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Geschichten aus den Bergen

Arthur Achleitner: Geschichten aus den Bergen - Kapitel 25
Quellenangabe
typenarrative
booktitleGeschichten aus den Bergen
authorArthur Achleitner
yearca. 1910
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleGeschichten aus den Bergen
pages495
created20140410
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Der Sympathiebauer.

Es giebt Leute, die auf Sympathiemittel in Erkrankungsfällen mehr geben, als auf den gescheidtesten Medizinalrat und vorwiegend das Gebirgsvolk hält mit der ihm eigenen Zähigkeit an Kurpfuschern, Quacksalbern und Sympathiemitteln fest. Nur in chirurgischen Fällen wird gewöhnlich der Bader aus dem Dorfe geholt, bei inneren Leiden oder Rheuma aber stets zuerst die »Symparthie« angewandt. Schier jede Gegend hat hierin ihren Specialisten, dessen Ansehen um so größer ist, je reichhaltiger sein »Wissen« in der »Symparthie«, d. h. je mehr geheimnisvolle Mittel er in Anwendung bringt.

Vor beiläufig sieben Jahren galt ein Einödbauer in der Nähe eines großen oberbayerischen Gebirgsmarktfleckens als ausgezeichneter Symparthiedoktor, der eine gewiß viermal größere Praxis ausübte, als der Bezirksarzt selbst. Der pfiffige Bauer ließ die Feldarbeit durch die Ehhalten verrichten, er selbst aber »dokterte«, wie einst die Doktorbäuerin mit ganz unbegreiflichem Erfolg. Das Landvolk war schier damisch geworden und ganz versessen auf diesen Symparthiemenschen, aber auch Leute mit etwas mehr Aufklärung, ja selbst gebildete Personen glaubten Versuche zur Heilung mit Sympathiemitteln machen zu sollen. Wollte jemand darüber lachen, so entschuldigte man den Versuch als Jux und Scherz, während man eigentlich doch an eine heilsame Wunderkraft glaubte.

Vom Symparthiebauern hatte damals auch der Kramer eines Dorfes am – See gehört, den heftige Schmerzen im 51 Schultergelenk (Rheuma) peinigten. So ziemlich alle Salben und »Geister« hatte der Kramer schon angewandt, aber der Reißmathias (Rheumatismus) wollte nicht weichen. Der »Hetz« halber, sagte er im Bräustübl, probier ich, weil die Doktoren a nix wissen, jetzt dem Symparthiebauern seine Kur und hilft's nix, so schad't 's nix. Die Zechgenossen lachten darüber nicht wenig, daß der Kramer sich so bäuerisch reaktionär im Glauben zeigte, denn die wußten alle, daß er künstlerische Ausbildung genossen und das Zeichnen auf der Münchner Akademie gelernt hatte. Wäre ja heut ein Maler, wenn der Kramer damals nicht so schwer krank geworden und später ihm das Geschäft vom Vater zugefallen wäre.

Richtig, der Kramer fährt in seinem Einspännerwagerl flott über Land und handelt mit dem Einödbauern aus. War erstens schon ein Riesenglück, daß der Bauer z'Haus war bei seiner großen und ausgedehnten Praxis. Wie der Kramer von dem langjährigen Reißmathias im Schultergelenk erzählte, kratzte sich der Bauer hinter'm Ohr. Statt aber zu fragen, ob das Kramerhaus recht feucht sei, fragte der Bauer, ob der Kramer im Garten einen – Apfelbaum habe. Der Kramer bejahte dies, worauf der Bauer mit vieler Würde auseinandersetzte, daß der Fall sehr schwierig, das Übel aber nach längerer Zeit zu beseitigen sei, nur könne der Fall nicht im Einödhof behandelt werden, weil der Bauer stets dabei sein müsse, wenn der Kramer »symparthiere«. Als Honorarbedingungen stellte man fest: Vollständige Verpflegung und Quartier im Kramerhaus, zehn Mark täglich bar, abends vier Maß Bier und Freicigarren. So viel für den Bauern. Der leidende Kramer aber muß täglich früh einen Rosenkranz ums Dorf rum beten, sehr diät leben, darf beim Mittagessen kein Wort sprechen, nach Tisch ja nicht schlafen. Von abends zehn Uhr bis dreiviertel zwölf nachts muß der Kramer halblaut Rosenkranz beten, darf aber beileibe keinen Schluck Wasser oder ein anderes Getränk zu sich nehmen.

