport erstattet. Ins Wirtshaus geht der Loidl ohnehin, aus mehrfachen Gründen, nicht, denn erstens erlaubt es der Gehalt von ganzen fünfundzwanzig Gulden per Monat nicht und zweitens bekommt der Jäger am Biertisch nicht gerade angenehmes zu hören, wenn just Burschen und Bauern rumsitzen, denen er zur näheren Bekanntschaft mit dem Gemeindekotter verholfen hat. Und wenn der Lackner Naz erst drinnen wäre beim Schnaps, dann gute Nacht, da wär' die G'schicht denn doch bedenklich. Ist eine eigene Sache das mit dem Naz und dem Loidl.

Um die Zeit war's, daß die Wildgänse flogen und die welken Blätter von den Bäumen raschelnd zur erstarrenden Erde fielen. Die Zacken und Felsenrisse trugen schon dichte Schneemützen, eisig kalt wehte der Wind durch Wald und Flur in ungestümer Weise, daß die Leute die Hände tief in 57 die Rock- und Hosentaschen vergruben und die Zipfelmütze tief über die Ohren herabzogen. Über Nacht ist dichter Neuschnee auch schon im Thale gefallen, die Zeit der Gamsbrunst naht. Jeden Tag erwartet der Loidl den Jagdherrn, das Wetter wäre gerade jetzt prachtvoll zur ergiebigen Jagd, denn oben am Grad kann man schier ohne Spektiv die Gams wie schwarze Teufel herumjagen und mit kühnen Sätzen in die Wände einspringen sehen. Loidl hatte bereits einen prächtigen Brunftbock bestätigt, die Treiber waren bestellt, alle Anordnungen waren getroffen. An einem Abend zog Loidl aufwärts, um sich eines Standes für den Trieb noch zu versichern. Mühselig genug war der Aufstieg, ohne Eisen war es nicht mehr möglich, über die beeisten Felsen emporzukommen, allein mit der Geschmeidigkeit der Gemse klomm der Jäger aufwärts dem Wechsel zu, von wo er bereits das Pfeifen des Leittieres vernehmen konnte. Die schnell hereinbrechende Nacht trieb zur Eile.

Dort oben muß an jenem bitterkalten Abend sich etwas Furchtbares zugetragen haben. Genau weiß es niemand, nur so viel ist bekannt, daß der Loidl mit dem Hauptwildpratschützen Nazl zusammengeriet, der Absichten auf den Brunftbock hatte und ihn holen wollte, ehe der Jagdherr dazu kam. Zum Schießen war es bereits zu finster, sie kämpften mit Bergstock und Messer und zuletzt am vereisten Boden mit den Fäusten und Zähnen. Der furchtbare Kampf auf dem lebensgefährlichen Terrain endete plötzlich. Nazl unterlag und erhielt eine schreckliche Wunde, er verlor die Nase. Ob sie ihm der Jäger abgebissen oder abgeschnitten, man weiß es nicht. Der Naz gab den Kampf auf, und er wäre die Wand hinuntergesaust, wenn ihn nicht der Jäger gerade noch rechtzeitig erwischt und oben gehalten hätte. Mitten in der Nacht brachten sich beide durch gegenseitige Hilfe hinunter. Am nächsten Morgen war der Naz verschwunden.

Der Jagdherr blieb aus, die Gemsen traten unbehelligt 58 in die Schonzeit. Von einer Anzeige sah der Loidl ab, wie er in Erfahrung brachte, daß der Naz ausgewandert sei. Wozu auch einen Verschollenen anzeigen? Der Bezirksrichter draußen im stundenweit entfernten Gerichtsflecken hat keine Freude an solchen Anzeigen, wenn der attrapierte Dieb nicht gleich mit dem Wild eingeliefert werden kann; ja er konnte ganz mörderisch grob werden, wenn dies nicht geschah. In tiefer Stille und Ruhe verging der Winter, dann zog der Lanks ins Alpenland, die Hahnen waren zum Verlosen und wurden abgeschossen. Die Almen wurden bezogen und dann kam wieder die Schußzeit der Gemsen.

Seit vier Tagen fehlt der Loidl. Sein Weib ist ganz außer sich und flennt sich die Augen aus. Die Dirn hat sie schon auf alle Almen der Umgegend geschickt, nirgends weiß man was vom Jäger, niemand hat ihn gesehen. In der Verzweiflung macht sich, da alles Warten vergeblich ist, das Weib endlich auf und marschiert den weiten Weg zur Gendarmeriestation, um dort Anzeige zu machen. Man fahndet eifrig nach dem Verschwundenen, die Bauern und Sennerinnen durchforschen das ganze Revier von Baum zu Baum und die Geißbuben kraxeln in den Wänden herum und suchen und rufen, daß das ganze Gamsrevier in Rebellion gerät und das Hochwild scharenweise ins Nachbargebiet hinüber wechselt. Das ist den Bauern wurscht, sie wollen den Jäger finden, weil ihnen sein armes Weib und die kleinen Kinder erbarmen. Schier drei Tage suchen sie schon, da in einer schier unzugänglichen Schlucht finden ein paar Holzknechte am dritten Abend einen Fleischklumpen, an den Füßen aufgehängt an einem Fichtenstamm, der Kopf in einem Ameisenhaufen steckend. Angefressen und angenagt von Füchsen und Ameisen, doch ohne Schuß- oder Stichwunde der Loidl – tot.

Wer das gethan? Alles schreit, der Naz, aber wo ist der Naz? Gesehen hat ihn seit Monaten keiner, er ist so gut verschollen, wie der Loidl tot. Und der Tote kann nicht reden. 59

 


 

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