52 Die Hauptsymparthie begann am ersten Tage nachts dreiviertelzwölf Uhr. Während der Kramer seine Gebete murmelte und innerlich seinen Einfall verwünschte, saß der Symparthiebauer vergnügt am Kramertisch und trank eine Maß nach der andern, wie auch die Kramercigarren, das Stück zu zehn Pfennig, immer weniger wurden. Wenn dem Kramer die Augen zufallen wollten, rief der Bauer ihn wieder wach, denn der Schlaf verscheuche die Symparthie. Punkt dreiviertelzwölf Uhr verlangte nun der Bauer eine Schere und schnitt dann mit derselben dem Kramer den Nagel des kleinen Fingers der linken Hand ab. Mit großer Sorgfalt mußte dieser Nagelabschnitt in ein Leinenläppchen verpackt werden. Dem aufhorchenden Kramer erklärte der Bauer nun, daß dieser verpackte Nagel unter den bewußten Apfelbaum vergraben werden muß. Aber der Kramer müsse fürchterlich aufpassen, daß ihn niemand sehe bei diesem Geschäft, sonst helfe alles nix und die Symparthie sei »umensunst«. Da es just bei der ersten Fingernagelbeerdigung regnete, was vom Himmel fallen konnte, fluchte der Kramer unter dem Apfelbaum nicht wenig und noch mehr fluchte er während der Nacht, denn der kalte Nachtregen war seinem Schultergelenk gerade nicht förderlich gewesen. Der Bauer hatte während der Nagelbestattung gemütlich sein Bier ausgetrunken und sich dann zur Ruhe begeben. Als der Kramer pudelnaß ins Haus zurückkehrte, schnarchte der Bauer bereits. Am zweiten Tage kam der Ringfinger zur Beschneidung unter denselben Formalitäten, nur mit dem Unterschied, daß es statt Wassertropfen gegen Mitternacht Graupeln regnete. Der Kramer wollte streiken, aber der Symparthiebauer ließ nicht locker. So kamen alle zehn Finger successive an die Reihe und zehnmal mußte der bereits fuchsteufelswild gewordene Kramer die Bestattung seiner Nägel unter dem Apfelbaum zu nachtschlafender Zeit vornehmen.

Wenn indes der Kramer am zehnten Tage geglaubt hatte, die Prozedur habe nun ein Ende, so befand er sich 53 auf einem argen Holzwege. Der Symparthiedoktor hatte es auf weitere hundert Mark abgesehen, weshalb auch noch die zehn Fußzehennägel abgeschnitten und begraben werden mußten.

Was die Zechgenossen im Bräustübl über ihren so plötzlich abtrünnig gewordenen Konkneipanten sagten, konnte der mittlerweile ganz rabiat gewordene Kramer nicht hören, denn er mußte ja Hausarrest halten seiner Kur wegen und stand außer jedem Verkehr. Er wollte zwar einmal ausreißen zu einem Dämmerschoppen, wie sich die Abendschatten senkten, aber der verflixte Bauer verhütete solch ungeheuerliche Unterbrechung der Symparthiekur. Die Zechgenossen rochen übrigens bald Lunte und einer aus dem Kreise brachte die Geschichte gelegentlich eines Cigarrenkaufes im Kramerladen rasch heraus. Das gab ein großartiges Gelächter auf Kosten des Abwesenden und rasch war der Plan zu einem kapitalen Jux fertig.

Eine stürmische Nacht wurde abgewartet und wenige Minuten vor Mitternacht schlich die ganze Tafelrunde an den Gartenzaun des bethörten Kramers. Richtig kam derselbe zur Geisterstunde mit Pickel und Schaufel angehumpelt und übergab einen weiteren Nagel seiner Zehen der kühlen Erde. Wie es vom Kirchturm zu schlagen begann in feierlichen Glockentönen, da flammte plötzlich rotes Licht auf und vom bengalischen Feuer bestrahlt stand der Kramer vor dem Apfelbaum, begrüßt von einem wiehernden Gelächter seiner Kneipgenossen. Mit einem Fluche auf den Lippen stürmte der Überraschte in das Haus.

Am nächsten Morgen lachte das ganze Dorf, die Heiterkeit erreichte aber den Höhepunkt, wie der Bauer samt seiner Symparthie aus dem Hause des ergrimmten Kramers flog.

Ein Gutes hatte die Symparthiekur doch, der Kramer glaubte nicht mehr an solche Heilmittel, die jähe Unterbrechung seiner Zechbrüder rettete ihm verschiedene Zehnmarkstücke und im Dorfe war es aus mit der Praxis des 54 Bauerndoktors. Der Kramer bekam auf die mitternächtliche Bestattung hin erst den richtigen Reißmathias, so daß er ärztliche Hilfe erst recht in Anspruch nehmen mußte. Als der Münchner Specialist dem Kramer Heilung seines Leidens verschafft hatte, da mußte Rheinwein auf den Tisch, und in fröhlicher Weinlaune gestand der glückliche Kramer seine Erlebnisse während der Symparthiekur. Die Heiterkeit während dieses Gelages kann sich der Leser denken. 55

 


 

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